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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 130
Tablett für Carl Brüggemann
800er Silber, Bremen, Silberschmiede M. H. Wilkens & Söhne GmbH (Fertigungsnummer 101385), Länge 47,5 cm, Breite 37 cm, Höhe 6 cm
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030005851001)Tablett für Carl Brüggemann

Aus Berliner Kunsthandel konnte die Vereinigung der Freunde von Kunst und Kultur im Bergbau e. V., Bochum, im April 2006 für das Deutsche Bergbau-Museum Bochum ein bemerkenswertes, in der montanhistorischen Forschung bislang unbekanntes Silbertablett aus der Bremer Silberschmiede Wilkens erwerben, das im April 1895 dem Bergwerksdirektor Carl Brüggemann verehrt worden ist. Dieses aus 800er Silber hergestellte ovale, achtfach eingezogene Tablett ist auf der Fahne mit einem Dekor geschmückt, das an einen doppelten Stoffsaum erinnert, und der in Teilbereichen bis auf die Tablettfläche hineinreicht. Diese ist mit einer mehrzeiligen, in kursiven Lettern gehaltenen Inschrift verziert: Herrn / Direktor Carl Brüggemann / in Anerkennung seiner verdienstvollen Leitung / des Hamburger Sternschanzen Lagers gewidmet von den Betheiligten: / CB / Gewerkschaft der Zeche ver. Franziska Tiefbau · Gelsenkirchener Bergwerks Actien Gesellschaft / Bergwerksgesellschaft Hibernia · Bergbau-Actien Gesellschaft Pluto / Gewerkschaft des Steinkohlenbergwerks Zollverein / April 1895." Das aus den beiden Buchstaben "C" und "B" bestehende Monogramm in der Tablettmitte ist an Größe gegenüber der restlichen Inschrift deutlich hervorgehoben.

Die Gründe, die zur Entstehung dieses silbernen Tabletts geführt haben, liegen noch weitgehend im Dunkeln. Über die Person des Beschenkten ist man nur unzureichend informiert: Carl (Karl) Brüggemann war der Sohn des Nationalökonomen und Publizisten Karl Heinrich Brüggemann (1810-1887). Er stand von etwa 1879 bis 1901/1902 als kaufmännischer Direktor in den Diensten der Bergwerksgesellschaft Dahlbusch in Gelsenkirchen und erwarb sich ausgesprochene Verdienste als "Verbands-Mensch": So vertrat er u. a. in den 1880er-Jahren das Unternehmen im Westfälischen Kohlenausfuhrverein, übernahm - nach der Erkrankung von Bruno Schulz-Briesen - im Frühjahr 1899 zusammen mit Max Schulz-Briesen die Unternehmensleitung und fungierte von 1899 bis 1900 als Mitglied des Vorstands der Bergwerksgesellschaft Dahlbusch. Besonders verdient machte sich Carl Brüggemann auch um die Bildung des Kohlensyndikats. Aufgrund der Inschrift ist es gesichert, dass die auf der Schale als Auftraggeber eingetragenen Bergbauunternehmen sich für Brüggemanns Engagement bei der Einrichtung der Verkaufsniederlassung für Ruhrkohle auf der Hamburger Sternschanze bedanken wollten.

Der Hamburger Stadtteil Sternschanze ("Schanzenviertel") liegt zwischen den Stadtteilen St. Pauli, Altona-Altstadt, Eimsbüttel und Rotherbaum und leitet seinen Namen ab von der 1682 entstandenen sternförmigen Verteidigungsanlage, die so stark gewesen war, dass die dänische Belagerung Hamburgs im Jahre 1686 scheiterte. Nachdem zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Befestigungsanlagen großenteils abgetragen waren, entstanden die ersten gemischten Wohn- und Gewerbegebiete. Ein gutbürgerliches Stadterweiterungsgebiet hatte sich um 1860 bis 1870 im heute südlichen Eimsbüttel gebildet, 1866 wurde der an der Verbindungsbahn zwischen Hamburg und Altona gelegene Bahnhof Sternschanze eröffnet. Der im Sternschanzenpark gelegene monumentale Wasserturm ist das bauliche Wahrzeichen des Stadtteils; er wurde im Jahre 1910 in Betrieb genommen, 1961 stillgelegt und 2007 zu einem Hotel umgebaut.

Dieser Hamburger Stadtteil und seine günstig gelegene Eisenbahnlinie haben einer Kohlenhandelsgesellschaft den Namen gegeben, die es sich zur Aufgabe gestellt hatte, in Hamburg einen Lagerplatz für Ruhrkohle zu führen und von diesem aus einen Kleinhandel zu betreiben, um dadurch dem englischen Wettbewerb entgegenzutreten und in Hamburg die Steinkohle aus dem Ruhrrevier einzuführen.

Aufgrund der zahlreichen auf Ermäßigung der Frachten für Kohlentransporte nach Hamburg gerichteten Bemühungen der Ruhrkohlen-Interessenten - und hier vor allem des Vereins für die bergbaulichen Interessen - hatte die Kgl. Eisenbahndirektion in Altona mit Schreiben vom 20. Februar 1888 den Vorstand des Vereins auf den Kleinhandel des Hamburger Kohlenmarktes aufmerksam gemacht und Vorschläge unterbreitet, wie dieser gegen die englische Konkurrenzkohle erobert werden könnte: Im Mittelpunkt sollte der Lokalvertrieb der Ruhrkohlen vom Bahnhof Sternschanze aus stehen. Bei den darauf einsetzenden Verhandlungen zwischen den Vertretern der Ruhrkohlen-Zechen und der Eisenbahndirektion erklärte sich letztere schließlich bereit, am Bahnhof Sternschanze einen geeigneten Lagerplatz unter preiswerten Bedingungen zur Verfügung zu stellen und eine Ermäßigung der Bahnfrachten für die zum Ortsverbrauch in Hamburg und Umgebung bestimmten Ruhrkohlen zu befürworten. Die Ruhr-Zechen sollten im Gegenzug den zur Lagerung der Kohlenvorräte erforderlichen Schuppen auf ihre Kosten errichten. Um diese Bedingung zu erfüllen, gründeten im Jahre 1888 sieben Bergbauunternehmer (Direktor Emil Kirdorf von der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft [Gelsenkirchen], Direktor Dr. Natorp von der Bergwerks-Aktien-Gesellschaft Pluto [Wanne-Eickel; zugleich Geschäftsführer des Vereins für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund], Direktor C. Seidel von der Zeche Franziska Tiefbau [Witten], Direktor Peitsch von der Zeche Graf Moltke [Gladbeck], Direktor Hoffmann von der Zeche Zollverein [Essen], Direktor Papentin von der Bergwerksgesellschaft Hibernia [Herne] und Direktor Brüggemann von der Zeche Dahlbusch [Gelsenkirchen-Rotthausen]) eine Handelsorganisation, die sich der Kgl. Eisenbahndirektion gegenüber zur Herstellung des auf etwa 80 000 RM veranschlagten Kohlenschuppens verpflichtete. Zugleich wurde unter den genannten Unternehmen eine Vereinbarung getroffen, die den Vertrieb der von ihnen nach Hamburg zur Versendung gelangenden Kohlen einheitlich geregelt hat.

Nachdem der Minister die Frachtermäßigung vom Zeitpunkt der Fertigstellung des Kohlenschuppens an genehmigt hatte sowie die Bedingungen für die Überlassung des Lagerplatzes und die technische Ausführung der Anlage durch Vertrag vom 27. Februar 1889 zwischen der Eisenbahnverwaltung und den sieben Bergwerksgesellschaften festgelegt worden waren, begann die Handelsgesellschaft mit dem Bau des Schuppens. Dieser ganz in Eisen und Stein errichtete, rd. 125 m lange und rd. 15 m breite Bau verfügte im Inneren über sieben Einzelmagazine und wurde Ende des Jahres 1889 fertig gestellt. Er wurde am 7. Januar 1890 als "Rheinisch-Westfälisches Kohlen- und Koks-Lager Hamburg, Bahnhof Sternschanze" dem Betrieb übergeben. Die Verwaltung wurde durch die Anstellung eines Beamten einheitlich eingerichtet und hatte den Verkauf der Kohlen und die Abrechnung über die verkauften Mengen für jede Bergwerksgesellschaft gesondert vorzunehmen.

Durch einen Vertrag vom 5. November 1898 errichteten die jetzt nur noch sechs Unternehmen - die Zeche Graf Moltke war schon früher aus der Organisation ausgeschieden, an die Stelle der Zeche Franziska war die Gewerkschaft Hamburg & Franziska (Witten) getreten, da sich das bislang bestehende, eher lose Verhältnis zueinander als nicht mehr zweckdienlich erwies -, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung unter der Firmenbezeichnung "Rheinisch-Westfälisches Kohlen- und Koks-Lager Hamburg - Bahnhof Sternschanze, Gesellschaft mit beschränkter Haftung" mit einem Stammkapital von 60 000 RM. Diese Gesellschaft bestand noch im Jahre 1904, nachdem die Zeche Pluto an den Schalker Gruben- und Hütten-Verein und die Zeche Hamburg & Franziska an die Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft übergegangen war, aus folgenden Mitgliedern: der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft, dem Schalken Gruben- und Hütten-Verein, der Zeche Zollverein, der Bergwerksgesellschaft Hibernia und der Bergwerksgesellschaft Dahlbusch.

Dieses Unternehmen, dessen Leitung von Beginn an in Händen von Carl Brüggemann (zunächst als Vertreter der Zeche Dahlbuch, später als Vertreter des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikates in Düsseldorf; auch im Ehrenamt) lag, hat - so die Berichterstattung über die "Entwickelung des Niederrheinisch-Westfälischen Steinkohlen-Bergbaues" - "zur Einbürgerung von Ruhrkohle in Hamburg überaus wirksam beigetragen" und setzte in den ersten elf Jahren seines Bestehens (d. h. von 1890 bis Ende 1900) insgesamt rd. 165 000 t Kohle, rd. 53 000 t Koks und 12 500 t Briketts ab; die Einnahmen beliefen sich auf rd. 4 319 000 RM. Von 1890 bis 1899 hat das Unternehmen rd. 1,05 Mio. RM an Frachtkosten an die Kgl. Eisenbahn-Verwaltung abführen müssen.

So dokumentieren sich in dem silbernen Tablett nicht nur der Dank und die Anerkennung von fünf Ruhr-Bergbauunternehmen an den Geschäftsführer ihrer Gesellschaft, sondern auch eine bislang weitgehend vergessene Kohlenhandelsorganisation und ein bemerkenswertes Kapitel Unternehmensgeschichte. Wie lange die Kohlenniederlage in Hamburg existiert hat, ist (noch) unbekannt: Zu vermuten ist eine Lebensdauer bis zum Ende des Ersten Weltkrieges.


LITERATUR:
Bergbau-Archiv Bochum (BBA 41/522); Die Entwickelung des Niederrheinisch-Westfälischen Steinkohlen-Bergbaues in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (hrsg. v. Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund in Gemeinschaft mit der Westfälischen Berggewerkschaftskasse und dem Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikat), Berlin 1904, Bd. IX: Wirtschaftliche Entwicklung, Teil 2, S. 85-87; Kroker, Evelyn/Ragenfeld, Norma von: Findbuch zum Bestand 33: Rheinisch-Westfälisches Kohlen-Syndikat 1893-1945, Bochum 1980; Kroker, Evelyn: Das Bergbau-Archiv und seine Bestände, Bochum 2001, S. 315-321; Gebhardt, Gerhard: Ruhrbergbau. Geschichte, Aufbau und Verflechtung seiner Gesellschaften und Organisationen, Essen 1957; frdl. Hinweise von Thomas Jovovi? M.A., Bochum.

Foto: Heinz-Werner Voß (Deutsches Bergbau-Museum Bochum)

Der Anschnitt 62, 2010, H. 1-2 (Beilage)