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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 131Goslarer BergkanneSo genannte Goslarer Bergkanne
Nürnberg (?), 1477
Silber, getrieben, gegossen, z. T. vergoldet, Email, Höhe 725 mm
Goslar, Rathaus (Ratssaal)


Die Goslarer Bergkanne zählt zu den herausragenden Schöpfungen bergbaulicher Kunst und Kultur. Sie wird im Goslarer Rathaus zusammen mit zwei silbernen Pokalen aufbewahrt, wobei letztere in enger Anlehnung an die Gestaltung der Bergkanne in Gestalt einer Doppelscheuer angefertigt worden sind und die zeitgenössisch hohe Wertschätzung der silbernen Bergkanne belegen, ohne dass diese formale Ähnlichkeit die Rätsel um die Herkunft und Entstehung der Bergkanne näher bringen oder gar lösen könnten. Obwohl die Kanne weder einen Stempel noch eine Meistermarke aufweist, wird eine Entstehung in Nürnberg allgemein angenommen.

Die Bergkanne belegt in ihrer Gestaltung und Form auffällige, deutliche Beziehungen zum jahrtausende alten Metallerzbergbau am Goslarer Rammelsberg. Vom Gefäßtypus her ist sie eine gebuckelte Doppelscheuer. Fuß und Kannenkörper entwickeln sich über einer Sockelplatte mit elfpassigem Grundriss, auf der die Jahreszahl 1477 in der Schreibweise der frühen Neuzeit eingraviert ist. Darüber liegen ein leichter, durchbrochener Rankenfries und die getriebenen Buckel des Kannenkörpers. Der in zwei Buckelreihen aufgelöste, Gold glänzende Kannenkorpus ist mit einem aus Blattwerk in gotischen Formen gebildeten Kranz verziert, aus dessen Blütenkelchen zehn Brustbilder musizierender junger Männer mit gelockten Haaren herauswachsen. Einer von ihnen trägt den Wappenschild der Reichsstadt Goslar mit einem schwarzen steigenden Adler mit roter Bewehrung auf goldenem Grunde, hergestellt aus farbigem Email. Die anderen neun Männer tragen Musikinstrumente - Trumscheit, Laute, Triangel, Harfe, Fiedel, Dudelsack, Trommel, Portativ-Orgel und Posaune - und sind eventuell als eine Bergmusik zu deuten. Die Bergkanne schraubt sich mit ihren Buckeln nach ihrer größten Ausdehnung wieder zusammen und bildet einen hohen, ebenfalls gedrehten Hals aus, der in seiner Mitte von einem Schmuckband verziert ist und in einer profilierten, von einem Fries begleiteten Zone endet. Ein Drache als Griff reckt sich mit angezogenen Krallen und angelegten spitzen Ohren empor, an Stelle einer Zunge quillt ein zierliches Blattgebilde aus seinem Rachen, das zugleich als Deckelscharnier dient. Dem Drachenhaupt gegenüber ist auf dem Deckel ein sprungbereiter Löwe angeordnet.

Auf dem Deckel schwebt ein hoher, luftiger Baldachin aus Fialen, Wimpergen und mit Krabben besetzten Bögen, als bekrönender Abschluss findet man über einer Kreuzblume eine blaue Porzellankugel und einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen. Unter dem Baldachin reitet der Heilige Georg als gewappneter Ritter einher: Er hat das Schwert erhoben und bekämpft den zu Füßen des Pferdes auf einem grün geschmelzten "Berg" liegenden Drachen. Dieser "Berg" ist von einer zinnenbekrönten Umfassungsmauer umschlossen, auf den Hängen davor sind sechs Bergleute bei ihrer Arbeit über und unter Tage anzutreffen: Einer arbeitet im Sitzort mit Schlägel und Eisen, ein Säuberer mit Keilhaue bzw. Kratze, und ein Förderer füllt ein Fördergefäß mit einer Schaufel. Die drei anderen Knappen - zwei Haspelknechte an einem Rundbaum und ein Karrenknecht, der einen von einem Pferd gezogenen Holwagen führt - stehen für die übertägige Arbeit. Schließlich ist noch ein Jäger anzutreffen, der einen Hirsch jagt. Holzhausen weist zu Recht darauf hin, dass diese kleinen Skulpturen eine erstaunliche plastische Kraft besitzen und nach den um 1280 entstandenen Konsolfiguren der Kapelle am Mansfelder Welfesholz die ältesten plastischen Bergmannsfiguren sind: Ihnen kommt also eine besondere Bedeutung zu.

Die Symbolik der Goslarer Bergkanne betrifft unzweideutig den Bergbau: Die Drachenfigur des Henkels verweist auf dessen Symbolfunktion als Schatzhüter, der Heilige Georg gilt als der Schutzpatron des Rammelsbergs, eine ihm geweihte Kirche stand in Goslar (auf dem Georgenberg) und besaß die imperiale Gestalt einer Doppelkirche. Auf Goslar als für das Heilige Römische Reich deutscher Nation wichtige Bergstadt verweist auch der Reichsadler als oberer Kannenabschluss, die blaue Kugel wird als "Himmelreich" gedeutet und bekräftigt die wirtschaftliche, politische und kulturelle Bedeutung der Stadt Goslar, über der sich der Adler als imperiales Symbol erhebt; Adler und Drache tauchen auch am Goslarer Marktbrunnen und an der Kaiserpfalz auf. Die Bergleute auf der Bergkanne schließlich dokumentieren für den Bergbau charakteristische Arbeitsweisen, d. h. den Abbau, die Gewinnung und die Förderung der Erze sowie den Transport, so dass man die Bergkanne mit vollem Recht als Dokumentation des Rammelsberger Bergbaus neben ihrer Bedeutung als von Eleganz und Kunstfertigkeit gestaltetem Kunstwerk betrachten muss. Die kleinen Bergmusikanten besingen den Bergbau.

Die Goslarer Bergkanne dokumentiert aber auch die Suche der Stadt Goslar nach einflussreichen Investoren in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Um auch die sehr innig miteinander verwachsenen, bis dahin nicht aufbereitbaren und schmelzbaren Erze gewinnen und verhütten zu können, wandte man sich auch an den bekannten Bergbau- und Hüttenexperten Johann I. Thurzo (1437-1508), der in Böhmen, Ungarn und Polen umfangreiche Unternehmungen auf dem Metallsektor betrieb. Offenbar am Beginn der Verhandlungen mit dem Rat der Stadt Goslar verehrte Thurzo der Stadt die Kanne als "Antrittsgeschenk". Auf diesen Großfinanzier verweist diskret, aber deutlich, der kleine sprungbereite Löwe gegenüber dem Henkeldrachen: Er ist das Wappentier der Thurzos, der sich seit 1478 am Rammelsberger Bergbau als Gewerke beteiligt hat. Warum allerdings die Bergkanne das Datum "1477" trägt, bleibt ein bislang ungeklärtes Rätsel. Tatsächlich nahm der Bergbau am Rammelsberg nach 1478 einen bergwirtschaftlichen Aufschwung, mit Thurzos Kapital wurde u. a. der Julius-Fortunatus-Stollen angesetzt.

Die Goslarer Bergkanne wurde durchaus nicht immer mit dem Rammelsberger Bergbau in Beziehung gesetzt, denn nach ihrer zufälligen Entdeckung in einer Banklade des Archivzimmers im Rathaus zusammen mit den beiden Pokalen wurde dem Rat der Stadt Goslar im Jahre 1777 empfohlen, den "Weinkrug" zu versilbern oder in Münzmetall umzuschmelzen. Glücklicherweise besann man sich auf die Bedeutung der Bergkanne. Sie wurde bei besonderen Anlässen genutzt, 1945 beschädigt und 1970 durch die Hamburger Goldschmiedin Vera von Claer restauriert, die verlorene Teile ergänzt hat.

Die beiden ebenfalls zum Ratsschatz gehörenden Pokale tragen die Inschrift: "diese. vorgulden. koppe. twei. sint. ut. des. achtbar. mgri. Johann. pape. borgmesters. seligen. testament. to. gemeine. beste. hergeben. 1519". Dieser Johann Papen war von 1497 bis zu seinem Tode im Jahre 1509 Bürgermeister von Goslar; er tritt öfters im Zusammenhang mit dem Bergbau am Rammelsberg auf und gehörte zur Gesellschaft des Thurzo, in dessen Auftrag er auch wichtige Verträge abgeschlossen hat. Es wird angenommen, dass Papen auch die Ausmalung des "Huldigungssaales" gestiftet hat und das Bildnis des die Muttergottes anbetenden Bürgermeisters in diesem Raum sein Porträt ist.

Die Goslarer Bergkanne ist ein ganz außerordentliches Dokument des (Goslarer) Montanwesens: Sie zeigt die ältesten Darstellungen vollplastisch gestalteter Bergmannsskulpturen, ist zugleich das älteste erhaltene, vom Bergbau geprägte Metallgefäß, ein prächtiges Kunstwerk am Übergang der Spätgotik zur Renaissance und schließlich das älteste Exemplar aller Ober- und Unterharzer Bergkannen. Ihrer montan- und kunsthistorischen Bedeutung entsprechend entstanden um 1900 mehrere Repliken (u. a. durch die Hanauer Goldschmiedewerkstatt Neresheimer und Weinranck).


LITERATUR:
Holzhausen, Walter, in: Der Bergbau in der Kunst, hrsg. v. Heinrich Winkelmann, Essen 1958, S. 142-147; Griep, Hans Günther: Die Goslarer Bergkanne, in: DER ANSCHNITT 21, 1969, H. 3, S. 17-21; Kohlhaussen, H.: Nürnberger Goldschmiedekunst des Mittelalters und der Dürerzeit 1240-1540, Berlin 1968, Nr. 353, Abb. 459-462; Treptow, Ernst: Deutsche Meisterwerke bergmännischer Kunst, Berlin 1929, S. 27-28; Slotta, Rainer/Bartels, Christoph (Hrsg.): Meisterwerke bergbaulicher Kunst vom 13. bis 19. Jahrhundert, Bochum 1990, S. 553 ff., Kat.-Nr. 239; Reiff, Ulrich: "Die Goslarer Bergkanne - Meisterwerk spätgotischer Goldschmiedekunst". Ausstellung im Goslarer Museum vom 5. März bis zum 9. Juni 2010.

Foto: Heinz-Werner Voß (Deutsches Bergbau-Museum Bochum)

Prof. Dr. Rainer Slotta

Der Anschnitt 62, 2010, H. 3 (Beilage)