MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

 

 

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 130
Tablett für Carl Brüggemann
800er Silber, Bremen, Silberschmiede M. H. Wilkens & Söhne GmbH (Fertigungsnummer 101385), Länge 47,5 cm, Breite 37 cm, Höhe 6 cm
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030005851001)Tablett für Carl Brüggemann

Aus Berliner Kunsthandel konnte die Vereinigung der Freunde von Kunst und Kultur im Bergbau e. V., Bochum, im April 2006 für das Deutsche Bergbau-Museum Bochum ein bemerkenswertes, in der montanhistorischen Forschung bislang unbekanntes Silbertablett aus der Bremer Silberschmiede Wilkens erwerben, das im April 1895 dem Bergwerksdirektor Carl Brüggemann verehrt worden ist. Dieses aus 800er Silber hergestellte ovale, achtfach eingezogene Tablett ist auf der Fahne mit einem Dekor geschmückt, das an einen doppelten Stoffsaum erinnert, und der in Teilbereichen bis auf die Tablettfläche hineinreicht. Diese ist mit einer mehrzeiligen, in kursiven Lettern gehaltenen Inschrift verziert: Herrn / Direktor Carl Brüggemann / in Anerkennung seiner verdienstvollen Leitung / des Hamburger Sternschanzen Lagers gewidmet von den Betheiligten: / CB / Gewerkschaft der Zeche ver. Franziska Tiefbau · Gelsenkirchener Bergwerks Actien Gesellschaft / Bergwerksgesellschaft Hibernia · Bergbau-Actien Gesellschaft Pluto / Gewerkschaft des Steinkohlenbergwerks Zollverein / April 1895." Das aus den beiden Buchstaben "C" und "B" bestehende Monogramm in der Tablettmitte ist an Größe gegenüber der restlichen Inschrift deutlich hervorgehoben.

Die Gründe, die zur Entstehung dieses silbernen Tabletts geführt haben, liegen noch weitgehend im Dunkeln. Über die Person des Beschenkten ist man nur unzureichend informiert: Carl (Karl) Brüggemann war der Sohn des Nationalökonomen und Publizisten Karl Heinrich Brüggemann (1810-1887). Er stand von etwa 1879 bis 1901/1902 als kaufmännischer Direktor in den Diensten der Bergwerksgesellschaft Dahlbusch in Gelsenkirchen und erwarb sich ausgesprochene Verdienste als "Verbands-Mensch": So vertrat er u. a. in den 1880er-Jahren das Unternehmen im Westfälischen Kohlenausfuhrverein, übernahm - nach der Erkrankung von Bruno Schulz-Briesen - im Frühjahr 1899 zusammen mit Max Schulz-Briesen die Unternehmensleitung und fungierte von 1899 bis 1900 als Mitglied des Vorstands der Bergwerksgesellschaft Dahlbusch. Besonders verdient machte sich Carl Brüggemann auch um die Bildung des Kohlensyndikats. Aufgrund der Inschrift ist es gesichert, dass die auf der Schale als Auftraggeber eingetragenen Bergbauunternehmen sich für Brüggemanns Engagement bei der Einrichtung der Verkaufsniederlassung für Ruhrkohle auf der Hamburger Sternschanze bedanken wollten.

Der Hamburger Stadtteil Sternschanze ("Schanzenviertel") liegt zwischen den Stadtteilen St. Pauli, Altona-Altstadt, Eimsbüttel und Rotherbaum und leitet seinen Namen ab von der 1682 entstandenen sternförmigen Verteidigungsanlage, die so stark gewesen war, dass die dänische Belagerung Hamburgs im Jahre 1686 scheiterte. Nachdem zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Befestigungsanlagen großenteils abgetragen waren, entstanden die ersten gemischten Wohn- und Gewerbegebiete. Ein gutbürgerliches Stadterweiterungsgebiet hatte sich um 1860 bis 1870 im heute südlichen Eimsbüttel gebildet, 1866 wurde der an der Verbindungsbahn zwischen Hamburg und Altona gelegene Bahnhof Sternschanze eröffnet. Der im Sternschanzenpark gelegene monumentale Wasserturm ist das bauliche Wahrzeichen des Stadtteils; er wurde im Jahre 1910 in Betrieb genommen, 1961 stillgelegt und 2007 zu einem Hotel umgebaut.

Dieser Hamburger Stadtteil und seine günstig gelegene Eisenbahnlinie haben einer Kohlenhandelsgesellschaft den Namen gegeben, die es sich zur Aufgabe gestellt hatte, in Hamburg einen Lagerplatz für Ruhrkohle zu führen und von diesem aus einen Kleinhandel zu betreiben, um dadurch dem englischen Wettbewerb entgegenzutreten und in Hamburg die Steinkohle aus dem Ruhrrevier einzuführen.

Aufgrund der zahlreichen auf Ermäßigung der Frachten für Kohlentransporte nach Hamburg gerichteten Bemühungen der Ruhrkohlen-Interessenten - und hier vor allem des Vereins für die bergbaulichen Interessen - hatte die Kgl. Eisenbahndirektion in Altona mit Schreiben vom 20. Februar 1888 den Vorstand des Vereins auf den Kleinhandel des Hamburger Kohlenmarktes aufmerksam gemacht und Vorschläge unterbreitet, wie dieser gegen die englische Konkurrenzkohle erobert werden könnte: Im Mittelpunkt sollte der Lokalvertrieb der Ruhrkohlen vom Bahnhof Sternschanze aus stehen. Bei den darauf einsetzenden Verhandlungen zwischen den Vertretern der Ruhrkohlen-Zechen und der Eisenbahndirektion erklärte sich letztere schließlich bereit, am Bahnhof Sternschanze einen geeigneten Lagerplatz unter preiswerten Bedingungen zur Verfügung zu stellen und eine Ermäßigung der Bahnfrachten für die zum Ortsverbrauch in Hamburg und Umgebung bestimmten Ruhrkohlen zu befürworten. Die Ruhr-Zechen sollten im Gegenzug den zur Lagerung der Kohlenvorräte erforderlichen Schuppen auf ihre Kosten errichten. Um diese Bedingung zu erfüllen, gründeten im Jahre 1888 sieben Bergbauunternehmer (Direktor Emil Kirdorf von der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft [Gelsenkirchen], Direktor Dr. Natorp von der Bergwerks-Aktien-Gesellschaft Pluto [Wanne-Eickel; zugleich Geschäftsführer des Vereins für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund], Direktor C. Seidel von der Zeche Franziska Tiefbau [Witten], Direktor Peitsch von der Zeche Graf Moltke [Gladbeck], Direktor Hoffmann von der Zeche Zollverein [Essen], Direktor Papentin von der Bergwerksgesellschaft Hibernia [Herne] und Direktor Brüggemann von der Zeche Dahlbusch [Gelsenkirchen-Rotthausen]) eine Handelsorganisation, die sich der Kgl. Eisenbahndirektion gegenüber zur Herstellung des auf etwa 80 000 RM veranschlagten Kohlenschuppens verpflichtete. Zugleich wurde unter den genannten Unternehmen eine Vereinbarung getroffen, die den Vertrieb der von ihnen nach Hamburg zur Versendung gelangenden Kohlen einheitlich geregelt hat.

Nachdem der Minister die Frachtermäßigung vom Zeitpunkt der Fertigstellung des Kohlenschuppens an genehmigt hatte sowie die Bedingungen für die Überlassung des Lagerplatzes und die technische Ausführung der Anlage durch Vertrag vom 27. Februar 1889 zwischen der Eisenbahnverwaltung und den sieben Bergwerksgesellschaften festgelegt worden waren, begann die Handelsgesellschaft mit dem Bau des Schuppens. Dieser ganz in Eisen und Stein errichtete, rd. 125 m lange und rd. 15 m breite Bau verfügte im Inneren über sieben Einzelmagazine und wurde Ende des Jahres 1889 fertig gestellt. Er wurde am 7. Januar 1890 als "Rheinisch-Westfälisches Kohlen- und Koks-Lager Hamburg, Bahnhof Sternschanze" dem Betrieb übergeben. Die Verwaltung wurde durch die Anstellung eines Beamten einheitlich eingerichtet und hatte den Verkauf der Kohlen und die Abrechnung über die verkauften Mengen für jede Bergwerksgesellschaft gesondert vorzunehmen.

Durch einen Vertrag vom 5. November 1898 errichteten die jetzt nur noch sechs Unternehmen - die Zeche Graf Moltke war schon früher aus der Organisation ausgeschieden, an die Stelle der Zeche Franziska war die Gewerkschaft Hamburg & Franziska (Witten) getreten, da sich das bislang bestehende, eher lose Verhältnis zueinander als nicht mehr zweckdienlich erwies -, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung unter der Firmenbezeichnung "Rheinisch-Westfälisches Kohlen- und Koks-Lager Hamburg - Bahnhof Sternschanze, Gesellschaft mit beschränkter Haftung" mit einem Stammkapital von 60 000 RM. Diese Gesellschaft bestand noch im Jahre 1904, nachdem die Zeche Pluto an den Schalker Gruben- und Hütten-Verein und die Zeche Hamburg & Franziska an die Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft übergegangen war, aus folgenden Mitgliedern: der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft, dem Schalken Gruben- und Hütten-Verein, der Zeche Zollverein, der Bergwerksgesellschaft Hibernia und der Bergwerksgesellschaft Dahlbusch.

Dieses Unternehmen, dessen Leitung von Beginn an in Händen von Carl Brüggemann (zunächst als Vertreter der Zeche Dahlbuch, später als Vertreter des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikates in Düsseldorf; auch im Ehrenamt) lag, hat - so die Berichterstattung über die "Entwickelung des Niederrheinisch-Westfälischen Steinkohlen-Bergbaues" - "zur Einbürgerung von Ruhrkohle in Hamburg überaus wirksam beigetragen" und setzte in den ersten elf Jahren seines Bestehens (d. h. von 1890 bis Ende 1900) insgesamt rd. 165 000 t Kohle, rd. 53 000 t Koks und 12 500 t Briketts ab; die Einnahmen beliefen sich auf rd. 4 319 000 RM. Von 1890 bis 1899 hat das Unternehmen rd. 1,05 Mio. RM an Frachtkosten an die Kgl. Eisenbahn-Verwaltung abführen müssen.

So dokumentieren sich in dem silbernen Tablett nicht nur der Dank und die Anerkennung von fünf Ruhr-Bergbauunternehmen an den Geschäftsführer ihrer Gesellschaft, sondern auch eine bislang weitgehend vergessene Kohlenhandelsorganisation und ein bemerkenswertes Kapitel Unternehmensgeschichte. Wie lange die Kohlenniederlage in Hamburg existiert hat, ist (noch) unbekannt: Zu vermuten ist eine Lebensdauer bis zum Ende des Ersten Weltkrieges.


LITERATUR:
Bergbau-Archiv Bochum (BBA 41/522); Die Entwickelung des Niederrheinisch-Westfälischen Steinkohlen-Bergbaues in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (hrsg. v. Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund in Gemeinschaft mit der Westfälischen Berggewerkschaftskasse und dem Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikat), Berlin 1904, Bd. IX: Wirtschaftliche Entwicklung, Teil 2, S. 85-87; Kroker, Evelyn/Ragenfeld, Norma von: Findbuch zum Bestand 33: Rheinisch-Westfälisches Kohlen-Syndikat 1893-1945, Bochum 1980; Kroker, Evelyn: Das Bergbau-Archiv und seine Bestände, Bochum 2001, S. 315-321; Gebhardt, Gerhard: Ruhrbergbau. Geschichte, Aufbau und Verflechtung seiner Gesellschaften und Organisationen, Essen 1957; frdl. Hinweise von Thomas Jovovi? M.A., Bochum.

Foto: Heinz-Werner Voß (Deutsches Bergbau-Museum Bochum)

Der Anschnitt 62, 2010, H. 1-2 (Beilage)

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 131Goslarer BergkanneSo genannte Goslarer Bergkanne
Nürnberg (?), 1477
Silber, getrieben, gegossen, z. T. vergoldet, Email, Höhe 725 mm
Goslar, Rathaus (Ratssaal)


Die Goslarer Bergkanne zählt zu den herausragenden Schöpfungen bergbaulicher Kunst und Kultur. Sie wird im Goslarer Rathaus zusammen mit zwei silbernen Pokalen aufbewahrt, wobei letztere in enger Anlehnung an die Gestaltung der Bergkanne in Gestalt einer Doppelscheuer angefertigt worden sind und die zeitgenössisch hohe Wertschätzung der silbernen Bergkanne belegen, ohne dass diese formale Ähnlichkeit die Rätsel um die Herkunft und Entstehung der Bergkanne näher bringen oder gar lösen könnten. Obwohl die Kanne weder einen Stempel noch eine Meistermarke aufweist, wird eine Entstehung in Nürnberg allgemein angenommen.

Die Bergkanne belegt in ihrer Gestaltung und Form auffällige, deutliche Beziehungen zum jahrtausende alten Metallerzbergbau am Goslarer Rammelsberg. Vom Gefäßtypus her ist sie eine gebuckelte Doppelscheuer. Fuß und Kannenkörper entwickeln sich über einer Sockelplatte mit elfpassigem Grundriss, auf der die Jahreszahl 1477 in der Schreibweise der frühen Neuzeit eingraviert ist. Darüber liegen ein leichter, durchbrochener Rankenfries und die getriebenen Buckel des Kannenkörpers. Der in zwei Buckelreihen aufgelöste, Gold glänzende Kannenkorpus ist mit einem aus Blattwerk in gotischen Formen gebildeten Kranz verziert, aus dessen Blütenkelchen zehn Brustbilder musizierender junger Männer mit gelockten Haaren herauswachsen. Einer von ihnen trägt den Wappenschild der Reichsstadt Goslar mit einem schwarzen steigenden Adler mit roter Bewehrung auf goldenem Grunde, hergestellt aus farbigem Email. Die anderen neun Männer tragen Musikinstrumente - Trumscheit, Laute, Triangel, Harfe, Fiedel, Dudelsack, Trommel, Portativ-Orgel und Posaune - und sind eventuell als eine Bergmusik zu deuten. Die Bergkanne schraubt sich mit ihren Buckeln nach ihrer größten Ausdehnung wieder zusammen und bildet einen hohen, ebenfalls gedrehten Hals aus, der in seiner Mitte von einem Schmuckband verziert ist und in einer profilierten, von einem Fries begleiteten Zone endet. Ein Drache als Griff reckt sich mit angezogenen Krallen und angelegten spitzen Ohren empor, an Stelle einer Zunge quillt ein zierliches Blattgebilde aus seinem Rachen, das zugleich als Deckelscharnier dient. Dem Drachenhaupt gegenüber ist auf dem Deckel ein sprungbereiter Löwe angeordnet.

Auf dem Deckel schwebt ein hoher, luftiger Baldachin aus Fialen, Wimpergen und mit Krabben besetzten Bögen, als bekrönender Abschluss findet man über einer Kreuzblume eine blaue Porzellankugel und einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen. Unter dem Baldachin reitet der Heilige Georg als gewappneter Ritter einher: Er hat das Schwert erhoben und bekämpft den zu Füßen des Pferdes auf einem grün geschmelzten "Berg" liegenden Drachen. Dieser "Berg" ist von einer zinnenbekrönten Umfassungsmauer umschlossen, auf den Hängen davor sind sechs Bergleute bei ihrer Arbeit über und unter Tage anzutreffen: Einer arbeitet im Sitzort mit Schlägel und Eisen, ein Säuberer mit Keilhaue bzw. Kratze, und ein Förderer füllt ein Fördergefäß mit einer Schaufel. Die drei anderen Knappen - zwei Haspelknechte an einem Rundbaum und ein Karrenknecht, der einen von einem Pferd gezogenen Holwagen führt - stehen für die übertägige Arbeit. Schließlich ist noch ein Jäger anzutreffen, der einen Hirsch jagt. Holzhausen weist zu Recht darauf hin, dass diese kleinen Skulpturen eine erstaunliche plastische Kraft besitzen und nach den um 1280 entstandenen Konsolfiguren der Kapelle am Mansfelder Welfesholz die ältesten plastischen Bergmannsfiguren sind: Ihnen kommt also eine besondere Bedeutung zu.

Die Symbolik der Goslarer Bergkanne betrifft unzweideutig den Bergbau: Die Drachenfigur des Henkels verweist auf dessen Symbolfunktion als Schatzhüter, der Heilige Georg gilt als der Schutzpatron des Rammelsbergs, eine ihm geweihte Kirche stand in Goslar (auf dem Georgenberg) und besaß die imperiale Gestalt einer Doppelkirche. Auf Goslar als für das Heilige Römische Reich deutscher Nation wichtige Bergstadt verweist auch der Reichsadler als oberer Kannenabschluss, die blaue Kugel wird als "Himmelreich" gedeutet und bekräftigt die wirtschaftliche, politische und kulturelle Bedeutung der Stadt Goslar, über der sich der Adler als imperiales Symbol erhebt; Adler und Drache tauchen auch am Goslarer Marktbrunnen und an der Kaiserpfalz auf. Die Bergleute auf der Bergkanne schließlich dokumentieren für den Bergbau charakteristische Arbeitsweisen, d. h. den Abbau, die Gewinnung und die Förderung der Erze sowie den Transport, so dass man die Bergkanne mit vollem Recht als Dokumentation des Rammelsberger Bergbaus neben ihrer Bedeutung als von Eleganz und Kunstfertigkeit gestaltetem Kunstwerk betrachten muss. Die kleinen Bergmusikanten besingen den Bergbau.

Die Goslarer Bergkanne dokumentiert aber auch die Suche der Stadt Goslar nach einflussreichen Investoren in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Um auch die sehr innig miteinander verwachsenen, bis dahin nicht aufbereitbaren und schmelzbaren Erze gewinnen und verhütten zu können, wandte man sich auch an den bekannten Bergbau- und Hüttenexperten Johann I. Thurzo (1437-1508), der in Böhmen, Ungarn und Polen umfangreiche Unternehmungen auf dem Metallsektor betrieb. Offenbar am Beginn der Verhandlungen mit dem Rat der Stadt Goslar verehrte Thurzo der Stadt die Kanne als "Antrittsgeschenk". Auf diesen Großfinanzier verweist diskret, aber deutlich, der kleine sprungbereite Löwe gegenüber dem Henkeldrachen: Er ist das Wappentier der Thurzos, der sich seit 1478 am Rammelsberger Bergbau als Gewerke beteiligt hat. Warum allerdings die Bergkanne das Datum "1477" trägt, bleibt ein bislang ungeklärtes Rätsel. Tatsächlich nahm der Bergbau am Rammelsberg nach 1478 einen bergwirtschaftlichen Aufschwung, mit Thurzos Kapital wurde u. a. der Julius-Fortunatus-Stollen angesetzt.

Die Goslarer Bergkanne wurde durchaus nicht immer mit dem Rammelsberger Bergbau in Beziehung gesetzt, denn nach ihrer zufälligen Entdeckung in einer Banklade des Archivzimmers im Rathaus zusammen mit den beiden Pokalen wurde dem Rat der Stadt Goslar im Jahre 1777 empfohlen, den "Weinkrug" zu versilbern oder in Münzmetall umzuschmelzen. Glücklicherweise besann man sich auf die Bedeutung der Bergkanne. Sie wurde bei besonderen Anlässen genutzt, 1945 beschädigt und 1970 durch die Hamburger Goldschmiedin Vera von Claer restauriert, die verlorene Teile ergänzt hat.

Die beiden ebenfalls zum Ratsschatz gehörenden Pokale tragen die Inschrift: "diese. vorgulden. koppe. twei. sint. ut. des. achtbar. mgri. Johann. pape. borgmesters. seligen. testament. to. gemeine. beste. hergeben. 1519". Dieser Johann Papen war von 1497 bis zu seinem Tode im Jahre 1509 Bürgermeister von Goslar; er tritt öfters im Zusammenhang mit dem Bergbau am Rammelsberg auf und gehörte zur Gesellschaft des Thurzo, in dessen Auftrag er auch wichtige Verträge abgeschlossen hat. Es wird angenommen, dass Papen auch die Ausmalung des "Huldigungssaales" gestiftet hat und das Bildnis des die Muttergottes anbetenden Bürgermeisters in diesem Raum sein Porträt ist.

Die Goslarer Bergkanne ist ein ganz außerordentliches Dokument des (Goslarer) Montanwesens: Sie zeigt die ältesten Darstellungen vollplastisch gestalteter Bergmannsskulpturen, ist zugleich das älteste erhaltene, vom Bergbau geprägte Metallgefäß, ein prächtiges Kunstwerk am Übergang der Spätgotik zur Renaissance und schließlich das älteste Exemplar aller Ober- und Unterharzer Bergkannen. Ihrer montan- und kunsthistorischen Bedeutung entsprechend entstanden um 1900 mehrere Repliken (u. a. durch die Hanauer Goldschmiedewerkstatt Neresheimer und Weinranck).


LITERATUR:
Holzhausen, Walter, in: Der Bergbau in der Kunst, hrsg. v. Heinrich Winkelmann, Essen 1958, S. 142-147; Griep, Hans Günther: Die Goslarer Bergkanne, in: DER ANSCHNITT 21, 1969, H. 3, S. 17-21; Kohlhaussen, H.: Nürnberger Goldschmiedekunst des Mittelalters und der Dürerzeit 1240-1540, Berlin 1968, Nr. 353, Abb. 459-462; Treptow, Ernst: Deutsche Meisterwerke bergmännischer Kunst, Berlin 1929, S. 27-28; Slotta, Rainer/Bartels, Christoph (Hrsg.): Meisterwerke bergbaulicher Kunst vom 13. bis 19. Jahrhundert, Bochum 1990, S. 553 ff., Kat.-Nr. 239; Reiff, Ulrich: "Die Goslarer Bergkanne - Meisterwerk spätgotischer Goldschmiedekunst". Ausstellung im Goslarer Museum vom 5. März bis zum 9. Juni 2010.

Foto: Heinz-Werner Voß (Deutsches Bergbau-Museum Bochum)

Prof. Dr. Rainer Slotta

Der Anschnitt 62, 2010, H. 3 (Beilage)

Jan Ludwig:
From Waterways to Roads -
Development Outline of the Rhineland Basalt Industry in the 19th and 20th Centuries

Basalt, an igneous volcanic rock, has been much in demand in the construction industry for millenniums, in particular for the construction of transportation routes. As other natural stones, basalt was and still is almost exclusively quarried from above-ground deposits; in Germany, for example, from deposits located in the Middle Rhine area and the Westerwald. A closer look into the history of the basalt industry - using the basalt industry in the German Rhineland as an example - is extremely rewarding, also in the context of the region's coal mining and steel history. Interesting elements include production technologies and the sales potential which infrastructure constructed with basalt opened up for coal and steel products (e.g. railways, harbours).

Basalt has gained its great importance as a material in transportation route construction thanks to its excellent properties. Its high value is due, above all, to its outstanding hardness and durability which are clearly better than for most other natural stones. These properties derive from the specific formation process and chemical composition of basalt, which also make it highly resistant to weathering. Other properties still important today include its high specific weight and, above all, its enormous resistance to pressure. Depending on the type of deposit, one square centimetre of basalt can resist a pressure of more than two tonnes, in some cases even considerably more. Its specific formation process often produced basalt columns which were five- to seven-sided and closely clustered, so-called columnar basalt. Other deposits consist of block or slab basalt. While block and slab basalts were mainly used to produce paving stones for the construction of roads, columnar basalts were found suitable for reinforcement measures, for both military fortifications and the reinforcement of shores and banks. Following a review of the pre-industrial use of basalt in general, the article focuses more specifically on columnar basalts as their use as a construction material is a speciality in the basalt industry.

Jan Ludwig:
Vom Wasserbau zur Straße -
Grundzüge der Entwicklung der rheinischen Basaltindustrie im 19. und 20. Jahrhundert

Basalt, ein vulkanisches Eruptivgestein, ist ein seit Jahrtausenden begehrter Rohstoff für die Bauwirtschaft, besonders den Verkehrswegebau. Wie andere Natursteine wurde und wird Basalt in neuerer Zeit fast ausschließlich in oberirdischen Steinbrüchen gewonnen, in Deutschland unter anderem in Vorkommen am Mittelrhein sowie im Westerwald. Auch aus montanhistorischer Sicht ist eine Untersuchung der Geschichte der Basaltindustrie - hier exemplarisch der rheinischen Basaltindustrie - äußerst lohnend, etwa hinsichtlich der Abbautechnik oder mit Blick auf Wirkungen von mittels Basalt errichteter Infrastruktur (z. B. Eisenbahntrassen, Kaianlangen) auf die Absatzmöglichkeiten von Montanprodukten.

Zur großen Bedeutung im Wegebau kam Basalt durch seine hervorragenden Eigenschaften als Baustoff. Seine hohe Wertschätzung beruht besonders auf der herausragenden Härte und Beständigkeit, welche die der meisten anderen Natursteine deutlich übertrifft. Diese sind auf die Genese und die chemische Zusammensetzung zurückzuführen, woraus sich zudem eine hohe Resistenz gegenüber Witterungseinflüssen ergibt. Weitere ebenfalls noch heute wichtige Eigenschaften sind das hohe spezifische Gewicht und vor allem die enorme Druckfestigkeit. So hält ein Quadratzentimeter Basalt je nach Natur der Lagerstätte einem Druck von über zwei Tonnen, teilweise auch deutlich darüber hinaus, stand. Bedingt durch den Entstehungsprozess, bildeten sich häufig dicht aneinander stehende, fünf bis siebeneckige Basaltsäulen, so genannter Säulenbasalt. Andere Vorkommen bestehen aus zusammenhängendem Block- oder Plattenbasalt. Während zu Pflastersteinen gespaltene Block- und Plattenbasalte vorwiegend im Straßenbau Verwendung fanden, machte man sich im Befestigungsbau - sowohl im militärischen Sinne, wie auch im Uferbefestigungsbau - die Form der Säulenbasalte zunutze. Im der nachfolgenden Untersuchung wird nach einem Rückblick auf die vorindustrielle Basaltnutzung im Allgemeinen, der Blick daher speziell auf die Säulenbasalte gerichtet, da dessen Verwendungen als Baumaterial eine Besonderheit der Basaltindustrie sind.

Jens Heckl:
Trade-Union Mining in the Principality of Minden and the County of Ravensberg 1740-1827, Part 1

The history of mining in the Principality of Minden and the County of Ravensberg was treated comprehensively for the first time by Gustav Griese in 1955. Building upon his research results, in subsequent decades studies repeatedly appeared dedicated either to the entire social relations of mining between the Weser and the Ems Rivers or to individual mining regions or individual mines in the areas mentioned. For all these contributions, in part, supplementary source material from various archives was evaluated and, in part, Griese's results were adopted uncritically. What has been missing to date is an overall account of trade-union mining in Minden-Ravensberg based on written documents which Griese could not take into consideration because numerous sources were not accessible to him.

Likewise, up until now, important historical facts - the significance of mining within the economic structure of the province of Minden-Ravensberg and the privileged trade union of Minden-Ravensberg founded in 1742, which was significant for the development of mining in the provinces mentioned, or even the trade unions existing alongside this trade union - were left out of account. The following contribution aims to investigate the formation and effects of trade unions both administratively and as enterprises in the period between 1741 and 1827, and to work out the significance of mining in Minden-Ravensberg within the economic structure of the province. After all, economic mining activity had the consequence that private mining, especially of hard coal, was able to be established for several decades, and was not short-lived as in the period before 1742. Trade-union mining, namely, developed into an economic factor of a province in the western part of the Prussian monarchy otherwise specialized in agriculture and linen production. In addition, the production of brandy and the sugar factory in Minden had local importance. Whether it be in regard to employment or its productive capacity, mining in Minden-Ravensberg was never to achieve the importance of Brandenburg's hard-coal mining, but nevertheless for a time held an important key-position in supplying the province with fuels.

Jens Heckl:
Gewerkschaftlicher Bergbau im Fürstentum Minden und in der Grafschaft Ravensberg 1740-1827, Teil 1

Die Geschichte des Bergbaus im Fürstentum Minden und in der Grafschaft Ravensberg hatte 1955 Gustav Griese erstmals umfassend thematisiert. Auf dessen Forschungsergebnisse aufbauend erschienen in den darauf folgenden Jahrzehnten immer wieder Studien, die sich entweder mit den gesamten bergbaulichen Verhältnissen zwischen Weser und Ems beschäftigten oder einzelnen Bergbauregionen bzw. Bergwerken in den genannten Territorien widmeten. Für all diese Beiträge waren zum Teil ergänzendes Quellenmaterial aus verschiedenen Archiven ausgewertet, zum Teil Grieses Darstellungen unkritisch übernommen worden. Was bislang fehlt, ist eine auf schriftliche Überlieferungen basierende Gesamtdarstellung des gewerkschaftlichen Bergbaus in Minden-Ravensberg, die Griese nicht verfassen konnte, weil ihm zahlreiche Quellen nicht zugänglich waren.

Ebenso blieben bisher wichtige historische Sachverhalte, die Bedeutung des Bergbaus innerhalb der Wirtschaftsstruktur der Provinz Minden-Ravensberg und der für die montanwirtschaftliche Entwicklung der genannten Provinzen bedeutsamen, 1742 gegründeten Minden-Ravensbergischen privilegierten Gewerkschaft oder gar der neben ihr existierenden Gewerkschaften unbeachtet. Der folgende Beitrag möchte die Herausbildung und das Wirken von Gewerkschaften sowohl administrativ als auch unternehmerisch im Zeitraum zwischen 1741 und 1827 untersuchen und den Stellenwert des Bergbaus in Minden-Ravensberg innerhalb des Wirtschaftsgefüges der Provinz herausarbeiten. Immerhin hatte die montanwirtschaftliche Tätigkeit zur Folge, dass sich privater Bergbau, vor allem auf Steinkohlen, für mehrere Jahrzehnte etablieren konnte, welcher nicht wie in der Zeit vor 1742 kurzlebig war. Der gewerkschaftliche Bergbau entwickelte sich nämlich zu einem Wirtschaftsfaktor einer ansonsten auf Landwirtschaft und Leinenproduktion spezialisierten Provinz im westlichen Teil der preußischen Monarchie. Darüber hinaus besaß die Branntweinproduktion und die Zuckerfabrik in Minden lokale Bedeutung. Der Bergbau in Minden-Ravensberg sollte - sei es beschäftigungspolitisch oder in seiner Förderkapazität - zwar nie die Bedeutung des märkischen Steinkohlenbergbaus erlangen, nahm aber zeitweilig eine wichtige Schlüsselposition bei der Versorgung der Provinz mit Brennstoffen ein.

Juri I. Kolev/Jennifer Garner:
The Mining and Smelting Centre of the Bronze Age in Michailo-Ovsânka on the Middle Volga. The First Research Results and Questions

The archaeological sites of prehistoric mining possess especial significance for research into bronze metallurgy. The prehistoric mining sites provide not only knowledge about mining and smelting in the bronze age, but also important indications for reconstructing the entire course of production. Furthermore, the investigation of mining settlements can provide new information for solving the problem of the social status of miners in prehistoric society and their role in organizing the extraction of metals.

Regrettably, up until now, opportunities for researching the work of smelting proper, particularly on the East European steppes, were restricted. In research on the archaeology of the late bronze age in Eastern Europe, this situation is gradually changing with investigations of such key mining regions as Kargaly in the Urals and the Bachmut mines in the Donetsk basin. As a result, a reconstruction has emerged of the functioning of the two production zones, Don-Donetsk and Volga-Urals, within Balkan burial culture (Srubnaja) which were supplied with metals from the metallurgy centre of Donetsk and Kargaly.

From this perspective, the prehistoric mining region of Michailo-Ovsânka situated in the middle Volga region in the area adjacent to the southern Urals is particularly illuminating. In contrast to already known sites of the same kind, the mining region of Michailo-Ovsânka was operated for a single phase in the late bronze age. Thereafter, extraction was never resumed here. The finds in the mines as well as the cultural deposits associated with the exploitation and subsistence of miners were closed off by natural processes. Research into the mining region of Michailo-Ovsânka enables numerous problems concerning the system of mining and smelting in the bronze age to be investigated.

Juri I. Kolev/Jennifer Garner:
Das Bergbau- und Verhüttungszentrum der Bronzezeit in Michailo-Ovsânka an der mittleren Wolga.
Die ersten Forschungsergebnisse und Problemstellungen

Die archäologischen Fundstellen des vorgeschichtlichen Bergbaus besitzen eine besondere Bedeutung für die Forschung der Bronzemetallurgie. Die prähistorischen Bergbauorte liefern nicht nur Erkenntnisse zum Bergbau- und zur Verhüttungsproduktion innerhalb der Bronzezeit, sondern auch wichtige Hinweise für die Rekonstruktion des ganzen Produktionsverlaufes. Außerdem kann die Untersuchung der Bergbausiedlungen neue Informationen zur Lösung des sozialen Status der Bergleute in der vorgeschichtlichen Gesellschaft und ihrer Rolle in der Organisation der Metallgewinnung erbringen.

Bedauerlicherweise waren bisher die Möglichkeiten der Erforschung der eigentlichen Verhüttungsarbeit, besonders in der osteuropäischen Steppe, beschränkt. In der Forschung zur Archäologie der Spätbronzezeit in Osteuropa beginnt sich diese Situation mit den Untersuchungen der so aufschlussreichen Bergbauorte wie Kargaly im Uralgebiet und der Bachmut-Gruben im Donezkbecken allmählich zu ändern. Infolgedessen ist eine Vorstellung von der Funktionsweise der zwei Produktionszonen - Don-Donezk und Wolga-Ural - innerhalb der Balkengrabkultur (Srubnaja) entstanden, die entsprechend mit Metallen des Metallurgiezentrums Donezk und Kargaly beliefert wurden.

Aus dieser Sicht ist das prähistorische Bergbaurevier von Michailo-Ovsânka, das sich im mittleren Wolgagebiet in der angrenzenden Region zum Süduralland befindet, besonders aufschlussreich. Im Unterschied zu den gleichartigen schon bekannten Fundstellen wurde das Revier von Michailo-Ovsânka einphasig in der Spätbronzezeit betrieben. Danach wurden die Abbauarbeiten hier niemals wieder aufgenommen. Die Befunde in den Abbauen sowie Kulturablagerungen, die mit der Ausbeutung und der Subsistenz der Bergleute verbunden sind, wurden durch natürliche Prozesse verschlossen. Die Erforschung des Bergbaureviers von Michailo-Ovsânka ermöglicht die Untersuchung von zahlreichen Problemen des Bergbau- und Verhüttungswesens in der Bronzezeit.

Michael Farrenkopf:
The Saxon Mine and Ruhr mining at the beginning of the 20th century

During the course of the so-called northern migration of Ruhr mining, it reached the region around Hamm only at the beginning of the 20th century. The beginnings of the Saxon Mine can be attributed to the efforts of the Mansfeldsche Kupferschiefer bauende Gewerkschaft, Eisleben, to cover the requirements for coal and coke at its own steelworks. The mine's name referred to the headquarters of the company which, already previously and for the same purpose, had put the Mansfeld Mine into operation in Bochum-Langendreer. Compared to the mines in the western and central Ruhr District, the Saxon Mine offered important freight advantages for delivering coal and coke to central Germany.

Coal mining began in the Saxon Mine in 1914, but the necessary infrastructural work stagnated during the First World War. Also in the inter-war period, the system of shafts had to struggle with great economic problems. In view of the difficult situation with regard to sales and the economy in general, already at the end of 1932 the closure of the mine was seriously considered. The subsequent 'Concerted Action' of the workforce, work's management, local and regional administration as well as other authorities against the decision to close down was a spectacular process that ultimately achieved the continuation of operations, but at the same time represented a rupture in mining history.

Michael Farrenkopf:
Die Zeche Sachsen und der Ruhrbergbau Anfang des 20. Jahrhunderts

Im Zuge der so genannten Nordwanderung des Ruhrbergbaus erreichte dieser den Raum Hamm erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Anfänge der Zeche Sachsen gingen dabei auf das Bestreben der Mansfeldschen Kupferschiefer bauenden Gewerkschaft, Eisleben, zurück, den Bedarf der eigenen Hüttenwerke mit Kohle- und Kokslieferungen zu decken. Der Name der Zeche bezog sich auf den Sitz der Gesellschaft, die schon zuvor und zu gleichem Zweck in Bochum-Langendreer die Zeche Mansfeld in Betrieb genommen hatte. Gegenüber den Zechen im mittleren und westlichen Ruhrgebiet bot die Zeche Sachsen wichtige Frachtvorteile bei den Kohle- und Kokslieferungen nach Mitteldeutschland.

Zwar wurde die Kohleförderung auf Sachsen 1914 aufgenommen, doch stagnierten die erforderlichen Aus- und Vorrichtungsarbeiten im Ersten Weltkrieg. Auch in der Zwischenkriegszeit hatte die Schachtanlage mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. In Anbetracht schwieriger Absatz- und Wirtschaftsverhältnisse wurde schon Ende 1932 die Stilllegung der Zeche ernsthaft erwogen. Die daraufhin erfolgte "Konzertierte Aktion" von Belegschaft, Werksleitung, Gemeinde- und Kreisverwaltung sowie anderer Stellen gegen den Stilllegungsbeschluss war ein spektakulärer Vorgang, der letztlich die Fortführung des Betriebes erreichte, zugleich aber auch eine Zäsur in der Zechengeschichte darstellte.

Jens Heckl:
Trade-Union Mining in the Principality of Minden and the County of Ravensberg 1740-1827, Part 2

The history of mining in the Principality of Minden and the County of Ravensberg was treated comprehensively for the first time by Gustav Griese in 1955. Building upon his research results, in subsequent decades studies repeatedly appeared dedicated either to the entire social relations of mining between the Weser and the Ems Rivers or to individual mining regions or individual mines in the areas mentioned. For all these contributions, in part, supplementary source material from various archives was evaluated and, in part, Griese's results were adopted uncritically. What has been missing to date is an overall account of trade-union mining in Minden-Ravensberg based on written documents which Griese could not take into consideration because numerous sources were not accessible to him.

Likewise, up until now, important historical facts - the significance of mining within the economic structure of the province of Minden-Ravensberg and the privileged trade union of Minden-Ravensberg founded in 1742, which was significant for the development of mining in the provinces mentioned, or even the trade unions existing alongside this trade union - were left out of account. The following contribution aims to investigate the formation and effects of trade unions both administratively and as enterprises in the period between 1741 and 1827, and to work out the significance of mining in Minden-Ravensberg within the economic structure of the province. After all, economic mining activity had the consequence that private mining, especially of hard coal, was able to be established for several decades, and was not short-lived as in the period before 1742. Trade-union mining, namely, developed into an economic factor of a province in the western part of the Prussian monarchy otherwise specialized in agriculture and linen production. In addition, the production of brandy and the sugar factory in Minden had local importance. Whether it be in regard to employment or its productive capacity, mining in Minden-Ravensberg was never to achieve the importance of Brandenburg's hard-coal mining, but nevertheless for a time held an important key-position in supplying the province with fuels.

Jens Heckl:
Gewerkschaftlicher Bergbau im Fürstentum Minden und in der Grafschaft Ravensberg 1740-1827, Teil 2

Die Geschichte des Bergbaus im Fürstentum Minden und in der Grafschaft Ravensberg hatte 1955 Gustav Griese erstmals umfassend thematisiert. Auf dessen Forschungsergebnisse aufbauend erschienen in den darauf folgenden Jahrzehnten immer wieder Studien, die sich entweder mit den gesamten bergbaulichen Verhältnissen zwischen Weser und Ems beschäftigten oder einzelnen Bergbauregionen bzw. Bergwerken in den genannten Territorien widmeten. Für all diese Beiträge waren zum Teil ergänzendes Quellenmaterial aus verschiedenen Archiven ausgewertet, zum Teil Grieses Darstellungen unkritisch übernommen worden. Was bislang fehlt, ist eine auf schriftliche Überlieferungen basierende Gesamtdarstellung des gewerkschaftlichen Bergbaus in Minden-Ravensberg, die Griese nicht verfassen konnte, weil ihm zahlreiche Quellen nicht zugänglich waren.

Ebenso blieben bisher wichtige historische Sachverhalte, die Bedeutung des Bergbaus innerhalb der Wirtschaftsstruktur der Provinz Minden-Ravensberg und der für die montanwirtschaftliche Entwicklung der genannten Provinzen bedeutsamen, 1742 gegründeten Minden-Ravensbergischen privilegierten Gewerkschaft oder gar der neben ihr existierenden Gewerkschaften unbeachtet. Der folgende Beitrag möchte die Herausbildung und das Wirken von Gewerkschaften sowohl administrativ als auch unternehmerisch im Zeitraum zwischen 1741 und 1827 untersuchen und den Stellenwert des Bergbaus in Minden-Ravensberg innerhalb des Wirtschaftsgefüges der Provinz herausarbeiten. Immerhin hatte die montanwirtschaftliche Tätigkeit zur Folge, dass sich privater Bergbau, vor allem auf Steinkohlen, für mehrere Jahrzehnte etablieren konnte, welcher nicht wie in der Zeit vor 1742 kurzlebig war. Der gewerkschaftliche Bergbau entwickelte sich nämlich zu einem Wirtschaftsfaktor einer ansonsten auf Landwirtschaft und Leinenproduktion spezialisierten Provinz im westlichen Teil der preußischen Monarchie. Darüber hinaus besaß die Branntweinproduktion und die Zuckerfabrik in Minden lokale Bedeutung. Der Bergbau in Minden-Ravensberg sollte - sei es beschäftigungspolitisch oder in seiner Förderkapazität - zwar nie die Bedeutung des märkischen Steinkohlenbergbaus erlangen, nahm aber zeitweilig eine wichtige Schlüsselposition bei der Versorgung der Provinz mit Brennstoffen ein.

Eckhard Oelke:
The Royal Brown Coal Mine Langenbogen (until 1840)

Among the many older brown coal mines once started in the Halle-Eisleben region, the Royal Langenbogen Mine was the best known. It owes its renown above all to two circumstances: the documented mention of its existence in 1691 which, falsely, was taken to be the beginning of brown coal extraction in the Halle-Eisleben region, and to the visit of Johann Wolfgang von Goethe on 19 July 1802 which is nothing less than a unique feature for brown coal mines. What Goethe did or said during his brief stay, we do not know. But already a few years earlier, in 1793 - a fact not previously known - the mine had an illustrious visitor who well could be called a Prussian king. Nevertheless, in 1957 Wilsdorf had reason to lament that detailed documentary material about the early period of the Langenbogen Mine was not available. The present article therefore treats for the first time the early phase of the Langenbogen Mine on the basis of archival sources and older secondary literature.

Eckhard Oelke:
Die königliche Braunkohlengrube Langenbogen (bis 1840)

Unter den vielen älteren einst im Raum Halle-Eisleben aufgenommenen Braunkohlegruben hatte die königliche Grube Langenbogen den größten Bekanntheitsgrad. Sie verdankte dies vor allem zwei Umständen: der urkundlich gesicherten Erwähnung aus dem Jahr 1691, die - zu Unrecht - als der Beginn der Braunkohlengewinnung im Raum Halle-Eisleben gewertet wurde und dem Besuch durch Johann Wolfgang von Goethe am 19. Juli 1802, der für die Braunkohlegruben nichts weniger als ein Alleinstellungsmerkmal ist. Was Goethe bei seinem kurzen Aufenthalt getan oder gesagt hat, wissen wir nicht. Doch hatte die Grube, was bisher nicht bekannt ist, schon einige Jahre zuvor, 1793, einen "hohen" Besucher, als den man wohl einen preußischen König bezeichnen kann. Dennoch hatte Wilsdorf 1957 Grund zu beklagen, dass über die frühe Zeit der Grube Langenbogen nähere Angaben fehlen. Der vorliegende Aufsatz behandelt deshalb erstmals die Frühphase der Grube Langenbogen auf der Grundlage archivalischer Quellen und älterer Sekundärliteratur.

Thomas Stöllner/Zeinolla Samaschev/Sergej Berdenov/Jan Cierny †/Jennifer Garner/Alexander Gorelik/Galina A. Kusch:
Miners' Graves in Bronze Age Tin Mines in Askaraly, Eastern Kazakhstan?

The question concerning the significance of burial offerings of tools in prehistoric societies forms the centrepiece of the article and is discussed by way of example against the background of a broad research debate using new finds in eastern Kazakhstan. There, during excavations carried out by the German Mining Museum in Bochum, the Margulan Archaeological Institute as well as the Eastern Kazakhstan Local Heritage Museum, a series of stone sledge-hammers was discovered that were placed in the bronze age graves of the Andronovo culture. The field of graves in Mastau Baj (Askaraly) is situated within a region used in the same period for tin mining. We therefore are dealing definitely with the deceased of the mining community in Askaraly. The burial offering of sledge-hammers, however, is unusual, and refers to the communal aspect: they were found not only in the burial boxes, but especially next to them and in the stone circles around the graves. It is thus a matter rather of a communal ritual. Therefore, the find is incorporated into the current research debate in a superficial way by asking only for the identification of craftsman or miner on the basis of such burial offerings. Rather, it is a matter of the extent to which social belonging and social norms are mirrored far more than individual status in the sense of individual achievement and life-history. This question thus touches upon the discussion about fragments from craftsmen's graves in elite graves of the metal ages in general.

Thomas Stöllner/Zeinolla Samaschev/Sergej Berdenov/Jan Cierny †/Jennifer Garner/Alexander Gorelik/Galina A. Kusch:
Bergmannsgräber im bronzezeitlichen Zinnrevier von Askaraly, Ostkasachstan?

Die Frage nach der Bedeutung von Gerätebeigaben in urgeschichtlichen Gesellschaften steht im Zentrum des Aufsatzes und wird vor dem Hintergrund einer breiten Forschungsdebatte an einem neuen Befund in Ostkasachstan exemplarisch diskutiert. Dort wurde bei Grabungen des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, des Archäologischen Instituts Margulan sowie des Ostkasachischen Heimatmuseums eine Reihe von Steinschlägeln entdeckt, die in und bei bronzezeitlichen Gräbern der Andronovo-Kultur niedergelegt waren. Das Gräberfeld von Mastau Baj (Askaraly) liegt innerhalb eines in derselben Zeit genutzten Zinnabbaugebietes. Mit Sicherheit haben wir es somit mit den Bestatteten der bergbautreibenden Gemeinschaft in Askaraly zu tun. Die Beigabe von Schlägeln ist aber ungewöhnlich. Ihre Niederlegung verweist auf diesen gemeinschaftlichen Aspekt: Man fand sie nicht nur in den Grabkisten, sondern vor allem neben diesen und in den Steinkreisen der Gräber. Es handelt sich also eher um einen gemeinschaftlichen Ritus. Insofern wird der Befund in die aktuelle Forschungsdebatte eingegliedert, die nur oberflächlich betrachtet nach der Identifikation eines Handwerkers oder Bergmannes anhand solcher Beigaben fragt. Vielmehr geht es vor allem darum, in wieweit sich gesellschaftliche Zugehörigkeit und gesellschaftliche Normen weit eher spiegeln als individueller Stand (im Sinne der individuellen Leistung und Lebensgeschichte). Somit berührt diese Frage auch die Diskussion um Versatzstücke von Handwerksgräbern in metallzeitlichen Elitegräbern ganz allgemein.