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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 126:
Mosaiken von Auguste Labouret (1871-1964) im Bahnhof von Lens, 1926Mosaiken von Auguste Labouret


Die nordfranzösische Stadt Lens gilt als eines der Zentren des nordfranzösischen Steinkohlenbergbaus. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden um die einst befestigte Stadt zahlreiche Steinkohlenbergwerke angelegt, die alsbald das Leben in der Stadt bestimmten. Im Verlauf der Kriegshandlungen des Ersten Weltkriegs sehr stark zerstört, erhielt das Stadtbild nach 1918 eine neue Gestalt. Zu den markantesten, neu errichteten öffentlichen Gebäuden gehört der Bahnhof der Stadt, der in den Jahren 1925 bis 1927 von dem Architekten Urbain Cassan (1890-1979) entworfen wurde. Der in Narbonne gebürtige Cassan war ein Schüler des großen Architekten Charles-Edouard Jeanneret-Gris, genannt Le Corbusier (1887-1965). Cassan war zwischen 1920 und 1929 leitender Architekt in der Bauabteilung der französischen Staatsbahnen Chemin de Fer du Nord et de l'État und erbaute in dieser Funktion u. a. auch die Empfangsgebäude von Senlis (1922), Saint-Quentin (1926) sowie von Brest und Noyon (beide im Jahre 1927). Das zur Erbauungszeit in der Öffentlichkeit heftig diskutierte Empfangsgebäude in Lens gestaltete er in Stilformen des Art Déco, wobei er dem Gebäude die Gestalt einer symbolisierten Lokomotive gab. Die großen Schwungräder deutete er in Bogenfenster um, der Dampfkessel wurde zur Empfangshalle und der Schornstein zum weithin sichtbaren Uhrturm.

Für den programmatischen Schmuck der Empfangshalle versicherte sich Cassan der Unterstützung des Glas- und Mosaikkünstlers Auguste Labouret (1871-1964), der zu den führenden französischen Künstlern des 20. Jahrhunderts in diesen Materialien zählt. Der in Laon geborene Labouret eröffnete nach dem Studium an der École des Beaux-Arts und an der École du Louvre (beide in Paris) ein eigenes Atelier in der französischen Hauptstadt und schuf innerhalb von 60 Jahren etwa einhundert Glasgemälde, Mosaiken, Zeichnungen und Gemälde für Kirchen in Frankreich und Kanada (darunter die Glasfenster in der Basilika Ste.-Anne de Beaupré in Quebec). Er kümmerte sich auch um die Dekoration auf den großen Atlantikdampfern (z. B. der "Normandie") sowie von Rathäusern, Spielcasinos usw. und nahm mit seinen Schöpfungen an den großen (Welt-)Ausstellungen u. a. in Mailand, Antwerpen, Lüttich, Brüssel, Rom, Philadelphia, New-York und Buenos Aires teil. 1962 schloss er sein Atelier, zwei Jahre später verstarb er in Hierson. Sein Wohnhaus ist heute ein Museum und dokumentiert das Œuvre von Auguste Labouret.

Die Mosaiken im Bahnhofsgebäude von Lens gehören zu den besten und charakteristischen Glasmosaiken von Labouret. Die hell gehaltene Halle des Empfangsgebäudes, die heute leider durch kleinteilige, moderne Einbauten ihre Großzügigkeit und Einheitlichkeit verloren hat, schmückte Cassan mit einem auf drei von vier Seiten der Halle umlaufenden Mosaikenfries, der den Bahnreisenden gleichsam in das bergmännische Milieu der Region einführte. Die Modernität dieser Mosaiken war für die Zeitgenossen auf der einen Seite Schock und Provokation, auf der anderen Seite erregten sie Aufsehen im Hinblick auf die Aussagekraft.

Diese Mosaiken verdienen eine nähere Betrachtung. Der Fries auf der linken Schmalseite der Empfangshalle zeigt zwei Bergleute mit einer Grubenlampe vor einer für das Revier charakteristischen Bergarbeitersiedlung ("coron"); nach rechts schließen sich Fördergerüste, Tagesanlagen in Gestalt von kubischen Werkshallen mit Flach-, Shed- und Satteldächern und Schornsteine sowie - im Zentrum - drei noch heute im Revier häufig anzutreffende Spitzkegelhalden an. Am rechten Bildrand verlassen fünf Bergleute ihren Arbeitsplatz auf der Zeche und gehen nach Hause. Sie tragen die für die Arbeitskleidung im nordfranzösischen Bergbau typischen flachen Lederhelme. Mächtige "Wolkenpakete" bilden den Hintergrund des in braunen, roten und grau-schwarzen Tönen gehaltenen Mosaiks.

Die Mosaiken auf der zweiten Schmalseite greifen die Thematik der Industrielandschaft auf: Wieder sind Tagesanlagen von Bergwerken (z. B. Fördermaschinenhäuser, Fördergerüste, Diffusoren, Kraftzentralen, Werkshallen und Schornsteine) vor Spitzkegelhalden und den für Labourets Schöpfungen charakteristisch gerundeten "Wolkenpaketen" dargestellt. Die Komposition der Darstellung ist auf die Mitte ausgerichtet, die Fluchtlinien der Gebäude zielen auf das Zentrum. Wiederum dominieren Braun- und Grautöne mit den hellen Farbwerten der Architekturen und der Wolken.

Die dritte Mosaikzone liegt über den Zugängen zu den Bahngleisen und ist dem Thema "Eisenbahn" gewidmet. Links und rechts werden Bahngebäude vorgestellt, zur Mitte hin stoßen in kühner Perspektive eine Dampflokomotive und ein Personenwagen vor, ein Wasserkran, Elektrizitätsmasten und -leitungen sowie Bahnsignale sind deutliche Symbole für eine neue, schnelle Epoche.

Die Mosaiken und das Bahnhofsgebäude der beiden Künstler Auguste Labouret und Urbain Cassan bilden ein bemerkenswertes Ensemble, das in programmatischer Weise und mit Stilmitteln und -formen des Art Déco auf das Steinkohlenrevier Nord-Pas de Calais Bezug nimmt. Es dokumentiert mit den Darstellungen der Tagesanlagen des Bergbaus und seinen Halden als weithin sichtbaren Zeichen den in der Region vorherrschenden Wirtschaftszweig; durch die Darstellung der Bergarbeiter in ihrer charakteristischen Kleidung - vor allem durch die Darstellung der flachen Filzhelme - finden auch die Bergleute und die im Revier lebenden und arbeitenden Menschen Erwähnung.

Labouret will seine Mosaiken als "Basis-Informationen" für den Reisenden verstanden wissen. Damit hat er einen Gedanken in künstlerischer Weise umgesetzt, wie man ihn auch in Deutschland z. B. in den Bahnhofsgebäuden von Herne und Bad Friedrichshall antreffen kann, bei denen eine Industrielandschaft mit ihren Förderanlagen als Glasmalerei bzw. Bergleute als Putzmalereien zur Dekoration anzutreffen sind. Die Mosaiken in Lens belegen diese enge, untrennbare und alle Bereiche im nordfranzösischen Steinkohlenrevier beherrschende Symbiose zwischen Industrie und Umwelt in den 1920er-Jahren, die bis in die 1980er-Jahre angedauert hat. Heute sind sie wertvolle Belege für und Erinnerungen an eine vergangene Zeit. Symptomatisch erscheint der Vorgang, dass die den Innenraum der Empfangshalle einst beherrschenden und prägenden Mosaiken durch die modernen Schaltereinbauten in ihrer Wirkung stark und unangemessen zurückgedrängt worden sind: Dies ist als eine signifikante Zeiterscheinung und als offensichtlicher Bruch mit einer fast drei Jahrhunderte lang andauernden Kulturepoche zu verstehen.

Dans la gare de Lens se trouve un chef d'oeuvre d'art témoignant la relation entre la région, la vie quotidienne et l'industrie minière. Cette gare SNCF fut complètement détruite durant la Premier Guerre Mondiale. Elle est reconstruite en 1926 par l'architecte Urbain Cassan, élève de Le Corbusier. L'architecture de la gare reconnue comme un des édifices les plus emblématiques de mouvement Art Déco, évoque la forme d'une locomotive. Lors de son inauguration, cette gare très moderne pour l'époque fait l'objet de nombreuses critiques. À l'intérieur on découvre des mosaïques aux formes géométriques d'inspiration cubiste dont l'auteur est Auguste Labouret. On imagine que, tout comme le bâtiment de la gare, elles ont dû choquer par leur modernité. À travers ses mosaïques, l'artiste témoigne de sa foi dans le progrès et rend hommage au travail des mineurs et à l'industrie minière.


LITERATUR:
Guide du visiteur, hrsg. v. Office de Tourisme Artois-Gohelle, Communauté d'Agglomération de Lens-Liévin, Région Nord Pas-de-Calais, Lens 2007, S. 28; Gares de banlieu, in: L'Architecture d'aujourd'hui 8, 1936, S. 26-32; Cassan, Urbain: Hommes, Maisons, Paysages: Essais sur l'Environnement Humain, Paris 1946; Day, Ginette: Auguste Labouret (1871-1964): Maîre verrier, maître mosaïste, in: Gauheria 2005, Nr. 57, S. 23-34.

Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 61, 2009, H. 1-2 (Beilage)