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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 127:
Girandole der Salinen-Sozietät von (Neu-)Sulza als Geschenk an Justizrat Salomo Friedrich HärtelGirandole der Salinen-Sozietät
Silber, gedrückt, getrieben, ziseliert und graviert, David Vollgold & Sohn, Berlin
Höhe 50,5 cm, 1869
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030006180001)


Zwischen Weimar und Naumburg liegt die Saline Sulza. Sie wird bereits im Jahre 1064 erwähnt und nahm über Jahrhunderte hinweg nur einen untergeordneten Rang innerhalb der mitteleuropäischen Salzwerke ein. Ein bemerkenswerter Aufschwung setzte im Jahre 1752 ein, nachdem der damals führende Salinist Joachim Friedrich von Beust (26. Dezember 1679 - 26. März 1771) die Saline erworben hatte und sie auch leitete. Er und seine Nachfolger aus der Familie von Beust ließen einen neuen Soleschacht niederbringen, die Gradierwerke erneuern, neue Siedehäuser errichten und eine Wasserkraftanlage erbauen. Zwischen 1845 und 1847 erhielt die Saline einen Bahnanschluss, bis 1855 war das Salzwerk auf Braunkohlenfeuerung umgestellt. Eine im Jahre 1893 niedergebrachte Bohrung bei Darnstedt förderte gesättigte Sohle, die der bis 1945 in Besitz der Familie von Beust bzw. von Inn- und Knyphausen befindlichen Saline das Überleben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sicherte. In dem seit 1948 volkseigenen Betrieb wurde noch bis September 1967 Siedesalz produziert. Seit 1847 existierte in Bad Sulza ein Solbad mit angeschlossenem Solefreibad. Die Salineneinrichtungen aus dem 19. Jahrhundert - u. a. Solebohrtürme, -behälter und Siedehäuser - sind einzigartige Technische Denkmale, die Geschichte der Salzerzeugung und des Bade- und Kurbetriebes werden im sehenswerten Salinenmuseum dokumentiert. Das Salzwerk sollte zum zentralen Salinemuseum der DDR ausgebaut werden.

Ein bislang unbekanntes Kunstwerk, dessen Entstehung unmittelbar mit diesem Salzwerk verbunden ist, stellt eine vierarmige, fünfflammige, aus 750er-Silber in Rokoko-Formen geschaffene Girandole dar, die im Jahre 2008 vom Deutschen Bergbau-Museum Bochum aus dem Kunsthandel erworben werden konnte. Sie wurde im Jahre 1869 von der renommierten Berliner Juwelier- und Goldschmiedewerkstatt David Vollgold & Sohn hergestellt und ist mit Ausnahme des erhöhten Fußes ein nahezu getreues Ebenbild der Girandole, die im Jahre 1906 an Heinrich Schröder, den Direktor des Hedwigsburger Kaliwerks, geschenkt worden ist. Diese Tatsache belegt, wie langlebig derartige Geschenke in bergmännischen Kreisen bisweilen verehrt worden sind (vgl. DER ANSCHNITT 58, 2006, Heft 1-2 [Beilage]).

Der mit einem "V" (für David Vollgold & Sohn) gestempelte Kerzenleuchter trägt am Standfuß die Inschrift "Dem/Herrn Justizrath Friedrich Salomo Haertel/dem unermuedlichen u. erfolgreichen/Vertreter ihrer Rechte./zu seinem/50jährigen Amts=Jubiläum/die/Salinen-Societät/Neusalza/am 10. October 1869". Damit sind der Adressat dieses kostbaren Geschenks und die Auftrag gebende Institution der Girandole bekannt.

Salomo Friedrich Härtel wurde nach den Angaben auf seinem noch auf dem Friedhof in Camburg vorhandenen Grabstein am 13. Juni 1791 geboren und verstarb am 14. September 1878 in Camburg. Er stand nach den Gravuren auf der Girandole und nach einem Gratulationsbrief des Direktors der Saline Neusulza und k. u. k. Ministerialrats Constantin Freiherrn von Beust (11. April 1806 - 22. März 1891) vom 11. Oktober 1869 seit dem 10. Oktober 1819 im Dienste der "Salinen-Societät", im Jahre 1869 also 50 Jahre.

Über seinen Geburtsort liegen keine Nachrichten vor, jedoch ist er vermutlich in der Stadt oder im Herzogtum Altenburg geboren worden, da ihn das "Staats- und Adresshandbuch des Herzogtums Sachsen-Altenburg" aus dem Jahre 1838 unter den "im Auslande wohnhaften Advocaten" auflistet, was voraussetzt, dass er zumindest altenburgischer Staatsbürger war. Im Jahre 1821 ist er Gerichtshalter des "Gräfl. u. Freyh. v. Beust'schen Erbgerichtes" im Amt Camburg. Dieses Amt gehörte bis 1825 zum Herzogtum Altenburg. Als im gleichen Jahr die Linie Sachsen-Gotha-Altenburg ausstarb, gelangte es zum Herzogtum Sachsen-Meiningen, weshalb Salomo Friedrich Härtel seitdem in den Staatshandbüchern des Herzogtums Sachsen-Meiningen auftaucht. 1846 wird Härtel im Staatshandbuch von 1853 als "Rechtsanwalt in Camburg" und als Stellvertreter des Landtagsabgeordneten Zeitschel in Prießnitz erwähnt, in den Staatshandbüchern der Jahre 1857 und 1861 unter den zur Praxis legitimierten Rechtsanwälten in Camburg und im Jahre 1864 als Rechtsanwalt und Beglaubigungsnotar geführt. 1869 wurde er "Ritter des Sachsen-Ernestinischen Hausordens II. Klasse", auch wird er in diesem Jahr erstmals als Justizrath bezeichnet. Wahrscheinlich hängen die Verleihung des Ordens und jene des "Characters als Justizrath" mit seinem Jubiläum bei der Salinen-Societät Sulza zusammen.

Nach einer ersten Durchsicht der im Museum Sulza aufbewahrten Salinenakten führte Härtel zu dieser Zeit alle wesentlichen Rechtsgeschäfte und Verhandlungen, den Schriftverkehr mit Gerichten, Ämtern, Staats- und Steuerbehörden sowie mit den Mitbesitzern der Saline. Nahezu alle in den Salinenakten vorhandenen Schriftstücke gingen durch Härtels Hand, wurden von ihm veranlasst, eigenhändig verfasst oder diktiert - es sind einige tausend Schriftstücke. Härtel arbeitete, obgleich sein Wohnort und die Saline lediglich einige Kilometer weit voneinander entfernt lagen, offenbar die meiste Zeit in Camburg, denn es existiert ein reger Schriftverkehr zwischen dem jeweiligen Salinenverwalter und dem Salinendirektor einerseits und Salomo Härtel andererseits, der sich durch die auch den unbedeutendsten Schriftstücken jeweils beigehefteten Briefumschläge die Beantwortung bzw. Durchführung der Aufträge nachweisen ließ.

Um das Jahr 1870 bildeten zehn Parteien die Salinen-Societät und besaßen Anteile an ihr, darunter der Schlosshauptmann und Kammerherr Graf von Haeseler, die Frau Generalmajor von Lauer-Münchhofen sowie die Gräfin von Keyserling, alle wohnhaft in Berlin. Diese drei Personen könnten den Weg zum Auftrag und zur Herstellung des Geschenks beim Berliner Hofjuwelier David Vollgold & Sohn weisen. Härtel selber fühlte sich durch dieses Geschenk offenbar sehr geehrt, sandte er doch am 25. Oktober 1869 ein Dankschreiben nach Wien an Friedrich Constantin Freiherrn von Beust: "Ew. Exzellenz statte ich, neben dem in beifolgendem Schreiben der hohen Neusulzaer Salinen-Gesellschaft ausgesprochenen Dank für die bei Gelegenheit meines Dienstjubiläums mir zu erkennen gegebene Zufriedenheit mit den Ihnen von mir geleisteten Diensten noch besonders hierdurch denselben ab, wozu ich mich so sehr verpflichtet fühle, da ich ja Ihnen zuerst Veranlassung und Art und Weise meines Verhältnisses zur Saline und dessen Gestaltung und Würdigung zu verdanken habe". Dieses Dankschreiben Härtels an Constantin von Beust füllt gut eine Seite eines längeren Schreibens aus, das aber im weiteren Verlauf vorrangig die Geschäfte der Saline behandelt. Härtel erwähnt die Girandole nicht und die im Schreiben angekündigte Ausfertigung seines Dankschreibens an die "hohe Neusulzaer Salinen-Gesellschaft" mag einen Dank für die Girandole enthalten haben, ist den Salinenakten der Jahre 1869 bis 1872 allerdings nicht beigebunden.

Härtels Tätigkeit für die Salinen-Societät Neusalza endete nicht im Jahre 1869, sondern erstreckte sich noch über die kommenden Jahre, so dass er weit mehr als 50 Jahre im Dienste der Salinen-Societät stand, zuletzt im hohen Alter - war er doch im Jahre 1869 bereits 78 Jahre alt. Offenbar konnte und wollte die Salinendirektion auf ihn als den besten Kenner der Rechtsgeschäfte der Salinen-Societät nicht verzichten. So ist die silberne Girandole ein wichtiges Zeugnis der Verbundenheit der Salinen-Societät mit "ihrem" verdienten Juristen und zugleich ein Kunstwerk einer der bedeutendsten Goldschmiedewerkstätten Preußens.


LITERATUR:
Staats- und Adresshandbuch des Herzogtums Sachsen-Altenburg, Altenburg 1838, S. 38; Herzoglich-Sachsen-Gotha- und Altenburgischer Hof- und Adreß-Kalender auf das Jahr Christi 1821, Altenburg 1821, S. 38; Wirth, Hermann: Die Sulzaer Saline. Geschichte und Pflege eines Denkmals der Produktionsgeschichte, Weimar 1984 (= Schriften der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar, Heft 31); Emons, Hans-Heinz/Walter, Hans-Henning: Alte Salinen in Mitteleuropa. Zur Geschichte der Siedesalzerzeugung vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Leipzig 1988, S. 113-115; Quellen und Auskünfte im Staatsarchiv Meiningen (Frau Witter), Saline- und Heimatmuseum Bad Sulza (Frau Homes), Kurgesellschaft Bad Sulza (Herr Carl), Museum Camburg (Frau Herzog), Kreisarchiv Saale-Holzland-Kreis (Frau Mehr), Herr Bona, Goslar.

Foto: R. Bona, Goslar

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 61, 2009, H. 3 (Beilage)