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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 128:
"Willkomm" in Gestalt eines Erzbergmanns (Trogträger)"Willkomm" in Gestalt eines Erzbergmanns
Meister T. M., Sachsen (Dresden/Freiberg ?), Ende 17. Jahrhundert (1680 ?)
Silber, stellenweise vergoldet, getrieben, gegossen, ziseliert, stellenweise gefasst, gemarkt Höhe 29 cm, Durchmesser am Boden 12,6 cm
Pauillac, Château Mouton Rothschild, Musée du Vin


Im Schloss Mouton Rothschild, einem der großen Weingüter des Médoc nahe der Stadt Pauillac (südwestlich von Bordeaux an der Gironde gelegen), befindet sich das "Musée du Vin" (Weinmuseum), das Teil des Besucherrundgangs ist und nach Voranmeldung besichtigt werden kann. Es beherbergt einen Teil der erstaunlichen und sehenswerten Kunstsammlungen des Hauses Rothschild.

Zu den in Pauillac ausgestellten Kunstobjekten gehört auch ein unbekanntes Meisterwerk bergbaulicher Kunst und Kultur, das bislang offenbar nur im Katalog des "Musée du Vin" in einer kleinen Abbildung publiziert wurde und deshalb von der montanhistorischen Forschung unbemerkt geblieben ist. Die aus Silber bestehende, stellenweise vergoldete und in Teilen sogar bemalte Figur stellt einen verschiedene Erze in einem Trog tragenden Bergmann dar (im Musée du Vin fälschlich als "porteur de charbon", d. h. Kohlenbergmann, bezeichnet). Sein Haupt einschließlich der Schultern und des Erztroges lässt sich von den Schultern lösen und kann als Trinkgefäß verwendet werden. Damit gehört die 29 cm hohe Figur zu den "Willkomms", die gerne bei höfischen Anlässen im Barockzeitalter am Anfang des Festmahls als Erstaunen auslösende "ice breakers" verwendet worden sind.

Die Bergmannsfigur steht auf einem kreisrunden, vergoldeten, mit ziselierten Bogenmustern überzogenen Sockel, der auf seiner Oberseite brockiges, silbern und golden gehaltenes Felsgestein imitiert. Auf dem schmalen Sockelrand findet sich eine Punze mit den Initialen "TM", die wohl vom Silberschmied stammen dürfte; eine Stadtmarke sucht man vergebens.

Der Trogträger, der auf dem Sockel durch zwei Schrauben befestigt ist, steht breitbeinig, fast statuarisch und aufrecht dar, sein Oberkörper ist aufgerichtet, sein Haupt erhoben und der Blick geradeaus auf den Betrachter gerichtet. In seiner angewinkelt ausgestreckten und halb geöffneten Hand hat er einen heute verlorenen Gegenstand gehalten, mit seiner Linken hält er seinen mit schimmernden silbernen Erzen gefüllten, vergoldeten und an den Griffen reich verzierten Trog, der auf seiner linken Schulter aufliegt. Das von sorgfältig ondulierten, lang herab fallenden Haarlocken gerahmte Gesicht zeigt eine Kraft strotzende Physiognomie mit einer weit vorspringenden Nase, deutlich gezeichneten, geöffneten Augen, vortretenden Wangen, einem starken Kinn und einem kräftigen Schnauzbart.

Der Bergmann trägt die sächsische Tracht in einer ausgesprochen aufwändigen Form, so dass man in der Figur das Abbild eines in der Hierarchie des "sächsischen Bergstaates" hoch gestellten Vertreters erkennen muss. Auf dem Haupt trägt er einen flachen schwarzen Schachthut mit goldener Schleife auf der Vorderseite. Der Oberkörper ist mit einem silberfarbenen, langärmeligen Hemd mit reicher Fältelung auf der Brust sowie mit einem goldenen, vorne mit Borden dekorierten Wams gekleidet; auf seinem Rücken liegt eine kapuzenartige, dreieckige Gugel mit reich verzierten Bordüren. Vor dem Leib trägt der Bergmann eine schwarz gehaltene Tscherpertasche mit einem seitlich angefügten Tscherpermesser mit goldenem Griff in einer dunklen Scheide. Das lange Leder, die Kniehosen, die Kniebügel, die Kniestrümpfe und die Schuhe sind schwarz gefasst und mit Gold akzentuiert, im Fall der Schuhe durch goldene Schnallen; die Hose ist demgegenüber silberfarben gegeben.

Es liegt nahe, in dieser so reich und kostbar gearbeiteten Figur eine hochgestellte Persönlichkeit aus dem sächsischen Herrscherhaus erkennen zu wollen. Zu dieser Annahme tragen auch die Physiognomie mit der starken Nase und die kraftvolle Statuarik bei. Es mag deshalb mit aller Vorsicht erlaubt sein, in der Figur einen sächsischen Kurfürsten erkennen zu wollen.

Leider ist über die Geschichte und Herkunft des "Willkomms" von Pauillac außer der dürren Herkunftsangabe "aus dem Kunsthandel" nichts bekannt. Die stilistische Nähe zu einem vergleichbaren "Willkomm" aus dem Jahre 1680 aus der Werkstatt des Freiberger Silberschmieds Andreas Müller (heute im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg) macht eine Entstehung in Dresden bzw. Freiberg wahrscheinlich: Dieser "Willkomm" - ebenfalls mit abnehmbarem Kopfbereich - zeigt einen stehenden Bergmann in reicher Paradetracht mit geschulterter Barte. Zudem haben die Forschungen von Siegfried Ludwig den Nachweis von zwei "Willkomms" erbracht, die im Jahre 1680 in Freiberg hergestellt worden sind. Damals wütete im Juni in Dresden die Pest, weshalb Kurfürst Johann Georg II. seine Residenz nach Freiberg in das Schloss Freudenstein verlegte. In Benselers Chronik wird dann auf einen zweiten "Willkomm" als Geschenk der Stadt an den Kurfürsten Bezug genommen: "Mitten in diesen Nöthen hatte gleichwol der Rath es für angemessen erachtet den Churfürst zu seinem Namenstage am 24. Juni mit einem silbernen und vergoldeten Pokal in Form eines Bergmanns und 2 Faß Rheinwein und 4 Faß Bier anzubinden und ebenso der Churfürstin am 22. Juli als ihrem Namenstag einen ähnlichen Pokal in Form eines Schmelzers zu überreichen. Beide Geschenke kosteten der Stadt 424 Thlr. 2 Gr." Das so genannte Trinkbuch des Schlosses Freudenstein, ein kleines in rotes Leder gebundenes und mit Goldschnitt geschmücktes Buch, bestätigt diese Angaben wie folgt: "Nachdem dem durchlauchtigsten Fürsten und Herren, Herren Johann Georgen dem Andern, des Heyl. Röm. Reichs Erz Marschallen und Churfürsten bei dessen letzterlebten Nahmenstag, den 24. Juny 1680, von E. E. Rath alhier in Freyberg zu erweisung ihrer untterthänigsten Devotion ein Silberner Bergmann und Dero Gemahlin am Maria Magdalenen-Tage ein Silberner Schmelzer praesentiert worden, so haben Se. Churf. Durchlaucht zu Sachsen, Herzog Johann George der Dritte bey einnehmung der Erbhuldigung alhier am 19. Aprilis 1681 solche zum Willkommen bey dem Schloß Freudenstein deputiret, und dabey gnädigst verordnet, daß ein ieder, der solche redlich austrincket, seinen Nahmen in dieses hierzu gewidmete Buch mit eigner Hand verzeichnen solle".

Nach den Eintragungen, die zum großen Teil mit eigener Hand erfolgten, haben zahlreiche Persönlichkeiten aus diesem Humpen getrunken. 1682 waren es u. a. Herzog Christian zu Sachsen, 1686 Herzog Wilhelm von Holstein, Johann Georg IV. von Sachsen, Herzog Friedrich August, 1719 der König von Dänemark und Norwegen mit August dem Starken auf der Durchreise nach Karlsbad, 1717 der Prinz von Hessen-Kassel, Herzog von Weißenfels, am 1. August 1730 die Herzöge Ernst August von Sachsen-Weimar und Christian Wilhelm von Sachsen-Gotha, am 11. August 1739 Moritz Herzog von Sachsen, der berüchtigte Heinrich Graf von Brühl, Joseph Fürst von Fürstenberg, Christian Fürst von Schwarzburg, 1765 Prinz Friedrich August, Prinz Xaverius, Carl Herzog zu Kurland, 1769 Friedrich August und Amalia Auguste von Sachsen, 1812 Carl August Herzog zu Sachsen-Weimar und Eisenach (der Freund Goethes), 1819 Erzherzog Leopold von Österreich und 1822 König Anton und Maria Theresia von Sachsen.

Die beiden Trinkgefäße wurden nach dem Tod des Kurfürsten am 11. August 1680 zunächst im Schloss aufbewahrt. Der "Willkomm" in Gestalt eines Bergmanns ist im Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum zu bewundern, von dem anderen in Gestalt des Schmelzers fehlt bislang jede Spur. Vielleicht könnte es sich bei dem Rothschild'schen "Willkomm" um den zweiten "Willkomm" handeln, obwohl die historische Beschreibung der Figur als die eines "Schmelzers" dieser Deutung entgegensteht. Vielleicht ist aber auch eine Missdeutung des Trogträgers als Schmelzer erfolgt, wenngleich dies bei dem hohen Bekanntheitsgrad der unterschiedlichen Aufgabenbereiche im sächsischen Montanwesen nicht sehr wahrscheinlich ist.

So bleiben zahlreiche Fragen zu diesem "Willkomm" ungelöst; auch ist die Meistermarke bislang nicht identifiziert worden. Beachtenswert erscheint aber, dass im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts in der Blüte des sächsischen Kurfürstentums mindestens zwei bergmännische "Willkomms" in Sachsen hergestellt worden sind. Wenn sich die oben erwähnte Annahme einer Identifizierung des Rothschild'schen "Willkomms" als Geschenk des Freiberger Rates an die Kurfürstin als nicht tragfähig erweisen sollte, dann wird man das Exemplar in Pauillac als einen weiteren Beleg für die große Beliebtheit derartiger "Willkomms" betrachten dürfen. Wie dem auch sei - zweifelsfrei wird man den Rothschild'schen "Willkomm" als ein außergewöhnliches und kostbares Meisterwerk bergmännischer Kunst und Kultur bewerten dürfen, das sich bruchlos in die großen künstlerischen Leistungen des sächsischen Bergbaus in dessen Blütezeit einordnet.


LITERATUR:
Mouton Rothschild (Hrsg.): Le Musée du Vin dans l'Art, bearb. v. Herman, Sandrine/Pascal, Julien/Knaup, Peter, Paris 2003, S. 270; Ludwig, Siegfried: Zwei figürliche Silberhumpen von 1680 (Ms. im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg); Knebel, Konrad: Meister der Freiberger Goldschmiedekunst, in: Kunstgewerbeblatt für das Gold-, Silber- und Feinmetallgewerbe 5, 1898, Heft 2; ders.: Freibergs Goldschmiedeinnung, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 31, 1894, S. 70; Gerlach, H.: Ein Trinkbuch von unserem Schloß Freudenstein, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 25, 1888, S. 35; Meisterwerke bergbaulicher Kunst vom 13. bis 19. Jahrhundert, hrsg. v. Slotta, Rainer/Bartels, Christoph u. a., Bochum 1990, S. 543-546, Kat.-Nr. 235; herzlichen Dank schuldet der Verf. der Baronesse Philippine de Rothschild, M. Hervé Berland sowie den Damen Marie-Françoise Parinet und Cécile Loqmane (alle Pauillac); frdl. Hinweis von Bergassessor a. D. Franz-Rudolf Limper, Dortmund.

Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 61, 2009, H. 4 (Beilage)