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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 129:
Vortragekreuz der Freiberger Knappschaft
Freiberg, Samuel Linse (vor 1634-1680), 1663 und älter (1594)Vortragekreuz der Freiberger Knappschaft
Silber, Holz, z. T. vergoldet, Höhe 80 cm
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030005455001)


Die Knappschaften verfügten in der Regel über eigene Insignien, die sie bei besonderen Anlässen zeigten, um auf die Gemeinschaft der Bergleute aufmerksam zu machen. Dies gilt auch für die Freiberger Knappschaft, die zunächst unter der Bezeichnung "die löbliche Bergwerksverbrüderung" bzw. die "Häuerzeche" oder auch die "Brüderzeche der Knappschaft" bekannt geworden ist. Nach den Statuten und Gesetzen der "Verbrüderung" konnten die Berg- und Hüttenbeamten, die Häuer und Schmelzer, aber auch Bürger der Stadt Freiberg, "so Gewerken waren und es mit der Knappschaft hielten", beitreten, als Vorsteher fungierten der Bergmeister, die Geschworenen, vier Zechmeister und zwölf Älteste. Die Freiberger Bergknappschaft entstand zwischen 1350 und 1400, urkundlich ist sie 1400 fassbar (als "Knappschaft" im Jahre 1426). Die Hütten- oder Schmelzerknappschaft von Freiberg lässt sich seit dem 15. Jahrhundert nachweisen: Sie behielt lange Zeit ihre Selbstständigkeit, vermutlich bis in das 19. Jahrhundert.

Die Freiberger Bergknappschaft verfügte über einen außerordentlich reichen Bestand an silbernen und vergoldeten Insignien und Kleinodien, z. B. über ein aus dem Jahre 1534 stammendes silbernes Schlägel-und-Eisen-Gezähe, einen Weinhumpen, zwei Tafelaufsätze, zehn Weinkannen aus Zinn, einen silbernen Bergtrog u. a. m.; sie befinden sich heute im Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum und legen beredtes Zeugnis ab vom Solidaritäts- und Anspruchsbewusstsein der Freiberger Bergknappschaft. Zu den Kleinodien und Insignien der Hüttenknappschaft zählen u. a. ein Vortragekreuz (s. u.), ein Schenkkrug aus Zinn (1550), das silberne Hüttengezähe (1660) und der silberne Deckelhumpen (1684, ebenfalls im Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum).

Zu den bedeutendsten Insignien der Bergknappschaft gehörte auch ein silbernes Vortragekreuz, das von Gerlach bei seiner Inventarisation im Jahre 1869 nicht, hingegen von Langer im Zusammenhang mit dem Begräbniswesen für das Jahr 1675 als "hölzernes, übergoldetes Kruzifix" erwähnt wird. Es wurde bei Begräbnissen von Knappschaftsmitgliedern auf den Sarg gelegt und symbolisierte damit die Zugehörigkeit des Verstorbenen zur Freiberger Knappschaft.

Dieses Vortragekreuz besteht aus teilweise vergoldetem Silberblech, das einen Holzkern umschließt, der auf der Rückseite sichtbar bleibt. Der Christuskorpus ist massiv gearbeitet, das abflatternde Lendentuch, der Bart und das Haar, die Dornenkrone und der Nimbus wurden vergoldet. An den Enden des Balkenkreuzes wurden Dreipassmotive mit vergoldeten Cherubimköpfen sowie die Kreuzes-Inschrift "INRI" nachträglich befestigt; sie überschneiden teilweise die gravierte Rankenornamentik. Auf das obere Ende des senkrechten Kreuzbalkens gravierte man einen sächsischen Wappenschild mit dem Bergbauemblem Schlägel und Eisen, das teilweise von einem Cherubim überragt wird, zu Füßen des Kuzifixus findet man das kursächsisches Wappen und einen Totenkopf mit gekreuzten Beinknochen als Symbol für den "alten Adam". Wiederum darunter erkennt man zwei vergoldete, kniende Bergleute in Altvätertracht mit Leder und Gugel, die als Adoranten seitlich eines vergoldeten Berges auftreten, der eine Gebirgslandschaft mit einer Schachtkaue zeigt. Die darunter angebrachte vergoldete Szene zeigt den das Kreuz tragenden Christus auf seinem Weg nach Golgatha. Ein Cherubim schließt die Komposition ab.

Die Stifter des Vortragekreuzes in seiner gegenwärtigen Gestalt haben sich auf dessen Rückseite innerhalb einer ovalen Kartusche verewigt: "H[err] Caspar von Schönberg / Berghauptm[ann] / H[err]Theodorus Siegel Bergambtsverw[alter] / H[err] Balthasar Meützner B[erg] M[eister] / Geschwo[orene] / H[err] Paul Schmohl / H[err] Michael Hörnig / H[err] Nicol[aus] Schmieder / H[err] Barthol[omäus] Ienighen / Vorsteh[er] dieser Begr[äbnis]Gesel[l]scha[ft] / A[nno] C[hristi] / 1663. Damit ist das Vortragekreuz datiert, darüber hinaus findet sich auf dem Kreuzschenkel das Beschauzeichen "F" (für Freiberg) und das Meisterzeichen "DB" im Rechteck sowie auf der Rückseite der Kartusche das Beschauzeichen des Meisters "SL" im Wappenschild. Damit ist als Schöpfer des Kreuzes Samuel Linse identifiziert, einer der herausragenden Goldschmiede der Stadt Freiberg in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er ist dort im Jahre 1634 als Meister, von 1653 bis 1677 als Obermeister und 1680 als gestorben nachgewiesen.

Das von Samuel Linse geschaffene Kreuz inkorporiert ältere Teile aus dem Jahre 1594: Dazu gehört vor allem die vergoldete, gerundete Gebirgslandschaft unterhalb des Korpus Christi, auf deren Bodenplatte die Namen der damaligen Innungsmitglieder stehen ("CRISTOF+V+SCHEN/BERG+BEGKHAUPMAN+/PAVL+STEIGER+BERGKVERWALTR+/BALTZER+SATLER+BERGKMEISTE/R+MERTEN+SEIFNER+GESCHWOER/ALTEN+ANDERS+ANTONIVS+KEF/ERT+DAVIDT+SCHOLTZ+IACOB+STROBEL/ZECHMEISTER+GEORG+SCHNABEL/DAVIDT+SOHR+ELIAS+BEIERT+HANS/DOLHOB+ANNO 1+5+9+4+IRER"). Christoph von Schönberg lebte von 1586 bis 1650: Damit wird ersichtlich, dass das Vortragekreuz am Ende des 16. Jahrhunderts von einem unbekannten Gold- und Silberschmied hergestellt und 1664 von Samuel Linse auf Wunsch von Berghauptmann Caspar von Schönberg (1621-1676, seit 1650 Berghauptmann) "modernisiert" worden ist.

Wie lange das Knappschaftskreuz von der Freiberger Knappschaft genutzt worden ist, bleibt im Dunkel der Geschichte. Nach Angaben eines ehemaligen Besitzers soll es von Freiberg als Geschenk der "Berggesellschaft" (Knappschaft?) an den Mainzer Kurfürsten Anselm Franz von Ingelheim (1622-1695) gelangt sein. Aus welchem Grunde diese Schenkung - nach Langer erst nach 1675 - erfolgt ist, konnte bislang nicht eruiert werden, wahrscheinlich haben die Beziehungen zwischen dem sächsischen und dem Mainzer Kurfürsten eine entscheidende Rolle gespielt. Der Mainzer Erzbischof und Kurfürst wird als durchsetzungsfähiger Regent mit besten Beziehungen beschrieben, 1679 versah er auch das Amt eines Erzkanzlers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und krönte u. a. die Kaiserin Eleonore Magdalena, die Gattin von Kaiser Leopold I., und ein Jahr später deren Sohn Joseph I. zum König von Ungarn. Der Mainzer Erzbischof und Kurfürst bewahrte das Freiberger Kreuz jedenfalls in seinem Schloss Mespelbrunn im Spessart auf, wo es sich noch 1925 in der Schlosskapelle befunden hat. 1973 wurde es erstmals in Berlin versteigert und gelangte wahrscheinlich in Berliner Privatbesitz. Beim Tode des Besitzers (2001) wurde es erneut in Berlin versteigert: Damals (2002) konnte das Deutsche Bergbau-Museum den Zuschlag erhalten, seitdem gehört es zu dessen kostbarsten Exponaten.

Bemerkenswert ist der Befund, dass das Vortragekreuz der Freiberger Bergknappschaft aus dem Jahre 1663 ein sehr ähnliches Gegenstück für die Freiberger Hüttenknappschaft aus dem Jahre 1664 (heute im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg; Inv.-Nr. 50/219) besitzt. Seine Beschau- und Meisterzeichen ("F") stehen für Freiberg (1660-1667) und für Samuel Linse ("SL"). Dieses zweite Vortragekreuz ist allerdings "aus einem Guss" hergestellt und verwendet keine älteren Bestandteile. Die lange Inschrift auf der Rückseite belegt aber, dass das Kreuz im Jahre 1664 angefertigt worden ist, als "Casspar von Schönbergk vff Pfarroda Bergk Haubtmann" und "Gottfried Christian Lingke Ober=Hüttenverwalter" in verantwortlicher Stellung im kurfürstlichen sächsischen Oberhüttenamt Dienst taten.

Das Vortragekreuz der Freiberger Bergknappschaft gilt neben dem des zeitgleichen Kreuzes der Freiberger Hüttenknappschaft als das kultur- und sozialgeschichtlich wohl bedeutendste Beispiel einer knappschaftlichen Insignie aus der Frühen Neuzeit.


LITERATUR:
Gerlach, Heinrich: Die Freiberger Berg- und Hütten-Knappschaft, ihre Kleinodien und Feste, in: Mittheilungen des Freiberger Alterthumsvereins 7, 1867 (Freiberg 1869), S. 595-616; Knebel, Konrad: Die Freiberger Goldschmiede-Innung, ihre Meister und deren Werke. Ein Beitrag zur Geschichte des sächsischen Kunsthandwerks, in: ebd. 31, 1894 (Freiberg 1895), S. 1-149, hier S. 53-55; Langer, Johannes: Die Freiberger Bergknappschaft, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 61, 1931, S. 18-92 sowie 62, 1932, S. 68-88; Wilsdorf, Helmut: Zur Geschichte der erzgebirgischen Bergbrüderschaften und Bergknappschaften, Schneeberg 1986; ders./Bock, Steffen: Die letzte Schicht. Bergmännische Grabgebräuche, Chemnitz 1993, S. 27; Eckardt, Anton: Altes Kunstgewerbe in Unterfranken, Augsburg 1925, S. 37; Neubert, Eberhard: Auflegekreuz der Hüttenknappschaft. 1664, in: Der Silberne Boden. Kunst und Bergbau in Sachsen, hrsg. v. Bachmann, Manfred/Marx, Harald/Wächtler, Eberhard, Leipzig 1990, S. 325 f., Kat.-Nr. 501 und Abb. S. 339; Auktionshaus Leo Spik, Auktion 484, 2. bis 4. Juli 1973, S. 115, Nr. 996 und Tafel 58; Auktionshaus Leo Spik, Auktion 603, 7. bis 10. Dezember 2003, S. 78, Nr. 874 und Farbtafel 22; frdl. Hinweise von Dr. Ulrich Thiel, Freiberg, sowie Prof. Dr. Winfried und Dr. Ilse Baer, Berlin.

Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 61, 2009, H. 5-6 (Beilage)