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Michael Farrenkopf:
Die Radbod-Katastrophe von 1908 -
Dimensionen des Explosionsrisikos im Ruhrbergbau des Kaiserreiches

Vorliegender Aufsatz behandelt die Explosionskatastrophe auf der Zeche Radbod in Hamm-Bockum-Hövel, die sich in den frühen Morgenstunden des 12. November 1908 ereignete und das schwerste Grubenunglück darstellte, das den Ruhrbergbau bis dahin betroffen hatte. Dabei soll das Ereignis bei aller Einzigartigkeit, die technischen Katastrophen immer zukommt und die vor allem das Gedenken an die Opfer bedingt, in den größeren Zusammenhang der Entwicklung des Explosionsrisikos im industriellen Steinkohlenbergbau eingeordnet werden.

Aus montanhistorischer Sicht kommt es darauf an, eine nüchterne Abwägung der Quellen vorzunehmen, um so eine sachliche Beurteilung des Geschehens anzustreben. Dies scheint gerade hinsichtlich von Bergbaukatastrophen am Vorabend des Ersten Weltkriegs geboten, sind die zeitgenössischen Berichte, Gutachten und Zeitzeugenaussagen doch in der Regel auf den ersten Blick widersprüchlich, zum Teil auch von ohnmächtiger Trauer, vermeintlich technizistischer Fachrhetorik und nicht zuletzt politischer Absicht durchzogen. Es begegnen sich bergmännische Solidarität, Herrentum, Mitgefühl und auch Wut, wie Klaus Tenfelde jüngst die sozialen und mentalen Hintergründe deutscher Reaktionen auf die 1906 im nordfranzösischen Courrières erfolgte Explosionskatastrophe mit sogar über 1000 getöteten Bergleuten beschrieben hat. Gleiches gilt für die Explosion von Radbod, das "deutsche Courrières", wie es in den Parlamentsdebatten denn auch bezeichnet wurde. Erst die Einordnung der Massenunglücke in das Gefüge der wilhelminischen Klassengesellschaft, deren imperialen Geltungswillens und der darin mit kollektiven Überzeugungen handelnden Akteure macht es möglich, die Ebene der zeitgenössischen Schuldzuweisungen und Schicksalsanrufungen zu verlassen.