Rolf Harald Stensland:
Georg Heinrich Wahle -
On the Achievements of a Saxon/German Mining Law Expert

The article presents research on the steps taken by Germany to cover its need for sulphur products for both military and civilian purposes during the First World War, casting light on important aspects of the country's efforts to be self-sufficient in this area. It reduces the significance of Norwegian exports of pyrites for the German war effort, but shows that there was a supply problem behind the country's need for peace with Soviet Russia - a peace which Lenin also needed to ensure the success of the Revolution.

Rolf Harald Stensland:
Deutschlands Schwefelbedarf und die Notwendigkeit zum Friedensschluss mit Sowjetrussland im Ersten Weltkrieg

Der vorliegende Beitrag stellt Forschungsarbeiten zu den Maßnahmen vor, die Deutschland während des Ersten Weltkriegs zur Deckung seines Bedarfs an Schwefelprodukten für sowohl militärische als auch zivile Zwecke ergriffen hat, und beleuchtet wichtige Aspekte hinsichtlich der Bemühungen des Landes um Autarkie in diesem Bereich. Die norwegischen Schwefelkiesexporte für die deutschen Kriegsanstrengungen werden in diesem Beitrag zwar in ihrer Bedeutung herabgesetzt, jedoch wird darin aufgezeigt, dass ein diesbezüglicher Versorgungsengpass hinter der Notwendigkeit des Landes zum Friedensschluss mit Sowjetrussland steckte - einem Frieden, den auch Lenin brauchte, um den Erfolg der Revolution sicherzustellen.

Manfred Mücke:
Georg Heinrich Wahle -
On the Achievements of a Saxon/German Mining Law Expert

Georg Heinrich Wahle (1854-1934) was one of the most renowned German mining law experts in the late 19th and early 20th centuries. He was in the service of the Kingdom of Saxony and later of the Free State of Saxony. At the end of his professional life in 1922, Wahle was President of the State Court of Auditors of the Free State of Saxony; before that, from 1917, he had filled the same position at the Court of Auditors of the Kingdom of Saxony. He thus held an important office. The State Court of Auditors was a constitutional body (Article 48 of the Constitution of the Free State of Saxony of 1 November 1920). But it seems his true enthusiasm was primarily reserved for mining law and not so much for the review of the state's invoices. For decades, mining legislation in Saxony was closely linked with his name. Moreover, and not unjustly, Georg Heinrich Wahle was considered one of the most important personalities of the Mining Academy of Freiberg.

The article analyses German and Saxon mining law at the time when Wahle lived and explains his understanding of mining law, his opinion on a Reich mining law as well as his views on some legal concepts of Saxon mining law. It also refers to Georg Heinrich Wahle's relationship with other important mining law experts of his time.

Manfred Mücke:
Georg Heinrich Wahle -
Zum Werk eines sächsisch-deutschen Bergrechtlers

Georg Heinrich Wahle (1854-1934) war einer der bekanntesten deutschen Bergrechtler Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Er stand im Dienste des Königreichs und des späteren Freistaates Sachsen. Am Ende seines Berufslebens 1922 war er Präsident des Staatsrechnungshofes im Freistaat; zuvor seit 1917 in gleicher Funktion in der Oberrechnungskammer des Königreichs. Er bekleidete damit ein bedeutendes Amt. Der Staatsrechnungshof war ein Verfassungsorgan (Art. 48 der Verfassung des Freistaates Sachsen vom 1. November 1920). Seine Liebe galt aber wohl nicht so sehr der Prüfung der gesamten Rechnungen des Staates, sondern vor allem dem Bergrecht. Jahrzehntelang war die Berggesetzgebung in Sachsen mit seinem Namen verbunden. Georg Heinrich Wahle wird - nicht zu Unrecht - daneben zu den "wichtigsten Persönlichkeiten der Bergakademie" Freiberg gerechnet.

Der Beitrag analysiert das Bergrecht in Deutschland und Sachsen zu Wahles Lebzeiten und erläutert dessen Verständnis vom Bergrecht, seine Haltung zu einem deutschen Reichsberggesetz sowie seine Ansichten zu einigen Rechtsinstituten des sächsischen Bergrechts. Schließlich geht er auf das Verhältnis von Georg Heinrich Wahle zu den maßgeblichen Bergrechtlern seiner Zeit ein.

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 126:
Mosaiken von Auguste Labouret (1871-1964) im Bahnhof von Lens, 1926Mosaiken von Auguste Labouret


Die nordfranzösische Stadt Lens gilt als eines der Zentren des nordfranzösischen Steinkohlenbergbaus. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden um die einst befestigte Stadt zahlreiche Steinkohlenbergwerke angelegt, die alsbald das Leben in der Stadt bestimmten. Im Verlauf der Kriegshandlungen des Ersten Weltkriegs sehr stark zerstört, erhielt das Stadtbild nach 1918 eine neue Gestalt. Zu den markantesten, neu errichteten öffentlichen Gebäuden gehört der Bahnhof der Stadt, der in den Jahren 1925 bis 1927 von dem Architekten Urbain Cassan (1890-1979) entworfen wurde. Der in Narbonne gebürtige Cassan war ein Schüler des großen Architekten Charles-Edouard Jeanneret-Gris, genannt Le Corbusier (1887-1965). Cassan war zwischen 1920 und 1929 leitender Architekt in der Bauabteilung der französischen Staatsbahnen Chemin de Fer du Nord et de l'État und erbaute in dieser Funktion u. a. auch die Empfangsgebäude von Senlis (1922), Saint-Quentin (1926) sowie von Brest und Noyon (beide im Jahre 1927). Das zur Erbauungszeit in der Öffentlichkeit heftig diskutierte Empfangsgebäude in Lens gestaltete er in Stilformen des Art Déco, wobei er dem Gebäude die Gestalt einer symbolisierten Lokomotive gab. Die großen Schwungräder deutete er in Bogenfenster um, der Dampfkessel wurde zur Empfangshalle und der Schornstein zum weithin sichtbaren Uhrturm.

Für den programmatischen Schmuck der Empfangshalle versicherte sich Cassan der Unterstützung des Glas- und Mosaikkünstlers Auguste Labouret (1871-1964), der zu den führenden französischen Künstlern des 20. Jahrhunderts in diesen Materialien zählt. Der in Laon geborene Labouret eröffnete nach dem Studium an der École des Beaux-Arts und an der École du Louvre (beide in Paris) ein eigenes Atelier in der französischen Hauptstadt und schuf innerhalb von 60 Jahren etwa einhundert Glasgemälde, Mosaiken, Zeichnungen und Gemälde für Kirchen in Frankreich und Kanada (darunter die Glasfenster in der Basilika Ste.-Anne de Beaupré in Quebec). Er kümmerte sich auch um die Dekoration auf den großen Atlantikdampfern (z. B. der "Normandie") sowie von Rathäusern, Spielcasinos usw. und nahm mit seinen Schöpfungen an den großen (Welt-)Ausstellungen u. a. in Mailand, Antwerpen, Lüttich, Brüssel, Rom, Philadelphia, New-York und Buenos Aires teil. 1962 schloss er sein Atelier, zwei Jahre später verstarb er in Hierson. Sein Wohnhaus ist heute ein Museum und dokumentiert das Œuvre von Auguste Labouret.

Die Mosaiken im Bahnhofsgebäude von Lens gehören zu den besten und charakteristischen Glasmosaiken von Labouret. Die hell gehaltene Halle des Empfangsgebäudes, die heute leider durch kleinteilige, moderne Einbauten ihre Großzügigkeit und Einheitlichkeit verloren hat, schmückte Cassan mit einem auf drei von vier Seiten der Halle umlaufenden Mosaikenfries, der den Bahnreisenden gleichsam in das bergmännische Milieu der Region einführte. Die Modernität dieser Mosaiken war für die Zeitgenossen auf der einen Seite Schock und Provokation, auf der anderen Seite erregten sie Aufsehen im Hinblick auf die Aussagekraft.

Diese Mosaiken verdienen eine nähere Betrachtung. Der Fries auf der linken Schmalseite der Empfangshalle zeigt zwei Bergleute mit einer Grubenlampe vor einer für das Revier charakteristischen Bergarbeitersiedlung ("coron"); nach rechts schließen sich Fördergerüste, Tagesanlagen in Gestalt von kubischen Werkshallen mit Flach-, Shed- und Satteldächern und Schornsteine sowie - im Zentrum - drei noch heute im Revier häufig anzutreffende Spitzkegelhalden an. Am rechten Bildrand verlassen fünf Bergleute ihren Arbeitsplatz auf der Zeche und gehen nach Hause. Sie tragen die für die Arbeitskleidung im nordfranzösischen Bergbau typischen flachen Lederhelme. Mächtige "Wolkenpakete" bilden den Hintergrund des in braunen, roten und grau-schwarzen Tönen gehaltenen Mosaiks.

Die Mosaiken auf der zweiten Schmalseite greifen die Thematik der Industrielandschaft auf: Wieder sind Tagesanlagen von Bergwerken (z. B. Fördermaschinenhäuser, Fördergerüste, Diffusoren, Kraftzentralen, Werkshallen und Schornsteine) vor Spitzkegelhalden und den für Labourets Schöpfungen charakteristisch gerundeten "Wolkenpaketen" dargestellt. Die Komposition der Darstellung ist auf die Mitte ausgerichtet, die Fluchtlinien der Gebäude zielen auf das Zentrum. Wiederum dominieren Braun- und Grautöne mit den hellen Farbwerten der Architekturen und der Wolken.

Die dritte Mosaikzone liegt über den Zugängen zu den Bahngleisen und ist dem Thema "Eisenbahn" gewidmet. Links und rechts werden Bahngebäude vorgestellt, zur Mitte hin stoßen in kühner Perspektive eine Dampflokomotive und ein Personenwagen vor, ein Wasserkran, Elektrizitätsmasten und -leitungen sowie Bahnsignale sind deutliche Symbole für eine neue, schnelle Epoche.

Die Mosaiken und das Bahnhofsgebäude der beiden Künstler Auguste Labouret und Urbain Cassan bilden ein bemerkenswertes Ensemble, das in programmatischer Weise und mit Stilmitteln und -formen des Art Déco auf das Steinkohlenrevier Nord-Pas de Calais Bezug nimmt. Es dokumentiert mit den Darstellungen der Tagesanlagen des Bergbaus und seinen Halden als weithin sichtbaren Zeichen den in der Region vorherrschenden Wirtschaftszweig; durch die Darstellung der Bergarbeiter in ihrer charakteristischen Kleidung - vor allem durch die Darstellung der flachen Filzhelme - finden auch die Bergleute und die im Revier lebenden und arbeitenden Menschen Erwähnung.

Labouret will seine Mosaiken als "Basis-Informationen" für den Reisenden verstanden wissen. Damit hat er einen Gedanken in künstlerischer Weise umgesetzt, wie man ihn auch in Deutschland z. B. in den Bahnhofsgebäuden von Herne und Bad Friedrichshall antreffen kann, bei denen eine Industrielandschaft mit ihren Förderanlagen als Glasmalerei bzw. Bergleute als Putzmalereien zur Dekoration anzutreffen sind. Die Mosaiken in Lens belegen diese enge, untrennbare und alle Bereiche im nordfranzösischen Steinkohlenrevier beherrschende Symbiose zwischen Industrie und Umwelt in den 1920er-Jahren, die bis in die 1980er-Jahre angedauert hat. Heute sind sie wertvolle Belege für und Erinnerungen an eine vergangene Zeit. Symptomatisch erscheint der Vorgang, dass die den Innenraum der Empfangshalle einst beherrschenden und prägenden Mosaiken durch die modernen Schaltereinbauten in ihrer Wirkung stark und unangemessen zurückgedrängt worden sind: Dies ist als eine signifikante Zeiterscheinung und als offensichtlicher Bruch mit einer fast drei Jahrhunderte lang andauernden Kulturepoche zu verstehen.

Dans la gare de Lens se trouve un chef d'oeuvre d'art témoignant la relation entre la région, la vie quotidienne et l'industrie minière. Cette gare SNCF fut complètement détruite durant la Premier Guerre Mondiale. Elle est reconstruite en 1926 par l'architecte Urbain Cassan, élève de Le Corbusier. L'architecture de la gare reconnue comme un des édifices les plus emblématiques de mouvement Art Déco, évoque la forme d'une locomotive. Lors de son inauguration, cette gare très moderne pour l'époque fait l'objet de nombreuses critiques. À l'intérieur on découvre des mosaïques aux formes géométriques d'inspiration cubiste dont l'auteur est Auguste Labouret. On imagine que, tout comme le bâtiment de la gare, elles ont dû choquer par leur modernité. À travers ses mosaïques, l'artiste témoigne de sa foi dans le progrès et rend hommage au travail des mineurs et à l'industrie minière.


LITERATUR:
Guide du visiteur, hrsg. v. Office de Tourisme Artois-Gohelle, Communauté d'Agglomération de Lens-Liévin, Région Nord Pas-de-Calais, Lens 2007, S. 28; Gares de banlieu, in: L'Architecture d'aujourd'hui 8, 1936, S. 26-32; Cassan, Urbain: Hommes, Maisons, Paysages: Essais sur l'Environnement Humain, Paris 1946; Day, Ginette: Auguste Labouret (1871-1964): Maîre verrier, maître mosaïste, in: Gauheria 2005, Nr. 57, S. 23-34.

Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 61, 2009, H. 1-2 (Beilage)

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 128:
"Willkomm" in Gestalt eines Erzbergmanns (Trogträger)"Willkomm" in Gestalt eines Erzbergmanns
Meister T. M., Sachsen (Dresden/Freiberg ?), Ende 17. Jahrhundert (1680 ?)
Silber, stellenweise vergoldet, getrieben, gegossen, ziseliert, stellenweise gefasst, gemarkt Höhe 29 cm, Durchmesser am Boden 12,6 cm
Pauillac, Château Mouton Rothschild, Musée du Vin


Im Schloss Mouton Rothschild, einem der großen Weingüter des Médoc nahe der Stadt Pauillac (südwestlich von Bordeaux an der Gironde gelegen), befindet sich das "Musée du Vin" (Weinmuseum), das Teil des Besucherrundgangs ist und nach Voranmeldung besichtigt werden kann. Es beherbergt einen Teil der erstaunlichen und sehenswerten Kunstsammlungen des Hauses Rothschild.

Zu den in Pauillac ausgestellten Kunstobjekten gehört auch ein unbekanntes Meisterwerk bergbaulicher Kunst und Kultur, das bislang offenbar nur im Katalog des "Musée du Vin" in einer kleinen Abbildung publiziert wurde und deshalb von der montanhistorischen Forschung unbemerkt geblieben ist. Die aus Silber bestehende, stellenweise vergoldete und in Teilen sogar bemalte Figur stellt einen verschiedene Erze in einem Trog tragenden Bergmann dar (im Musée du Vin fälschlich als "porteur de charbon", d. h. Kohlenbergmann, bezeichnet). Sein Haupt einschließlich der Schultern und des Erztroges lässt sich von den Schultern lösen und kann als Trinkgefäß verwendet werden. Damit gehört die 29 cm hohe Figur zu den "Willkomms", die gerne bei höfischen Anlässen im Barockzeitalter am Anfang des Festmahls als Erstaunen auslösende "ice breakers" verwendet worden sind.

Die Bergmannsfigur steht auf einem kreisrunden, vergoldeten, mit ziselierten Bogenmustern überzogenen Sockel, der auf seiner Oberseite brockiges, silbern und golden gehaltenes Felsgestein imitiert. Auf dem schmalen Sockelrand findet sich eine Punze mit den Initialen "TM", die wohl vom Silberschmied stammen dürfte; eine Stadtmarke sucht man vergebens.

Der Trogträger, der auf dem Sockel durch zwei Schrauben befestigt ist, steht breitbeinig, fast statuarisch und aufrecht dar, sein Oberkörper ist aufgerichtet, sein Haupt erhoben und der Blick geradeaus auf den Betrachter gerichtet. In seiner angewinkelt ausgestreckten und halb geöffneten Hand hat er einen heute verlorenen Gegenstand gehalten, mit seiner Linken hält er seinen mit schimmernden silbernen Erzen gefüllten, vergoldeten und an den Griffen reich verzierten Trog, der auf seiner linken Schulter aufliegt. Das von sorgfältig ondulierten, lang herab fallenden Haarlocken gerahmte Gesicht zeigt eine Kraft strotzende Physiognomie mit einer weit vorspringenden Nase, deutlich gezeichneten, geöffneten Augen, vortretenden Wangen, einem starken Kinn und einem kräftigen Schnauzbart.

Der Bergmann trägt die sächsische Tracht in einer ausgesprochen aufwändigen Form, so dass man in der Figur das Abbild eines in der Hierarchie des "sächsischen Bergstaates" hoch gestellten Vertreters erkennen muss. Auf dem Haupt trägt er einen flachen schwarzen Schachthut mit goldener Schleife auf der Vorderseite. Der Oberkörper ist mit einem silberfarbenen, langärmeligen Hemd mit reicher Fältelung auf der Brust sowie mit einem goldenen, vorne mit Borden dekorierten Wams gekleidet; auf seinem Rücken liegt eine kapuzenartige, dreieckige Gugel mit reich verzierten Bordüren. Vor dem Leib trägt der Bergmann eine schwarz gehaltene Tscherpertasche mit einem seitlich angefügten Tscherpermesser mit goldenem Griff in einer dunklen Scheide. Das lange Leder, die Kniehosen, die Kniebügel, die Kniestrümpfe und die Schuhe sind schwarz gefasst und mit Gold akzentuiert, im Fall der Schuhe durch goldene Schnallen; die Hose ist demgegenüber silberfarben gegeben.

Es liegt nahe, in dieser so reich und kostbar gearbeiteten Figur eine hochgestellte Persönlichkeit aus dem sächsischen Herrscherhaus erkennen zu wollen. Zu dieser Annahme tragen auch die Physiognomie mit der starken Nase und die kraftvolle Statuarik bei. Es mag deshalb mit aller Vorsicht erlaubt sein, in der Figur einen sächsischen Kurfürsten erkennen zu wollen.

Leider ist über die Geschichte und Herkunft des "Willkomms" von Pauillac außer der dürren Herkunftsangabe "aus dem Kunsthandel" nichts bekannt. Die stilistische Nähe zu einem vergleichbaren "Willkomm" aus dem Jahre 1680 aus der Werkstatt des Freiberger Silberschmieds Andreas Müller (heute im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg) macht eine Entstehung in Dresden bzw. Freiberg wahrscheinlich: Dieser "Willkomm" - ebenfalls mit abnehmbarem Kopfbereich - zeigt einen stehenden Bergmann in reicher Paradetracht mit geschulterter Barte. Zudem haben die Forschungen von Siegfried Ludwig den Nachweis von zwei "Willkomms" erbracht, die im Jahre 1680 in Freiberg hergestellt worden sind. Damals wütete im Juni in Dresden die Pest, weshalb Kurfürst Johann Georg II. seine Residenz nach Freiberg in das Schloss Freudenstein verlegte. In Benselers Chronik wird dann auf einen zweiten "Willkomm" als Geschenk der Stadt an den Kurfürsten Bezug genommen: "Mitten in diesen Nöthen hatte gleichwol der Rath es für angemessen erachtet den Churfürst zu seinem Namenstage am 24. Juni mit einem silbernen und vergoldeten Pokal in Form eines Bergmanns und 2 Faß Rheinwein und 4 Faß Bier anzubinden und ebenso der Churfürstin am 22. Juli als ihrem Namenstag einen ähnlichen Pokal in Form eines Schmelzers zu überreichen. Beide Geschenke kosteten der Stadt 424 Thlr. 2 Gr." Das so genannte Trinkbuch des Schlosses Freudenstein, ein kleines in rotes Leder gebundenes und mit Goldschnitt geschmücktes Buch, bestätigt diese Angaben wie folgt: "Nachdem dem durchlauchtigsten Fürsten und Herren, Herren Johann Georgen dem Andern, des Heyl. Röm. Reichs Erz Marschallen und Churfürsten bei dessen letzterlebten Nahmenstag, den 24. Juny 1680, von E. E. Rath alhier in Freyberg zu erweisung ihrer untterthänigsten Devotion ein Silberner Bergmann und Dero Gemahlin am Maria Magdalenen-Tage ein Silberner Schmelzer praesentiert worden, so haben Se. Churf. Durchlaucht zu Sachsen, Herzog Johann George der Dritte bey einnehmung der Erbhuldigung alhier am 19. Aprilis 1681 solche zum Willkommen bey dem Schloß Freudenstein deputiret, und dabey gnädigst verordnet, daß ein ieder, der solche redlich austrincket, seinen Nahmen in dieses hierzu gewidmete Buch mit eigner Hand verzeichnen solle".

Nach den Eintragungen, die zum großen Teil mit eigener Hand erfolgten, haben zahlreiche Persönlichkeiten aus diesem Humpen getrunken. 1682 waren es u. a. Herzog Christian zu Sachsen, 1686 Herzog Wilhelm von Holstein, Johann Georg IV. von Sachsen, Herzog Friedrich August, 1719 der König von Dänemark und Norwegen mit August dem Starken auf der Durchreise nach Karlsbad, 1717 der Prinz von Hessen-Kassel, Herzog von Weißenfels, am 1. August 1730 die Herzöge Ernst August von Sachsen-Weimar und Christian Wilhelm von Sachsen-Gotha, am 11. August 1739 Moritz Herzog von Sachsen, der berüchtigte Heinrich Graf von Brühl, Joseph Fürst von Fürstenberg, Christian Fürst von Schwarzburg, 1765 Prinz Friedrich August, Prinz Xaverius, Carl Herzog zu Kurland, 1769 Friedrich August und Amalia Auguste von Sachsen, 1812 Carl August Herzog zu Sachsen-Weimar und Eisenach (der Freund Goethes), 1819 Erzherzog Leopold von Österreich und 1822 König Anton und Maria Theresia von Sachsen.

Die beiden Trinkgefäße wurden nach dem Tod des Kurfürsten am 11. August 1680 zunächst im Schloss aufbewahrt. Der "Willkomm" in Gestalt eines Bergmanns ist im Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum zu bewundern, von dem anderen in Gestalt des Schmelzers fehlt bislang jede Spur. Vielleicht könnte es sich bei dem Rothschild'schen "Willkomm" um den zweiten "Willkomm" handeln, obwohl die historische Beschreibung der Figur als die eines "Schmelzers" dieser Deutung entgegensteht. Vielleicht ist aber auch eine Missdeutung des Trogträgers als Schmelzer erfolgt, wenngleich dies bei dem hohen Bekanntheitsgrad der unterschiedlichen Aufgabenbereiche im sächsischen Montanwesen nicht sehr wahrscheinlich ist.

So bleiben zahlreiche Fragen zu diesem "Willkomm" ungelöst; auch ist die Meistermarke bislang nicht identifiziert worden. Beachtenswert erscheint aber, dass im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts in der Blüte des sächsischen Kurfürstentums mindestens zwei bergmännische "Willkomms" in Sachsen hergestellt worden sind. Wenn sich die oben erwähnte Annahme einer Identifizierung des Rothschild'schen "Willkomms" als Geschenk des Freiberger Rates an die Kurfürstin als nicht tragfähig erweisen sollte, dann wird man das Exemplar in Pauillac als einen weiteren Beleg für die große Beliebtheit derartiger "Willkomms" betrachten dürfen. Wie dem auch sei - zweifelsfrei wird man den Rothschild'schen "Willkomm" als ein außergewöhnliches und kostbares Meisterwerk bergmännischer Kunst und Kultur bewerten dürfen, das sich bruchlos in die großen künstlerischen Leistungen des sächsischen Bergbaus in dessen Blütezeit einordnet.


LITERATUR:
Mouton Rothschild (Hrsg.): Le Musée du Vin dans l'Art, bearb. v. Herman, Sandrine/Pascal, Julien/Knaup, Peter, Paris 2003, S. 270; Ludwig, Siegfried: Zwei figürliche Silberhumpen von 1680 (Ms. im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg); Knebel, Konrad: Meister der Freiberger Goldschmiedekunst, in: Kunstgewerbeblatt für das Gold-, Silber- und Feinmetallgewerbe 5, 1898, Heft 2; ders.: Freibergs Goldschmiedeinnung, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 31, 1894, S. 70; Gerlach, H.: Ein Trinkbuch von unserem Schloß Freudenstein, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 25, 1888, S. 35; Meisterwerke bergbaulicher Kunst vom 13. bis 19. Jahrhundert, hrsg. v. Slotta, Rainer/Bartels, Christoph u. a., Bochum 1990, S. 543-546, Kat.-Nr. 235; herzlichen Dank schuldet der Verf. der Baronesse Philippine de Rothschild, M. Hervé Berland sowie den Damen Marie-Françoise Parinet und Cécile Loqmane (alle Pauillac); frdl. Hinweis von Bergassessor a. D. Franz-Rudolf Limper, Dortmund.

Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 61, 2009, H. 4 (Beilage)

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 127:
Girandole der Salinen-Sozietät von (Neu-)Sulza als Geschenk an Justizrat Salomo Friedrich HärtelGirandole der Salinen-Sozietät
Silber, gedrückt, getrieben, ziseliert und graviert, David Vollgold & Sohn, Berlin
Höhe 50,5 cm, 1869
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030006180001)


Zwischen Weimar und Naumburg liegt die Saline Sulza. Sie wird bereits im Jahre 1064 erwähnt und nahm über Jahrhunderte hinweg nur einen untergeordneten Rang innerhalb der mitteleuropäischen Salzwerke ein. Ein bemerkenswerter Aufschwung setzte im Jahre 1752 ein, nachdem der damals führende Salinist Joachim Friedrich von Beust (26. Dezember 1679 - 26. März 1771) die Saline erworben hatte und sie auch leitete. Er und seine Nachfolger aus der Familie von Beust ließen einen neuen Soleschacht niederbringen, die Gradierwerke erneuern, neue Siedehäuser errichten und eine Wasserkraftanlage erbauen. Zwischen 1845 und 1847 erhielt die Saline einen Bahnanschluss, bis 1855 war das Salzwerk auf Braunkohlenfeuerung umgestellt. Eine im Jahre 1893 niedergebrachte Bohrung bei Darnstedt förderte gesättigte Sohle, die der bis 1945 in Besitz der Familie von Beust bzw. von Inn- und Knyphausen befindlichen Saline das Überleben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sicherte. In dem seit 1948 volkseigenen Betrieb wurde noch bis September 1967 Siedesalz produziert. Seit 1847 existierte in Bad Sulza ein Solbad mit angeschlossenem Solefreibad. Die Salineneinrichtungen aus dem 19. Jahrhundert - u. a. Solebohrtürme, -behälter und Siedehäuser - sind einzigartige Technische Denkmale, die Geschichte der Salzerzeugung und des Bade- und Kurbetriebes werden im sehenswerten Salinenmuseum dokumentiert. Das Salzwerk sollte zum zentralen Salinemuseum der DDR ausgebaut werden.

Ein bislang unbekanntes Kunstwerk, dessen Entstehung unmittelbar mit diesem Salzwerk verbunden ist, stellt eine vierarmige, fünfflammige, aus 750er-Silber in Rokoko-Formen geschaffene Girandole dar, die im Jahre 2008 vom Deutschen Bergbau-Museum Bochum aus dem Kunsthandel erworben werden konnte. Sie wurde im Jahre 1869 von der renommierten Berliner Juwelier- und Goldschmiedewerkstatt David Vollgold & Sohn hergestellt und ist mit Ausnahme des erhöhten Fußes ein nahezu getreues Ebenbild der Girandole, die im Jahre 1906 an Heinrich Schröder, den Direktor des Hedwigsburger Kaliwerks, geschenkt worden ist. Diese Tatsache belegt, wie langlebig derartige Geschenke in bergmännischen Kreisen bisweilen verehrt worden sind (vgl. DER ANSCHNITT 58, 2006, Heft 1-2 [Beilage]).

Der mit einem "V" (für David Vollgold & Sohn) gestempelte Kerzenleuchter trägt am Standfuß die Inschrift "Dem/Herrn Justizrath Friedrich Salomo Haertel/dem unermuedlichen u. erfolgreichen/Vertreter ihrer Rechte./zu seinem/50jährigen Amts=Jubiläum/die/Salinen-Societät/Neusalza/am 10. October 1869". Damit sind der Adressat dieses kostbaren Geschenks und die Auftrag gebende Institution der Girandole bekannt.

Salomo Friedrich Härtel wurde nach den Angaben auf seinem noch auf dem Friedhof in Camburg vorhandenen Grabstein am 13. Juni 1791 geboren und verstarb am 14. September 1878 in Camburg. Er stand nach den Gravuren auf der Girandole und nach einem Gratulationsbrief des Direktors der Saline Neusulza und k. u. k. Ministerialrats Constantin Freiherrn von Beust (11. April 1806 - 22. März 1891) vom 11. Oktober 1869 seit dem 10. Oktober 1819 im Dienste der "Salinen-Societät", im Jahre 1869 also 50 Jahre.

Über seinen Geburtsort liegen keine Nachrichten vor, jedoch ist er vermutlich in der Stadt oder im Herzogtum Altenburg geboren worden, da ihn das "Staats- und Adresshandbuch des Herzogtums Sachsen-Altenburg" aus dem Jahre 1838 unter den "im Auslande wohnhaften Advocaten" auflistet, was voraussetzt, dass er zumindest altenburgischer Staatsbürger war. Im Jahre 1821 ist er Gerichtshalter des "Gräfl. u. Freyh. v. Beust'schen Erbgerichtes" im Amt Camburg. Dieses Amt gehörte bis 1825 zum Herzogtum Altenburg. Als im gleichen Jahr die Linie Sachsen-Gotha-Altenburg ausstarb, gelangte es zum Herzogtum Sachsen-Meiningen, weshalb Salomo Friedrich Härtel seitdem in den Staatshandbüchern des Herzogtums Sachsen-Meiningen auftaucht. 1846 wird Härtel im Staatshandbuch von 1853 als "Rechtsanwalt in Camburg" und als Stellvertreter des Landtagsabgeordneten Zeitschel in Prießnitz erwähnt, in den Staatshandbüchern der Jahre 1857 und 1861 unter den zur Praxis legitimierten Rechtsanwälten in Camburg und im Jahre 1864 als Rechtsanwalt und Beglaubigungsnotar geführt. 1869 wurde er "Ritter des Sachsen-Ernestinischen Hausordens II. Klasse", auch wird er in diesem Jahr erstmals als Justizrath bezeichnet. Wahrscheinlich hängen die Verleihung des Ordens und jene des "Characters als Justizrath" mit seinem Jubiläum bei der Salinen-Societät Sulza zusammen.

Nach einer ersten Durchsicht der im Museum Sulza aufbewahrten Salinenakten führte Härtel zu dieser Zeit alle wesentlichen Rechtsgeschäfte und Verhandlungen, den Schriftverkehr mit Gerichten, Ämtern, Staats- und Steuerbehörden sowie mit den Mitbesitzern der Saline. Nahezu alle in den Salinenakten vorhandenen Schriftstücke gingen durch Härtels Hand, wurden von ihm veranlasst, eigenhändig verfasst oder diktiert - es sind einige tausend Schriftstücke. Härtel arbeitete, obgleich sein Wohnort und die Saline lediglich einige Kilometer weit voneinander entfernt lagen, offenbar die meiste Zeit in Camburg, denn es existiert ein reger Schriftverkehr zwischen dem jeweiligen Salinenverwalter und dem Salinendirektor einerseits und Salomo Härtel andererseits, der sich durch die auch den unbedeutendsten Schriftstücken jeweils beigehefteten Briefumschläge die Beantwortung bzw. Durchführung der Aufträge nachweisen ließ.

Um das Jahr 1870 bildeten zehn Parteien die Salinen-Societät und besaßen Anteile an ihr, darunter der Schlosshauptmann und Kammerherr Graf von Haeseler, die Frau Generalmajor von Lauer-Münchhofen sowie die Gräfin von Keyserling, alle wohnhaft in Berlin. Diese drei Personen könnten den Weg zum Auftrag und zur Herstellung des Geschenks beim Berliner Hofjuwelier David Vollgold & Sohn weisen. Härtel selber fühlte sich durch dieses Geschenk offenbar sehr geehrt, sandte er doch am 25. Oktober 1869 ein Dankschreiben nach Wien an Friedrich Constantin Freiherrn von Beust: "Ew. Exzellenz statte ich, neben dem in beifolgendem Schreiben der hohen Neusulzaer Salinen-Gesellschaft ausgesprochenen Dank für die bei Gelegenheit meines Dienstjubiläums mir zu erkennen gegebene Zufriedenheit mit den Ihnen von mir geleisteten Diensten noch besonders hierdurch denselben ab, wozu ich mich so sehr verpflichtet fühle, da ich ja Ihnen zuerst Veranlassung und Art und Weise meines Verhältnisses zur Saline und dessen Gestaltung und Würdigung zu verdanken habe". Dieses Dankschreiben Härtels an Constantin von Beust füllt gut eine Seite eines längeren Schreibens aus, das aber im weiteren Verlauf vorrangig die Geschäfte der Saline behandelt. Härtel erwähnt die Girandole nicht und die im Schreiben angekündigte Ausfertigung seines Dankschreibens an die "hohe Neusulzaer Salinen-Gesellschaft" mag einen Dank für die Girandole enthalten haben, ist den Salinenakten der Jahre 1869 bis 1872 allerdings nicht beigebunden.

Härtels Tätigkeit für die Salinen-Societät Neusalza endete nicht im Jahre 1869, sondern erstreckte sich noch über die kommenden Jahre, so dass er weit mehr als 50 Jahre im Dienste der Salinen-Societät stand, zuletzt im hohen Alter - war er doch im Jahre 1869 bereits 78 Jahre alt. Offenbar konnte und wollte die Salinendirektion auf ihn als den besten Kenner der Rechtsgeschäfte der Salinen-Societät nicht verzichten. So ist die silberne Girandole ein wichtiges Zeugnis der Verbundenheit der Salinen-Societät mit "ihrem" verdienten Juristen und zugleich ein Kunstwerk einer der bedeutendsten Goldschmiedewerkstätten Preußens.


LITERATUR:
Staats- und Adresshandbuch des Herzogtums Sachsen-Altenburg, Altenburg 1838, S. 38; Herzoglich-Sachsen-Gotha- und Altenburgischer Hof- und Adreß-Kalender auf das Jahr Christi 1821, Altenburg 1821, S. 38; Wirth, Hermann: Die Sulzaer Saline. Geschichte und Pflege eines Denkmals der Produktionsgeschichte, Weimar 1984 (= Schriften der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar, Heft 31); Emons, Hans-Heinz/Walter, Hans-Henning: Alte Salinen in Mitteleuropa. Zur Geschichte der Siedesalzerzeugung vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Leipzig 1988, S. 113-115; Quellen und Auskünfte im Staatsarchiv Meiningen (Frau Witter), Saline- und Heimatmuseum Bad Sulza (Frau Homes), Kurgesellschaft Bad Sulza (Herr Carl), Museum Camburg (Frau Herzog), Kreisarchiv Saale-Holzland-Kreis (Frau Mehr), Herr Bona, Goslar.

Foto: R. Bona, Goslar

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 61, 2009, H. 3 (Beilage)

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 129:
Vortragekreuz der Freiberger Knappschaft
Freiberg, Samuel Linse (vor 1634-1680), 1663 und älter (1594)Vortragekreuz der Freiberger Knappschaft
Silber, Holz, z. T. vergoldet, Höhe 80 cm
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030005455001)


Die Knappschaften verfügten in der Regel über eigene Insignien, die sie bei besonderen Anlässen zeigten, um auf die Gemeinschaft der Bergleute aufmerksam zu machen. Dies gilt auch für die Freiberger Knappschaft, die zunächst unter der Bezeichnung "die löbliche Bergwerksverbrüderung" bzw. die "Häuerzeche" oder auch die "Brüderzeche der Knappschaft" bekannt geworden ist. Nach den Statuten und Gesetzen der "Verbrüderung" konnten die Berg- und Hüttenbeamten, die Häuer und Schmelzer, aber auch Bürger der Stadt Freiberg, "so Gewerken waren und es mit der Knappschaft hielten", beitreten, als Vorsteher fungierten der Bergmeister, die Geschworenen, vier Zechmeister und zwölf Älteste. Die Freiberger Bergknappschaft entstand zwischen 1350 und 1400, urkundlich ist sie 1400 fassbar (als "Knappschaft" im Jahre 1426). Die Hütten- oder Schmelzerknappschaft von Freiberg lässt sich seit dem 15. Jahrhundert nachweisen: Sie behielt lange Zeit ihre Selbstständigkeit, vermutlich bis in das 19. Jahrhundert.

Die Freiberger Bergknappschaft verfügte über einen außerordentlich reichen Bestand an silbernen und vergoldeten Insignien und Kleinodien, z. B. über ein aus dem Jahre 1534 stammendes silbernes Schlägel-und-Eisen-Gezähe, einen Weinhumpen, zwei Tafelaufsätze, zehn Weinkannen aus Zinn, einen silbernen Bergtrog u. a. m.; sie befinden sich heute im Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum und legen beredtes Zeugnis ab vom Solidaritäts- und Anspruchsbewusstsein der Freiberger Bergknappschaft. Zu den Kleinodien und Insignien der Hüttenknappschaft zählen u. a. ein Vortragekreuz (s. u.), ein Schenkkrug aus Zinn (1550), das silberne Hüttengezähe (1660) und der silberne Deckelhumpen (1684, ebenfalls im Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum).

Zu den bedeutendsten Insignien der Bergknappschaft gehörte auch ein silbernes Vortragekreuz, das von Gerlach bei seiner Inventarisation im Jahre 1869 nicht, hingegen von Langer im Zusammenhang mit dem Begräbniswesen für das Jahr 1675 als "hölzernes, übergoldetes Kruzifix" erwähnt wird. Es wurde bei Begräbnissen von Knappschaftsmitgliedern auf den Sarg gelegt und symbolisierte damit die Zugehörigkeit des Verstorbenen zur Freiberger Knappschaft.

Dieses Vortragekreuz besteht aus teilweise vergoldetem Silberblech, das einen Holzkern umschließt, der auf der Rückseite sichtbar bleibt. Der Christuskorpus ist massiv gearbeitet, das abflatternde Lendentuch, der Bart und das Haar, die Dornenkrone und der Nimbus wurden vergoldet. An den Enden des Balkenkreuzes wurden Dreipassmotive mit vergoldeten Cherubimköpfen sowie die Kreuzes-Inschrift "INRI" nachträglich befestigt; sie überschneiden teilweise die gravierte Rankenornamentik. Auf das obere Ende des senkrechten Kreuzbalkens gravierte man einen sächsischen Wappenschild mit dem Bergbauemblem Schlägel und Eisen, das teilweise von einem Cherubim überragt wird, zu Füßen des Kuzifixus findet man das kursächsisches Wappen und einen Totenkopf mit gekreuzten Beinknochen als Symbol für den "alten Adam". Wiederum darunter erkennt man zwei vergoldete, kniende Bergleute in Altvätertracht mit Leder und Gugel, die als Adoranten seitlich eines vergoldeten Berges auftreten, der eine Gebirgslandschaft mit einer Schachtkaue zeigt. Die darunter angebrachte vergoldete Szene zeigt den das Kreuz tragenden Christus auf seinem Weg nach Golgatha. Ein Cherubim schließt die Komposition ab.

Die Stifter des Vortragekreuzes in seiner gegenwärtigen Gestalt haben sich auf dessen Rückseite innerhalb einer ovalen Kartusche verewigt: "H[err] Caspar von Schönberg / Berghauptm[ann] / H[err]Theodorus Siegel Bergambtsverw[alter] / H[err] Balthasar Meützner B[erg] M[eister] / Geschwo[orene] / H[err] Paul Schmohl / H[err] Michael Hörnig / H[err] Nicol[aus] Schmieder / H[err] Barthol[omäus] Ienighen / Vorsteh[er] dieser Begr[äbnis]Gesel[l]scha[ft] / A[nno] C[hristi] / 1663. Damit ist das Vortragekreuz datiert, darüber hinaus findet sich auf dem Kreuzschenkel das Beschauzeichen "F" (für Freiberg) und das Meisterzeichen "DB" im Rechteck sowie auf der Rückseite der Kartusche das Beschauzeichen des Meisters "SL" im Wappenschild. Damit ist als Schöpfer des Kreuzes Samuel Linse identifiziert, einer der herausragenden Goldschmiede der Stadt Freiberg in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er ist dort im Jahre 1634 als Meister, von 1653 bis 1677 als Obermeister und 1680 als gestorben nachgewiesen.

Das von Samuel Linse geschaffene Kreuz inkorporiert ältere Teile aus dem Jahre 1594: Dazu gehört vor allem die vergoldete, gerundete Gebirgslandschaft unterhalb des Korpus Christi, auf deren Bodenplatte die Namen der damaligen Innungsmitglieder stehen ("CRISTOF+V+SCHEN/BERG+BEGKHAUPMAN+/PAVL+STEIGER+BERGKVERWALTR+/BALTZER+SATLER+BERGKMEISTE/R+MERTEN+SEIFNER+GESCHWOER/ALTEN+ANDERS+ANTONIVS+KEF/ERT+DAVIDT+SCHOLTZ+IACOB+STROBEL/ZECHMEISTER+GEORG+SCHNABEL/DAVIDT+SOHR+ELIAS+BEIERT+HANS/DOLHOB+ANNO 1+5+9+4+IRER"). Christoph von Schönberg lebte von 1586 bis 1650: Damit wird ersichtlich, dass das Vortragekreuz am Ende des 16. Jahrhunderts von einem unbekannten Gold- und Silberschmied hergestellt und 1664 von Samuel Linse auf Wunsch von Berghauptmann Caspar von Schönberg (1621-1676, seit 1650 Berghauptmann) "modernisiert" worden ist.

Wie lange das Knappschaftskreuz von der Freiberger Knappschaft genutzt worden ist, bleibt im Dunkel der Geschichte. Nach Angaben eines ehemaligen Besitzers soll es von Freiberg als Geschenk der "Berggesellschaft" (Knappschaft?) an den Mainzer Kurfürsten Anselm Franz von Ingelheim (1622-1695) gelangt sein. Aus welchem Grunde diese Schenkung - nach Langer erst nach 1675 - erfolgt ist, konnte bislang nicht eruiert werden, wahrscheinlich haben die Beziehungen zwischen dem sächsischen und dem Mainzer Kurfürsten eine entscheidende Rolle gespielt. Der Mainzer Erzbischof und Kurfürst wird als durchsetzungsfähiger Regent mit besten Beziehungen beschrieben, 1679 versah er auch das Amt eines Erzkanzlers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und krönte u. a. die Kaiserin Eleonore Magdalena, die Gattin von Kaiser Leopold I., und ein Jahr später deren Sohn Joseph I. zum König von Ungarn. Der Mainzer Erzbischof und Kurfürst bewahrte das Freiberger Kreuz jedenfalls in seinem Schloss Mespelbrunn im Spessart auf, wo es sich noch 1925 in der Schlosskapelle befunden hat. 1973 wurde es erstmals in Berlin versteigert und gelangte wahrscheinlich in Berliner Privatbesitz. Beim Tode des Besitzers (2001) wurde es erneut in Berlin versteigert: Damals (2002) konnte das Deutsche Bergbau-Museum den Zuschlag erhalten, seitdem gehört es zu dessen kostbarsten Exponaten.

Bemerkenswert ist der Befund, dass das Vortragekreuz der Freiberger Bergknappschaft aus dem Jahre 1663 ein sehr ähnliches Gegenstück für die Freiberger Hüttenknappschaft aus dem Jahre 1664 (heute im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg; Inv.-Nr. 50/219) besitzt. Seine Beschau- und Meisterzeichen ("F") stehen für Freiberg (1660-1667) und für Samuel Linse ("SL"). Dieses zweite Vortragekreuz ist allerdings "aus einem Guss" hergestellt und verwendet keine älteren Bestandteile. Die lange Inschrift auf der Rückseite belegt aber, dass das Kreuz im Jahre 1664 angefertigt worden ist, als "Casspar von Schönbergk vff Pfarroda Bergk Haubtmann" und "Gottfried Christian Lingke Ober=Hüttenverwalter" in verantwortlicher Stellung im kurfürstlichen sächsischen Oberhüttenamt Dienst taten.

Das Vortragekreuz der Freiberger Bergknappschaft gilt neben dem des zeitgleichen Kreuzes der Freiberger Hüttenknappschaft als das kultur- und sozialgeschichtlich wohl bedeutendste Beispiel einer knappschaftlichen Insignie aus der Frühen Neuzeit.


LITERATUR:
Gerlach, Heinrich: Die Freiberger Berg- und Hütten-Knappschaft, ihre Kleinodien und Feste, in: Mittheilungen des Freiberger Alterthumsvereins 7, 1867 (Freiberg 1869), S. 595-616; Knebel, Konrad: Die Freiberger Goldschmiede-Innung, ihre Meister und deren Werke. Ein Beitrag zur Geschichte des sächsischen Kunsthandwerks, in: ebd. 31, 1894 (Freiberg 1895), S. 1-149, hier S. 53-55; Langer, Johannes: Die Freiberger Bergknappschaft, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 61, 1931, S. 18-92 sowie 62, 1932, S. 68-88; Wilsdorf, Helmut: Zur Geschichte der erzgebirgischen Bergbrüderschaften und Bergknappschaften, Schneeberg 1986; ders./Bock, Steffen: Die letzte Schicht. Bergmännische Grabgebräuche, Chemnitz 1993, S. 27; Eckardt, Anton: Altes Kunstgewerbe in Unterfranken, Augsburg 1925, S. 37; Neubert, Eberhard: Auflegekreuz der Hüttenknappschaft. 1664, in: Der Silberne Boden. Kunst und Bergbau in Sachsen, hrsg. v. Bachmann, Manfred/Marx, Harald/Wächtler, Eberhard, Leipzig 1990, S. 325 f., Kat.-Nr. 501 und Abb. S. 339; Auktionshaus Leo Spik, Auktion 484, 2. bis 4. Juli 1973, S. 115, Nr. 996 und Tafel 58; Auktionshaus Leo Spik, Auktion 603, 7. bis 10. Dezember 2003, S. 78, Nr. 874 und Farbtafel 22; frdl. Hinweise von Dr. Ulrich Thiel, Freiberg, sowie Prof. Dr. Winfried und Dr. Ilse Baer, Berlin.

Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 61, 2009, H. 5-6 (Beilage)

Rolf Harald Stensland:
Georg Heinrich Wahle -
On the Achievements of a Saxon/German Mining Law Expert

The article presents research on the steps taken by Germany to cover its need for sulphur products for both military and civilian purposes during the First World War, casting light on important aspects of the country's efforts to be self-sufficient in this area. It reduces the significance of Norwegian exports of pyrites for the German war effort, but shows that there was a supply problem behind the country's need for peace with Soviet Russia - a peace which Lenin also needed to ensure the success of the Revolution.

Rolf Harald Stensland:
Deutschlands Schwefelbedarf und die Notwendigkeit zum Friedensschluss mit Sowjetrussland im Ersten Weltkrieg

Der vorliegende Beitrag stellt Forschungsarbeiten zu den Maßnahmen vor, die Deutschland während des Ersten Weltkriegs zur Deckung seines Bedarfs an Schwefelprodukten für sowohl militärische als auch zivile Zwecke ergriffen hat, und beleuchtet wichtige Aspekte hinsichtlich der Bemühungen des Landes um Autarkie in diesem Bereich. Die norwegischen Schwefelkiesexporte für die deutschen Kriegsanstrengungen werden in diesem Beitrag zwar in ihrer Bedeutung herabgesetzt, jedoch wird darin aufgezeigt, dass ein diesbezüglicher Versorgungsengpass hinter der Notwendigkeit des Landes zum Friedensschluss mit Sowjetrussland steckte - einem Frieden, den auch Lenin brauchte, um den Erfolg der Revolution sicherzustellen.

Manfred Mücke:
Georg Heinrich Wahle -
On the Achievements of a Saxon/German Mining Law Expert

Georg Heinrich Wahle (1854-1934) was one of the most renowned German mining law experts in the late 19th and early 20th centuries. He was in the service of the Kingdom of Saxony and later of the Free State of Saxony. At the end of his professional life in 1922, Wahle was President of the State Court of Auditors of the Free State of Saxony; before that, from 1917, he had filled the same position at the Court of Auditors of the Kingdom of Saxony. He thus held an important office. The State Court of Auditors was a constitutional body (Article 48 of the Constitution of the Free State of Saxony of 1 November 1920). But it seems his true enthusiasm was primarily reserved for mining law and not so much for the review of the state's invoices. For decades, mining legislation in Saxony was closely linked with his name. Moreover, and not unjustly, Georg Heinrich Wahle was considered one of the most important personalities of the Mining Academy of Freiberg.

The article analyses German and Saxon mining law at the time when Wahle lived and explains his understanding of mining law, his opinion on a Reich mining law as well as his views on some legal concepts of Saxon mining law. It also refers to Georg Heinrich Wahle's relationship with other important mining law experts of his time.

Manfred Mücke:
Georg Heinrich Wahle -
Zum Werk eines sächsisch-deutschen Bergrechtlers

Georg Heinrich Wahle (1854-1934) war einer der bekanntesten deutschen Bergrechtler Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Er stand im Dienste des Königreichs und des späteren Freistaates Sachsen. Am Ende seines Berufslebens 1922 war er Präsident des Staatsrechnungshofes im Freistaat; zuvor seit 1917 in gleicher Funktion in der Oberrechnungskammer des Königreichs. Er bekleidete damit ein bedeutendes Amt. Der Staatsrechnungshof war ein Verfassungsorgan (Art. 48 der Verfassung des Freistaates Sachsen vom 1. November 1920). Seine Liebe galt aber wohl nicht so sehr der Prüfung der gesamten Rechnungen des Staates, sondern vor allem dem Bergrecht. Jahrzehntelang war die Berggesetzgebung in Sachsen mit seinem Namen verbunden. Georg Heinrich Wahle wird - nicht zu Unrecht - daneben zu den "wichtigsten Persönlichkeiten der Bergakademie" Freiberg gerechnet.

Der Beitrag analysiert das Bergrecht in Deutschland und Sachsen zu Wahles Lebzeiten und erläutert dessen Verständnis vom Bergrecht, seine Haltung zu einem deutschen Reichsberggesetz sowie seine Ansichten zu einigen Rechtsinstituten des sächsischen Bergrechts. Schließlich geht er auf das Verhältnis von Georg Heinrich Wahle zu den maßgeblichen Bergrechtlern seiner Zeit ein.

Norbert Hanel:
Mining and Apiculture - An Occupation Inscription from the Area around Córdoba (Spain)

When reviewing the mining regulations of Vipasca or the occupation inscription of Wallerfangen/Saar near one of the Roman azurite mines, reference is often made to another occupation inscription found in Spain. The Latin inscription on an ancient lead tablet has been mentioned since the 18th century. It contains interesting information about the occupation (occupatio) of a place in the hinterland of today's Córdoba (Andalusia). The metal object mentioned can currently not be located: it has been missing since the second half of the 19th century. It is said to have been found in the mountains in the north of Colonia Patricia Corduba, the capital of the Roman Province of Baetica, but we do not know where exactly in the Sierra Morena it was found.

According to Dieter Flach, the occupation inscription on the lead tablet refers to the entrance to a mine: if that were the case, the location of the ore mine would have to be expressed in the genitivus locativus case (i.e. mine near beehive). But a connection with mining is not expressly mentioned on the tablet. It probably rather refers to a parcel of land with a beehive on it as far as we know today. But the procedure for occupation of a parcel of land seems to have been similar to that for occupation of a mining claim.

Norbert Hanel:
Bergbau und Bienenzucht - Zu einer Okkupationsinschrift aus der Umgebung von Córdoba (Spanien)

Bei Besprechungen der Bergwerksordnungen von Vipasca oder der Okkupationsinschrift von Wallerfangen/Saar neben einem der römischen Azuritbergwerke wird öfters auf eine weitere Okkupationsinschrift aus Spanien verwiesen. Diese lateinische Inschrift auf einem antiken Bleitäfelchen ist seit dem 18. Jahrhundert überliefert. Sie enthält einige interessante Angaben zur Inbesitznahme (occupatio) eines Platzes im Umland des heutigen Córdoba (Andalusien). Wo sich das Metallobjekt derzeit befindet, ist nicht bekannt: Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es verschollen. Als Fundgebiet sind die Berge im Norden der Colonia Patricia Corduba, der Hauptstadt der römischen Provinz Baetica, angeführt, ohne dass man die genaue Fundstelle in der Sierra Morena kennt.

Nach Dieter Flach bezieht sich die Bleiinschrift als Okkupationsanzeige auf den Eingang einer Bergbaugrube: In diesem Fall müsste der Ort der Erzgrube im Genitivus locativus (d. h. Grube beim Bienenstock) bezeichnet sein. Ein Zusammenhang mit Bergbau ist allerdings in der Inschrift expressis verbis nicht genannt, so dass sich das Formular nach heutigem Wissen eher auf ein Grundstück mit einem Bienenstock bezieht. Gleichwohl muss die Inbesitznahme nach einem ähnlichen Verfahren wie im Bergbau erfolgt sein.

Wolfgang Weber:
Franz Xaver Wurm and the design of a wire cable machine

The essay deals with the personality and achievements of Franz Xaver Wurm, an Austrian mechanic and designer. Although he was involved in various areas of mechanical engineering in the first half of the 19th century, his innovations in flax spinning were initially at the forefront of his own technical and business activities. After the introduction of wire cabling in mining in the Upper Harz region by Oberbergrat Wilhelm August Julius Albert, one wanted this innovation to be introduced quickly in Austria and in Czech and Slovak ore mining as well. Against this background, Wurm started to work actively on designing a wire cable machine for the Austrian mining authorities. This is the subject of the essay, which is based on the few contemporary sources that survived the fire at Wurm's house in Leopoldstatt, Vienna, during the revolutionary upheaval of 1848.

Wolfgang Weber:
Franz Xaver Wurm und die Konstruktion einer Drahtseilmaschine

Der Aufsatz behandelt die Person und das Schaffen des österreichischen Mechanikers und Konstrukteurs Franz Xaver Wurm. Wenngleich in unterschiedlichen Bereichen des Maschinenbaus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts engagiert, standen zunächst seine Innovationen in der Flachsspinnerei im Mittelpunkt des eigenen technischen wie unternehmerischen Wirkens. Nach der Einführung des Drahtseils in den Oberharzer Bergbau durch den Oberbergrat Wilhelm August Julius Albert strebte man bald auch in Österreich und im tschechischen und slowakischen Erzbergbau nach der Einführung dieser Innovation. Vor diesem Hintergrund wurde Wurm für die österreichische Bergverwaltung mit der Konstruktion einer eigenen Drahtseilmaschine aktiv. Sie steht im Zentrum des Beitrages, der auf den wenigen zeitgenössischen Quellen beruht, die den Brand des Wurmschen Wohnhauses in der Wiener Leopoldstatt in den Revolutionswirren von 1848 überdauert haben.

Rudolf Mirsch:
Legal and social history of Mansfeld mining and metallurgy, as illustrated by the Brunner family

In the history of the Mansfeld mining and metallurgy industries, a remarkable number of individuals became known outside the region. Among others, they included Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg (1738-1814), Johan Carl Freiesleben (1774-1846), Franz Wilhelm Werner von Veltheim (1758-1839), Ernst Leuschner (1826-1898) and Karl-Heinz Jentsch (1921-2004). In various cases, several generations of a single family exerted a strong influence on technical and economic developments. Apart from the Ziervogel, Brathuhn and Sander families, mention should be made of the Brunners, whose name appeared in the records several times from the 17th century onwards. A line of the Brunners that can be traced over eight generations in the Mansfeld region assisted and influenced the mining and metallurgy industries there in various sectors and in many positive ways. The motto "For my neighbour's well-being" appearing in the seal of Thomas Gottfridt Brunner, a notary and judge, became the guiding principle for subsequent generations.

After briefly reviewing major legal problems up to the 17th century, the essay deals with the achievements of individual members of the Brunner family in connection with key events in the history of the Mansfeld region, taking account of technical and ethical considerations.

Rudolf Mirsch:
Zur Rechts- und Sozialgeschichte des Mansfelder Berg- und Hüttenwesens am Beispiel der Familie Brunner

In der Geschichte des Mansfelder Berg- und Hüttenwesens ist eine beachtliche Anzahl von Einzelpersonen über die Region hinaus bekannt geworden. Dazu zählen u. a. Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg (1738-1814), Johann Carl Freiesleben (1774-1846), Franz Wilhelm Werner von Veltheim (1785-1839), Ernst Leuschner (1826-1898) und Karl-Heinz Jentsch (1921-2004). Wiederholt haben auch mehrere Generationen einer Familie die technische und wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig mitbestimmt. Neben den Familien Ziervogel, Brathuhn und Sander ist auch auf den Stamm der Brunner zu verweisen, dessen Name bereits ab dem 17. Jahrhundert mehrfach überliefert ist. So hat eine im Mansfelder Land über acht Generationen verfolgbare Linie der Brunner auf unterschiedlichen Gebieten und auf mannigfache Weise das Mansfelder Berg- und Hüttenwesen positiv begleitet und beeinflusst. Das Motto "Zum Heil des Nächsten" im Siegel des Notars und Bergrichters Thomas Gottfridt Brunner ist zum Leitgedanken des Handelns der darauffolgenden Generationen geworden.

Nach einer kurzen Zusammenfassung wichtiger bergrechtlicher Probleme bis zum 17. Jahrhundert werden unter Berücksichtigung fachlicher und ethischer Werte die Leistungen einzelner Persönlichkeiten des Geschlechts der Brunner in Verbindung mit zentralen Ereignissen des Zeitgeschehens im Mansfelder Land behandelt.

Martin Straßburger/Willy Tegel:
Use of timber in mining in the Black Forest during the Middle Ages and the Modern Age

Timber is among the most frequent finds made underground. One focus of the investigations into mining archaeology and dendrochronology to date has been the Schauinsland mine near Freiburg. Further samples have been taken from the mines, Caroline near Sexau, Segen Gottes near Haslach-Schnellingen in Kinzigtal and Teufelsgrund in Münstertal. As a rule, the timber examined with dendrochronological techniques is part of the mine structures. Timber was employed in many different ways in mines. The material was used underground mainly for carpentry, fireplaces, water works, transportation equipment, mining tool handles and also for wedges.

The frequently very good condition of preservation results from the mining waters or the airtight enclosure in clay sediments. Various minerals from lead and zinc lodes have dissolved in the mine waters. Especially zinc is fairly soluble and serves to preserve wood. Protective salts and chemical mixtures for conserving wood in mining operations in the 20th century contained mainly fluoride and zinc salts. The conditions for preservation can change underground over small distances. If there is no ventilation and under wet conditions, the substance of the wood is decomposed by fungi. In a permanently damp environment, however, embedded in sediment with a fairly efficient encapsulation against oxygen, wood can survive millennia. Finds of wood contain a lot of potential information because behind the sequence of annual rings of various thicknesses, not only absolute chronological data can be discovered, but also a veritable climate archive. Traces of being worked upon detected on the wood's surface relate a history of technology.

Martin Straßburger/Willy Tegel:
Holznutzung und Bergbau im Schwarzwald während des Mittelalters und der Neuzeit

Holz gehört zu den weitaus häufigsten Fund- und Befundgattungen unter Tage. Ein Schwerpunkt der montanarchäologischen und dendrochronologischen Untersuchungen lag bisher in der Grube Schauinsland bei Freiburg. Weitere Probenreihen stammen aus den Gruben Caroline bei Sexau, Segen Gottes bei Haslach-Schnellingen im Kinzigtal und Teufelsgrund im Münstertal. In der Regel handelt es sich bei den dendrochronologisch untersuchten Hölzern um Teile des Grubenausbaus. Holz wurde in Bergwerken vielfältig eingesetzt. Der Werkstoff fand im untertägigen Betrieb vor allem Verwendung für Grubenzimmerung, Feuersetzen, Wasserkünste, Fahrungseinrichtungen, Gezähestiele und für Keile zum Treiben.

Die häufig sehr guten Erhaltungsbedingungen ergeben sich durch die Grubenwässer oder den luftdichten Abschluss in lehmigen Sedimenten. In den Grubenwässern sind verschiedene Minerale aus den Blei-Zinkerzgängen gelöst. Vor allem Zink ist relativ leicht löslich und wirkt holzkonservierend. Schutzsalze bzw. chemikalische Mischungen für die Holzkonservierung in den Bergbaubetrieben des 20. Jahrhunderts enthielten hauptsächlich Fluor- und Zinksalze. Die Erhaltungsbedingungen können sich unter Tage kleinräumig verändern. Bei fehlender Bewetterung und feuchten Bedingungen kommt es zu einer Zersetzung der Holzsubstanz durch Pilze. Jedoch in dauerfeuchtem Milieu, in Sediment eingebettet unter weitgehendem Abschluss von Luftsauerstoff, kann Holz über Jahrtausende überdauern. Holzfunde enthalten ein bedeutendes Informationspotential, denn hinter der Abfolge von Jahrringen unterschiedlicher Breite verbergen sich nicht nur absolutchronologische Daten, sondern auch ein veritables Klimaarchiv. Bearbeitungsspuren auf den Holzoberflächen erzählen Technikgeschichte.

Yves d'Hau Decuypère:
The Mission Bassin Minier - a means for renewal and development of the coal-field

In 1996, the regional administration Nord-Pas-de-Calais established the permanent conference in the coal-field with the aim of generating new territorial strategies for developing and renewing the coal-field. One of the first inputs into this permanent conference consisted in opening a dialogue with local actors in order to obtain an inventory of the social and economic situation in the coal-field's environs. This joint approach underscored the significance of debate and concerted action in order to bring about a renewal and adaptation of the coal-field to new circumstances. The article elucidates the stages in the establishment of the Mission Bassin Minier Nord-Pas-de-Calais which today, in conjunction with the Bassin Minier UNESCO, is promoting the inclusion of the coal-field in the UNESCO list of the world's cultural heritage.

Yves d'Hau Decuypère:
Die Mission Bassin Minier - ein Mittel zur Erneuerung und Entwicklung des Steinkohlenreviers

Im Jahre 1996 gründete die Regionalverwaltung Nord-Pas de Calais die ständige Konferenz im Steinkohlenrevier mit dem Ziel, neue territoriale Strategien zur Entwicklung und Erneuerung des Reviers zu generieren. Eine der ersten Eingaben an diese ständige Konferenz bestand in der Eröffnung eines Dialogs mit den lokalen Akteuren, um eine Bestandsaufnahme zur sozialen und wirtschaftlichen Situation im Umfeld des Steinkohlenreviers zu erhalten. Diese gemeinsame Annäherung hat die Bedeutung der Debatte und der konzertierten Aktion unterstrichen, um eine Erneuerung und Anpassung des Steinkohlenreviers an die neuen Gegebenheiten herbeizuführen. Der Beitrag erläutert die Etappen der Gründung der "Mission Bassin Minier Nord-Pas de Calais", die heute in Verbindung mit der "Bassin Minier UNESCO" die Aufnahme des Steinkohlenreviers in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO betreibt.

Michael Farrenkopf:
The Radbod Disaster in 1908 -
Dimensions of Explosion Hazards in Ruhr Mining Operations at the Time of the German Empire

The article looks into the explosion disaster at the Radbod mine in Hamm-Bockum-Hövel which occurred in the early hours of 12 November 1908 and was the worst mine disaster the Ruhr area had seen until then. Of course, every technical disaster is of a singular nature which is closely linked, above all, with the memory of all those who died. But this article considers the disaster against a broader background in an effort to examine what the situation was with respect to explosion hazards in industrialised coal mining operations.

A sound approach in terms of coal mining and steel history requires careful weighing of the sources in an effort to evaluate what happened objectively. This seems all the more important with respect to mining disasters on the eve of the First World War. Contemporary reports, expert opinions and witness statements often seem contradictory at first glance; in some cases they convey a sense of helpless grief or overrely on seemingly technicistic rhetoric or, not least, are permeated by political messages. A situation characterised by solidarity among miners, the influence of the wealthy class, compassion and also anger, as Klaus Tenfelde recently described the social and intellectual background of Germany's response to the explosion disaster in Courrières in northern France in 1906 where more than 1,000 mine workers died. The same applies to the explosion which occurred at the Radbod mine, Germany's Courrières as it was also referred to in parliamentary debates. We need to see the mass disasters in the context of Wilhelminian class society, together with its imperial claims to prestige and social standing and its actors drawing on collective beliefs. Only then will it be possible to steer away from the emotional level of accusations and despair about the fate of the victims.

Anne Lefèvbre/Colette Dréan/Jacques Philippon:
Protecting and administering the heritage of cultural history in the Nord-Pas-de-Calais coal-field

After 1981, the government of André Mauroy softened repercussions of the mine closures decided upon for northern France by means of economic and social measures. This was one side of the region's history. The other side was the preservation of industrial artefacts. However, which of these were to be preserved as significant, informative evidence of the industrial past? The article deals with the measures as well as the proportions and distribution of the protected artefacts, including the classification and entering in the list of historic monuments of coal-mining in the Nord-Pas-de-Calais coal-field.

Michael Farrenkopf:
Die Radbod-Katastrophe von 1908 -
Dimensionen des Explosionsrisikos im Ruhrbergbau des Kaiserreiches

Vorliegender Aufsatz behandelt die Explosionskatastrophe auf der Zeche Radbod in Hamm-Bockum-Hövel, die sich in den frühen Morgenstunden des 12. November 1908 ereignete und das schwerste Grubenunglück darstellte, das den Ruhrbergbau bis dahin betroffen hatte. Dabei soll das Ereignis bei aller Einzigartigkeit, die technischen Katastrophen immer zukommt und die vor allem das Gedenken an die Opfer bedingt, in den größeren Zusammenhang der Entwicklung des Explosionsrisikos im industriellen Steinkohlenbergbau eingeordnet werden.

Aus montanhistorischer Sicht kommt es darauf an, eine nüchterne Abwägung der Quellen vorzunehmen, um so eine sachliche Beurteilung des Geschehens anzustreben. Dies scheint gerade hinsichtlich von Bergbaukatastrophen am Vorabend des Ersten Weltkriegs geboten, sind die zeitgenössischen Berichte, Gutachten und Zeitzeugenaussagen doch in der Regel auf den ersten Blick widersprüchlich, zum Teil auch von ohnmächtiger Trauer, vermeintlich technizistischer Fachrhetorik und nicht zuletzt politischer Absicht durchzogen. Es begegnen sich bergmännische Solidarität, Herrentum, Mitgefühl und auch Wut, wie Klaus Tenfelde jüngst die sozialen und mentalen Hintergründe deutscher Reaktionen auf die 1906 im nordfranzösischen Courrières erfolgte Explosionskatastrophe mit sogar über 1000 getöteten Bergleuten beschrieben hat. Gleiches gilt für die Explosion von Radbod, das "deutsche Courrières", wie es in den Parlamentsdebatten denn auch bezeichnet wurde. Erst die Einordnung der Massenunglücke in das Gefüge der wilhelminischen Klassengesellschaft, deren imperialen Geltungswillens und der darin mit kollektiven Überzeugungen handelnden Akteure macht es möglich, die Ebene der zeitgenössischen Schuldzuweisungen und Schicksalsanrufungen zu verlassen.

Anne Lefèvbre/Colette Dréan/Jacques Philippon:
Der Schutz und die Verwaltung des kulturgeschichtlichen Erbes im Steinkohlenrevier Minier Nord-Pas de Calais

Nach 1981 begleitete die Regierung von André Mauroy die beschlossenen Zechenschließungen in Nordfrankreich durch wirtschaftliche und soziale Maßnahmen. Dies war die eine Seite in der Geschichte der Region. Die andere Seite war die der Erhaltung von Sachzeugen. Doch welche sollte man als signifikante, aussagefähige Zeugnisse der industriellen Vergangenheit erhalten? Der Beitrag behandelt die Maßnahmen sowie den Anteil und die Verteilung der unter Schutz gestellten Sachzeugen einschließlich der Einstufung und Einschreibung in die Liste der Historischen Denkmale des Steinkohlenbergbaus im Revier Nord-Pas de Calais.

Lars Bluma:
Hookworm in the Ruhr Area
Environment, Health and Social Networks in the Mining Community at the Time of the German Empire

A miner's work involved serious hazards to life and health particularly in underground mining operations, as is probably best reflected by an increased accident risk. Moreover, new health risks specific to a miner's work arose when the mining operations in the Ruhr area were industrialised from the middle of the 19th century, such as involuntary eye movement (nystagmus), black lung disease (silicosis) and hookworm infections (anchylostomiasis). Using the example of the hookworm epidemic around 1900 the article describes the development of a specific medical actor-network focusing on the health, hygiene and body of the miner as well as on his mining environment. Allgemeiner Knappschaftsverein zu Bochum (miners' mutual benefit society of Bochum) was one of the main actors in the medical system implemented for the industrialised mining operations in the Ruhr area. The article analyses the society's response to the hookworm epidemic as well as its flexibility in the situation in a historical context, its methodological approach being based on the concepts of the actor-network theory (ANT) and body history.

André Dubuc:
The Centre Historique Minier (CHM) in Lewarde - the memory of coal-mining in northern France

In 1971, with Alexis Destruys as general secretary, a mining engineer headed the mining company Houillères du Bassin du Nord-Pas-de-Calais who, as a lover of history, was convinced that the memory of almost three centuries of coal-mining in northern France had to be preserved. He made efforts to persuade the general management that the Delloye mine in Lewarde which had just been closed, was situated only a few kilometres from Douai and in excellent condition, had to be preserved in order to make it into a place of remembrance for the mining culture of Nord-Pas-de-Calais and to keep it as the "company's memory". Alexis Destruys was commissioned to realize his project at the Delloye mine shafts, and gradually, after the mine had been closed, he awoke the machines and the inventory, including the entire archives of the mines, to new life. In this way, the mine shafts, which were in an excellent state of repair and with all their well-maintained technical machinery, became the first monumental exhibit of the continually expanding collection which today happily forms the Centre Historique Minier. The article explains the developmental history and the current activities of this important mining museum in northern France.

Lars Bluma:
Der Hakenwurm an der Ruhr.
Umwelt, Körper und soziale Netzwerke im Bergbau des Kaiserreichs

Die bergmännische Arbeit war vor allem im Bergbau unter Tage geprägt von erheblichen Risiken für die Gesundheit und das Leben des Bergmanns, was sich im erhöhten Unfallrisiko am deutlichsten zeigt. Im Zuge der Industrialisierung des Ruhrbergbaus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden zudem neue berufsspezifische gesundheitliche Risiken, wie z. B. das Augenzittern der Bergleute (Nystagmus), die Staublungenerkrankungen (Silikose) und der Hakenwurmbefall (Ankylostomiasis). Am Beispiel der letztgenannten Hakenwurmepidemie um 1900 wird dieser Beitrag die Entstehung eines spezifischen medizinischen Akteur-Netzwerks beschreiben, in dessen Zentrum die Gesundheit, Hygiene und der Körper des Bergmanns sowie seine bergmännische Umwelt standen. Die Reaktionen und Anpassungsleistungen des Allgemeinen Knappschaftsvereins zu Bochum (AKV) als einer der Hauptakteure im bergmännischen Medizinalsystem des industrialisierten Ruhrgebiets an die Hakenwurmepidemie werden hierbei einer historischen Analyse unterzogen, die sich methodisch an Konzepten der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) und der Körpergeschichte orientiert.

André Dubuc:
Das Centre Historique Minier (CHM) in Lewarde - das Gedächtnis des nordfranzösischen Steinkohlenbergbaus

1971 stand mit Alexis Destruys als Generalsekretär ein Bergingenieur an der Sitze der Direktion des Bergbauunternehmens der Houillères du Bassin du Nord-Pas de Calais, der als Geschichtsliebhaber davon überzeugt war, dass die Erinnerung an fast drei Jahrhunderte Steinkohlenbergbau in Nordfrankreich erhalten werden müsste. Er bemühte sich, die Generaldirektion davon zu überzeugen, dass die gerade erst stillgelegte Zeche Delloye in Lewarde, die nur wenige Kilometer von Douai entfernt lag und sich in einem ausgezeichnetem Zustand befand, erhalten werden müsse, um sie zu einem Ort der Erinnerung an die Bergbaukultur des Nord-Pas de Calais werden zu lassen und sie als "Gedächtnis des Unternehmens" zu bewahren. Alexis Destruys wurde damit beauftragt, sein Projekt auf der Schachtanlage Delloye umzusetzen, und allmählich erweckte er nach der Stilllegung der Zeche die Maschinen und das Inventar einschließlich der gesamten archivalischen Unterlagen der Bergwerke zu neuem Leben. So wurde die sich in ausgezeichnetem Zustande befindende Schachtanlage mit all ihren erhaltenen technischen Einrichtungen das erste monumentale Exponat des sich ständig erweiternden Sammlungsbestandes, der glücklicherweise heute das Centre Historique Minier bildet. Der Beitrag erläutert die Entwicklungsgeschichte und das aktuelle Aufgabenfeld des bedeutenden nordfranzösischen Bergbaumuseums.

Ulrich Lauf:
Hospitals and Sanatoria of Miners' Welfare Fund in the Ruhr Mining Area until the End of the 1920s

Allgemeiner Knappschaftsverein zu Bochum (miners' welfare fund of Bochum) was established in 1890 for the entire Ruhr area. In contrast to other large benefit societies for miners, it began relatively late to build its own hospitals and sanatoria. The healthcare policy developed against the background of the large wave of immigration to the Ruhr area from the 1880s and after the turn of the century first focused on expanding outpatient care services before constructing technologically advanced hospitals and sanatoria for miners who were ill or suffered from an accident. Though exemplary in many respects and unrivalled, they still did not have undivided support at the time. The article explores the development of the hospitals and sanatoria of the miners' welfare fund in the Ruhr mining area until the end of the 1920s and thus sheds more light on an interesting chapter of the regional medical system.

Marie Patou:
Reshaping a region and preserving a heritage

At the beginning of the recession and with the mine closures, the Houillères du Bassin Nord-Pas-de-Calais gave up the mines and systematically demolished the facilities above ground. The mining law prescribed, however, that all mining facilities be secured. The pit-heads became industrial wasteland and large areas arose that were made available for new activities. For several years, the compulsions of real estate and the economy had priority over the requirement to preserve facilities related to culture and the landscape. Then, however, the traces of mining extraction gradually obtained another meaning and were understood as elements of an historical heritage. The article sketches the contents of the cultural heritage of the Nord-Pas-de-Calais coal-field and explains the organizational steps taken to preserve it.

Ulrich Lauf:
Knappschaftskrankenhäuser und -kureinrichtungen im Ruhrkohlenbergbau bis zum Ende der 1920er-Jahre

Der 1890 für den gesamten Ruhrkohlenbezirk gegründete Allgemeine Knappschaftsverein in Bochum hat im Gegensatz zu anderen großen Knappschaftsvereinen relativ spät damit begonnen, eigene Krankenhäuser und Kureinrichtungen zu bauen. Die vor dem Hintergrund der großen Einwanderungswellen in das Ruhrgebiet seit den 1880er-Jahren und nach der Jahrhundertwende entwickelte Gesundheitspolitik wandte sich zunächst dem Ausbau der ambulanten Versorgungsstrukturen zu, ehe man darin ging, hochtechnologisierte Häuser für erkrankte und verunglückte Bergarbeiter zu errichten. In vielem vorbildlich und ohne Konkurrenz trafen sie dennoch nicht auf die ungeteilte Zustimmung der Beteiligten. Der nachfolgende Beitrag geht der Entwicklung der Knappschaftskrankenhäuser und -kureinrichtungen im Ruhrkohlenbergbau bis zum Ende der 1920er-Jahre nach und erhellt damit ein interessantes Kapitel des regionalen Medizinalwesens.

Marie Patou:
Die Umgestaltung einer Region und die Erhaltung eines Erbes

Zu Beginn der Rezession und der Zechenschließungen gaben die Houillères du Bassin Nord-Pas de Calais die Strecken auf und bauten die übertägigen Einrichtungen systematisch ab, das Berggesetz verlangte die Sicherung aller Bergbauanlagen. Die Zechengelände wurden zu Industriebrachen, und es entstanden große Flächen, die für neue Aktivitäten bereitgestellt wurden. Mehrere Jahre lang hatten die Zwänge der Liegenschaften und der Wirtschaft Vorrang vor dem Gebot der Erhaltung landschaftlicher und kultureller Einrichtungen. Dann aber erhielten die Spuren der bergmännischen Gewinnung allmählich eine andere Bedeutung und wurden als Elemente des historischen Erbes verstanden. Der Beitrag skizziert die Inhalte des kulturellen Erbes des Steinkohlenreviers Nord-Pas de Calais und erläutert die organisatorischen Schritte zu dessen Erhaltung.

Andreas Bingener:
Alms for the Poor or Miners' Welfare Fund -
Goslar Miners' Fight for Own Social Welfare System

From 1532 to 1539, the Goslar miners who had formed their own guilds before the Reformation successfully fought for a new social welfare system. The council of the free imperial town of Goslar granted them the right to found a social, charitable organisation called Knappschaft (benefit society for miners). Moreover, the miners had their own new infirmary as in the times of miners' guilds. While, in the past, we could only assume that an older infirmary existed, a document dating from 1294 now clearly corroborates the existence of such an institution in the later Middle Ages.

Frédéric Kowalski:
The slag-heaps of the Nord-Pas-de-Calais coal-field

Whether they have been preserved in their original shape and appearance, or whether they have been greened and/or reshaped, the slag-heaps are a fixed part of the landscape and for many have become places for recreational activities. In the centre of several towns in which otherwise only sparse green areas and few trees can be found, they have fundamental significance since they provide the only open spaces accessible to the public for strolling. But this new function is only the result of the most recent history which is marked by long negotiations over the utilization of the slag-heaps and a gradual change in the inhabitants' mentality. The article is dedicated to the development of the Slag-Heaps Statute as well as slag-heap typology and represents a new inventory of the slag-heaps, supported by a database, which functions as the basis for assessing the current stock of slag-heaps in the Nord-Pas-de-Calais coal-field.