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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 122:Vincenzo Maria Coronelli, so genannter Coronelli-Globus
Vincenzo Maria Coronelli, so genannter Coronelli-Globus (1681 bis 1683)
Ausschnitt mit einer Darstellung des Montanwesens
Paris, Bibliothèque Nationale de France


Zu den herausragenden Sammlungsobjekten in der Bibliothèque Nationale de Paris gehören zweifelsohne die beiden großen Globen des Minoritenpaters Vincenzo Maria Coronelli. Dieser bedeutende Kartograf und Kosmograf wurde am 16. August 1650 in Venedig geboren und verstarb auch dort am 9. Dezember 1718 im Alter von 68 Jahren. Als einer der seinerzeit berühmtesten Kartografen fertigte er im Jahre 1768 einen Himmels- und einen Erdglobus mit einem Durchmesser von 175 cm an, der in der politischen und wissenschaftlichen Welt weite Beachtung gefunden hat und Coronellis Ruhm zu begründen half. Weitere Globenpaare von Cornelli befinden sich im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, in den Stiftsbibliotheken von Melk und Vorau sowie in der Stadtbibliothek Trier (aus den Jahren 1688 bzw. 1693). Coronelli gründete im Jahre 1684 auch die erste geografische Gesellschaft der Welt ("Accademia Cosmografica degli Argonauti") und schuf die erste Enzyklopädie in italienischer Sprache ("Biblioteca Universale Sacro-Profana").

Die beiden Erd- und Himmelsgloben in Paris (auch "Globes de Marly" genannt) gehören mit ihren Durchmessern von 387 cm zu den größten Exemplaren ihrer Art. Sie wurden vom französischen Botschafter in Italien, dem Kardinal César d'Estrées, der die beiden in Parma befindlichen Coronelli-Globen während einer Reise im Jahre 1680 gesehen hatte und von ihnen ungemein beeindruckt war, als Geschenke für den französischen "Sonnenkönig" Ludwig XIV. in Auftrag gegeben. Coronelli fertigte die beiden Globen zwischen 1681 und 1683 im Pariser Hôtel de Lionne an: Sie wogen ungefähr 2 t, ihre Durchmesser erreichten mit den metallenen Meridianen und Himmelskreisen 487 cm, die mehr als 8 m hohe und über 15 t wiegende, bronzene und marmorne Architektur der Aufhängung errichteten die renommierten Architekten Jules Hardouin-Mansart und der Engländer Michael Butterfield.

Nach der Fertigstellung im Jahre 1683 begann die Odyssee der beiden Globen, die, ursprünglich für das Schloss in Versailles bestimmt, niemals dort, sondern vielmehr im Schloss von Marly aufgestellt werden sollten. Zunächst verblieben sie allerdings in Paris, bis in Marly ein Pavillon zur Aufnahme der beiden Globen errichtet war. Von 1703 bis 1715 beeindruckten die Globen die Besucher des Schlosses von Marly, darunter auch die englische Königin, die 1704 Ludwig XIV. dort besuchte. Doch verlor der König bald das Interesse an den riesigen Globen: 1715 kamen sie zurück nach Paris und waren erst zwischen 1782 und 1901 wieder in der Bibliothèque Royale bzw. Nationale zu sehen. 1901 gelangten die Globen in das Depot und wurden erst zu Beginn der 1970er-Jahre von dem Kartografen Michel Morel und der Kuratorin Monique Pelletier wieder entdeckt. Nach einer Restaurierung wurden sie im Jahre 1980 erstmals in einer Sonderausstellung gezeigt, daraufhin jedoch erneut eingelagert und danach erst auf der Weltausstellung des Jahres 2000 in Hannover im französischen Pavillon wieder gezeigt. Im September 2005 beeindruckten die Globen die Öffentlichkeit in einer Sonderausstellung im Pariser Grand Palais, um danach bis heute in der Bibliothèque Nationale (im Westflügel der Bibliothèque François Mitterand) aufbewahrt zu werden - allerdings ohne die originale Architektur der Aufhängung.

Die beiden Globen geben den seinerzeitigen Wissensstand auf dem Gebiet der Geografie wieder und sind Musterbeispiele für eine möglichst umfassende, enzyklopädische Vermittlung von Kenntnissen aller Art. Die damalige Kenntnis von der Erde (und vom Himmel) ging noch davon aus, dass Kalifornien eine Insel sei; in mehr als 600, z. T. sehr langen und ausführlich gehaltenen, erklärenden Beischriften in Kartuschen wurden auch Erläuterungen zu Sitten und Gebräuchen von weit entfernt liegenden, fremden Völker erwähnt (z. B. im Falle von Chile). Bei den Texten berief sich Coronelli auf Berichte von Forschern und Reisenden - so im Falle des Flusslaufes des Mississippi, bei dem er auf Berichte von Jean-Baptiste Franquelin, einem Quebecer Kartografen, und auf den Chevalier de La Salle, dem Erforscher dieses Gebietes, zurückgriff.

Unter den zahlreichen Darstellungen auf dem Erdglobus fällt bei jener von Neu-Mexiko auf der nordamerikanischen Halbkugel eine Kartusche auf, deren Text von einer ungewöhnlichen Bergbaudarstellung gerahmt ist. Neben einer Unmenge von berg- und hüttenmännischem Gezähe im oberen Bereich der Darstellung erkennt der Betrachter links eine Haspelszene, auf der zwei Bergleute einen Rundbaum mit einem Förderseil bewegen. Darunter wird der untertägige Bergbau vorgestellt: Ein Bergmann mit rotem Wams und dunklen Hosen arbeitet mit Schlägel und Eisen im Schein seines Geleuchts an einer Ortsbrust, noch weiter unten legen zwei Arbeiter mit Keilhauen einen Schurf an: Einer kniet noch auf der Tagesoberfläche, der zweite ist bereits bis zur Hüfte ins Erdreich eingedrungen. Den gesamten unteren rechten Raum nimmt eine hüttenmännische Szene ein: Ein zeitgenössischer Treibeofen, der durchaus sächsischen Exemplaren ähnelt, wird von einem Schmelzer überwacht, während ein anderer einen Blasbalg bewegt, der dem Ofen den nötigen Wind zuführt.

Der Text in der Kartusche nimmt keinen Bezug auf die Darstellungen auf der Rahmung, sondern beschreibt nur sehr allgemein die Entstehung der Bergwerke von Neu-Mexiko. Der Text geht offensichtlich zurück auf einen Bericht des französischen Abtes Claude Bernou an Coronelli, den dieser wortwörtlich übernommen hat: "L'An 1581. Le Pere Augustin Ruys de l'Ordre de Saint François ayant su par le r'apport de quelques Indiens appellez Conches qu'il y avoit vers le Nord un Pays que n'etoit pas encore connu des Espagnols, demanda au Comte de Coruna Viceroy de la Nouvelle Espagne, la permission d'en entreprendre la découverte pour y répandre la lumière de l'Evangile, ce qui luy fut accordé. Antoine d'Espeie qui se trouvoit lors aux Mines de Sainte Barbe, se persuada qu'il y trouveroit vant de richesses, qu'il demanda qu'il luy fut permis de faire cette decouverte a ses dépens. Il partit le dixième Novembre, mil cinq cent quatre vingt deux pour executer ce dessein. Il découvrit plusieurs Mines, & de grandes Provinces ausquelles on a depuis donne le nom de Nouveau Mexique ou de Nuevo Marata que j'ay diposees suivant les Relations du Comte de Pennalossa qui en etoit Gouverneur en 1665, & sur les Manuscrits du P. Estevan Gardien de l'Ordre de Saint François, & sur quelques autres memoires faits sur les lieux (Im Jahre 1581[.] erfuhr Vater Augustin Ruys vom Orden des Heiligen Franziskus durch einen Bericht von einigen Conches genannten Indianern, dass es im Norden ein Land gäbe, das den Spaniern noch nicht bekannt sei, und bat den Comte de Coruna, Vizekönig des Neuen Spaniens, um die Erlaubnis, diese Entdeckung zu unternehmen, um das Licht des Evangeliums weiterzutragen, was ihm gewährt wurde. Antoine d'Espei, der sich bei den Bergwerken der Heiligen Barbara aufhielt, erbot sich, da er große Reichtümer zu finden hoffte, dieses auf seine eigenen Kosten zu unternehmen. Er begann seine Reise am 10. November 1682, um dieses Unternehmen anzugehen. Er entdeckte mehrere Bergwerke und große Provinzen, denen man den Namen Neu Mexiko oder Nuevo Marata gab, was ich aus den Berichten des Comte de Pennalossa berichte, der dort im Jahre 1665 Gouverneur war, und aus den Manuskripten von P. Estevan, dem Hüter vom Orden des Heiligen Franziskus und aus einigen anderen Berichten über diese Orte)".

So ist der Text denn auch nicht wirklich aussagekräftig für eine exakte Schilderung der montanistischen Zustände und Vorgänge im Bergbau von Neu-Mexiko. Vielmehr muss man eine eher zufällige Nutzung des Themas "Bergbau" im Falle der Darstellung von Neu-Mexiko auf dem Globus annehmen: Dieses Thema bot sich an, weil Coronelli "zufällig" über den erwähnten Bericht von Bernou verfügte. So sind denn auch die Darstellungen vom Bergbau und vom Hüttenwesen nicht als tatsächliche Schilderung der in Neu-Mexiko eingesetzten technischen Verfahren und der benutzten Gezähe zu verstehen. Sie stellen vielmehr den damals bekannten Wissensstand dar, die Ähnlichkeit des Schmelzofens auf dem Coronelli-Globus mit sächsischen Treibeöfen ist somit als Kopie aus einem zeitgenössischen montanistischem Standardwerk zu bewerten.

Wichtiger allerdings ist die Tatsache, dass Coronelli überhaupt eine Bergbauszene auf seinem Globus dargestellt hat. Dies belegt, dass das Montanwesen im späten 17. Jahrhundert eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben gespielt hat und ein Thema in der Gesellschaft gewesen ist. Dass Nordamerika als ein sagenhaft reiches "Goldland" einen besonderen Ruf besessen hat, wird auch dazu beigetragen haben, dass Coronelli Neu-Mexiko als Bergbauregion mit dieser Szene versehen hat.

LITERATUR:
Richard, Hélène: Les Globes de Coronelli, Paris 2006; Rolin, Olivier: Une Invitation au Voyage, Paris 2006; Milanesi, Marica: Les Opinions géographiques du Père Coronelli, in: Bulletin du Comité français de Cartographie 159, 1999, S. 48-56; dies.: Le Globe terrestre de Coronelli, in: La Revue du Musée des Arts et Métiers 37, 2002, S. 34-49; dies./Donatino, Domini: Voncenzo Coronelli et l'Imago Mundi, Ravenna 1998; Pelletier, Monique: Des Globes pour le Roi-Soleil: Les Origines des "Globes de Marly", in: Tours et Contours de la Terre, Paris 1999, S. 23-32; dies.: Des Globes pour le Roi-Soleil, in: Revue de la Bibliothèque Nationale 2, 1981, S. 80-86; dies.: Les Globes de Marly, Chefs-d'Oeuvre de Coronelli, in: Revue de la Bibliothèque Nationale 47, 1993, S. 46-51; dies.: Les Globes de Louis XIV, les Sources françaises de l'Œuvre de Coronelli, in: Imago Mundi 34, 1982, S. 72-79; dies.: Les grandes Peintures du Globe terrestre de Louis XIV, in: Revue de la Bibliothèque Nationale de France 21, 2005, S. 58-66; Morel, Michel: Compte Rendu sur la Remise en État des Globes dits de Marly, Saint-Mandé 1980; Cartes et Figures de la Terre, Paris 1980, S. 11-14; Les Globes de Louis XIV. La Terre et le Ciel par Vincenzo Coronelli, hrsg. v. d. Bibliothèque Nationale de France, Paris 1999 (= CD-ROM).

Foto: Bibliothèque Nationale de France, Paris

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 60, 2008, H. 1 (Beilage)