vorige Hefte

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 123:Tafelaufsatz in Gestalt eines Trinkhorns
Tafelaufsatz in Gestalt eines Trinkhorns
Fritz Schmidt, München, Silber, vergoldet, 1924; R. Cascella, Elfenbein, 1918; Höhe 40 cm
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030006075001)


In der Weihnachtsauktion des Kunstauktionshauses Ahlden konnte das Deutsche Bergbau-Museum Bochum ein besonderes Meisterwerk bergbaulicher Kunst und Kultur ersteigern, das seine Entstehung dem bayerischen Braunkohlenbergbau von Schwandorf und Umgebung verdankt. Es ist unmittelbar mit der Persönlichkeit und dem Namen des ehemaligen Generaldirektors der Bayerischen Braunkohlen-Industrie Aktiengesellschaft, dem Geheimen Kommerzienrat Dr.-Ing. E. h. Oskar Kösters, verbunden.

Der aufwändig gearbeitete Tafelaufsatz besteht aus einem elfenbeinernen Trinkhorn, das auf einem vergoldeten Auflager mit hohem Standfuß unbefestigt aufliegt. In das größere Ende des Trinkhorns ist ein vergoldeter becherförmiger Einsatz eingefügt worden, so dass ein Trinken aus dem Horn möglich ist. Der Einsatz selber wird von einem vergoldeten Becher mit Standfuß abgeschlossen. Er kann ebenfalls abgezogen werden, auch aus ihm kann also getrunken werden. Zahlreiche Inschriften verweisen auf die bergmännische Entstehung des Tafelaufsatzes, der zu zwei unterschiedlichen Zeiten entstanden ist.

Ältester Bestandteil des Tafelaufsatzes ist das wohl aus Elfenbein bestehende Trinkhorn, das die Signatur eines nicht weiter bekannten Schnitzers ("R. Cascella") und die Jahreszahl "1918" trägt. Das Horn ist übersät mit Amoretten, Putten, Satyrn, Nymphen, Müttern mit Kindern und sich umarmenden Menschen in einer paradiesischen Landschaft. Wein und Früchte werden gesammelt, Kinder spielen mit Löwen und Ziegenböcken, bauen Unterkünfte, musizieren und genießen das ländliche Leben. Bukolische Szenen der italienischen (florentiner) Renaissance sind Vorbilder für diese flachreliefartigen Schnitzereien gewesen. Den Bodenteil des Horns schmückt eine lange, vegetabilische Ranke. In das weite Ende des Horns ist (s. o.) ein vergoldeter becherartiger Einsatz eingefügt worden, der am Rand die in einer silbernen Zone eingetragene Inschrift aufweist: "Oskar et Julie Koesters Ostern 1924". Der in die Öffnung des Einsatzes passende vergoldete Becher ist mit einem Standfuß versehen worden, der im Bodenrand die Signatur des Künstlers trägt ("Prof. Fritz Schmidt Aurifaber [Goldschmied] München"). Unter dem Boden selbst ist ein kreisrundes Porträtmedaillon des Heiligen Sylvester vor blauem Emailhintergrund mit der Umschrift "Sanctus Silvester Pont[ifex] Magn[us]" eingelassen. Die äußere Wandung des ovalen Bechers ist mit dem Bergbauemblem Schlägel und Eisen und einem Girlandenband versehen worden, das auf versilbertem Grund die Beischrift zeigt "Was ohne Rast sein Geist ersann Gestalt durch seine Hand gewann".

Das Auflager des Trinkhorns verfügt über einen mit quadratischen Tigeraugen besetzten, vierpassförmigen, buckeligen Standfuß, aus dem sich der mit vier Griffappliken und zwei Nodi ausgestattete Stengel entwickelt. Ein mit Fischen geschmücktes, längsovales Zwischenglied ist am Boden mit zwei Ösen versehen. Die dort ehemals befindlichen Anhänger sind verloren. Es leitet über zu einem schiffsförmigen Auflager, das sechs emaillierte Wappen (drei auf jeder Seite), darunter das des Freistaates Bayern, der Hansestadt Bremen, der Stadt Schwandorf sowie das Bergbauemblem Schlägel und Eisen trägt. Am "Heck" des Auflagers steht der Bergmannsgruß "Glück Auf!". Die Wappen erklären sich aus der Persönlichkeit von Oskar Kösters: Er wurde in Bremen geboren, lebte in Schwandorf und gehörte zu den staatstragenden Persönlichkeiten Bayerns.

Noch nicht erwähnt worden ist eine Inschrift unter dem Boden des Standfußes, die einen deutlichen Hinweis auf den Grund der Entstehung dieses Tafelaufsatzes gibt. Dort hat Julie Kösters auf einer Unterlegscheibe, die den Stengel am Standfuß hält, gravieren lassen "Meinem lieben Manne". Demnach handelt es sich bei dem Tafelaufsatz um ein Geschenk von Julie Kösters an ihren Mann, wobei sie ein älteres (bereits im Hause Kösters befindliches?) Trinkhorn vom Goldschmied Fritz Schmidt in einen neuen künstlerischen Zusammenhang hat bringen lassen. Die Gründe für das Datum der Schenkung des Tafelaufsatzes "Ostern 1924" sind bislang unerklärt (unter Umständen das Datum der Silbernen Hochzeit).

Der Schöpfer des Tafelaufsatzes ist der Goldschmied Prof. Fritz Schmidt. Er wurde am 3. Februar 1876 in München geboren und nahm später Lehraufgaben im Bereich Ziselieren, Gravieren und Emaillieren an der Kunstgewerbeschule München wahr, an der er auch als Schüler gelernt hatte. Dort wurde er Assistent von Fritz von Miller, 1915 zum ordentlichen Professor und am 1. Juli 1933 zum Direktor der nun "Staatsschule für Angewandte Kunst" in München genannten Lehranstalt unter Beibehaltung seiner Klasse für Metall- und Goldschmiedekunst berufen. Schmidt verstarb bereits am 21. Februar 1925 im Alter von nur 49 Jahren, sein Œuvre umfasst vor allem Tafelaufsätze, Pokale, liturgische Geräte und Ehrenpreise, die Nachrufe preisen ihn als "hervorragende Lehrkraft von großem Taktgefühl und bewundernswerter Gestaltungskraft" (1935).

Der mit dem Tafelaufsatz beschenkte Geheime Kommerzienrat Dr.-Ing. E. h. Oskar Kösters (geboren am 10. November 1876) hatte mit 25 Jahren seine Universitätsstudien abgeschlossen, wurde anschließend Direktor der Hansa-Werke und war 1907 als drittes Mitglied in den Vorstand der 1906 gegründeten Bayerischen Braunkohle-Industrie Aktiengesellschaft (BBI-AG) berufen worden. 1918 erhielt Kösters die bayerische Staatsangehörigkeit, kurz vor seinem Tode am 23. September 1927 ehrte ihn die Bergakademie Freiberg mit der Verleihung der Würde eines Dr.-Ing. E. h.

Schwandorf war Kösters Lebensmittelpunkt: 1908 war er alleiniges Vorstandsmitglied geworden und sicherte in der Folgezeit die Zukunft der BBI. Er verstand es, die relativ wasserreiche Oberpfälzer Braunkohle als Kraftwerkskohle abzusetzen. Als Generaldirektor prägte er den Braunkohlenbergbau in der Oberpfalz in den Jahren bis 1927 und besonders den von Schwandorf und Wackersdorf. Auf Betreiben Kösters kam es im Jahre 1910 zur Gründung der Bayerischen Kohlenkontors GmbH, die den Alleinverkauf der Wackersdorfer Briketts übernahm und Verkaufsfilialen in München, Straubing und Augsburg einrichtete. Daraufhin konnten die Förderung von Rohbraunkohle und die Produktion von Braunkohlenbriketts erheblich gesteigert werden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erprobte Kösters die Veredelung der Braunkohle und experimentierte - allerdings erfolglos - mit einer Kohlevergasungsanlage. Den dauerhaften Absatz der Wackersdorfer Braunkohle sicherte Kösters noch kurz vor seinem Tode, indem er mit der Bayernwerk AG den Bau eines Dampfkraftwerkes auf Braunkohlenbasis vereinbarte. Die BBI bestand noch bis zum Jahre 1982, als die letzte Braunkohle aus den Tagebauen im Raum Wackersdorf-Schwandorf gefördert wurde.

Kösters galt als lebensfroh und unternehmensfreudig; er verstarb während eines Sanatoriumsaufenthalts auf der Bühlerhöhe im Schwarzwald wahrscheinlich an den Folgen einer Pilzvergiftung im 50. Lebensjahr. Er zählte zu den markantesten Persönlichkeiten des bayerischen Wirtschaftslebens, war bekennender Katholik, Mitglied der Bayerischen Volkspartei und in politischen, katholischen Kreisen wohlbekannt und gelitten. Seine Volksnähe war bekannt: Er pflegte an der Fronleichnamsprozession mit seinen Beamten und Arbeitern teilzunehmen, er schuf bei der BBI ein seinerzeit als vorbildlich geltendes soziales Netz. Seine tiefe Gläubigkeit mag der Grund dafür sein, dass der Heilige Sylvester im Becher dargestellt worden ist, hatten sich unter seinem Pontifikat (314 bis 335) doch die Bekehrung Konstantins d. Gr. und die Einführung des Christentums als Staatsreligion vollzogen.

Verheiratet war Oskar Kösters mit der aus dem luxemburgischen Schieren stammenden Julia Kösters, geb. Toussaint; aus der Ehe stammten die beiden Töchter Maria Dorothea Ottilie (geb. 1906) und Margarita Emilia (geb. 1910). Seine Villa hat sich in Schwandorf erhalten, eine Straße ist nach ihm benannt.

Der Tafelaufsatz für Oskar Kösters ist ein in der bergmännischen Kunst singuläres Objekt - abgesehen vom so genannten Wieliczka-Horn aus dem Jahre 1534, das das Kunstmotiv des "Wilden Mannes" mit einem Trinkhorn verbindet. Die Unvergleichlichkeit dieses Meisterwerks bergbaulicher Kunst ist aus der Tatsache abzuleiten, dass eine Ehefrau ihrem Manne ein besonderes Geschenk machen wollte und dabei eigene Vorstellungen von einem bekannten Goldschmied hat umsetzen lassen. Dieser Tafelaufsatz ist demnach ein sehr persönliches Kunsterzeugnis und als solches von besonderer Aussagekraft als Dokument eines bergmännischen Lebens.


LITERATUR:
Kunstauktionshaus Schloss Ahlden (Hrsg.): Auktion Nr. 136 vom 30. November/01. Dezember 2007, Ahlden/Aller 2007, Nr. 93, S. 18 f.; Bayerische Braunkohlen-Industrie Aktiengesellschaft (Hrsg.): 75 Jahre BBI, 1906-1981, Schwandorf 1981; Kiener, Hans: Zum Lebenswerk von Fritz Schmidt, in: Die Christliche Kunst 32, 1935, S. 140-145; Notizen, in: Braunkohle 1927, S. 339 u. S. 686; Notiz, in: Deutsche Goldschmiede-Zeitung 13, 1935, S. 123; Slotta, Rainer/Bartels, Christoph: Meisterwerke bergbaulicher Kunst vom 13. bis 19. Jahrhundert, Bochum 1990, Nr. 227, S. 509 f.; frdl. Hilfe und Unterstützung der Stadtbibliothek Schwandorf, Herr Alfred Wolfsteiner.

Foto: Kunstauktionshaus Schloss Ahlden/Aller

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 60, 2008, H. 2 (Beilage)