vorige Hefte

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 125:
Geschenk der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft an ihren scheidenden Generaldirektor Emil HolzGeschenk der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft an ihren scheidenden Generaldirektor Emil Holz
Carl Waschmann, Wien, 1901, Silber (teilweise vergoldet, getrieben, gegossen, gemarkt), Holz, Lapislazuli, Höhe 73 cm, Breite 42,5 cm, Tiefe 30,5 cm
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030006077001)

Auf der Weihnachtsauktion 2007 des Londoner Auktionshauses Sotheby's konnte das Deutsche Bergbau-Museum Bochum ein über 70 cm hohes, äußerst repräsentatives Geschenk der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft an ihren Generaldirektor Emil Holz erwerben, das die Kunstsammlungen des Museums ganz entscheidend erweitert. Das Geschenk ist in der bergmännischen Kunstgeschichte bislang unbekannt gewesen, umso bedeutsamer ist der Erwerb für das Deutsche Bergbau-Museum Bochum.

Der mit dieser kostbaren Aufmerksamkeit beschenkte Emil Holz wurde am 10. April 1840 in Stuttgart geboren und verstarb am 4. November 1915 in Berlin-Charlottenburg. Er war der Sohn des Oberlehrers Andreas Heinrich Holz und seiner Frau Christina Louise, die beide aus dem schwäbisch-württembergischen Raum stammten, und war einer der fachlich bedeutendsten Eisenhüttenleute vor dem Ersten Weltkrieg: Um die Jahrhundertwende galt er bei seinen Fachkollegen in Deutschland und Österreich als erste Autorität.

Holz besuchte das Gymnasium seiner Geburtsstadt und studierte anschließend an der hüttenmännischen Abteilung der Polytechnischen Schule in Stuttgart. Zu seinen Kommilitonen zählten u. a. der Dichter Max Eyth (1836-1906), der später als Turbinenbauer bekannt gewordene Maschinentechniker Johann Matthäus Voith (1803-1874), der als Betriebsdirektor des Bochumer Vereins verstorbene Diefenbach, der spätere Luftschiffer Ferdinand Graf von Zeppelin (1838-1917) sowie der junge Mechaniker Gottlieb Wilhelm Daimler (1824-1900). Nach Absolvierung des Stuttgarter Polytechnikums besuchte Holz noch ein Jahr lang die Bergakademie in Leoben, an der damals Peter Ritter von Tunner (1809-1897) lehrte, und legte anschließend 1862 die Staatsprüfungen für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen am Stuttgarter Polytechnikum ab. Seine erste Anstellung erfolgte im Kgl. Hüttenwerk Wasseralfingen, und Holz wurde unter dem Vorstand Hermann Reusch württembergischer Hüttenverwaltungsassistent auf den Werken Königsbronn und Itzelberg. Dort machte er seine ersten praktischen Studien am Hochofen, in der Gießerei und im Walzwerk.

Im Juni 1863 bestand Holz in Stuttgart die zweite Staatsprüfung und trat danach in verschiedene private Unternehmen ein: zunächst arbeitete er auf dem Werk der Prager Eisenindustriegesellschaft in Kladno und danach, ab 1865, auf den von Rollschen Eisenwerken in Solothurn (Schweiz), wo er mit 25 Jahren Direktor des Hochofenwerks Choindez wurde. 1867 stellte ihn Carl Poensgen (1838-1921) bei der Jünkerather Gewerkschaft in Düsseldorf ein, 1870 war Holz Leiter "für Bau und Betrieb des Hochofenwerks" der damals im Besitz des "Eisenbahnkönigs" Bethel Henry Strousberg (1823-1884) befindlichen Dortmunder Hütte. 1872 wechselte er nach Pirna zum dortigen Hochofenwerk der Sächsischen Eisenindustrie AG und trat 1875 als Leiter der Dillenburger Adolfhütte in die Dienste der Firma Frank & Giebeler.

1878 erfolgte durch Paul Kupelwieser (1843-1919) seine Berufung zum Chef der Hochofenanlage des Witkowitzer Eisenwerkes in Mährisch-Ostrau (Tschechien), um die dortigen Hochöfen umzubauen und neu zuzustellen. Diesem Hochofenwerk widmete Holz in der Folgezeit seine gesamte Energie: zunächst als Hochofenleiter und stellvertretender Direktor an der Seite von Generaldirektor Kupelwieser, seit 1893 bis 1901 in der Funktion des Generaldirektors. Ihm war vor allem daran gelegen, den technischen und wirtschaftlichen Erfordernissen der Zeit gerecht zu werden. Unter seiner Ägide entwickelte sich das Witkowitzer Hüttenwerk zum größten Industrieunternehmen der österreich-ungarischen Monarchie mit mehr als 10 000 Beschäftigten. Holz führte als erster die Verhüttung von Kiesabbränden ein und errichtete eine Kupferextraktion, wobei durch den Erlös des gewonnenen Kupfers die Reinigungskosten des Erzes gedeckt wurden. Er war auch einer der ersten in Europa, der die Gewinnung von Ammoniak und Benzol in der Kokerei sowie die rationelle Umgestaltung der Stahlgewinnungsprozesse durch Modernisierung der Hochöfen betrieb. Nach einer Englandreise, die Holz mit Kupelwieser und Max von Gutmann zum Studium des Thomas-Gilchrist-Verfahrens durchführte, wurde im Witkowitzer Hüttenwerk der so genannte kombinierte Prozess eingeführt, bei dem das flüssige Roheisen zunächst in der Bessemerbirne vorgeblasen und anschließend im Martinofen fertig gemacht wird. Mit Kupelwieser baute Holz ein Röhrenwalzwerk, eine Schamottefabrik und ein zweites Stahlwerk mit Stahlgießerei auf.

Zur Erweiterung der Erzbasis des Hüttenwerks, das zur Eisen- und Stahlerzeugung zunächst nur Innerberger Spat, kieseligen Roteisenstein von Mährisch-Neustadt und armen Brauneisenstein von Sternberg-Kwittein einsetzte, erfolgten im Jahre 1895 der Erwerb der Grubenfelder von Rudobanya-Telekes (1880-1893) und danach der Kotterbacher-Poracser Bergwerke in Oberungarn (1895), die Bessemer-Erze hoher Qualität lieferten und - nebenbei - eine so hohe Quecksilber-Produktion erlaubten, dass diese allein hohe Gewinne erbrachte. Schließlich brachte Holz 1895 die Koskullskulle-Gellivara in Schweden in den Besitz der Witkowitzer Hüttenwerke: Witkowitzer Stahl wurde jetzt unter der Leitung von Holz zu einem Qualitätsbegriff, das Witkowitzer Hüttenwerk entwickelte sich zu einem führenden Produzenten von Kriegsmaterial. Nicht zu vergessen ist auch sein Wirken auf dem Gebiet der Wohlfahrtseinrichtungen und der Fürsorge für die Arbeiter und Beamten des Witkowitzer Werkes.

1901 legte Emil Holz sein Amt als Generaldirektor in Witkowitz nieder und zog nach Berlin, um sich ganz seinen Familienunternehmungen zu widmen und als Berater tätig zu sein. So unterstützte er die Rheinische Metallwaren- und Maschinenfabrik, Düsseldorf, die Chemische Fabrik Hönningen am Rhein und die Westfälischen Stahlwerke in Bochum. Außerdem befasste er sich intensiv mit Grubenuntersuchungen und dem Erwerb von Bergwerksfeldern in ganz Europa und wurde Mitarbeiter der Zeitschrift "Stahl und Eisen". Am 10. April 1910 wurden ihm von der Technischen Hochschule Stuttgart die Würde eines Doktor-Ingenieurs ehrenhalber und vom Verein Deutscher Hüttenleute die Carl-Lueg-Denkmünze verliehen.

Emil Holz heiratete im Jahre 1870 Elise Pauline Eisenmann (1842-1912), die Tochter des Stuttgarter Professors Wilhelm Friedrich Eisenmann. Aus der glücklichen Ehe gingen die 1877 geborenen Zwillinge Otto und Karl hervor, von denen der erste Hüttenmann wurde.

Der Tischaufsatz ist Emil Holz bei seinem Ausscheiden als Generaldirektor von der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft verehrt worden und belegt seine hohe Wertschätzung als Ingenieur und Mensch. Das von zwei Putten gehaltene Medaillon zeigt das Porträt von Emil Holz, unterhalb der aus kostbarem Lapislazuli hergestellten Säulenstellung mit einer Inschrifttafel auf dem profilierten Architrav ("Die Witkowitzer Bergbau u. Eisenhüttengewerkschaft ihrem langjähr. Mitarbeiter Emil Holz 1878 - 1901") sind ein Bergmann mit geschulterter Doppelkeilhaue (als Symbol der Industrie), eine sitzende Frau mit Früchten (als Symbol der Kunst und der Natur), ein Knabe (als Symbol für die Jugend) sowie eine Eule und ein Buch (als Symbole der Wissenschaft) wiedergegeben. Zwei weitere Putten mit berg- und hüttenmännischem Gezähe (Hammer und Zirkel) reichen Kränze empor, die Darstellungen eines Walzwerks, eines Puddelofens, einer Thomasbirne, eines Hochofens und eines Schmelzvorgangs am Sockel nehmen auf die hüttentechnischen Leistungen von Emil Holz Bezug; das abgebildete Gebäude auf der Vorderseite ist das Verwaltungsgebäude der Witkowitzer Gewerkschaft in Mährisch-Ostrau. Auf dem Sockel liegen zusammen mit einer Ruhmespalme Erzeugnisse des Eisenwerks (Eisenbahnräder, eine Geschosskartusche, ein Hammer sowie ein Doppel-T-Träger).

Der Aufsatz zählt zu den stattlichsten, aufwändigsten Geschenken seiner Art und wurde vom Wiener Medailleur, Ziseleur und Elfenbeinschnitzer Carl Waschmann (1848-1905), einem Lehrer an der Fachschule für Bronzearbeiten und Ziseleure in Wien, geschaffen (signiert "fecit C. Waschmann"). Waschmann hat im Jahre 1900 auf der Wiener Weltausstellung ausgestellt, eventuell ist bei dieser Gelegenheit der Kontakt zur Witkowitzer Gewerkschaft entstanden.

Emil Holz ist als einer der wichtigsten Vertreter der deutsch-österreichischen Hüttenindustrie während der Gründerzeit und der Jahre bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs anzusehen. Er wird beschrieben als durchsetzungsfähiger, energischer Mensch, der sowohl humorvoll, als auch verletzend sein konnte. Seine Familie ging ihm über alles, in gesellschaftspolitischer Hinsicht war er konservativ-deutschnational eingestellt: So förderte er im tschechisch-mährischen Witkowitz das "Deutschtum". Der Tafelaufsatz mit seiner Symbolik und Emblematik ist ein deutlicher Beleg für das weite Spektrum der Tätigkeiten dieser großen Persönlichkeit und ihres Wirkens.

LITERATUR:
Perlick, Alfons: Oberschlesische Berg- und Hüttenleute, Kitzingen 1953, S. 180 f.; ders.: Holz, Emil, in: Neue Deutsche Biographie, Berlin 1953, Bd. 9, S. 567; Tafel, W.: Emil Holz, in: Stahl und Eisen 35, 1915, S. 1241-1246; Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE), München 1997, Bd. 5, S. 158; Gutmann, Max Ritter von: Emil Holz, in: Montanistische Rundschau 7, 1915, S. 788; Kohle und Erz 1915, S. 572 f.; o. A.: Das Eisenwerk Witkowitz, o. O. (Mährisch-Ostrau), o. J. (1914); Wilczek, W.: Werden und Wachsen des Eisenwerkes Witkowitz, in: Beskiden-Post 1953, Nr. 11; Thieme, Ulrich/Becker, Felix: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler (hrsg. v. Hans Vollmer), Leipzig 1942, Bd. 35, S. 169.

Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 60, 2008, H. 5-6 (Beilage)