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Ralf Bierod:
Das Anlernen von Kriegsgefangenen im Bergbau während des Zweiten Weltkrieges. Initiative von Betrieben oder planwirtschaftliches Programm?

Das Anlernen und Umschulen von Kriegsgefangenen, zivilen Zwangsarbeitern, italienischen Militärinternierten und jüdischen Häftlingen in deutschen Betrieben war in den vergangenen Jahren ein in mehreren wissenschaftlichen Arbeiten gestreiftes Thema. Es blieb jedoch stets ein Unterkapitel der jüngst gerade für den Bergbau grundlegend und umfangreich vorangetriebenen Zwangsarbeiterforschung. Die Bewertung des Anlernen und Umschulens blieb eher von Unsicherheit geprägt und wurde in den wichtigsten Arbeiten entweder allein der Politik von Fritz Sauckel und Albert Speer zugeschrieben oder - diametral entgegengesetzt - als Initiative des jeweiligen Betriebes interpretiert. Es schien sich als ein Indikator zum Nachweis der Hierarchisierung von Nationalitätengruppen und der Rasseideologie sowie als Beleg zur wachsenden Ökonomisierung des Ausländereinsatzes im Verlauf des Zweiten Weltkrieges zu erweisen.

In Betrieben des Bergbaus schien das Anlernen längst nicht in dem Umfang erfolgt zu sein wie in den Rüstungsbetrieben, die Waffen produzierten. Hans-Christoph Seidel weist das Anlernen denjenigen Unternehmen zu, die bereits längere Erfahrung mit Umschulungsmaßnahmen hatten und zählt hierzu das Volkswagenwerk sowie die Luftfahrt- und Rüstungsindustrie. Bestand für das Anlernen also Handlungsfreiheit oder war es ein planwirtschaftliches Instrument des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz? Bislang fehlte in der Literatur ein chronologisch stimmiger Ablauf, der mit vorliegendem Aufsatz rekonstruiert werden soll.