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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 118:Antoine-Louis Manceaux: Deuil au Pays Noir (Trauer im Schwarzen Land) Öl auf Leinwand
Antoine-Louis Manceaux: Deuil au Pays Noir (Trauer im Schwarzen Land) Öl auf Leinwand, 1921 Ajaccio (Korsika/Frankreich), Musée Fesch


Im Musée Fesch von Ajaccio, der Hauptstadt von Korsika, befindet sich ein Ölgemälde des korsischen Künstlers Antoine-Louis Manceaux, das von der Montangeschichtsforschung bislang kaum beachtet und erst jüngst vom Centre Historique Minier in Lewarde (Dép. Nord/Pas-de-Calais; bei Lens) als dem größten und umfassendsten Bergbaumuseum Frankreichs "entdeckt" und in das Bewusstsein eines breiten Publikums eingebracht worden ist.

Das in dunklen, graublauen und braunen Farbtönen gehaltene großformatige Ölgemälde zeigt die Folgen eines Grubenunglücks: Vor einem Schacht, aus dem helle Schwaden herausdringen, und auf dem Zechenplatz steht still und stumm eine trauernde Menschenmenge. Bergleute und Grubenbeamte sowie einzelne Frauen schauen auf einen toten Bergmannskameraden, der - auf einer Bahre liegend - von zwei Rettern nach über Tage gebracht worden ist; schlaff hängt sein linker Arm herab, der Kopf ist nach hinten herabgesunken. Der tote Bergmann wird von seiner Frau betrauert, die ihr Gesicht auf den toten Körper gelegt hat und ihn kniend beweint. Alle umstehenden Bergleute und Frauen betrachten den toten Kameraden mit einer Mischung aus Mitleid, Trauer und Neugier, die unerträgliche, durch persönliche Anteilnahme und Anspannung charakterisierte Situation findet ihre Entsprechung in der geschilderten Umgebung des Betriebshofes mit den ihn umgebenden Tagesanlagen, die in der Kälte des regnerischen Tages von den aus dem Unglücksschacht strömenden Wettern teilweise verhüllt werden.

Dieses Ölgemälde mit dem bezeichnenden Titel "Deuil au Pays Noir" ("Trauer im Schwarzen Land") nimmt - trotz seines Entstehungsdatums im Jahre 1921 - Bezug auf ein ganz bestimmtes Grubenunglück: auf jenes der Gesellschaft der "Mines de Courrières" am 10. März 1906, das die bislang größte Katastrophe in einem europäischen Bergwerk gewesen ist und dessen Datum sich im vergangenen Jahr zum 100. Mal gejährt hat. Diese Katastrophe in den Schächten 3 und 4 des Bergwerks von Billy-Montigny (zwischen Douai und Lens gelegen) kostete 1099 Bergleuten das Leben, die Folgen dieser gewaltigen Explosion brachten unermessliches Leid über das nordfranzösische Revier, das wegen seiner zahlreichen Schachtanlagen und dunklen, spitzen Bergehalden als "Schwarzes Land" in ganz Frankreich bezeichnet worden ist.

Innerhalb von Sekunden zerstörte die Explosion das Grubengebäude des bis dahin als sicher erachteten Bergwerks. Nur 326 Mann der 1425 Bergleute umfassenden Frühschicht konnten sich selbst retten, die sofort eingeleiteten Rettungsmaßnahmen verliefen erfolglos - ein Bergmann wurde am 15. März lebend angetroffen, 13 weitere Bergleuten konnten wie durch ein Wunder noch nach 20 Tagen Umherirren im weitläufigen Grubengebäude am 30. März ausfahren und sich retten.

Die Kunde von diesem Unglück verbreitete sich wie ein Lauffeuer über ganz Europa und gelangte auch nach Deutschland in das rheinisch-westfälische Steinkohlenrevier. Im Ruhrgebiet entschlossen sich die Bergleute zu handeln - trotz der bestehenden Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich. Aber nicht nur die spezifische bergmännische Solidarität verlangte danach, sondern es bot sich auch die Möglichkeit, die in Deutschland bereits vorhandene, den französischen Rettungsgeräten offensichtlich überlegene technische Ausrüstung in einem Ernstfall auszuprobieren.

Die Initiative zur Hilfeleistung ging auf Georg Albrecht Meyer, den Bergwerksdirektor der Herner Zeche Shamrock I/II, sowie auf den Geschäftsführer des Vereins für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund, Bergmeister Konrad Engel, zurück. Meyer hatte seit den 1880er-Jahren innerhalb der Hibernia AG eine seinerzeit wegweisende Grubenwehr aufgebaut. Nach dem Austausch mehrerer Telegramme mit den französischen Verantwortlichen reiste die Herner Grubenwehr unter Leitung von Meyer in der Nacht des 11. März ab, in Gelsenkirchen stiegen sechs Mitglieder der Berufsfeuerwehr der Zeche Rheinelbe unter Leitung von Brandinspektor Hugo Koch zu. Die deutschen Rettungskräfte kamen am Vormittag des 12. März in Billy-Montigny an - sie riefen einerseits spürbares Unbehagen, andererseits aber auch ungläubiges Staunen hervor, denn dass deutsche "Erbfeinde" französischen Bergleuten helfen wollten, konnte man sich kaum vorstellen. Die "sauveteurs allemands" kamen zwar zu spät und, obwohl sie bis Ende März in Nordfrankreich blieben, haben sie keinen einzigen französischen Bergmann retten können. Wichtiger und ausschlaggebend war aber das Symbol der Hilfeleistung, die losgelöst von allen politischen Hindernissen durch die Menschlichkeit der Bergleute entstanden war. Jean Jaurès, der große französische Sozialist, bewertete dieses solidarische Handeln der Bergleute als Zeichen für eine aufkommende Völkerfreundschaft zwischen Frankreich und Deutschland, schien es jetzt doch nicht zuletzt durch die Hilfeleistung der geschulten Rettungskräfte aus Herne und Gelsenkirchen möglich, die überbordenden nationalistischen Wertmuster zu brechen.

Doch es kam anders: Die deutsche Rettungsaktion in Courrières wurde schnell für die hohe Politik des Deutschen Reichs instrumentalisiert. Nur wenige Tage vor dem Ende der Konferenz zur Beilegung der Marokko-Krise in Algeciras, in der sich eine außenpolitische Isolierung Deutschlands abzeichnete, ehrte Kaiser Wilhelm II. am 2. April 1906 die deutschen Rettungsmannschaften in der Kaserne des Husarenregiments Nr. 11 in Krefeld. Zur gleichen Zeit schmiedeten deutsche Generäle bereits den "Schliefen-Plan", nur acht Jahre später kam es zur "Urkatastrophe" des Ersten Weltkrieges. Deutsche Soldaten zerstörten die nordfranzösischen Städte, das Hoffnungspotenzial, das die deutschen Bergleute aufgebaut hatten, zerplatzte geradezu.

Dennoch funktionierten trotz aller Feindschaft die Verbindungen im Bergbau weiter. Sowohl französische als auch deutsche Institutionen verständigten sich über gemeinsame Probleme, vor allem auf den Gebieten der Arbeitssicherheit und des Explosionsrisikos. Man tauschte sich aus, die bergmännische Solidarität überwand die Grenzen, bis wieder ein großer Krieg die Vertrauensbasis, die mühsam aufgebaut worden war, zerstörte. Doch erneut kam es zu einer Verständigung zwischen Franzosen und Deutschen - durch die "großen" Europäer Robert Schumann, Konrad Adenauer und Charles de Gaulle entstanden erneut der europäische Gedanke und die "Entente Cordiale" zwischen Frankreich und Deutschland. Maßgeblich an dieser Annäherung beteiligt war die Montanunion als Wegbereiter der Europäischen Gemeinschaft. Festzuhalten ist, dass es der Bergbau gewesen ist, der in den 1950er-Jahren die Fundamente für unser heutiges Europa gelegt hat, das trotz mancher Schwierigkeiten eine großartige Konstruktion der vereinigten Vaterländer ist und ohne Alternative dasteht.

Damit wird aber auch deutlich, dass der so grausamen Bergwerkstragödie von Courrières eine besondere Bedeutung zukommt: Man kann sie als ein auslösendes Element des Zusammenwachsens von Europa bewerten und als ein erstes Zeichen einer über die Grenzen in Europa hinaus reichenden Solidarität von Menschen für Menschen, darin liegt die große und tiefe Bedeutung der Bergwerkskatastrophe von Courrières.

Antoine-Louis Manceaux, der Schöpfer des Gemäldes, hat das Thema des Grubenunglücks von Courrières in einem eindrucksvollen Bildwerk wiedergegeben, das er im Jahre 1921 im Pariser "Salon des Artistes Français" vorstellte. Er konnte bei seinem Werk auf Vorbilder vor allem von Constantin Meunier (1831-1905) zurückgreifen, der das Thema des Grubenunglücks mehrfach umgesetzt hat - z. B. in seinen Gemälden "Die Einsegnung der Särge nach dem Grubenunglück" und "Grubengas" sowie in seiner Skulpturengruppe "Schlagende Wetter" (alle um 1885 entstanden). Aber auch ein Maler wie Hendrik Luyten hat dieses Thema der "Schlagenden Wetter" im Jahre 1888 im rechten Flügel eines Triptychons dargestellt. Am 27. Oktober 1862 im korsischen Calvi geboren, lernte Antoine-Louis Manceaux in Paris bei den Malern Alexandre Cabanel (1823-1889), Gustave Moreau (1826-1898) und Robert Delauney (1885-1941). Er ließ sich anschließend als Lithograph und Genremaler in Beauvais nieder, wo er auch 1930 verstarb. Werke von Manceaux befinden sich in den Kunstmuseen von Troyes und Beauvais, das im Musée Fesch gehört zu den Spätwerken dieses zu Unrecht bislang kaum bekannten französischen Künstlers.

LITERATUR:
Vollmer, Hans: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler, Leipzig 1929, Bd. 23, S. 603; Piazza, P./Bourdon, A.: Antoine Louis Manceaux, Paris 1933; Heurteau, Ch.-E.: La catastrophe de Courriéres, in: Annales des mines 12, 1907; Bourdon, Henri: Billy-Montigny au coeur de la catastrophe minière de 1906, Billy-Montigny 1974; Sieburg, Heinz-Otto: Die Grubenkatastrophe von Courrières. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der Dritten Republik und zum Deutsch-Französischen Verhältnis um die Jahrhundertwende, Wiesbaden 1967; Friedemann, Peter: Die Rezeption des Grubenunglücks von Courrières 1906: Grenzen und Wege europäischer Solidarstrukturen, in: FS Zdenek Karnick. Acta Universitatis Carolinae - Philosophica et Historica 1, Prag 1999, S. 23-40; Tschirbs, Rudolf: Kabalen und Nächstenliebe. Die rheinsch-westfälischen Bergwerksindustriellen und das Grubenunglück von Courrières 1906, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 46, 2001, S. 77-94; Farrenkopf, Michael: Courrières 1906. Eine Katastrophe in Europa. Explosionsrisiko und Solidarität im Bergbau, unter Mitarbeit von Michael Ganzelewski und Stefan Przigoda, Bochum 2006; Centre Historique Minier (Hrsg.): 10 mars 1906, Compagnie de Courrières. Enquête sur la plus grande catastrophe minière d'Europe, Lewarde 2006; Centre Historique Minier (Hrsg.): 10 mars 1906. La catastrophe des mines de Courrières … et après?, Lewarde 2007; frdl. Hilfe und Unterstützung des Musée Fesch, Ajaccio.

Foto: Musée Fesch, Ajaccio

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 59, 2007, H. 1 (Beilage)