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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 119:Michael Foresius Buchmalerei vom Anfang des 3. Buches von Albertus Magnus "De Mineralibus Libri Quinque"
Michael Foresius (gest. nach 1503): Buchmalerei vom Anfang des 3. Buches von
Albertus Magnus "De Mineralibus Libri Quinque", Zabern/Saverne 1483/1484
Zeitz, Stiftsbibliothek, Handschrift mscr. qu. 79


Zu den wertvollsten und künstlerisch am aufwendigsten ausgestatteten mittelalterlichen Handschriften im Bestand der Zeitzer Stiftsbibliothek zählt der Kodex mscr. qu. 79, eine kleinformartige Sammelhandschrift (20 cm x 15 cm), die insgesamt 221 Blätter umfasst. Die Handschrift vereint in sich zwei naturwissenschaftliche Werke des herausragenden und viel gelesenen deutschen Theologen und Philosophen Albertus Magnus (gest. 1280). Es ist die vier Bücher umfassende Abhandlung über die Meteorologie ("De Meteoris Libri quattuor"), von der allerdings nur das vierte und letzte Buch in der Handschrift vorliegt, sowie die auf fünf Bücher angelegte Darstellung zur Mineralogie bzw. Geologie ("De Mineralibus Libri quinque").

Der Dominikaner Albertus Magnus war ein Schüler des Thomas von Aquin (gest. 1274) und lehrte u. a. in Köln, wo er auch in der Kirche St. Andreas begraben liegt. Mit seinen Schriften verhalf er dem Aristotelismus zum Durchbruch. Dabei ging es ihm in erster Linie darum, das Ineinandergehen von christlichem Glauben und aristotelischem Denken zu beweisen. Bereits seinen Zeitgenossen galt er als Autorität.

Wiederholt widmete er sich unter Rückgriff auf die metaphysischen, naturphilosophischen und naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles in seiner langen und ertragreichen Schaffenszeit naturwissenschaftlichen Fragestellungen. Seine fünf Bücher über die Mineralogie galten trotz aller Mängel bis in das Spätmittelalter als das beste mineralogisch-geologische Handbuch. Untersucht und dargestellt wird die Natur der Mineralien, ihre Mischung, die Ursachen ihrer Entstehung sowie ihre Form. Hinsichtlich ihrer Klassifikation beschritt Albertus Magnus dabei neue Wege, indem er die Salze und brennbaren Stoffe als eine neue Gruppe ("media") zusammenfasste, die er zwischen den Metallen und Steinen einordnete. Sein besonderes Interesse erregte auch der Erzabbau und die Verhüttung der gewonnenen Erze. Aus den darauf Bezug nehmenden Äußerungen geht hervor, dass die Hüttenleute und Metallverarbeiter des 13. Jahrhunderts ein differenziertes Wissen über die von ihnen verarbeiteten Metalle besaßen. Erwähnung fand in diesem Zusammenhang u. a. das Freiberger Silber und das Goslarer Kupfer. Aus eigener Anschauung kannte er Metallbetriebe in Köln und Paris.

Der Text am Anfang des dritten Buches der Mineralogie wird, verbunden durch die Überschrift, nahezu vollständig von einer aufwendigen Illustration umschlossen. Sie setzt sich aus einer Weißrankeninitiale zusammen, die nach unten in Form einer mit Blüten verzierten Fassadenranke ausläuft, und einer Miniatur, die unten und rechts den Text rahmt. Die überaus kunstvolle T-Initiale ist auf einem blauen Grund ausgeführt. Vielfach verschlungen rankt sich um das T eine sich mehrfach verzweigende Knollenblattranke, an die sich links ein Schriftband anschließt. Zu lesen ist hier "M(ichaelis) Foresii 1485". Am unteren Blattrand ist der Abbau sowie die Gewinnung des Erzes im Berg thematisiert, und am rechten Blattrand bescheint eine glänzende, strahlende Sonne über blauem Himmel das Gebirge: Die für den Bergbau und das Hüttenwesen charakteristischen Szenen zeigen rechts den Abbau von Erzen. Links davon ist ein Schmied an der Esse dargestellt. Links von der Esse steht ein Amboss auf einem schweren Holzklotz, an den zwei Schmiedehämmer angelehnt sind. Esse und Amboss manifestieren das Hüttenwesen und die weitere Verarbeitung des gewonnenen Metalls. Die Bergbauszene spielt in einer gebirgigen Gegend, über der die Sonne als alchimistisches Symbol des Goldes glänzt. Die beiden Bergleute tragen die bekannte weiße Altvätertracht mit Gugel, langem Kittel, rotem Hemd und roten Kniehosen bzw. -strümpfen: Einer von ihnen bearbeitet vornüber geneigt einen gerundeten Stoß mit Schlägel und Eisen als dem charakteristischen Gezähe der Frühen Neuzeit, wobei er das Eisen auf den Stoß gesetzt hat und den Schlägel mit der erhobenen Rechten führt. Der zweite Knappe fördert grün schimmerndes Haufwerk in einer einräderigen Schubkarre zum Schmied, der mit roter Kopfbedeckung und langem, rotem Gewand wiedergegeben ist und vor der Esse steht. Er hat mit seiner Rechten eine Zange ergriffen und hält ein Stück Eisen in das Holzkohlenfeuer. Eine Kelle dient ihm dabei zum Richten des Feuers. Mit seiner Linken bedient er einen Blasebalg, um das Schmiedefeuer anzufachen.

Die Illustration, die Form der Initiale und des Schmuckwerks sowie die verwendete Schrift erinnern an italienische Handschriften des 15. Jahrhunderts. Doch entstand der Zeitzer Kodex nicht in Italien, sondern am Oberrhein unweit von Straßburg im elsässischen Zabern (heute Saverne), der Sommerresidenz der Straßburger Bischöfe. Dort wurde die Handschrift am 27. Januar 1483 oder 1484 vollendet, gebunden ist sie in einen kostbaren Kalbsledereinband, für den ein Straßburger Buchbinder verantwortlich zeichnet.

Angelegt wurde der Zeitzer Kodex für Pfalzgraf Albrecht von Pfalz-Mosbach, der von 1478 bis 1506 als Straßburger Bischof amtierte. Der Schreiber der Handschrift war der Mediziner und Astronom Michael Foresius, von dem man weiß, dass er um 1470 in Köln und später auch in Italien studiert hat. Vergeblich versuchte er eine Anstellung am Hof des Bischofs zu erreichen. In diesem Zusammenhang entstand wohl auch die Handschrift. Schließlich wandte er sich nach Mainz. Hier lehrte er an der Universität, deren Rektorat er kurz nach 1500 innehatte. Danach verliert sich seine Spur. Foresius selbst hat sich auf dieser Miniatur in dem zur T-Initiale gehörenden Schriftband links der Initiale verewigt und auch das Entstehungsdatum festgehalten. Ob er es war, der auch die künstlerisch hochstehenden Illustrationen ausführte, lässt sich daraus freilich nicht ableiten. Doch dürfte in jedem Fall das Konzept auf ihn zurückzuführen sein.

Die Handschrift ist spätestens um 1560 nach Zeitz gelangt. Hier residierten seit 1285 die Bischöfe des Bistums Naumburg. Sie gehört zu der bedeutenden, im Verlauf von fünf Jahrzehnten zielstrebig zusammengetragenen Bibliothek, die der letzte Naumburger Bischof Julius Pflug (gest. 1564) testamentarisch seinen Nachfolgern hinterließ. Der bedeutende Theologe und Jurist war als Humanist den Wissenschaften zugewandt und vielseitig interessiert, darüber hinaus ein enger Bekannter und Freund von Georgius Agricola (gest. 1555). Als Agricola im evangelischen Chemnitz verstarb und dort als Katholik nicht beerdigt werden konnte, veranlasste Pflug, dass Agricolas Leichnam nach Zeitz überführt und im dortigen Dom begraben wurde. Pflugs Bibliothek blieb durch glückliche Umstände in Zeitz erhalten. Wann und wo Pflug, der u. a. auch dem Mainzer Domkapitel angehörte, die Handschrift in seinen Besitz gebracht hat, ist ungeklärt. Nachzuweisen ist sie erstmals in einem Verzeichnis der Bibliotheksbestände, das 1565 entstand.

Als Frage bleibt, woher Foresius seine auf das Montanwesen abhebenden Kenntnisse besessen hat. Ganz allgemein wird man sagen dürfen, dass er als Mediziner mit der Alchimie und seiner Metallallegorie und damit mit dem Montanwesen in Verbindung gekommen sowie als Astronom und vielseitig ausgebildeter und gebildeter Wissenschaftler natürlich Kenntnisse vom Bergbau seiner Zeit besessen haben muss. Zu sehr bestimmte das Montanwesen mit seiner damaligen Hochtechnologie die Gesellschaft und Wirtschaft im ausgehenden 15. Jahrhundert, lieferte doch die aus dem Bergbau und dem Hüttenwesen entstandene Wertschöpfung die Finanzmittel für den Ausbau der frühneuzeitlichen Territorialstaaten Mitteleuropas. Dies gilt auch für das Gebiet der Vogesen, das Silber, Blei und Kupfer lieferte und dessen Bergbau im 15. und 16. Jahrhundert eine hohe Blüte erfahren hat. Sie ist auf dem Sektor der bergmännisch geprägten Kunst belegt durch den 1543 entstandenen Rappoltsteiner Pokal oder auch durch etwa zeitgleich mit Georgius Agricolas Hauptwerk "De Re Metallica" erschienenes "Bergbuch des Lebertals" (um 1550). Eine unmittelbare Ähnlichkeit zur Buchmalerei des Michael Foresius besitzt das Blatt 353 aus dem Graduale von St. Dié, heute in der Bibliothèque Municipale von St. Dié, vom Beginn des 16. Jahrhunderts. Es zeigt in einer um den längsrechteckigen Notentext herum gelegten Randleiste berg- und hüttenmännische Szenen, die die Förderung, die Aufbereitung, die Verhüttung und die Holzkohlenherstellung zum Thema haben. Dass derartige Randleisten-Malereien mit bergmännischer Thematik durchaus häufiger anzutreffen sind, belegt auch die so genannte Siegener Randleiste aus dem späten 15. Jahrhundert, heute im Museum des Siegerlandes in Siegen.

Zusammenfassend wird man sagen dürfen, dass diese bislang weitgehend unbekannte Buchmalerei, die möglicherweise der Mediziner und Astronom Michael Foresius ausführte, die Kenntnis und das Wissen um die vom Montanwesen geprägte Kunst um ein ganz wesentliches Belegstück erweitert hat. Dass zudem diese Illumination in Albertus Magnus Werk über die Mineralogie als einem der bedeutendsten und einflussreichsten Werke des Mittelalters anzutreffen ist, muss besonders berühren.

LITERATUR:
Stewing, Frank-Joachim: Die fünf Bücher der Mineralogie des Albertus Magnus - ein Standardwerk der mittelalterlichen Mineralogie und Geologie, in: Spektrum 16, 2006, H. 6, S. 12; Böhmelmann, Hans Joachim: Ein Mainzer Gremiale auf "Abwegen", in: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Kunst und Geschichte 99, 2004, S. 144-153; Bartels, Christoph: Albertus Magnus und das Montanwesen des Mittelalters, in: FS Rudolf Palme zum 60. Geburtstag, hrsg. v. Wolfgang Ingenhaeff, Roland Staudinger und Kurt Ebert, Innsbruck 2002, S. 23-50; Ludwig, Karl Heinz: Die Pergament-Randleiste aus dem 15. Jahrhundert in Siegen mit einem böhmischen Bergbaumotiv, in: Technikgeschichte 56, 1989, S. 133-136; Prescher, Hans: Georgius Agricola: Die historische Persönlichkeit, in: Ernsting, Bernd (Hrsg.): Georgius Agricola. Bergwelten 1494-1994, Essen 1994, S. 55-59; Ronsin, Albert: Le Graduel de Saint-Dié et ses Enluminures sur les Mines (vers 1504-1514), in: Pierres et Terre 25-26, 1982, S. 54-58.

Eine moderne Edition von Albertus Magnus Werk "De Mineralibus Libri Quinque" liegt nicht vor, ist jedoch vorgesehen im Rahmen der "Editio Coloniensis" des Albertus-Magnus-Instituts Bonn: Alberti Magni Opera Omnia, seit 1951 erschienen 24 Teilbände (von 40 geplanten Bänden). Alteditionen der Werke von Albertus Magnus: Jammy, P.: 21 Bde., Lyon 1651 ff. und Borgnet, A.: 38 Bde., Paris 1890-1899.

Foto: Stiftsbibliothek Zeitz

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum/Frank-Joachim Stewing, Zeitz

Der Anschnitt 59, 2007, H. 2-3 (Beilage)