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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 120:
Richard Westmacott, Grabmal des Schieferbarons Richard Pennant, Marmor, 1832
Richard Westmacott, Grabmal des Schieferbarons Richard Pennant, Marmor, 1832
Llandygai (Wales), Pfarrkirche


Im Norden von Wales, unmittelbar an der Menai Strait, der Wales von der Insel Anglesey trennt, liegt das monumentale Schloss Penrhyn, das in den Jahren zwischen 1820 und 1845 nach den Planungen von Thomas Hopper für die Familie Pennant errichtet worden ist. Deren ungeheures Vermögen stammte aus dem walisischen Schieferbergbau und der Zuckerproduktion in Jamaika. Das über 200 m lange Schloss gehört zu den am meisten bewunderten Architekturen des 19. Jahrhunderts und ähnelt einer normannischen Burg. Fürst von Pückler besuchte es auf seiner England-Reise und äußerte sich begeistert, Königin Victoria von England übernachtete 1859 auf Penrhyn Castle in einem aus einem einzigen Schieferblock geschaffenen Bett und soll allerdings "not amused" gewesen sein. 1951 gingen das Schloss und der es umgebende Grundbesitz in die Obhut des National Trust über.

In der malerisch zu Füßen des monumentalen Schlosses liegenden Pfarrkirche St. Tegai in Llandygai findet sich im Chor das Grabmal des so genannten Schieferbarons Richard Pennant (1st Baron Penrhyn of Penrhyn, 1739-1808) und seiner Gemahlin Anne Susannah Warburton (1745-1816). Richard Pennant zählt zu den weniger bekannten, aber nichtsdestotrotz zu den wichtigen und einflussreichsten Unternehmerpersönlichkeiten des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts in England. Er wurde auf dem Trinity College in Cambridge erzogen, lernte bei seinem Vater (einem Liverpooler Kaufmann) und seine Verbindungen nach Westindien sicherten ihm einen Sitz im Londoner Parlament (1761). 1781 übernahm er das Handelshaus nach dem Tode seines Vaters. In der Folgezeit widmete er sich der Vergrößerung seines Einflusses in Nordwales und seines Vermögens, wobei sich sein Interesse vor allem dem walisischen Schieferbergbau und der Zuckerproduktion zuwandte. Beim Aufbau des walisischen Schieferbergbaus versicherte er sich der Hilfe der Familie Wyatt, die seine Schieferbrüche zu damals unbekannter Größe und Effektivität ausbauten.

Noch in den 1760er-Jahren produzierte Wales aus nur zwölf Tagebauen Schiefer, seit 1765 stiegen die Zahl der Brüche und der darin Beschäftigten sprunghaft an. Richard Pennant ließ Straßen von den Steinbrüchen zur Küste nach Nant Francon und durch das Ogwen Tal nach Capel Curig anlegen, erbaute eine der ältesten Eisenbahnen der Welt (1798) und den Verladehafen in Port Penrhyn (seit 1786), wo der Schiefer weiterverarbeitet wurde, u. a. zu Schultafeln, von denen in den 1780er-Jahren jährlich rd. 136 000 Stück hergestellt wurden. Mit dieser Produktion führte er das Ende des bis dahin in Schweizer Händen befindlichen Monopols herbei. Seine großen Erfolge erzielte Richard Pennant, indem er das Prinzip von Dreiecksgeschäften einführte: Er lieferte Schiefer mit Schiffen nach Übersee (auch als Ballast) und ließ sie auf der Rückfahrt mit Baumwolle, Indigo und anderen "exotischen" Produkten beladen. Darüber hinaus vermarktete er die in den Schiefertagebauen beibrechenden Mengen von Zink- und Manganerzen, von Quarz, Flint, Hornstein und Ocker und verkaufte diese Mineralien an die Herculaneum-Porzellanmanufaktur in Liverpool. Richard Pennant bemühte sich weiterhin intensiv um eine Verbesserung der ländlich strukturierten Infrastruktur, kümmerte sich um die Landwirtschaft, legte Sumpfland trocken, legte Plantagen und Waldflächen an und errichtete Schulen für die Kinder seiner Arbeiter. Für "seine" Schieferarbeiter gründete er als überzeugter Calvinist eigene Ortschaften, deren bekannteste und größte den biblischen Namen "Bethesda" erhielt.

Der Penrhyn Steinbruch gilt bis heute als der größte Schiefersteinbruch der Welt; in der Geschichte der britischen Arbeiterbewegung nimmt er einen wichtigen Platz im Kampf um bessere Entlohnung und sicherere Arbeitsbedingungen ein, fanden doch in ihm zweimal lange Streiks statt: Der erste begann im Jahre 1896 und währte elf Monate, der zweite begann am 22. November 1900 und dauerte drei Jahre.

Die Erinnerung an den Schieferbaron Richard Pennant hält das aus weißem Marmor geschaffene, einzigartige Grabmal in der Pfarrkirche von Llandygai aufrecht, das sich antiker Formensprache bedient. Auf einem niedrigen Sockel erhebt sich ein leicht nach vorne gewölbter Unterbau, der eine lange Inschrift und einen aus vier Szenen bestehenden Puttenfries trägt. Darauf ruht der Sarkophag. Seitlich sind zwei lebensgroße Figuren angeordnet: Rechts trauern eine auf einem Steinblock sitzende junge Frau, links ein Schieferarbeiter. Als Attribute sind der Frau ein zu ihren Füßen liegender Spinnrocken, dem Arbeiter eine schwere Brechstange und ein Spaltmesser in der herabhängenden rechten Hand zugeordnet. Beide Figuren sind in antike Gewänder gehüllt: Die Frau trägt ein dünnes, fließendes Gewand mit fein gesticktem Saum, das die rechte Brust frei lässt, die Füße sind nackt und das gesenkte Haupt ist mit Eichenlaub bekränzt. Der Schieferarbeiter trägt weiche Schnürstiefel, lange, herab gerollte Strümpfe, eine Kniebundhose, das Leder vor dem Leib und ein kurzärmeliges Hemd. Er stützt sich mit der Linken auf die Brechstange, schmiegt den Kopf auf die Hand, sein trauernder Blick geht ins Leere. Vom Sarkophag fällt ein Leichentuch herab.

Auf dem Unterbau zeigt der Puttenfries vier Szenen: Von links nach rechts angeordnet zeigen sie einen Ziegenbock und einen Putto, der die Panflöte spielt, zwei Putten beim Schieferspalten mit Fäustel und Meißel, zwei Putten beim Lesen eines Buches sowie drei Putten beim Kornschneiden mit einer Sichel. Diese allegorischen Darstellungen sollen die Leistungen des verstorbenen Paares in den Bereichen Kultur, Industrie und Agrikultur versinnbildlichen, genauere Angaben zu Leben und Werk sowie zu den Leistungen und Charakteren von Richard und Susannah Pennant vermittelt die lange Inschrift: "In a vault beneath lies the body of / the right honourable Richard Pennant, Baron Penrhyn. / He married Anne Susannah, sole heiress of Lieutenant-General Warburton: / and died at Winnington, in Cheshire, 21th January 1808, aged 70. / He was for many years an intelligent and active representative in Parliament for Liverpool: / and was created Baron Penrhyn. 1783 / He opened the first carriage road through the valley of Nant Francon, formed the quay at Port Penrhyn: / enriched and adorned the demesne and the country around it with buildings, agriculture and plantations: / improved the condition of the peasantry, exciting them to habits of industry by employment: / and laid the foundation for the more important blessing of an abvancement in religion and morality, / by the erection and endowment of St. Anne's chapel. / His domestic life was distinguished by order, temperance and regularity: / An habitual chearfulness and complacency of temper. / and a polite and uniform urbanity of manners to persons of every description. / In the same vault are deposited the remains of / the right-honourable Anne Susannah. Baroness Penrhyn. / who was born at Chester, 8th.February 1745, and died at Penrhyn, 1st January 1816. / in her daily devotions she was regular, in her various occupations systematically exact: / A kind, candid, and conciliating neighbour, and a sincere friend: / Nothing would have induced her to say what she did not believe was true. / or do what she did not think was just. / She extended the improvements of her deceased Lord, erected the adjoining school-house: / and bequeathed various sums to her executors. / for an organ and organist at St. Anne's Chapel: for an augmentation to the stipend of the minister: / for the repairs and decoration of this church. / and for the erection of the monument on which this memorial is preserved / of public and private virtue."

Signiert ist das Grabmal von seinem Erbauer: "Richard Westmacott R. A. / invt. [inventit] et fecit / 14. South Audley Street. / London". Der geadelte Künstler lebte von 1775 bis 1856 und zählt als Royal Academician (seit 1811) zu den herausragenden englischen Künstlern des Klassizismus. Zu seinen Hauptwerken werden die Reliefs an der Nordseite des "Marble Arch" und die Skulpturen am Sockel des British Museum in London gerechnet, ein weiteres Hauptwerk ist die "Waterloo Vase" im Garten des Buckingham Palastes und die Nelson-Statue in Birmingham.

Die Tatsache, dass Westmacott als Staatskünstler das Denkmal in Llandygai im Jahre 1832 geschaffen hat, belegt zum einen das außerordentlich hohe Ansehen von Sir Richard Pennant als Unternehmer und Mensch, zum anderen bestätigt die Wahl dieses Künstlers das Repräsentations- und Selbstbewusstsein der Familie Pennant, deren gesellschaftliches Ansehen durch ihre unternehmerischen Aktivitäten erheblich gewachsen war. Es ist ohne Zweifel ein außergewöhnliches, bemerkenswertes Grabmal, das seinesgleichen - allein schon hinsichtlich seiner Abmessungen - in der bergmännisch geprägten Kunst sucht und bislang in der einschlägigen Literatur keine Berücksichtigung gefunden hat.


LITERATUR:

Trevor, A. P. u. a.: Penrhyn Castle (hrsg. v. National Trust), Heelis 2006; Douglas Pennent, E. H.: The Welsh Families of Penrhyn, o. O. 1985; Lindsay, Jean: A History of the North Wales Slate Industry, London 1974; dies.: The Great Strike, London 1987; Hughes, J. Elwin/Hughes, Bryn/Wood, Dennis S.: The Penrhyn Quarry: Yesterday and Today (hrsg. v. Penrhyn Quarries Ltd.), o. O. 1979; Richards, Alun John: Slate Quarrying in Wales, Gwasg Carreg Gwalch 2006.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

Der Anschnitt 59, 2007, H. 4-5 (Beilage)