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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 121:Münzhumpen Silber, vergoldet, getrieben, gegossen, Braunschweig
Münzhumpen Silber, vergoldet, getrieben, gegossen, Braunschweig (?), 1661-1666
Höhe 25,5 cm, Gewicht 2542 g
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum Bochum (Inv.-Nr. 030006025001)


Aus englischem Kunsthandel konnte das Deutsche Bergbau-Museum Bochum im Juni 2007 ein herausragendes Kunstwerk mit bergbaulichem Charakter erwerben - einen bis dahin unbekannten Münzhumpen aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der laut einer Plakette im Deckelinneren mit dem Berghauptmann des Communion-Harzes Johann Wilcke von Hake (1606-1683) und seiner Gattin in Verbindung steht. Sichtbarer Bezug zum Metallerzbergbau des Harzes ist die Daumenrast des Münzhumpens in Gestalt eines Bergknappen.

Der silberne, vergoldete zylindrische Humpenkörper entwickelt sich über einem viertelkreisförmigen, gebogenen Sockel, in den zwischen getriebenen Grotesken insgesamt zehn Halbtaler mit einer Darstellung des "Wilden Mannes" und der Inschrift "IHS Pietate et Iustitia" aus dem Jahre 1660 eingelassen sind. Diese Dekorationsweise setzt sich auf dem Humpenkörper fort, der mit zwei Reihen von jeweils zehn weiteren Halbtalern besetzt ist, doch stammen die Münzen dieses Mal ausnahmslos aus dem Jahre 1661. Wiederum sind die Zwischenräume zwischen den Münzen mit Grotesken verziert. Eine niedrige, glatt belassene Zone schließt den Humpenkörper zum flach gewölbten Deckel ab. Im vollständig vergoldeten Humpeninneren ist an der Wandung eine Fahrte mit zehn Sprossen befestigt, an denen sich der Grad der Füllung des Humpens ablesen lässt.

Der flache, gewölbte Deckel ist auf seinem unteren Teil mit weiteren zehn Halbtalern wieder aus dem Jahre 1660 besetzt, in das Zentrum hat der Goldschmied einen großen, seltenen Löser im Wert von 5 Reichstalern aus dem Jahre 1660 eingelassen. Dieser Löser zeigt das Münzmeisterzeichen "HS", das wohl für Henning Schlüter steht, der zwischen 1625 und 1672 Münzmeister in Zellerfeld gewesen ist und seit 1636 in Diensten des Harburger Zweiges des Herzoghauses von Braunschweig-Lüneburg gestanden hat.

Der glatte Henkel mündet in eine Daumenrast in Gestalt zweier sich einrollender Bügel, zwischen denen ein Bergknappe in Altvätertracht mit langer Hose, Stiefeln, Kniebügeln, eng anliegendem Wams und hohem Schachthut steht. Er stützt sich mit seiner rechten Hand auf sein Häckel, während er mit der Linken einen Trog auf der Schulter hält. Sein Gesicht ist deutlich herausgearbeitet, er trägt einen Backen-, Kinn- und einen Schnurrbart.

Öffnet man den Humpen, dann entdeckt man im Deckelboden anstelle der Löser-Unterseite eine kreisrunde, vergoldete Plakette mit der erstaunlichen Inschrift "HEDWIG HAKEN / Geborne Von / WOLFFIN / BergHauptmanin" inmitten eines Kranzes. Der Münzhumpen ist auf dem Fuß und am Deckel gemarkt ("CB"); diese Marke deutet nach Rosenberg und gemäß gegenwärtigem Forschungsstand nach Merseburg, doch scheint es durchaus möglich zu sein, dass die Zuschreibung der Marke in diese mitteldeutsche Stadt revidiert werden muss.

Die Inschrift auf der Plakette im Deckelinneren gibt erste Hinweise auf den Besitzer des außergewöhnlichen Humpens: Hedwig von Hake, geborene von Wolff(en), heiratete Johann Wilcke von Hake (1606-1683), den Berghauptmann und Oberinspektor der Communion-Bergwerke am Harz im Jahre 1659. Da bis heute nachweislich zu keinem Zeitpunkt eine Frau die Funktion eines Berghauptmanns ausgeübt hat, wird man die Widmung so interpretieren müssen, dass sich der Humpen im Besitz der Gattin des Berghauptmanns befunden hat - dennoch ein außergewöhnlicher Vorgang, der bislang in der bergmännisch geprägten Kunst ohne Vergleichsbeispiel dasteht.

Über die Tätigkeit von Johann Wilcke von Hake als Berghauptmann im Harzer Communion-Bergbau ist bislang nichts Näheres bekannt geworden - er hat dieses Amt auch nicht lange ausgeübt und keine nachhaltig wirkenden Spuren hinterlassen. Über sein Leben gibt die in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel erhaltene, anlässlich seines Todes am 27. September 1683 vom Harburger Pastor Johann Walther verfasste Leichenpredigt Auskunft, die den Berghauptmann eher als einen nicht immer erfolgreichen, leidgeprüften Kriegsmann, denn als aktiven Bergmann schildert. Nach dieser Quelle wurde Johann Wilcke im April 1606 auf dem Adelsgut Ohr (bei Hameln) als Sohn des "fürstlich braunschweig-lüneburger Land- und Schatzrathes auff Ohr und Diersen" Levin Hake und seiner Ehefrau Magdalena von Weyhe geboren. Er besuchte seit dem 16. Lebensjahr das renommierte Gymnasium in Lemgo, brach dann aber mit 19 Jahren seinen Schulunterricht ab und trat 1625 in dänische Kriegsdienste. Dort hatte er wenig Glück und kam in kaiserliche Gefangenschaft, trat danach als "Cornet" in die Dienste des Fürsten Wallenstein, nahm von 1628 bis 1631 am Feldzug nach Mantua teil, kämpfte anschließend bis 1633 als Leutnant unter schwedischem Kommando und trat nach seiner Entlassung in die Dienste des Braunschweig-Lüneburger Herzogs Georg Wilhelm. Offenbar bewährte sich Johann Wilcke von Hake als treuer Parteigänger des Herzogs, so dass dieser ihm nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, nachdem er zunächst auf seinem Gut verblieben war, im Jahre 1655 das Amt eines Drosten im Amt Lauenstein übertrug und ihn vier Jahre später (1659) zum Berghauptmann und Oberinspektor über die Bergwerke auf dem Communion-Harz bestimmte; in dieser Funktion verblieb er bis zum Jahre 1666. Als im Jahre 1665 Herzog Georg Wilhelm aufgrund des Todes von Herzog Christian Ludwig das Fürstentum Lüneburg übernahm, erinnerte sich dieser erneut an den Berghauptmann und übertrug ihm 1666 die Position eines Oberhauptmanns für die Gebiete Harburg, Moisburg und Winsen an der Luhe, die er bis zu seinem Tode im Jahre 1683 ausfüllte.

Über die persönlichen Lebensumstände von Johann Wilcke von Hake ist man hingegen gut unterrichtet: Er war nicht weniger als fünf Mal verheiratet. Im Jahre 1637 heiratete er die Tochter des Grafen Ernst von Falckenbergs, die aber nach nur einem Jahr bei der Geburt von Zwillingen verstarb. Im März 1639 vermählte er sich mit der Tochter des Grafen Busso von Münchhausen, die ebenfalls nach einer Totgeburt verstarb. 1643 heiratete er Anna Dorothea von Grapendorff, mit der er einen (1676 verstorbenen) Sohn und drei Töchter hatte. Nach dem Tode seiner dritten Frau verheiratete er sich im Jahre 1650 erneut - dieses Mal mit Engel Catharina Hahn (verstorben 1659): Aus dieser Ehe entstanden zwei Töchter und drei Söhne. Doch rissen die schweren Schicksalsschläge nicht ab: Alle drei Söhne verstarben bereits im frühen Kindesalter bzw. als Soldaten in den Jahren 1673 und 1675, innerhalb von nur acht Jahren musste er auch den Tod von drei Schwiegersöhnen verkraften. Nach dem Tode seiner vierten Frau im Jahre 1658 vermählte er sich, nachdem ihm das Amt eines Berghauptmanns übertragen worden war, mit Hedwig von Wolff(en), der Tochter des Drosten von Coppenbrügge, die im Jahre 1683 - dem Jahr des Druckes der Leichenpredigt - noch lebte. Im Alter von 77 Jahren und sechs Monaten verstarb Johann Wilcke von Hake am 15. Oktober 1683 nach kurzer, schwerer Krankheit in seinem Amtssitz Harburg.

Als Jahr der Entstehung des Münzhumpens kommen aufgrund der Prägedaten der im Münzhumpen eingelassenen Halbtaler (1660 bzw. 1661) und des Datums 1666, in dem Johann Wilcke von Hake seine Position als Berghauptmann aufgeben musste, nur die Jahre 1661 bis 1666 in Frage. Vielleicht ist der Humpen ein Geschenk des Berghauptmanns an seine 1658 angetraute Gattin gewesen - so wäre die Inschrift zu erklären. Doch ist auch eine nachträgliche Anbringung der Plakette als Besitzanzeige möglich: Dann müsste man den Humpen als ein Geschenk (z. B. von Herzog Georg Wilhelm) an den Berghauptmann in Erwägung ziehen. Wie dem auch sei - der Anlass für dieses Geschenk ist unbekannt. Dass aber die 1652 entstandene Oberharzer Bergkanne ein Vorbild für den Münzhumpen gewesen ist, dürfte angenommen werden. Jedenfalls existieren aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts einige Vergleichsbeispiele (auch solche ohne bergmännische Gestaltung), die die Aktualität und Beliebtheit derartiger Geschenke für wohlhabende Persönlichkeiten belegen.

Der Humpen ist offenbar nach dem Tode von Hedwig von Hake, geborene von Wolff(en), an ihre Schwester Ottilie von Wolff(en) übergegangen, die mit Henning Hahn, dem Bruder der vierten Gattin des verstorbenen Johann Wilcke von Hake, vermählt war. Immer in Privatbesitz verblieben, gelangte er erst jetzt in den Kunsthandel, aus dem er mit Hilfe der DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung für das Deutsche Bergbau-Museum Bochum erworben werden konnte: Der außergewöhnliche Münzhumpen stellt eine außerordentliche Bereicherung der kulturgeschichtlichen Sammlungen des Deutschen Bergbau-Museums Bochum dar und ist zweifelsfrei ein hochrangiges Meisterwerk bergmännischer Kunst, der mit dem Bergbau auf dem Communion-Harz untrennbar verbunden ist.


LITERATUR:
Christie's London: Important Silver, Tuesday 12 June 2007, London 2007, S. 124-128 [unveröffentlicht]; Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Sammlung Stolberg LP 12535: Leichenpredigt auf Johann Wilcken Haken, gehalten von Pastor Johann Walther, gedruckt in Celle im Jahre 1683; Welter, G.: Die Münzen der Welfen seit Heinrich dem Löwen, Braunschweig 1971-1978, 3 Bde., Nr. 1564; Slotta, Rainer/Bartels, Christoph u. a. (Hrsg.): Meisterwerke bergbaulicher Kunst vom 13. bis 19. Jahrhundert, Bochum 1990, S. 538-541 (Nr. 233) und S. 548-552 (Nr. 237); Rosenberg, Marc: Der Goldschmiede Merkzeichen 3, Frankfurt a. M. 1923, Nr. 3408; Frdl. Mitteilungen von Frau Marina Arnold und Herrn Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer, Wolfenbüttel.

Foto: Christie's, London

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 59, 2007, H. 6 (Beilage)