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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 114:Silberne Prunkgirandole
Silberne Prunkgirandole, 1906
800-er Silber, Firma Vollgold, Berlin
Höhe 52 cm, Gewicht 1220 g
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030005548001)

Seit einiger Zeit besitzt das Deutsche Bergbau-Museum Bochum ein besonderes, vom Bergbau geprägtes Kunstwerk - eine schwere, aus 800-er Silber hergestellte, insgesamt fünfarmige Prunkgirandole der renommierten Berliner Silberfabrik Vollgold. Sie erhebt sich über einem schweren, hochgewölbten, mit reichen "barocken" Schwüngen verzierten Fuß, der auf drei Seiten in unregelmäßig gestalteten, blank polierten Feldern die Inschrift "Der / Hedwigsburger / Bergmanns / Verein / Glück Auf" sowie "Seinem verehrten / Ehren-Vorsitzenden / Herrn Direktor / H. Schröder" und "21. April / 1906" trägt. In dem sich darüber entwickelnden, aufsteigenden, sich dabei ein- und auswölbend geschwungenen Schaft finden sich im zentralen Nodus zwei blank polierte Felder mit dem eingravierten Bergbauemblem Schlägel und Eisen und dem darüber bogenförmig eingetragenen Bergmannsgruß "Glück Auf". Im weiteren Verlauf des Schaftes entspringen aus einem oberen Absatz insgesamt fünf Arme - vier wölben sich, aus aneinander gesetzten Schwüngen bestehend, zur Seite, einer strebt in Verlängerung des Schaftes senkrecht nach oben. Alle Arme enden in Tüllen zum Einstecken der Kerzen. Diese Girandole ist bislang ohne Parallele in der bergmännischen Kunst.

Die Girandole ist gemarkt ("V" im Kreis = Vollgold, Berlin) und trägt die Stempelmarken "800", "Halbmond" und "Krone". Die Firma D. Vollgold & Söhne in Berlin zählte im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu den anerkannten Silberwarenherstellern des Deutschen Reiches und konnte sich mit dem Titel eines Hofjuweliers schmücken; u. a. sind zahlreiche Arbeiten für Kaiser Wilhelm II. angefertigt worden.

Obwohl nähere Einzelheiten über die Entstehung dieses bergmännischen Geschenks fehlen, geben die gravierten Inschriften die wesentlichen Hinweise zum Anlass der Anfertigung der Girandole und zur Person des Beschenkten.

Bei dem Bergwerk Hedwigsburg handelt es sich um das bei Wolfenbüttel liegende Kalisalzbergwerk, das zur Zeit der Entstehung der Girandole zur so genannten Nordharzgruppe der AG Deutsche Kaliwerke gehörte, die am 19. April 1904 mit Sitz in Bernterode (Untereichsfeld) gegründet worden war. Dieses Kali-Unternehmen fusionierte im Jahre 1926 mit der Kali-Industrie AG, der Gewerkschaft Glückauf-Sondershausen und der Alkaliwerke Ronnenburg-AG und ging ein Jahr später in dem von der Gewerkschaft Wintershall bestimmten Wintershall-Konzern auf.

Das Kaliwerk Hedwigsburg mit seinen beiden Schächten Sascha und Emil gehörte lange Zeit zu den produktionsstärksten Schachtanlagen des deutschen Kalibergbaus. Die Gewerkschaft Hedwigsburg, die den Aufbau des Werkes leistete, stand unter der Ägide des temperamentvollen, aufbrausenden Industriellen Emil Sauer; er verstand es durch zum Teil äußerst umstrittene Maßnahmen, das Kaliwerk zu einem der führenden Werke auszubauen, bis es innerhalb weniger Stunden "absoff" und schließlich in einem riesigen Trichtersee versank. Daneben sind die Transaktionen Emil Sauers, z. B. die Umwandlungen der Gewerkschaftsform und die große Erhöhung der Kuxenzahl bis auf 7000 (!), äußerst bemerkenswerte und letztlich für seine Persönlichkeit und Wirkungsweise typische, kennzeichnende Wesenszüge.

Ende des Jahres 1893 war die Kalibohrgesellschaft Hedwigsburg gegründet worden, die in der Folgezeit mehrere Tiefbohrungen vornahm, von denen die sechste im Dezember 1894 bei 265 m Teufe das Carnallitlager mit einem durchschnittlichen KCl-Gehalt von 22 % erreichte. Daraufhin konstituierte sich die Gewerkschaft Hedwigsburg zu Neindorf am 15. November 1895 nach einem Generalversammlungsbeschluss vom 28. Juni als 1000-teilige braunschweigische Gewerkschaft unter Führung von Emil Sauer als Repräsentanten.

Die Gewerkschaft begann am 12. November 1895 mit dem Schachtbau; der 5 m weite Schacht erhielt den Namen "Sascha" und erreichte ohne größere Schwierigkeiten bei 200 m Teufe das Salzlager; seine Endteufe lag bei 278 m. Die Kaliförderung konnte Mitte des Jahres 1897 aufgenommen werden. Seit Weihnachten 1898 war die Gewerkschaft Hedwigsburg Mitglied des Kalisyndikats, eine Salzmühle verarbeitete täglich 40 000 Zentner Kalirohsalze. Seit Anfang 1899 wurde dann auch Steinsalz gefördert, im Januar 1901 konnte eine produktionsstarke Saline zur Herstellung von jährlich 400 000 Zentnern Speisesalz ihren Betrieb aufnehmen, die der Norddeutschen Salinenvereinigung angehörte.

Mit den Abteufarbeiten eines zweiten Schachtes der dazu gebildeten Gewerkschaft Neindorf, der nach dem Vorsitzenden der Gewerkschaft Rothenberg (Emil Sauer) den Namen "Emil" erhielt, begann man in der letzten Hälfte des Monats August 1911. Im Oktober 1912 hatte der Schacht - nach erheblichen Schwierigkeiten mit Wasserzuflüssen beim Abteufen - dann seine vorläufige Endteufe von 338 m (später bis auf 620 m Teufe niedergebracht) erreicht, der Durchschlag zwischen beiden Schächten erfolgte am 25. November 1912. Seitdem dienten der Schacht Sascha vorrangig der Seilfahrt, der Schacht Emil der Förderung. Abgebaut und gefördert wurden vorwiegend Carnallite, Hart- und Steinsalze, durch den Abbau oberflächennaher Salze, vor allem des dort befindlichen hochprozentigen Kainits, kam es relativ häufig zum Einbruch kleinerer Laugenmengen, die jedoch stets eingedämmt und abgemauert werden konnten. Von einem ersten Laugeneinbruch wird bereits im Jahre 1900 berichtet.

Das Kaliwerk Hedwigsburg galt als produktions- und leistungsstarkes Werk, das auch in technischer Hinsicht immer auf dem modernsten Stand arbeitete. Da ereignete sich am 30./31. Oktober 1921 im westlichen Teil der 195-m-Sohle ein so starker Laugeneinbruch, dass sich die Mannschaften nur mit knapper Not retten konnten. Beide Schächte liefen voll, das Bergwerk ersoff innerhalb kurzer Zeit und konnte nicht gesümpft werden. Wie durch ein Wunder waren keine Menschenleben zu beklagen.

Nach dem Ersaufen der Schächte wurden die Fabrikationsanlagen auf Salinenbetrieb zur Herstellung von Chemikalien wie Glaubersalz, Bittersalz usw. umgestellt; die Produktion erwies sich jedoch als nicht lohnend und wurde daher im Oktober 1923 eingestellt. Von diesem Zeitpunkt an lagen sämtliche Anlagen der Werke Hedwigsburg und Neindorf still. Nach dem Abbau der Förderanlagen wurden beide Schächte verschlossen; fast 1000 Bergleute und Fabrikarbeiter verloren ihre Arbeit.

15 Jahre nach dem Laugeneinbruch, der zum Ersaufen der Werksanlagen geführt hatte, ging der obere Schachtteil des Schachtes Sascha am 10./11. April 1936 vollständig zu Bruch. Es bildete sich ein riesiger Einbruchskrater von 128 m Länge und 83 m Breite mit einem Rauminhalt von rund 134 000 m3, der heute den Ort des ehemaligen Kalisalzbergwerks kennzeichnet. 1951 brach nochmals ein kleiner Krater mit einem Durchmesser von etwa 8 m ein; er konnte verfüllt werden.

Über die Person des Beschenkten, den diplomierten Bergingenieur und Generaldirektor des Bergwerks Hedwigsburg, Heinrich Schröder, konnten bislang nur wenige Lebensdaten ermittelt werden. Er wurde am 21. April 1868 geboren und verstarb Ende April 1923. Am 2. Mai 1923 wurde er auf dem Neindorfer Friedhof zu Grabe getragen. Nach der Inschrift auf seinem Grabstein hat er die Würde eines Doktors der Ingenieurwissenschaften Ehren halber - wahrscheinlich von der TH Braunschweig aufgrund seiner Verdienste um die Einrichtung einer Saline und einer Bromfabrik auf dem Werk Hedwigsburg - erhalten. Über seine Beisetzung berichtete der Allgemeine Anzeiger: "Generaldirektor Dr.-Ing. Heinrich Schröder wurde am Freitag Nachmittag auf dem hiesigen Friedhofe unter außerordentlich großer Teilnahme von Leidtragenden aus allen Bevölkerungsschichten zur letzten Ruhe bestattet. Nach einer von Pastor Helling (Kissenbrück) im Trauerhause abgehaltenen ergreifenden Andacht wurde der Sarg von Bergleuten in Galauniform hinausgetragen. Dabei stimmte die Hedwigsburger Bergkapelle das Bergmannslied ‚Der letzte Gang' an, während gleichzeitig die Fabriksirene ihre, die letzte Schicht andeutenden Klagetöne, gleichsam als Glockengeläute des Werkes, erschallen ließ. Dann setzte sich der wohl 2000 Leidtragende zählende Trauerzug in Bewegung. Voran schritt die Bergkapelle, Trauerweisen spielend. Ihr folgten Abordnungen der Kaliwerke Hedwigsburg, Neindorf, Neuhof, Wilhelmshall, Dingelstedt, Heldrungen, Walter, Irmgard, Thiederhall und Asse sowie der Gewerkschaft Elsa, Portland-Zementwerke, Neubeckum, teilweise mit den kostbaren Gewerkschaftsbannern. Weiter folgten im Zuge die Direktoren, Prokuristen, Angestellten und Arbeiter der Werke Hedwigsburg, Neindorf und Neuhof sowie Vertreter anderer Werke, ferner Vertreter von Staats- und städtischen Behörden und von verschiedenen Verbänden und Konventionen und eine große Zahl Leidtragender, die dem Verstorbenen nahestanden: auch die Witwen und Waisen der Werke Hedwigsburg und Neindorf und viele Bewohner von Neindorf und Umgebung erwiesen dem Verstorbenen in dankbarer Erinnerung die letzte Ehre. Die Technische Hochschule Braunschweig war durch deren Rektor, Professor Dr. Fricke, und durch die Vertreter des chemisch-technologischen Lehrfaches der Hochschule, Geheimrat Professor Dr. Beckurts und Professor Dr. Roth, vertreten. Weiter bemerkte man unter den Vertretern der braunschweigischen Behörden Oberbergrat Dr. Seiffert und Bergrat Goehlich, ferner Kreisdirektor Floto, Bürgermeister Eyferth und Landtags-Vizepräsident Wessel. Als der lange Trauerzug auf dem kleinen Friedhofe in Neindorf angekommen war, wurde der Sarg unter den Klängen des Chorals ‚Jesus meine Zuversicht' in die Gruft gesenkt. Dann hielt Pastor Helling (Kissenbrück) die Trauerpredigt. Dann widmete Bergwerksbesitzer Emil Sauer seinem langjährigen entschlafenen Mitarbeiter innige Worte des Gedenkens."

Nach den Lebensdaten zu urteilen, hat Heinrich Schröder demnach die Girandole vom Bergmannsverein seines Kalibergwerks zu seinem 38. Geburtstag als Geschenk erhalten. Sie ist - wie bereits oben erwähnt - ein Unikat und aufgrund ihrer hohen künstlerischen Qualität ein Meisterwerk bergmännischer Kunst. Diese hohe Qualität in der Ausführung der Girandole ist der Berliner Firma D. Vollgold & Söhne zuzuschreiben: Die Wertschätzung der Persönlichkeit von Heinrich Schröder hat sicherlich die Wahl der ausführenden Firma, die eine der bekanntesten und renommiertesten Juwelierfirmen im Deutschen Reich gewesen ist, in hohem Maße beeinflusst.

LITERATUR:
Handbücher der Kali-Bergwerke, Salinen und Tiefbohrunternehmungen; Hoffmann, Dietrich: Elf Jahrzehnte Deutscher Kalisalzbergbau, Essen 1972, S. 32 u. S. 69; Münstermann, Hans: Die Konzerne der Kaliindustrie, Leipzig 1925, S. 5, S. 29, S. 31 f. u. S. 93; Janssen, Willi: 1150 Jahre Neindorf 826-1976. Chronik ab 1900, Neindorf 1976, S. 29-33; Slotta, Rainer: Technische Denkmäler in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 3: Die Kali- und Steinsalzindustrie, Bochum 1980, S. 98-111; frdl. Mitteilungen von Roberto Bona, Goslar.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum