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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 115:

Vier Bergleute einer Bergkapelle, 1775/80
Porzellan, Würzburg
Höhe 16,8 cm bzw. 16,9 cm
Privatbesitz
Vier Bergleute einer Bergkapelle

Bergkapellen sind im 18. Jahrhundert von verschiedenen Porzellanmanufakturen ausgeformt worden, beispielsweise von den Manufakturen Meißen, Nymphenburg, Wien, Ilmenau und Ludwigsburg. Meißens um 1730 entstandenen, sehr frühen Bergmannsfiguren aus der Hand von Georg Fritzsche (?) stellen die ältesten Bergmusikanten dar: Ein Kontrabassist, ein Bergsänger, ein Lautenschläger und ein Waldhornbläser bilden die Kapelle. Zu den größer dimensionierten, um 1745/50 von Johann Joachim Kaendler ausgeformten Bergmannsfiguren zählen ein Bergsänger, ein Lautenspieler und ein Triangelspieler, auch ein Drehleier spielender Bergmann ist bekannt geworden. Die "charmante" Wiener Bergmusik, die um 1755 dem Porzellaner Johann Josef Niedermeyer zugeschrieben wird, setzt sich aus einem Fagottisten, einem Flötisten, einem Waldhornisten, einem Trommler und einem Tambourinspieler zusammen. Weniger bekannt sind die kompakten, gedrungenen, aber nicht weniger bemerkenswerten Figuren - ein Hornist und ein Flötist - der Ilmenauer Manufaktur aus den Jahren zwischen 1782 und 1784, sehr berühmt geworden sind die zarten Nymphenburger Figuren, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Holz-Elfenbein-Vorbildern von Simon Troger ausgeformt worden sind und zu denen ein Sister-, Oboen-, Gamben-, Kontrabass- und ein Geigenspieler gehören. Darüber hinaus hat die Porzellanmanufaktur Meißen auch Musikanten als Einzelfiguren ausgeformt (z. B. einen Flöte spielenden Bergmann; 19./20. Jahrhundert), selbst Putten sind bisweilen als Musizierende ausgeformt worden (z. B. von der Manufaktur Ludwigsburg; zwischen 1766 und 1770).

Bislang weitgehend unbekannt geblieben aber sind vier Bergmusikanten der Würzburger Porzellanmanufaktur, deren Umfang unbekannt ist: Sie stellen außerordentlich kostbare, bislang nur als Unikate aufgetretene Ausformungen dar. Ein Bergmann spielt einen Triangel, der zweite eine Querflöte, der dritte schlägt einen Tambourin und der vierte bläst das Fagott. Alle Figuren sind ungemarkt, werden aber der 1775 durch Johann Caspar Geyger mit Privileg des Erzbischofs von Würzburg, Adam Friedrich von Seinsheim, gegründeten und nur bis 1780 betriebenen Würzburger Porzellanmanufaktur zugeschrieben. Alle vier, fragil wirkenden Figürchen bestechen durch eine sonst selten anzutreffende unbekümmerte Frische in der Darstellung und zeigen eine unverbrauchte Fröhlichkeit, die nicht erstarrt ist. Die Staffierung erfolgte mit schweren, fast schmierenden Farben, wobei das Schwarz einerseits dominiert, andererseits aber zu dem blassen Rot der Jackenrevers und dem Grün der Schachthüte lebhaft kontrastiert. Diese Hauptfarben sind mit Schwarz gebrochen, wirken stumpf und zeigen keine Leuchtkraft. Die gleiche Beobachtung ist auch für den Sockel zu machen, dessen Vergoldung nur sehr sparsam in einigen Schwüngen erfolgt ist, und der grauweiße bis braune Felsen mit grünlichem Flechten- und Moosbewuchs zeigt. Diese feinen, büschelartigen Grüngewächse sind als Knäuel dünner Porzellanfäden mit Hilfe einer feindüsigen Druckspritze gefertigt worden.

Man wird in der Beurteilung nicht fehlgehen, diese Figürchen den interessantesten Bergmannsfiguren des 18. Jahrhunderts zuzurechnen. Ob die Manufaktur noch weitere Bergmusikanten ausgeformt hat, ist unbekannt, aber wohl eher unwahrscheinlich, da bislang nur rund 150 Einzelstücke der Würzburger Porzellanfabrik zugeordnet werden können und sich darunter keine weiteren Bezüge zum Bergbau befinden.

Der junge, einen Triangel spielende Bergmann steht auf einem gerundeten, empor gewölbten Sockel, der in seinem hinteren Bereich zu einer Felsnadel aufgipfelt. An diese hat sich der Knappe angelehnt. Er steht aufrecht im Kontrapost, hat sein rechtes Standbein vor- und das linke Spielbein etwas zurückgesetzt, der Blick geht geradeaus. Mit der linken Hand hält er sein Musikinstrument, den Triangel, vor die Brust, mit seiner Rechten hat er den Eisenstab ergriffen. Mit großer Ernsthaftigkeit geht er seiner Tätigkeit nach.

Zu seiner Tracht gehört ein großer, grüner Schachthut, der mit einer rötlich-gelben Rosette und einer schwarz-weißen Schleife auf der linken Seite geschmückt ist. Über dem weißen Rüschenhemd, das im Ausschnitt der dunklen Jacke sichtbar wird, trägt er die mit blassroten Revers und Ärmeln versehene Jacke, ein dunkles Leder mit weißem Gürtel und goldenem Koppel, schwarze Hosen, weiße Kniestrümpfe und mit goldenen Schnallen besetzte dunkle Schuhe. Sein Inkarnat ist hell bis rötlich, die dunklen Augen schauen unter braunen Lidstrichen hervor. Sein Mund ist rot, die dunkelbraunen Haare fallen gewellt bis auf die Schulter herab, das Musikinstrument ist grau gegeben. Die linke Hand mit dem Triangel ist restauriert. Unter dem eingewölbten, glasierten Sockel ist keine Porzellanmarke erkennbar, wohl aber ein "Daumenfleck".

Auch der eine Flöte spielende Bergmann zeigt einen fast mädchenhaft hübschen, jungen Knappen in kontrapostischer Körperhaltung, der wie versunken die Querflöte spielt. Er hat sein rechtes Standbein vorgesetzt, das linke Bein ist etwas angewinkelt und zurückgesetzt. Mit beiden Händen hält er die Querflöte, wobei die linke Hand oberhalb der Rechten zu liegen kommt, mit seinem roten Mündchen bläst er in das Mundloch seines Instruments. Der Musikant trägt im Wesentlichen die gleiche Tracht wie sein Kollege; auch die Staffierung ist übernommen worden, indessen hat man den grünen Schachthut mit einem grünen Federbusch geschmückt und das Leder innen braun gefüttert. Ansonsten stimmen beide Figürchen überein. Unter dem eingewölbten, glasierten Sockel ist ebenfalls keine Marke erkennbar.

Die beiden anderen Kleinskulpturen schließen sich in ihrer Ausformung den beiden bereits beschriebenen Musikanten an. Beide Bergmusikanten haben den rechten Fuß vor- und den linken zurückgesetzt, lehnen sich an einen Baumstumpf an und widmen sich vollkommen dem Spielen ihres Instruments. Der Tambourinspieler hält den Korpus in der angewinkelten linken Hand, während er in seiner Rechten einen kräftigen Schläger mit rundem, oberem Knauf hält. Versunken-konzentriert schaut er auf das Musikinstrument. Der zierliche Fagottist trägt die gleiche Tracht wie die anderen Musikanten. Bemerkenswert und charakteristisch für die Fassung aller Würzburger Bergmusikanten ist die sparsame, aber wirksame Verwendung von Gold an den Schuh- und Hosenschnallen sowie am Gürtel, von Rotbraun an den Einfassungen der Revers und der Ärmel der Jacke sowie von Rosa, Weiß, Gelb und Schwarz an den Schleifen und der Kokarde am grünen Schachthut. Die dort befestigte Rosette tritt in lebhaften Kontrast zum dunklen, "erdigen" Farbton der Bergmannstracht. Sehr dem Rokoko-Stil verhaftet sind die zarten Gesichtszüge mit dem hellen Inkarnat, den roten "Mündchen", den leicht gebräunten Wangen und Augenbrauen sowie das lange, bis auf die Schultern und den Nacken herabfallende, dunkle Haupthaar.

Außer Zweifel steht die Sonderstellung der Würzburger Musik-"Bande" innerhalb der Bergmannskapellen in Porzellan: Kein anderes Ensemble weist eine vergleichbare Frische, Zartheit und Unbekümmertheit auf, alle anderen Bergmusikanten sind "fester" und "statischer", die fast skizzenhafte Straffierung mit den gebrochenen Farben unterscheidet die Würzburger Musikanten von allen anderen Kleinskulpturen. Der fast unkonventionell zu nennende Umgang mit dem Material des Porzellans in Verbindung mit der besonderen Farbgebung zeichnet diese Bergmusik aus, die zu den Meisterwerken bergmännischen Porzellans im Rokoko und der vom Bergbau geprägten Kunst und Kultur gehört.

LITERATUR:
Neumeister: Erlesene Porzellane. Katalog zur Auktion am 22. Mai 1996 in München, München 1996, Los 29; Würzburger Porzellan. Schätze keramischer Kunst aus fränkischen Sammlungen (hrsg. v. Mainfränkischen Museum Würzburg), Würzburg 1986, S. 144 f., Nr. 57, Abb. 65; Slotta, Rainer/Lehmann, Gerhard/Pietsch, Ulrich: Ein fein bergmannig Porcelan. Abbilder vom Bergbau in "weißem Gold", Bochum 1999, S. 249 ff.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum