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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 116:Johann Alexander Thiele: Die Stadt Freiberg von Norden
Johann Alexander Thiele: Die Stadt Freiberg von Norden, 1744/45
Öl auf Leinwand, 103 cm x 155 cm
Dresden, Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Alter Meister (Gal.-Nr. 3714)


In der Gemäldegalerie Alter Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden befindet sich ein wunderbares Gemälde der Bergstadt Freiberg, das sie eingebettet in einen Landschaftsprospekt zusammen mit einer imaginären Bergwerksanlage zeigt, wie sie zur Zeit des Entstehens dieses Gemäldes im sächsischen Metallerzbergbau anzutreffen gewesen ist.

Der Schöpfer dieses Gemäldes ist Johann Alexander Thiele, einer der profiliertesten Maler des 18. Jahrhunderts in Sachsen. Am 26. März 1685 in Erfurt geboren, erlernte er den Buchdruck und ließ sich um 1715/17 in Dresden nieder. In der Folgezeit diente er sich dem Dresdener Hof an, fand einen Förderer in Jacob Heinrich Graf von Flemming und schuf autodidaktisch mehrfach Gemälde, Radierungen und "Prospekte", d. h. Landschafts- bzw. Stadtansichten (z. B. 1726). Nach dem Tode seines Gönners zog Thiele 1728 (?) nach Arnstadt und wurde ein Jahr später (1729) von Fürst Günther zu Schwarzburg-Sondershausen zum Hofmaler im Range eines Kämmerers ernannt.

Nach dem Tode August d. Starken (1733) besaß Heinrich Graf von Brühl am Hofe August III. eine beherrschende Stellung: Er förderte den Künstler und am 3. November 1738 wurde Thiele zum Hofmaler mit der Auflage ernannt, jährlich vier Prospekte zu malen und abzuliefern. Jetzt entstanden Thieles böhmische Landschaften (1739/40), die Ansichten von Bad Kösen und Weißenfels (1741), Prospekte von Zittau und dem Oybin (1745) sowie 1746 seine berühmte "Ansicht von Dresden mit der Augustusbrücke"; ferner noch drei Gemälde des Plauenschen Grundes bei Freital und mehrere Landschaften in der Umgebung Dresdens (1747) und des Osterzgebirges (1749). 1743 war Thiele zum "Hofcommissarius" ernannt worden. Er verstarb am 22. Mai 1752 im Alter von 67 Jahren in Dresden, wo er drei Tage später auf dem Neustädter Friedhof zu Grabe getragen wurde. Sein künstlerischer Nachlass wurde versteigert, 1755 verfasste Christian Ludwig von Hagedorn eine erste Biographie des Malers mit einer Würdigung seines Œuvres. Johann Alexander Thiele war zweimal verheiratet, aus beiden Ehen gingen insgesamt fünf Kinder hervor.

Johann Alexander Thiele hat das Erzgebirge seit 1744/45 mehrmals bereist, und man kennt einige Gemälde, die sich mit dem Montanwesen auseinander gesetzt haben - allerdings hat der Maler immer die Landschaft in den Vordergrund seines Interesses gestellt, die Montananlagen haben eher als Beiwerk und Staffage gedient. Die Mehrzahl der in dieser Zeit entstandenen Gemälde sind leider verloren: So die "Ansicht eines Thales zwischen Freiberg und Frauenstein bei den Schmelzhütten" (1746), der "Prospekt bei den sogenannten 4 Muldenhütten eine Stunde von Freiberg gegen Dresden" (1748) und die "Ansicht der sogenannten Altväter Wasserleitung beim Dorfe Halsbrücke, eine Stunde von Freiberg"; ein zweites Bild dieser Brücke ("Ein Prospekt von der sogenannten Halsbrücke bei Freiberg", 1745) befindet sich im Besitz des Stadt- und Bergbaumuseums Freiberg.

Zu den erhaltenen Gemälden Johann Alexander Thieles von Freiberg zählen zwei Ansichten: je eine von Norden und eine von Süden. Bei dem hier vorgestellten Prospekt von Norden hat Thiele - so Schuster - einen Standpunkt auf einem Hügel im Nordnordwesten von Freiberg ausgewählt. Im Mittelgrund verläuft der Münzbach in Richtung Mulde, den Komplex des Kanzleihgutes und der Papiermühle erkennt man in der Bildmitte.

Im Hintergrund liegt die von der Stadtmauer und den Wehrtürmen umzogene Bergstadt im leichten Dunst. Aus dem Häusermeer Freibergs erkennt man - von links nach rechts schauend - den Donatsturm, daneben die um 1180 errichtete, aber 1890 wegen Baufälligkeit abgetragene Jacobikirche. Im Stadtzentrum erscheint die romanische Doppelturmfassade der Nikolaikirche, davor liegen der Dom St. Marien und die zugehörenden Stiftshäuser mit dem hohen Gebäude des heutigen Stadt- und Bergbaumuseums. Diesen Bauten gegenüber steht der so genannte Pestturm, rechts daneben befinden sich der Torturm des Erbischen Tores, dann das Kornhaus aus dem Jahre 1471 und der Turm des Rathauses. Noch weiter rechts stößt man auf die Petrikirche auf dem höchsten Punkt der Stadt, den Hahnenturm und davor auf das Schloss Freudenstein. Mit dem Petriviertel, dem um 1500 entstandenen Stadtteil, schließt die Stadtansicht innerhalb der Stadtmauer, außerhalb liegt noch die St. Johanniskirche.

Besonderes Interesse zieht die Darstellung der Bergwerksanlage im linken Vordergrund auf sich, die in dieser Gestalt wohl niemals bestanden hat, vielmehr als idealisierte Staffage zu bewerten ist, denn zu dieser Zeit ist an dieser Örtlichkeit keine Montananlage überliefert: Dennoch zeigt und belegt das Gemälde die damals genutzte Technik, das oberschlächtige Wasserrad diente entweder zum Antrieb eines Feldgestänges oder einer Pumpenanlage.

Die Ansicht von Süden aus dem gleichen Jahre (1744/45) folgt demselben Kompositionsprinzip: Das Stadtpanorama liegt im Hintergrund, eine hügeligen Landschaft bildet im Gemälde den Vordergrund; sie ist durchaus als Bergbaulandschaft mit Halden zu erklären. Dieses Gemälde hängt heute als Dauerleihgabe der Dresdener Gemäldegalerie Alte Meister im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg.

Thieles Gemälde mit den sächsischen Landschaften sollten Größe und Vielfalt, landschaftliche Schönheit und den Reichtum des kursächsischen Staates zeigen - und damit auch die Herrlichkeit des sächsischen Souveräns. Das Œuvre dieses Malers muss im Zusammenhang mit den Bemühungen der sächsischen Kurfürsten gesehen werden, das Land zu erforschen und zu erschließen, wurden doch gleichzeitig die Straßenverbindungen verbessert, Postsäulen errichtet und das kursächsische Territorium topographisch vermessen und aufgenommen. Man muss Thiele auch mit Bernardo Belotto genannt Canaletto (1720-1780) in einem Atemzug nennen, der 1747 nach Dresden gekommen ist und den Thiele gekannt hat. Beide haben Sachsen um die Mitte des 18. Jahrhunderts in ihren Gemälden "festgehalten".

Johann Alexander Thiele ist schon von seinen Zeitgenossen als Begründer der Dresdener Schule der Landschaftsmalerei gewürdigt worden; zu Beginn des 19. Jahrhunderts galt er - noch - als Maler von europäischem Rang, dann begann sein Stern zu sinken. Im späteren 19. und im 20. Jahrhundert wurde er vergessen, war er doch "nur" ein Landschaftsmaler, der über eine höchst akkurate Pinselführung sowie hohe malerische Qualität verfügte und eindrucksvolle Gemälde voller Licht-Stimmungen bei großer Detailgenauigkeit geschaffen hatte. Heute ist Johann Alexander Thiele als einer der großen sächsischen Landschaftsmaler rehabilitiert. Mit vollem Recht hat die Dresdener Gemäldegalerie Alte Meister ihm im Jahre 2002 eine große Retrospektive gewidmet und sein Œuvre "neu entdeckt".

LITERATUR:
Stübel, Moritz: Der Landschaftsmaler Johann Alexander Thiele und seine sächsischen Prospekte, Berlin 1914, P. V. 69; Reyher, U.: Johann Alexander Thiele - ein Dresdner Landschaftsmaler des Spätbarocks, Diplomarbeit, Leipzig 1961, Nr. 52, Abb. 124; Göpfert, Hans-Jörg: Johann Alexander Thiele. Leben und Werk, Leipzig 1972, IV/I, Nr. 55, Abb. 55; Ausstellungskatalog "Der Silberne Boden". Kunst und Bergbau in Sachsen (hrsg. v. Bachmann, Manfred/Marx, Harald/Wächtler, Eberhard), Stuttgart/Leipzig 1990, Nr. 241, S. 160; Laube, Adolf: Freiberg in Sachsen, in: Behringer, Wolfgang/Roeck, Bernd (Hrsg.): Das Bild der Stadt in der Neuzeit 1400-1800, München 1999, S. 207; Schuster, Martin, in: Marx, Harald (Hrsg.): Die schönsten Ansichten aus Sachsen. Johann Alexander Thiele (1685-1752) zum 250. Todestag, Dresden 2002, S. 146 f.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum