vorige Hefte

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 117:Ehrenpokal für Johann Maria Heimann
Ehrenpokal für Johann Maria Heimann, 1884
800-er Silber, getrieben, z. T. gegossen, z. T. vergoldet
Höhe 52 cm, Gewicht 1880 g
A. Künne, Altena (gemarkt)
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030005747001)


Der in Renaissanceformen gestaltete, mit 52 cm Höhe beachtlich große Silberpokal ist dem langjährigen Vorsitzenden des Verwaltungsrates des Bochumer Vereins für Bergbau und Gußstahlfabrikation Johann Maria Heimann (1822-1901) - entsprechend der Inschrift auf dem Fuße ("Dem Herrn Jean Marie Heimann in Cöln verehrt von seinen Collegen und Freunden Baare. Von Griesheim. Heintzmann. Loewe. Movius. Rittershaus. Bochum im October 1884") - übereignet worden. Dieses Meisterwerk der Silberschmiedekunst ist überreich geschmückt und verziert sowie mit einem umfangreichen ikonografischen Programm versehen, das auf den Beschenkten und dessen Unternehmen - den "Bochumer Verein" bzw. dessen Vorgänger Mayer & Kühne - Bezug nimmt.

Oberhalb des reich profilierten, mit einem ornamentalen Wulst versehenen Fußes entwickelt sich ein sich verjüngender Schaft, der mit geflügelten Hermen und Masken besetzt ist. Der Kuppaansatz zeigt einen Fries aus Masken, Beschlagwerk, stilisierten Früchten und Blattwerk. Darüber findet sich eine schmale Lorbeerblattleiste mit einem Kreuzband und beschlagenen Kartuschen, die Wandung der Kuppa weist zwischen vier verschiedenen Mädchenmasken mit Fruchtgehängen und Bandelwerk vier Medaillons auf, die in feiner Reliefarbeit antike Gottheiten und Gießereiprodukte darstellen: Das erste ist dem Gotte Hephaistos (als Gott des Feuers und der Schmiedekunst), das zweite dem Hermes (als Gott des Handels, Verkehrs, des Marktes und als Schutzherrn der Kaufleute) gewidmet, das dritte zeigt Kanonen und Glocken und das vierte Medaillon Eisenbahnräder und Achsen (als die charakteristischen Produkte des Bochumer Vereins).

Der obere Teil der Kuppa besteht aus einer schmalen Lorbeerblattleiste mit einem gravierten Widmungstext ("Der unser Präses 30 Jahr, ihm bringen wir den Becher dar 1854 - 1884") auf schmalem, glattem Grund, darüber folgen in dem sich erweiternden Kuppabereich vier ovale, von Beschlagwerk gerahmte Medaillons mit Maschinen- und Arbeitsszenen aus den Werken des Bochumer Vereins. Themen sind ein Walzwerk (mit der Darstellung des langjährigen Generaldirektors Louis Baare), ein Puddler am Ofen mit einer Thomasbirne im Hintergrund, ein Schlaghammer mit zwei Schmieden sowie der Antrieb eines Transmissionswerks mit einem daneben stehenden Arbeiter.

Der weit überkragende, flache Deckel ist mit einem umlaufenden, halbplastischen Akanthusblattfries, einer weiteren Widmungsinschrift auf glattem Grund ("Noch lange trinke am herrlichen Rhein, aus silbernem Humpen den goldenen Wein") und einem dreiteiligen bekrönenden Aufbau mit einer Frauenfigur als oberem Abschluss und Griff versehen. Sie steht neben einem großen Zahnrad und einem Spinnrocken und hält einen Ehrenkranz in der rechten Hand. Sie ist als Allegorie des Maschinenbaus zu deuten. Das Zahnrad verweist erneut auf den Bochumer Verein, der Spinnrocken auf die berufliche Herkunft einiger Mitglieder im Verwaltungsrat des Bochumer Vereins (Adolf von Griesheim war z. B. der Eigentümer der Spinnerei Engels in Engelskirchen).

Der Beschenkte Johann Maria Carl Hubert Heimann (gen. Jean Marie) wurde am 16. Oktober 1822 in Köln geboren und verstarb dort am 28. November 1901. Er stammte aus einer bekannten und wohlhabenden Kölner Kaufmannsfamilie und war verheiratet mit Anna Margarete Henriette Hubertine Farina aus der berühmten Kölner Familie Farina (u. a. den Herstellern von "4711 Echt Kölnisch Wasser"), die ihren Firmensitz am Kölner Jülichsplatz hatte.

Schon früh (1842) vergab Heimann Darlehen an die Bochumer Firma Mayer & Kühne und war maßgebend an der am 24. Januar 1854 im Dortmunder "Römischen Kaiser" erfolgten Umwandlung des Unternehmens in den Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation beteiligt, dessen Aktionäre ihn in der ersten ordentlichen Generalversammlung am 1. September 1854 zu einem von sieben Mitgliedern in den Verwaltungsrat wählten. Er verblieb bis zu seinem Rücktritt im Jahre 1887 in diesem Gremium, seit 1863 nahm er das Amt des Vorsitzenden des Verwaltungsrates wahr. Damit war Heimann dem Bochumer Verein über einen Zeitraum von 45 Jahre verbunden. Die Darstellungen in den Medaillons auf der Kuppa sind also nicht zufällig, sondern sie beziehen sich auf das Wirken Heimanns: 1847 sind die ersten Geschütze hergestellt und 1852 ist die Glockenproduktion aus Gussstahl aufgenommen worden, zwischen 1857 und 1859 erfolgte die Einrichtung der ersten Radsatz- und Achsendreherei.

In den Jahren von 1879 bis 1885 gehörten dem Verwaltungsrat jene Herren an, die sich auf dem Fuße des Pokals verewigt haben: Louis Baare fungierte lange Zeit als Generaldirektor des Bochumer Vereins und saß von 1855 bis 1897 im Verwaltungsrat, Adolf von Griesheim war Fabrikbesitzer in Engelskirchen (er gehörte dem Verwaltungsrat von 1877 bis 1894 an), der Bochumer Bergrat Heinrich Heintzmann verfügte über umfangreichen Bergwerksbesitz (von 1879 bis 1889), aus Berlin stammte der Arzt Wilhelm Loewe, der auch Mitglied des Reichstages war (von 1872 bis 1886), in Köln lebte der Bankdirektor Theodor Movius (von 1863 bis 1887) und aus Wuppertal-Barmen kam der Kaufmann und Dichter Emil Rittershaus (von 1874 bis 1897). Sie dürften den Pokal entweder am 16. Oktober 1884, dem 62. Geburtstag von Heimann, oder wahrscheinlicher am 24. Januar 1884 anlässlich der 30. Wiederkehr des Gründungsdatums des Bochumer Vereins an Heimann übergeben haben.

Der Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation ist ein Bochumer Traditionsunternehmen. Es wurde 1842 von Jacob Mayer und Eberhard Kühne gegründet und stellte zunächst Gussstahlglocken nach einem 1852 bestätigten, eigenen Patent her. Dieses Patent wurde von dem Mitbewerber Alfred Krupp angefochten, so dass es 1855 auf der Weltausstellung in Paris zum Eklat kam. Jacob Mayer willigte daraufhin ein, eine der dort ausgestellten Glocken zerschlagen zu lassen und durch Schmieden der Bruchstücke den Beweis anzutreten, dass seine Glocken aus Gussstahl und nicht - wie von Krupp behauptet - aus Gusseisen bestanden. Die Probe verlief erfolgreich, wodurch Alfred Krupps Ruf als Fachmann für Fragen der Stahlverarbeitung beschädigt war.

1855 wurde Louis Baare Generaldirektor des Bochumer Vereins; unter seiner Ägide entwickelte sich das Unternehmen zu einem der wirtschaftsstärksten in der deutschen Schwerindustrie mit dem Schwerpunkt auf hochwertige Spezialgussprodukte (vor allem der Rüstungsindustrie). Die Gussstahlglocken entwickelten sich zu einem zweiten "Produktschlager": Aufsehen erregte auf einer weiteren Weltausstellung in Paris eine 15 t schwere Glocke, die 1867 gegossen worden war. Später erweiterte sich die Produktpalette des Bochumer Vereins auf Radsätze und Radreifen für Eisen- und Straßenbahnen, bevor in den 1950er-Jahren die 20 000-ste Glocke das Werk in Bochum verließ. In den 1960er-Jahren musste der Guss von Glocken dann eingestellt werden, weil die Nachfrage zurückging. Noch heute sind Bochumer Gussstahlglocken an exponierten Stellen anzutreffen, so stammen z. B. die vier "Friedensglocken" in Hiroshima aus der Ruhrmetropole.

Im Jahre 1965 fusionierte der Bochumer Verein mit der Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG, Duisburg-Rheinhausen, zur Fried. Krupp Hüttenwerke AG mit Sitz in Bochum. 1984 schlossen sich der Geschäftsbereich Schmiede und Bearbeitung, Bochum, mit dem Schmiedebereich Klöckner zur Schmiedewerke Krupp Klöckner GmbH (SKK) zusammen, 1988 entstand durch Fusion mehrerer Unternehmensbereiche die Vereinigte Schmiedewerke GmbH (VSG) mit Standorten in Bochum, Essen, Hattingen, Hagen, Krefeld und Osnabrück. 1995 ging die VSG in Konkurs, indessen produzierten die Tochterunternehmen weiter und 1998 wurde die VSG Verkehrstechnik GmbH ein unabhängiges, rechtlich selbstständiges Partnerunternehmen der Georgsmarienhütte Unternehmensgruppe. Im September 1998 wurde der traditionelle Name "Bochumer Verein für Verkehrstechnik" wiederhergestellt. Das Unternehmen mit etwa 650 Mitarbeitern ist heute als Lieferant für die Eisenbahn tätig und produziert z. B. die Radreifen für den ICE.

Der Heimann-Pokal wurde von der Silberwarenfabrik Künne im sauerländischen Altena hergestellt. Arnold Künne (1796-1872) gründete 1821 die Gold- und Silberwarenfabrik, die seit 1844 mehrfach mit Ehrenpreisen für ihre Waren und Kreationen ausgezeichnet wurde und seit 1860 mehr als die Hälfte ihrer Produkte in das Ausland lieferte. 1872 übernahm der Sohn Albrecht Künne (1833-1912) die Leitung und baute den hervorragenden Ruf des Unternehmens aus: Er war z. B. an der Anfertigung von Teilen des Tafelaufsatzes für den Kronprinzen Wilhelm von Preußen und seine Gemahlin Auguste Victoria beteiligt, der als Geschenk von 96 preußischen Städten zur Hochzeit des Paares (1881) angefertigt worden ist.

Der Heimann-Pokal ist ein herausragendes Beispiel für ein Geschenk von Industriellen an eine hochgestellte Persönlichkeit aus dem Montanbereich. Seine stilistische Nähe zu den beiden Weseler Pokalen aus dem Jahre 1578, die als Vorbilder für entsprechende Pokale des Kölner Ratssilbers z. B. von Gabriel Hermeling aus dem Jahre 1890 anzusehen sind, belegen sowohl die hohen handwerklichen Fähigkeiten Künnes als auch seine genaue Kenntnis von Renaissance-Vorbildern. Beide Eigenschaften müssen als unverzichtbare Voraussetzung für die außerordentliche Qualität der Künneschen Arbeiten gewertet werden und den Verwaltungsrat des Bochumer Vereins dazu bewogen haben, die Herstellung des Pokals für ihren Verwaltungsratsvorsitzenden diesem Juwelier zu übertragen.

LITERATUR:
Däbritz, Walther: Bochumer Verein für Bergbau und Gussstahlfabrikation in Bochum - Neun Jahrzehnte seiner Geschichte im Rahmen der Wirtschaft des Ruhrbezirks, Düsseldorf 1934; Schäfke, Werner: Das Ratssilber der Stadt Köln, Köln 1990; Künne, O.: Das Geschlecht Künne aus Altena in Westfalen, Lemgo 1938; Scheffler, W.: Goldschmiede Rheinland-Westfalens, Berlin 1973; Steffen, S.: Westfälische Goldschmiedekunst vom Klassizismus bis zum Beginn der Moderne, Rheinbach 1998; Fimpeler, A./Heppe, K. B.: Kirchenschmuck und Tafelzier - Goldschmiedekunst des Historismus aus dem Rheinland und Westfalen, Unna 1987.

Foto: Steffen Seidel, DBM, Bochum

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 58, 2006, H. 6 (Beilage)