vorige Hefte

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 111:Bergmannsfigur, Holz, geschnitzt und farbig gefasst
Bergmannsfigur, um 1780
Holz, geschnitzt und farbig gefasst
KulturStiftung DessauWörlitz (Inv.-Nr. II-836)
Höhe 131 cm


„Hier ist’s jetzt unendlich schön“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe im Jahre 1778 aus Wörlitz an Frau von Stein. Er war wie viele andere von diesem ersten englischen Landschaftsgarten in Deutschland begeistert, der unter der Regierung des aufgeklärten Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817) seit dem Jahre 1764 in Wörlitz angelegt worden war. Auf ausgedehnten Bildungsreisen durch Italien und England hatte der Fürst mit seinem Architekten und Berater Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736-1800) die wichtigsten Architekturen und Gärten besucht. Nach ihrer Rückkehr gestalteten beide das kleine Fürstentum am Zusammenfluss von Mulde und Elbe nach englischem Vorbild um: Das „Wörlitzer Gartenreich“ entstand, um 1810 war das gesamte Territorium Anhalt-Dessaus in eine Parklandschaft verwandelt worden, die sich im Wesentlichen bis heute erhalten hat. In diesen Gartenanlagen ließ Fürst Franz die frühesten neo-palladianischen und neugotischen Bauwerke Deutschlands errichten, das Wörlitzer Schloss - nach Erdmannsdorffs Entwurf zwischen 1769 und 1773 errichtet - gilt als Gründungsbau des deutschen Klassizismus, das so genannte Gothische Haus entstand seit 1773 als erstes Beispiel der Neugotik.

„Aufklärung durch Bildung“ - Fürst Franz entwickelte sein Fürstentum nach diesem Leitmotiv. Zur Umsetzung dieses Motivs legte er für sich und seine Landsleute auch Sammlungen u. a. von Gemälden, Antiken, Glasfenstern, Keramiken, Bronzen, Ethnologika sowie eine geologische Sammlung an. Obwohl diese geologische Sammlung nur relativ klein ist, war das Interesse des Fürsten an der Geologie durchaus ausgeprägt. Mehrere kostbare Tischplatten im Schloss und im „Gothischen Haus“ sowie die Verwendung von Buntmarmoren bezeugen die enzyklopädische Ausrichtung des „Wörlitzer Gartenreiches“, in welchem dem Besucher die gesammelten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Zeit, der Philosophie und der Wissenschaften gleichermaßen, vor Augen geführt werden sollten.

Zu den einzigartigen, bemerkenswerten Ausstattungen des Gartenhauses gehört auch eine, mit einer Höhe von 131 cm außergewöhnlich große, gefasste Holzfigur eines Bergmanns. Nach den Angaben von Pfeifer ließ der Fürst diese Skulptur, als der Eiskeller im Inneren des Hügels hinter dem Nymphäum am großen Wörlitzer See und gegenüber dem Schloss um das Jahr 1780 geschlossen wurde, in der Einstiegsöffnung aufstellen; somit vermittelte er dem Besucher die Illusion eines Bergwerks, aus dem der Knappe gerade mit geschulterter Erzförderung ausfährt.

Der Knappe ist in klassischem Kontrapost wiedergegeben, d. h. mit zurückgesetztem, rechtem Standbein und vorgesetztem linkem Fuß. Er steht auf einem „brockigen“ Sockel, der wohl die Sohle des Bergwerks darstellen soll. Der schlanke Körper ist aufrecht wiedergegeben und in sich leicht gedreht. Auf der linken Schulter „balanciert“ der Bergmann mit seinem linken Arm eine mit kantigen Erzbrocken gefüllte Mulde, den rechten Arm hat er abgewinkelt nach vorne ausgestreckt. In der heute leeren rechten Hand hat er wohl ursprünglich sein Geleucht in Gestalt eines offenen „Frosches“ gehalten. Der Knappe hat den Kopf geneigt; sein Antlitz ist gelb gehalten, in farblicher Hinsicht treten der rote Mund und der dunkle Schnauzbart deutlich aus dem Teint hervor.

Die Tracht des Knappen ist außerordentlich reich und entspricht - mit Ausnahme der Kopfbedeckung - zwar dem Typus der sächsischen Bergmannstracht, mit ihren kostbaren Stoffen und Materialien aber nicht der üblichen Standestracht eines Bergmanns. Gehören die kräftigen schwarzen Schuhe mit ihren goldenen Schnallen, die roten Strümpfe, die schwarz mit roten und goldenen Borden verzierten Kniebügel und die schwarz-dunklen Kniehosen, das lange schwarze Leder (ebenfalls mit goldenen und roten Borden geschmückt) sowie die dunkle Tscherpertasche (mit goldenem Maskaronschmuck) noch zur üblicherweise anzutreffenden Tracht der Bergleute, so entsprechen die Kleidungsstücke des Oberkörpers nicht dem üblichen „bergmännischen Habit“. Die schwarze Puffjacke über dem grünlichen Hemd ist mit kostbaren goldenen Knöpfen verziert, vor allem aber aus einem aufwändigen, kostbaren rot-gelben Stoff hergestellt, das den Knappen als Adligen ausweist. Auch das Schweißtuch ist auffallend schwarz, rot und golden gestreift, und schließlich trägt der Knappe einen dunklen breitkrempigen Hut mit goldener Bordenverzierung anstelle der Mooskappe oder des Schachthutes. Der Wörlitzer Bergmann dürfte also keinen „echten“ Bergmann wiedergeben, sondern eher dem Idealbild eines Knappen entsprechen, so wie sich ein enzyklopädisch gebildeter Fürst einen Bergmann vorstellt - als schönen, jungen, kräftigen Mann in schöner Kleidung mit reicher, gefüllter Mulde. Insofern entspricht diese Figur eher einer überdimensionierten, z. B. aus Meissen stammenden Porzellanfigur aus der Hand eines Johann Joachim Kaendler, als einem Knappen aus „Fleisch und Blut“.

Der Grund dafür, dass der Fürst eine derartige Figur im Wörlitzer Gartenreich aufgestellt hat, ist bislang unbekannt geblieben, hat doch das Fürstentum Anhalt-Dessau keinen nennenswerten eigenen Erzbergbau besessen. Der anhaltinische Erzbergbau im Harz wurde seit 1603 von allen Linien des Fürstentums gemeinsam betrieben, die Teilfürstentümer Anhalt-Zerbst, Anhalt-Köthen und Anhalt-Dessau verzichteten aber im Jahre 1726 auf ihre Anteile, 1742 übernahm das Teilfürstentum Anhalt-Bernburg den Bergbau vollkommen. Fürsten wie Victor II. Friedrich (1700-1765), Friedrich Albrecht (1735-1796) und Alexius Friedrich Christian (1767-1834) von Anhalt-Bernburg förderten den Bergbau auf dem Straßberg-Neudorfer-, dem Biwender-, dem Schalkenburger-, dem Ehringsburger-, dem Brettenberger-, dem Rautenkranzer-, dem Davids- und dem Drusenzug sowie auf der Hohen Warte und am Oster- und Unterberg. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die meisten Bergwerke geschlossen, die mit wenigen Ausnahmen niemals eine große bergwirtschaftliche Bedeutung besessen haben. Im Rahmen der Autarkiebestrebungen der kleinen (mittel)deutschen Fürstentümer kam dem Bergbau mit seinen Münzmetall-Lieferungen aber eben doch eine gewisse Bedeutung zu, die sich auch in der Schaffung von Kunstwerken ausprägte, wie dies die Exponate im Museum von Bernburg belegen.

So muss die Schöpfung des „Wörlitzer Bergmanns“ einen anderen Grund haben: Vielleicht liegt sie schlicht im allgemeinen Interesse des Fürsten für den Bergbau und die Geologie begründet, vielleicht auch nur in der Notwendigkeit, für das Nymphäum mit seiner dunklen „Grottenöffnung“ eine dem Gartenreich angemessene künstlerische Lösung zu finden. Andererseits ist doch bemerkenswert, dass sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrfach Fürsten als Bergleute dargestellt haben, so Victor II. Friedrich von Anhalt-Bernburg (heute im Schlossmuseum Sondershausen) oder auch Christian Friedrich von Stolberg-Wernigerode (1746-1824; heute in Wernigerode, Stiftung Schlösser, Burgen und Gärten des Landes Sachsen-Anhalt). So mag man unter Umständen auch erwägen, ob sich nicht auch Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau hier ein Denkmal gesetzt hat - der „kostbare“, einem Fürsten angemessene „Habit“ und gewisse Ähnlichkeiten des Gesichtsausdrucks der Skulptur zur tatsächlichen Physiognomie des Fürsten Franz könnten diese Deutung aufkommen lassen. Auf jeden Fall aber handelt es sich bei der Wörlitzer Bergmannsfigur um eine außerordentliche Schöpfung einer Bergmannsfigur, zu deren Entstehung man gerne Näheres wüsste. Ihre Existenz belegt aber in aller Deutlichkeit die allgemeine gesellschaftliche Bedeutung des Bergbaus in der Kulturgeschichte und im Interesse der Zeitgenossen des späten 18. Jahrhunderts, auch wenn diese Bedeutung im Wörlitzer Beispiel „nur“ eine ästhetische Komponente besitzen sollte.


LITERATUR:
Sammeln um zu bilden - Bildung durch Anschauung. Die geologische Sammlung des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau. Katalog zur Ausstellung in der Galerie am Grauen Haus in den Wörlitzer Anlagen vom 3. Juli bis 26. September 2004 (Red. v. Ingo Pfeifer), Dessau-Wörlitz 2004; Hartmann, Bernd/Quilitzsch, Uwe: Die geologische Sammlung des Fürsten Franz in Wörlitz, in: ebd., S. 19-25; Hartmann, Bernd: Bergbau im historischen Anhalt, in: ebd., S. 41-47; Harksen, Marie Luise (Bearb.): Die Kunstdenkmale des Landes Anhalt, Bd. 2,2: Die Stadt Wörlitz, Burg 1939; „Belehren und nützlich seyn“. Franz von Anhalt-Dessau. Ausstellungskatalog der Staatlichen Schlösser und Gärten Wörlitz-Oranienbaum-Luisium, Wörlitz 1990, S. 50; Weiss, Thomas (Hrsg.): Das Gartenreich an Elbe und Mulde. Ausstellungskatalog der Staatlichen Schlösser und Gärten Wörlitz-Oranienbaum-Luisium, Wörlitz 1994, S. 194; Den Freunden der Natur und Kunst. Das Gartenreich des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau im Zeitalter der Aufklärung. Eine Ausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen und der Kunststiftung DessauWörlitz, Wörlitz 1997; Reil, Friedrich: Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau. Seinem Wesen und Wirken, Dessau 1845; Slotta, Rainer: Meisterwerke bergbaulicher Kunst und Kultur, Nr. 98: Gemälde des Fürsten Victor II. Friedrich von Anhalt-Bernburg als Bergmann, in: DER ANSCHNITT 54, 2002, Heft 1 (Beilage); ders.: Das Bildnis des Grafen Christian Friedrich zu Stolberg-Wernigerode, in: ebd. 54, 2002, Heft 2-4, S. 164 f.; frdl. Hinweise und Hilfe von Frau Ute Winkelmann, KulturStiftung DessauWörlitz.

Foto: KulturStiftung DessauWörlitz, Bildarchiv, Heinz Fräßdorf, f2004.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 57, 2005, Heft 2-3 (Beilage)