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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 112:Jannis Kounellis Ohne Titel
Jannis Kounellis (geb. 1936)
Ohne Titel, 1989
Stahl, Kohle, Glas, 103,5 cm x 73,4 cm x 16,7 cm
Privatsammlung


Jannis Kounellis wurde im Jahre 1936 in der griechischen Hafenstadt Piräus geboren, lebte seit 1956 lange Jahre in Rom, studierte an der dortigen Akademie der Schönen Künste und wurde dort von der Antike in ihrer innigen Verbindung von künstlerisch gestalteter Ästhetik und natürlicher Umgebung nachhaltig geprägt. In Rom stellte er erstmals aus, wurde dort in den 1960er-Jahren Mitbegründer der „Arte Povera“-Bewegung, und ebenso wie Joseph Beuys, Sigmar Polke oder Gerhard Richter gehört Jannis Kounellis zu jenen Künstlern, „die die grundsätzlichen Fragen künstlerischer Produktion ins Zentrum ihrer Kunst gerückt“ und für sich die Unmöglichkeit des Tafelbildes erkannt haben. Er nahm in den Jahren 1993 bis 2001 eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf wahr, um sich anschließend wieder in Rom niederzulassen, wo er heute wieder lebt.

Kounellis beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit den Themen der historischen und kulturellen Identität im Spannungsfeld von Geschichte und Gegenwart und überschreitet in seinem künstlerischen Œuvre die überkommenen Grenzen der Kunst. Leinwand und Holz als Bildträger hinter sich lassend, wird der Raum zur realen Bildfläche, seine Ausstellungen sind Inszenierungen, er arbeitet seit den 1960er-Jahren mit „kunstfernen“, „armen“ Materialien. Dennoch bezeichnet er sich selbst noch heute als „Maler“.

Ullrich und Schwalm betonen zu Recht, dass „kaum ein anderer Künstler … das Europäische für sich so sehr in Anspruch nehmen (kann) wie Jannis Kounellis - nicht nur auf Grund seiner griechischen Herkunft“, gehört doch das Bewusstsein für die Geschichte Europas zu einem der Grundprinzipien seines Œuvres. Viele seiner Arbeiten nehmen ganz explizit Bezug auf die Geschichtlichkeit, indem er z. B. „Fragmente der Erinnerung“ in Form von antiken Versatzstücken in die Installationen einbezieht. Neben dem historisch-politischen Gesichtspunkt sind es aber auch und vor allem regionale Aspekte, die in Kounellis Werken auftreten, wenn er für Regionen charakteristische Materialien einsetzt. Und deshalb verwundert es nicht, dass man in Kounellis Installationen und Werken wiederholt Rohstoffe und Bodenschätze wieder findet, die er dadurch in ihrer Bedeutung für den Menschen und die Regionen anerkennt.

Diese besondere Beziehung zur Natur und zu Werkstoffen, die aus der Natur kommen - z. B. Gestein, Bodenschätze und veredelte Rohstoffe -, aber auch die Beziehung dieser Materialien zum Menschen und zur Gesellschaft haben Kounellis immer interessiert. So entstanden bereits früh seine Arbeit „Carboniera“ (1967), in der er Steinkohlenbrocken in einer stählernen Wanne präsentierte, und 1976/77 ein im Maßstab verkleinerter, rauchender Industrie-Schornstein, der unter dem hellen Himmel der Mailänder Galerie von Salvatore Ala schwarze, malerisch poetische Wolken ausstieß, die sich über einer gotisch anmutenden „Arbeiter-Burg“ ausbreiteten und die Komplexität der Probleme zwischen Leben, Arbeit und Ästhetik für den Einzelnen und die Gesellschaft thematisierte. Seine ästhetischen Beziehungen zum Gestein manifestieren sich in aller Deutlichkeit u. a. in seinen „Bruchsteinmauern“, in denen bisweilen antike Statuenreste eingelassen sind („Ohne Titel, 1981, Baden-Baden, Staatliche Kunsthalle, oder 1985, Athen, Jean Bernier Gallery).

Ein weiteres, sehr markantes und für Kounellis Kunst charakteristisches großes Werk aus dieser Schaffensphase (Ohne Titel [Zwei Fenster] aus den Jahren 1982/1999) befindet sich im Duisburger Wilhelm Lehmbruck-Museum, das als ortsbezogene, zweiteilige, 3,8 m x 1,48 m große Wandinstallation gestaltet worden ist. Zu ihrer Realisierung verwendete der Künstler Stahlrahmen, Baugewebe, Bettenroste mit Holzrahmen und Sprungfedern, eine Stahltafel mit Konsole und Rußspuren, fünf Gipsabgüsse von antik-historischen Kopffragmenten, fünf Trinkgläser, eine Mandoline, einen Hut, ein Bügeleisen, eine Petroleumlampe, Holzbalken und - teilweise farbig gestrichene - Holzbretter sowie Pflastersteine aus Basalt, die er zum Teil in Decken gehüllt hat: Diese Materialien wurden „geschichtet“ zu einem spannenden Bild von ganz eigenem poetischen Reiz wie „Spolien in einer alten Stadtmauer“ zusammengefügt.

Die (Stein-)Kohle hatte Kounellis schon immer als einen „ästhetischen und gesellschaftlichen Wertstoff“ in Installationen eingesetzt. Bereits 1967 schuf er neben der „Carboniera“ eine Installation mit verkohlten Baumstücken und Ästen (Rom), 1991 hängte er Steinkohlebrocken an Seilen in regelmäßigen Abständen nebeneinander auf, um die „Abhängigkeit“ der Gesellschaft von diesem Material in aller Deutlichkeit aufzuzeigen (Halifax, The Henry Moore Sculpture Trust, Studio at Dean Clough). Diese Thematik spiegelte sich in wahrhaft großem Umfang in Werken wider, die Kounellis 1993 in einer Ausstellung im Rahmen der Ruhrfestspiele in der Kunsthalle Recklinghausen geschaffen hatte. Damit nahm er ausdrücklich und ausführlich Bezug auf die Region des Ruhrgebietes und die für dieses Industrierevier so typischen Wertstoffe Kohle und Stahl. Zu den wichtigsten und markantesten Werken zählten damals neben- und untereinander in zahlenmäßig ungleichmäßigen Gruppen und Reihungen auf Stahlplatten befestigte Kohlebrocken (Ohne Titel, 1991, Zürich, Galerie Lelong), eine rechteckige, auf eine Spitze gestellte Stahlplatte in einem Kohlenhaufen, der von raumhaltigen, gefüllten Kohlesäcken gerahmt war (Ohne Titel, 1993, Kunsthalle Recklinghausen) sowie eine kauenartige Installation mit von der Decke an Seilen herabhängenden Kohlenbrocken (Ohne Titel, 1993, Kunsthalle Recklinghausen). Diese aus Anlass der Ruhrfestspiele entstandenen Werke hätten seinerzeit ohne die Hilfe und Unterstützung des Bergwerks Blumenthal-Haard nicht von Kounellis geschaffen werden können.

Zu den Werken, die Kounellis um 1990 geschaffen hat, zählt auch jenes, augenblicklich in der Langen Foundation in der Raketenstation Hombroich bei Neuss ausgestellte Werk, das sich bruchlos in seine Reihe der „Materialbilder“ einfügt. Vor dem hochrechteckigen, stählernen Bildgrund steht ein gläserner Behälter auf einem kurzen Stahlträger, der aus dem Bildgrund heraustritt. Der Bodenteil des gläsernen Behälters ist mit glänzenden, unregelmäßig großen Steinkohlebrocken angefüllt, ein weiteres, schräg angeordnetes Blechfragment ragt vom oberen Bildrand in das Ensemble hinein und hebt durch seine Existenz die ansonsten herrschende strenge Axialität und Symmetrie der Gesamtanordnung der Bildgegenstände auf. Darüber hinaus aber entwickelt sich durch die unterschiedliche „natürliche“ Farbigkeit der verwendeten Materialien Glas, Stahl, Eisenblech und Kohle eine außerordentlich reizvolle ästhetische Wechselwirkung, die den Betrachter in den Bann zieht.

Jannis Kounellis gehört zu den wenigen Künstlern der Gegenwartskunst, die sich mit Wertstoffen, die für eine bedeutende Industrieregion von großer gesamtwirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung sind, beschäftigt. Die Steinkohle gehört zu Kounellis’ „wichtigen“ Materialien, er verwendet sie als Bild- und Bedeutungsträger im Rahmen seiner für die Region an Rhein und Ruhr charakteristischen Installationen und Kunstwerke. Er verweist in der Verwendung von Steinkohle aber nicht nur auf deren wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung auch für jeden Einzelnen, sondern entdeckt und verweist auch mit aller Deutlichkeit auf die ästhetischen Qualitäten der Steinkohle mit ihren „aufregenden“ Materialstrukturen und den unzähligen farblichen Nuancierungen sowie auf das ständig wechselnde Schatten- und Lichtspiel auf der Oberfläche der Steinkohle. Vor diesem Hintergrund erscheint es berechtigt, ja dringend notwendig, auf die Bildwerke dieses „europäischen Künstlers“ in aller Deutlichkeit und Kraft hinzuweisen, der in seinem Œuvre so eindrucksvoll regionaltypische Bodenschätze verwendet und dadurch deren Bedeutung für den hier lebenden Menschen, die Gesellschaft und die von den Rohstoffen nachhaltig geprägte Gesamtkultur versinnbildlicht hat.

LITERATUR:
Kounellis, Jannis: Frammenti di Memoria (hrsg. v. d. Kestner-Gesellschaft), Hannover 1991; Friedel, Helmut (Hrsg.): Jannis Kounellis. Katalog zur Ausstellung der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München, München 1985; Jannis Kounellis. Katalog zur Ausstellung im Kunstmuseum Luzern 1977, Pollenza 1977; Ullrich, Ferdinand/Schwalm, Hans-Jürgen (Hrsg.): Jannis Kounellis: Lineare Notturno. Katalog zur Kunstausstellung der Ruhrfestspiele Recklinghausen 1993, Recklinghausen 1993 (dort weitere Literaturhinweise); Brockhaus, Christoph (Hrsg.): Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg, München/London/New York 2000, S. 103; Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg. Jannis Kounellis Wandinstallation „Ohne Titel (Zwei Fenster)“, 1982/1999 (hrsg. v. d. KulturStiftung der Länder in Verbindung mit der Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum - Zentrum Internationaler Skulptur), Duisburg 2001; frdl. Hinweise von der Langen Foundation, Neuss, Frau Ch. Kotrouzinis.


Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 57, 2005, Heft 4 (Beilage)