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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 113:So genannter Merton-Pokal
So genannter Merton-Pokal, um 1900? (vor 1916?)
Silber, vergoldet, Lapislazuli, Rubin, Erz
Höhe 63 cm, Gewicht 4538 g
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030005734001)


Aus Anlass des 75-jährigen Bestehens des Deutschen Bergbau-Museums Bochum im Jahre 2005 schenkte die RAG Aktiengesellschaft dem Museum einen einzigartigen Deckelpokal, der mit aller Wahrscheinlichkeit als ein Geschenk der Metallgesellschaft AG an seinen Gründer und langjährigen Vorstandsvorsitzenden Wilhelm Merton (1848-1916) vorgesehen gewesen war. Der Pokal wurde aus deutschem Kunsthandel erworben, nachdem er zuvor (2000) - wohl aus Privatbesitz stammend - in einem Schweizer Auktionshaus erstmals versteigert worden war.

Der imposante Pokal entwickelt sich aus einem runden, hoch aufgewölbten, vergoldeten Sockel mit profiliertem Standring, in den drei liegende Medaillons mit Gravuren eingelassen sind. Eine glatt belassene Einziehung bildet den Sockel für die auf einem aus verschiedenen Kupfer- und Bleizinkerzen kniende, ebenfalls vergoldete Skulptur eines Knappen, der mit seiner Gugel, der langen Jacke, dem Leder, Kniehosen und -bügeln sowie langen Schaftstiefeln in der um 1900 gebräuchlichen Bergmannstracht gekleidet ist. Er hält eine mit dem Bergbauemblem Schlägel und Eisen auf dem Blatt charakterisierte Barte über dem linken Unterarm. Mit dem erhobenen, abgewinkelten rechten Arm trägt er die längliche, schlanke Kuppa, die sich mehrfach einzieht bzw. erweitert und dadurch Möglichkeiten zur Eintragung von Gravuren und Medaillons bietet. Den oberen Abschluss der reich verzierten, aufwändig geschmückten Goldschmiedearbeit bildet ein zweifach aufgewölbter, vergoldeter Deckel mit einem als Henkelvase ausgebildeten Griff.

Der ornamentale, getriebene Dekor dieses den Stilformen des Historismus verpflichteten Pokals orientiert sich an frühbarockem Roll- und Beschlagwerk, das mit Blättern, Fruchtbündeln sowie Masken und Medaillons durchzogen ist. Auf dem Sockel, in der Mitte der Kuppa und auf dem Deckel sind eingefasste Lapislazuli-Erzbröckchen sowie rote Schmucksteine befestigt, die in ihrer Erscheinung noch die Kostbarkeit der silbervergoldeten Ehrengabe betonen.

Eine für die bergmännisch geprägte Kunst besondere Bedeutung erhält der Pokal durch seine verschiedenen gravierten bzw. getriebenen Darstellungen auf der Kuppa sowie auf dem Sockel: So haben die fünf Bildwerke auf der Kuppa den weltweit tätigen Bergbau zum Thema. Das bandartige Zentrum der Kuppa zeigt zwei gravierte (unfertig wirkende) Darstellungen: zum einen einen Hafen mit Schiffen, einer Befestigungsanlage, Halden bzw. Bergen im Hinter- und einer Erzverladung im Vordergrund. Drei Männer beladen ein Segelschiff, das Ladungsgut stammt aus drei Förderwagen. Die Form der Halden und die Darstellung lässt eine Lokalisierung der Szene nach Südafrika annehmen. Die zweite, gegenüber liegende Szene zeigt einen in Südamerika stattfindenden Erztransport mit Hilfe von Lamas. Nur mit einem Schurz bekleidete Indios führen die mit prall gefüllten Erzkörben beladenen Packtiere durch die gebirgige Andenlandschaft. Eine dritte Fläche, die wohl zur Aufnahme einer Inschrift vorgesehen gewesen war, ist ohne Eintrag geblieben.

Die drei anderen, am oberen Kuppawulst angeordneten getriebenen Darstellungen zeigen den Bergbau in Europa, Nordamerika und Asien: Für Europa arbeiten stellvertretend drei deutsche, wohl Freiberger (?) Knappen. Sie sind unter Tage bei der Schlägel-und-Eisen-Arbeit dargestellt. Eine Blende erleuchtet das Ort, ein Knappe füllt den vierräderigen Hund mit schweren Erzbrocken; die Vorlage für diese Szene wurde dem Werk von Eduard Heuchler „Die Bergknappen in ihrem Berufs- und Familienleben“ entnommen. Bei der für den nordamerikanischen Bergbau stehenden Szene übergeben zwei Indianer mit Federschmuck einem bärtigen Europäer zwei Goldsäckchen; im Hintergrund geht die Sonne hinter einer prächtigen Bergsilhouette unter, die beiden Pferde des Goldhändlers äsen im Hintergrund. Die letzte, den Erdteil Asien vorstellende Szene zeigt drei durch ihre konischen Hüte als Chinesen charakterisierte Arbeiter beim Goldwaschen: Aus einem Gerinne strömt Wasser über eine Waschtrommel, die von einem Arbeiter mit goldhaltigem Material gefüllt wird, ein zweiter steht bis zu den Knien im Sumpf und bearbeitet den Schlamm, ein dritter wäscht mit der Schüssel. Diese Bildszene spielt vor einem mehrräumigen, aufgipfelnden, an chinesische Architekturen erinnernden Gebäude.

Auf dem Sockel findet sich in feiner Treibarbeit ein deutlicher Hinweis auf die Stadt Frankfurt am Main: Ein Medaillon zeigt die Uferbebauung mit dem historischen Stadtzentrum der Reichsstadt mit ihrem Dom, der Paulskirche, den drei Mainbrücken (darunter dem Eisernen Steg) und dem Sachsenhäuser Ufer im Vordergrund. Die beiden anderen Medaillons geben eine Ortsansicht mit einer zweitürmigen Kirche im Zentrum sowie ein von einem Zaun umzogenes, eingeschossiges Wohnhaus mit Walmdachabschluss inmitten einer ländlichen Umgebung wieder - Kirche und Gebäude müssen mit dem Empfänger des Pokals in einem ursächlichen Zusammenhang stehen, sind aber bislang nicht identifiziert.

Diese Darstellungen geben die entscheidenden Hinweise auf die Herkunft des Pokals, denn als Beispiel eines in Frankfurt am Main beheimateten Unternehmens, das um 1900 Bergbau in allen fünf Kontinenten betrieben hat, und als Empfänger dieses Geschenks kommen nur die Metallgesellschaft AG und Wilhelm Merton als ihr Gründer im Jahre 1881 in Betracht.

Die Familie Merton stand - so Ursula Ratz - in der Spannung zwischen Kosmopolitismus und dem Bedürfnis nach Angleichung an Geist und Verfassung des vorgefundenen urbanen Milieus. Der mit der britischen Staatsbürgerschaft ausgestattete Vater erlangte erst 1855 das Frankfurter Bürgerrecht, sein am 14. Mai 1848 in Frankfurt geborener Sohn William (der seinen Namen später in Wilhelm änderte) volontierte nach seiner Frankfurter Schulzeit bei der Deutschen Bank in Berlin und wechselte dann mehrfach ins Londoner Handelshaus seines älteren Bruders Henry und in die von seinem Vater geführte Firma Ph. A. Cohen in Frankfurt. 1876 wurde er Teilhaber im väterlichen Geschäft, heiratete eine Frankfurter Bankierstochter, nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an und trat zum Christentum über.

Die entscheidende Zäsur in der Unternehmertätigkeit Mertons markiert die im Jahre 1881 erfolgte Gründung der Metallgesellschaft (MG) als Aktiengesellschaft für den „Handel in und die Fabrikation von Metallen und Metalloxyden“. Merton gelang es innerhalb weniger Jahrzehnte, einen auf dem Weltmarkt führenden Konzern aufzubauen, der sowohl in der Metallgewinnung (Bergbau und Hüttenwesen) als auch später in der Metallverarbeitung und in der Entwicklung technischer Verfahren Bahnbrechendes geleistet hat. Seit 1893 gab die Metallgesellschaft die „Metallstatistik“ heraus, der Pflege und Entwicklung der „Geschäfte mit technischem Einschlag“ diente die 1897 erfolgte Gründung der „Metallurgischen Gesellschaft AG“ (Lurgi AG). 1906 gründete Merton die „Berg- und Metallbank AG“ zur Erschließung des Kapitalmarktes und 1910 die „Schweizerische Gesellschaft für Metallwerte“. Sein Konzern verfügte über ein weites Geflecht von Tochtergesellschaften, Beteiligungen, Niederlassungen und Vertretungen bis nach New York („American Metal Co“, 1887), Mexico und Melbourne („Australian Metal Co.“, 1897).

Merton engagierte sich auch auf gesellschaftlichem Gebiet: Zu seinen sozialreformerischen und -pädagogischen Werken zählen das 1890 gegründete, 1896 als GmbH etablierte „Institut für Gemeinwohl“, 1891 folgte die Gründung der „Gesellschaft für Wohlfahrtseinrichtungen“ mit ihren Volksküchen und Werkskantinen, 1895 die „Gemeinnützige Rechtsauskunftsstelle“, 1899 die „Centrale für private Fürsorge“, 1902 das „Soziale Museum“ und 1908 das auf die Beobachtung von Bleierkrankungen zurückgehende „Institut für Gewerbehygiene“. Merton gründete auch die „Gesellschaft für wirtschaftliche Ausbildung“ sowie die „Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften“ - letztere bildete die Vorstufe der Frankfurter Universität. Im Ersten Weltkrieg stellte sich Wilhelm Merton in den Dienst der Kriegswirtschaft und Sozialpolitik; überraschend verstarb er am 15. Dezember 1916 in Berlin. In wissenschaftlicher Hinsicht genoss er vor allem als Herpetologe weltweite Anerkennung, so war er auf diesem Gebiet als Systematiker, Taxonom, Zoogeograph, Ökologe, Anatom und Funktionsmorphologe tätig, und war Träger zahlreicher Medaillen (u. a. der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft). 1906 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Marburger Universität, 1913 verlieh ihm die Königlich Technische Hochschule Aachen „in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die Förderung der Ingenieur-Wissenschaften, insbesondere der wirtschafts- und verwaltungswissenschaftlichen Ausbildung der Berg- und Hütteningenieure, sowie um die Hebung des Gesundheitsstandes unserer Bergwerks- und Hüttenarbeiter ehrenhalber die Würde eines Doktor-Ingenieurs“.

Vor diesem Lebenswerk gewinnt die Annahme an Wahrscheinlichkeit, dass Wilhelm Merton der Empfänger dieses Ehrenpokals gewesen ist. Aus stilistischen Gründen ist das Ehrengeschenk ganz allgemein in der Zeit um 1900 zu datieren; Mertons 50-jähriger Geburtstag im Jahre 1898 könnte Anlass für die Herstellung gewesen sein. Allerdings vermisst man jedwede Inschrift und Meistermarke, so dass eine offizielle Übergabe des Pokals wohl nicht erfolgt zu sein scheint. Diese Beobachtung und die Tatsache, dass die Darstellungen „unfertig“ und „unvollendet“ erscheinen, nähren die Vermutung, dass der Pokal - trotz seiner historistischen Stilformen - erst erheblich später, aber noch vor dem Tode Mertons im Jahre 1916 in Auftrag gegeben worden ist, um ihm anlässlich seines 70. Geburtstages im Jahre 1918 überreicht zu werden. Dies könnte die fehlende Inschrift auf dem dafür vorgesehenen Feld auf der Kuppa erklären. Der Pokal ist aber ungeachtet aller noch anstehenden Fragen ein bedeutendes Dokument für die Geschichte der Frankfurter Montanindustrie und die damit eng verbundene Person Wilhelm Mertons sowie ein herausragendes Meisterwerk bergbaulicher Kunst.

Der ausführende Goldschmied des Merton-Pokals ist bislang unbekannt geblieben. Der deutliche Hinweis auf Frankfurt als Sitz der Metallgesellschaft legt die Vermutung nahe, dass ein Frankfurter Juwelier das Kunstwerk geschaffen hat. Zudem konnten die Frankfurter Goldschmiede am Ende des 19. Jahrhunderts noch einmal ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen, als sie zahlreiche Arbeiten für das Ratssilber der ehemaligen Reichsstadt nach Entwürfen von Ferdinand Luthmer, dem langjährigen Leiter der Kunstgewerbeschule, schufen. Als Schöpfer des Merton-Pokals könnten demnach Firmen wie Lazarus Posen Wwe., Eduard Schürmann oder Hessenberg & Co. in Frage kommen.

LITERATUR:
Achinger, Hans: Wilhelm Merton in seiner Zeit, Frankfurt am Main 1965; Ratz, Ursula: Wilhelm Merton, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 17, Berlin 1994, S. 184-187; Däbritz, W.: 50 Jahre Metallgesellschaft 1881-1931, Frankfurt am Main 1931; Scheffler, Wolfgang: Die Goldschmiede Hessens, Berlin/New York 1965; Steinkohle 2001, Heft 10, S. 33; frdl. Hinweise von Frau Gisela Wohlfahrt, Bremen.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 57, 2005, Heft 5-6 (Beilage)