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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 106:
Ablassurkunde für das Schwazer Knappenspital vom 10. Januar 1515
Pergament, bemalt, Breite 78 cm, Höhe 52 cm

Vomp/Fiecht (Tirol), Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht, Stiftsbibliothek und Stiftsmuseum (Stiftsarchiv, Urkundensammlung, Klostermuseum; Inv.-Nr. 891)Ablassurkunde für das Schwazer Knappenspital


In der Stiftsbibliothek des wohl ältesten Tiroler Bergklosters St. Georgenberg, dessen Wurzeln bis in das 10. Jahrhundert zurückreichen, hat sich eine von der Montangeschichts-Forschung bislang weitgehend unberücksichtigte Ablassurkunde erhalten, die mit den Vorsorge-Bemühungen des Klosters für das Schwazer Knappenspital (Bruderhaus) während der Pestzeiten des ausgehenden Mittelalters bzw. der Frühen Neuzeit im Zusammenhang zu sehen ist. Es bleibt das Verdienst von Pater Thomas Naupp, die Bedeutung dieser Urkunde erkannt und sie erstmals publiziert zu haben.

Schwaz, rd. 25 km nordöstlich von Innsbruck an der rechten Flussseite des Inns gelegen, gehört zu den bekanntesten und bedeutendsten Bergstädten des Abendlandes. Schon seit 1500 v. Chr. wurde Kupfer gefördert, vor allem aber zwischen 1470 und etwa 1530 besaß die Bergstadt als "Mutter aller Bergwerke" mit ihren Silber- und Kupfererzbergwerken einen fast sagenhaften Ruf. Der große wirtschaftliche Aufschwung der Schwazer Bergwerke erfolgte nach der 1409 (der Sage nach) erfolgten Entdeckung eines ersten zutage ausbeißenden Erzganges nach 1420; die 1427 erlassene Gossensasser Bergordnung, die auf der Schladminger Bergordnung (Steiermark) vom Jahre 1408 basierte, wurde für Schwaz übernommen. 1449 wurde die weitgehend bis in das 19. Jahrhundert gültige Schwazer Bergordnung erlassen, die das Vorbild für die Bergrechtsregelungen im Habsburger Reich bis in das letzte Jahrhundert gewesen war.

Binnen weniger Jahrzehnte erlangte der Schwazer Bergbau mit seinen drei Revieren Falkenstein als dem bei weitem wichtigsten, Ringenwechsel und Alte Zeche eine so große Bedeutung, dass er mit den übrigen europäischen Silber- und Kupfererzrevieren (dem sächsisch-böhmischen Erzgebirge, dem oberungarischen-slowakischen Erzgebirge und dem Mansfelder Revier) gleichzog und für einige Jahrzehnte in der Silberproduktion an der Spitze des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation stand: Zwischen 1420 und 1469 wurden in Schwaz rd. 111 t Silber gewonnen, also im - wegen der steigenden Produktionsziffern verfälschenden - Jahresdurchschnitt 2,2 t. Zwischen 1470 und 1530 aber war Schwaz der bedeutendste Silberproduzent Europas mit durchschnittlich 10,3 t bis 12,9 t Silber im Jahr. Die höchsten Ausbringen wurden 1516 mit 14 t und 1523 mit 15,6 t erreicht, seit etwa 1530 setzte ein lang andauernder wirtschaftlicher Abschwung ein, da die Lagerstätte sich zunehmend erschöpfte. Von 1470 bis 1627 wurden etwa 1101 t Silber gewonnen, von 1420 bis 1827 waren es rd. 1600 t: Diese Menge entspricht einem Würfel mit einer Seitenlänge von fast 20 m.

Ein derartig umfangreicher Bergbau musste organisiert und finanziert werden. Die Schwazer Grundherren, die Ritter von Freundsberg, verkauften 1467 ihren gesamten Besitz an Herzog Sigmund und siedelten in das schwäbische Mindelheim um. Schon sehr früh stiegen kapitalkräftige Unternehmer aus dem Kaufmannsstand, die die für den Aufschluss der Lagerstätte und den Betrieb nötigen Kosten aufbringen konnten, in den Bergbau ein. 1441 wurde die erste Grube an einen auswärtigen Unternehmer, an das Innsbrucker Handelshaus Jacob Tänzl, verliehen. 1456 engagierte sich mit der Handelsgesellschaft Ludwig Meutting in Augsburg erstmals ein nicht-österreichisches Unternehmen, dem die Schwazer Silberproduktion für ein Darlehen von 40 000 Gulden an Herzog Sigmund verpfändet wurde.

Für die Entwicklung des fremden Kapitals sind in den folgenden Jahrzehnten zwei Tendenzen signifikant: die Verdrängung zum einen einheimischer Unternehmer und zum anderen der Auswärtigen untereinander. 1505 waren es neben einer gewissen Zahl von Klein- und Mittelgewerken nur noch neun Unternehmen (u.a. Tänzl, Stöckl, Fieger, Baumgartner), die den Schwazer Bergbau dominierten. Ihnen entstand nun in den folgenden Jahren mit den Augsburger Handelshäusern, besonders den Fuggern, eine Konkurrenz, die de facto das Silbermonopol an sich zog. Dies wurde ihnen möglich, weil sie in der Lage waren, den Habsburgern riesige Darlehen zu gewähren, für die sie die Verkaufsrechte für Schwazer Silber und Kupfer erhielten. Die für die deutsche Geschichte so entscheidende Kaiserwahl von 1519 endete mit einem Sieg Karls V. anstelle des französischen Königs, weil der Habsburger den Kurfürsten ein Darlehen Jacob Fuggers in Höhe von 600 000 Gulden (rd. 23 Mio. Euro) zahlen konnte. Diese wenige Andeutungen genügen, um die außerordentliche Bedeutung des Schwazer Bergbaus im europäischen Wirtschaftsgefüge des 15. und 16. Jahrhunderts anzudeuten.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Bergherren alles daran gesetzt haben, die spezialisierten Bergknappen an Schwaz zu binden, sie am Leben zu erhalten und ihnen ein so angenehmes Leben wie möglich zu garantieren. Die Gründung des Knappenspitals, das in den verschiedenen Ausgaben des Schwazer Bergbuchs aus den Jahren 1554 ff. so meisterhaft dargestellt ist, wird in die Jahre um 1510 gesetzt und gehörte zu den bedeutenden sozialen Maßnahmen der Montangewerken; der Georgenberger Abt Leonhard Müller errichtete zusätzlich am 23. März 1516 eine Barbara-Bruderschaft, war doch die Hl. Barbara neben Daniel und der Mutter Anna die dritte Schutzpatronin der Schwazer Knappen.

Die Errichtung des Bergspitals war gerade in Zeiten mit hohen Unfallraten und dem häufigen Auftreten von Seuchen eine entscheidende Maßnahme. Nicht umsonst mahnt das Schwazer Bergbuch, dass "Krieg, Sterben (= Pest), Teuerung (Hungersnot) und Unlust (Faulheit) ein Bergwerk zu Grunde richten". Nicht zuletzt um die Spendenfreudigkeit für die Kapelle des Knappenspitals zu erhöhen, bemühte sich die Berggerichtsbehörde über den Georgenberger Prälaten, bei den römischen Stellen eine Ablassverleihung zu erlangen. Dieser Ablassbrief wurde als großformatige Pergamenturkunde am 10. Januar 1515 in Rom ausgestellt, von zwölf Kardinälen unterschrieben und mit einer ästhetisch ansprechenden Randleiste versehen, die sich an drei Seiten des geschriebenen Textes herumzieht. Neben der Hl. Dreifaltigkeit (oben links) erkennt man im oberen Teil der Randleiste die Hl. Veronika (mit dem Schweißtuch Christi), das päpstliche Wappen und die Evangelisten Petrus und Paulus (oben rechts mit den Attributen eines Schlüssels und eines Schwerts), im linken und rechten Teil der Randleiste die Hl. Elisabeth (als Speise und Trank ausgebende Fürsorgerin) und die Hl. Barbara (mit Kelch, Hostie und Turm) bzw. einen in Tracht mit langem Leder bekleideten Knappen, der im Ausfallschritt die Firste mit Schlägel und Eisen bearbeitet. Ranken- und Blütenwerk füllt die Räume zwischen den Figuren und Wappen. Die ehemals vorhandenen Siegel wurden gewaltsam heruntergeschnitten, die Ränder der Urkunde sind teilweise eingerissen.

Die Übersetzung des Ablassbriefes lautet nach P. Naupp: "Raphael von Ostia, Dominikus von Porto, Franciscus von Tibur und Markus von Preneste: Bischöfe. Franciscus vom Titel der Heiligen Johannes und Paulus, Nikolaus vom Titel (Titelkirche) der heiligen Prisca, Hadrianus vom Titel des heiligen Chrisogonus, Antonius vom Titel des heiligen Vitalis, Petrus vom Titel des heiligen Eusebius und Benedinellus vom Titel der heiligen Sabina: Priester. Markus von der heiligen Maria in Via Lata und Sigismund von der heiligen Maria Nova: Diakone. Allen Christgläubigen und jedem von denen, die in vorliegende Urkunde Einsicht nehmen, ewiges Heil im Herrn. Je häufiger wir den Geist der Gläubigen zu den Werken der Nächstenliebe hinführen, desto mehr tragen wir zum Heil ihrer Seelen bei.

Aus unserem Wunsche, dass der zum Heiligen Geist sowie zur heiligen Elisabeth, der Witwe, und zur heiligen Barbara, der Märtyrerin, geweihten, in Schwaz gelegenen und zur Pfarrkirche in Vomp, Diözese Brixen, gehörigen (Bruderhaus-) Kapelle, der, wie wir vernommen haben, unsere Geliebten im Herrn: Paul Wolfler und Johann Gristeter als Laien (Brudermeister) und die übrigen Bergwerksfaktoren, Lohndiener und Knappen im Bergwerk von Schwaz - die, wie wir weiter gehört haben, besagte Kapelle geplant und erbaut haben und daselbst eine Bruderschaft oder Kongregation ins Leben gerufen haben -, eine besondere Andacht erweisen; aus unserem Wunsche also, dass dieser Kapelle die ihr gebührende Ehre erwiesen, sie von den Christgläubigen immerdar verehrt, ordentlich instand gesetzt und instand gehalten werde und dass ihr die (liturgischen) Bücher, Kelche, Leuchter, Kirchenschmuck und alle anderen Dinge erhalten werden. Dass sie mit dem zur Ausübung des Kultus (Gottesdienstes) Notwendigen reichlich ausgestattet werde und dass die Christgläubigen umso mehr der Andacht wegen dort zusammenströmen und zur Instandsetzung, Instandhaltung, Erhaltung und Ausstattung die hilfreichen Hände ausstrecken, als sie sich durch eben dieses Werk der göttlichen Gnade desto reicher beschenkt sehen.

So haben wir, die oben genannten Kardinäle, wie jeder einzelne von uns, uns den darüber demütig vorgebrachten Bitten der Genannten, Paul und Johann, der Gewerken und übrigen Bergarbeiter gnädig geneigt. Aus dem Erbarmen des allmächtigen Gottes und der seligen Apostel Petrus und Paulus und im Vertrauen auf seine Macht.

Allen und jeden Christgläubigen beiderlei Geschlechts, so sie (ihre Sünden) bekennen und bereuen und besagte Kapelle an den Tagen oder Festtagen des Ostermontags und Pfingstmontags und an den Festtagen der heiligen Elisabeth und der heiligen Barbara und am Weihetag der Bruderhauskapelle selbst von der ersten Vesper bis einschließlich zur zweiten alljährlich demütig aufsuchen und zudem, was oben vorausgeschickt wurde, die helfenden Hände ausstrecken, gewähren wir für die einzelnen Festtage oder Tage, an denen sie dies getan haben, mitleidig im Herrn, zu den ihnen auferlegten Bußen hundert Tage Ablass. Und dieser Ablass soll auf immerdar gegeben sein.

Zur Beglaubigung dessen haben wir dieses Schreiben verfaßt und es durch unsere Siegel bekräftigt. Gegeben zu Rom in unserem Hause, im fünfzehnhundertfünfzehnten Jahre seit der Geburt Unseres Herrn, den 10. Januar. Im zweiten Jahre des Heiligsten Pontifikates in Christo Unseres Vaters und Herrn Leo, des zehnten Papstes dieses Namens nach göttlicher Vorsehung".

Diese Ablassurkunde ist eines der bislang selten anzutreffenden Beispiele, bei denen den Bergbau betreffende Rechtsvorgänge - offenbar auf Grund ihrer hohen Bedeutung - mit außerordentlichem Aufwand und großer künstlerischer Fähigkeit ausgestellt und gestaltet worden sind. Vergleichbar erscheint die aus dem späten 15. Jahrhundert stammende so genannte Siegener Randsleiste - das Fragment einer Urkunde (?) - oder auch die Seite aus dem Graduale von St. Dié aus dem frühen 16. Jahrhundert, die in ihrer Randleiste um den Text des Introitus des Festes am Jahrestag der Kirchweihe Darstellungen aus dem Montanwesen in den Vogesen zeigt. Alle drei bislang bekannt gewordenen Randleisten stammen aus der Zeit um 1500 und dokumentieren somit offenbar einen gewissen Zeitgeschmack in der Ausstellung von wichtigen Urkunden. Das Georgenberger Exemplar kann mit aller Berechtigung für sich in Anspruch nehmen, ein wahres Meisterwerk bergbaulicher Kunst und Kultur zu sein.

Foto: Eusebius Lorenzetti, Schwaz

LITERATUR:
Naupp, P. Thomas OSB: "Schwarzer Tod", "sterbende leuff" und andere Seuchen. Von der Pestilenz befallene Bergknappen im "Domus fratrum" zu Schwaz und deren seelsorgerische Betreuung durch Georgenberger Patres im 16. Jahrhundert, in: Der Schlern 67, 1993, S. 240-243; ders.: Geistlicher Beistand im Schwazer Knappenspital, in: Heimatblätter - Schwazer Kulturzeitschrift 49, 2002, S. 30-41; Grass, Franz: Vom Spitalwesen im alten Schwaz, in: Studien zur Sakralkultur und kirchlichen Rechtshistorie Österreichs, Innsbruck-München 1957, S. 160-166; Egg, Erich: Das Wirtschaftswunder im silbernen Schwaz. Der Silber-Fahlerzbergbau Falkenstein im 15. und 16. Jahrhundert, Wien 1958; ders.: Schwaz ist aller Bergwerke Mutter, in: DER ANSCHNITT 16, 1964, Heft 3, S. 2-59; Westermann, Ekkehard: Zur Silber- und Kupferproduktion Mitteleuropas vom 15. bis zum frühen 17. Jahrhundert. Über Bedeutung und Rangfolge der Reviere von Schwaz, Mansfeld und Neusohl, in: DER ANSCHNITT 38, 1986, S. 187-211; Worms, Stephen: Schwazer Bergbau im 15. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte, Wien 1904; Slotta, Rainer/Bartels, Christoph: Meisterwerke bergbaulicher Kunst vom 13. bis 19. Jahrhundert, Bochum 1990, S. 95-98, S. 176 f., S. 184-188; frdl. Auskünfte und Hilfen durch Mag. Thomas Naupp, Benediktinerabtei und Stiftsbibliothek St. Georgenberg-Fiecht, sowie Dr. Christoph Bartels und Dr. Andreas Bingener, beide Bochum.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum


DER ANSCHNITT 56, 2004, H. 1 (Beilage)