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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 108:So genannter Boucicaut-Meister
So genannter Boucicaut-Meister (um 1390-1430):
Illustrationen aus dem "Buch von den Wundern der Welt", nach 1410

Paris, Bibliothèque Nationale (Inv.-Nr. Ms. français, Nr. 2810)


Die beiden hier vorgestellten Illustrationen gehören zu den frühesten Abbildungen, die "Bergbau" bzw. "Suche nach Rohstoffen" zum Thema haben. Sie stammen vom so genannten Boucicaut-Meister, einem der führenden Illustratoren von Handschriften im frühen 15. Jahrhundert. Dieser Anonymus lebte und arbeitete in Paris für die Aristokratie und erhielt seinen Namen nach einem Stundenbuch (heute im Pariser Musée Jacquemart-André, ms. 2), das er für Jean le Meingre II., Maréchal de Boucicaut, geschaffen hatte.
Die beiden Darstellungen, insgesamt gibt es drei Miniaturen mit Bergbaubezug, stammen aus der in der Pariser Bibliothèque Nationale aufbewahrten Handschrift "Marco Polos Buch der Wunder", die um 1410 im Auftrag von Jean sans Poeur (Johann Ohnefurcht, 1371-1419), dem seit 1404 regierenden Herzog von Burgund, geschaffen wurde. Mehrere Künstler - darunter auch der Boucicaut-Meister - illuminierten die Handschrift. Das Ergebnis ist ein prachtvoller Codex, der später in den Besitz der Familie de Berry und auf Umwegen in die Bibliothek der französischen Könige und schließlich in die Bibliothèque Nationale gelangte.

Die Handschrift widmet sich der bekannten Reise von Marco Polo (1254-1324) nach Asien, einer Reise, die von den Zeitgenossen nachträglich vielfach beachtet wurde, brachte sie doch erstmals in großem Umfang Kenntnisse von diesem entfernt gelegenen Erdteil und seiner Bevölkerung nach Europa. Der Bericht über diese Reise machte Marco Polo zum heute bekanntesten Zivilisten des europäischen Mittelalters.

Marco Polo entstammte einer alten dalmatinischen Familie, die sich um 1000 in Venedig niedergelassen hatte. Sein Vater Niccolò unternahm mit seinem Bruder Mattio (Maffeo) ausgedehnte Reisen nach Kleinasien, 1266 erreichten sie sogar den kaiserlichen Hof in Beijing (Peking). Nach der Rückkehr von dieser 15 Jahre dauernden Geschäftsreise brachen Vater Niccolo und Onkel Maffeo Polo im Jahre 1271 nun auch in diplomatischer Mission Papst Gregors X. wieder von Venedig nach China auf. Dieses Mal nahmen sie den 17-jährigen Sohn Marco mit, der - mit hellen Verstand, universeller Neugier und robuster Gesundheit ausgestattet - neben seiner Muttersprache auch Französisch sprach und unterwegs noch Persisch, Arabisch und weitere Sprachen des mongolischen Reiches lernte. Seine Kenntnisse von Geweben, Gewürzen, Perlen und Edelsteinen lassen vermuten, dass man unterwegs weiterhin Handel trieb. Über Anatolien, Mesopotamien, Hormuz und Nishapur in Persien, Balch in Afghanistan/Badakhschan, die Wüste Takla-Makan und die Stadt Kashgar erreichten sie schließlich Dun-Huang am westlichen Ende der Chinesischen Mauer, bevor sie 1275 an den Hof Kublai Khans (1214-1294) in Peking gelangten. In dessen Dienst bereiste Marco Polo in den nächsten sechzehn Jahren u. a. Tibet und andere Provinzen des Reiches. 1292 kehrten die drei Polos auf dem Seewege über Sumatra, Sri Lanka, Indien und - nach einem mehrmonatigen Aufenthalt am persischen Hofe - über Konstantinopel nach Venedig zurück, das sie 1295 nach 24-jähriger Abwesenheit glücklich erreichten.

Dass der Venezianer, einer der wenigen "Welt"-Reisenden des Mittelalters, überhaupt einen Reisebericht verfasst hat, ist einer für ihn unglücklichen Konstellation zuzuschreiben, denn er fiel 1297 den Genuesen, den Erzfeinden seiner Vaterstadt, als Kommandant einer Galeere in die Hände und verbrachte knapp ein Jahr in Kriegsgefangenschaft. Dort teilte er eine Zelle mit dem Schriftsteller Rustichello aus Pisa, der Marco Polos Erzählungen in levantinischem Französisch aufzeichnete und sie wohl auch mit ihm bekannten Geschichten verwob: So entstand das "Buch von den Wundern der Welt". 1299 kam Marco Polo frei, er heiratete, hatte drei Töchter und verstarb schließlich 1324 in Venedig.

Bei Marco Polos venezianischen Mitbürgern stießen die ihnen märchenhaft erscheinenden Angaben wegen der häufigen großen Zahlenangaben auf Unglauben. Da sie ihm außerdem seinen Wohlstand neideten, nannten sie ihn und seinen Bericht spöttisch "il Milione". Auch heute noch stößt Marco Polos Bericht in Teilbereichen auf die Skepsis der Sinologen. Dessen ungeachtet fand der Reisebericht seinerzeit rasche Verbreitung und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Er bot als einer der bedeutendsten geographischen Texte des Mittelalters oft eine erste Beschreibung fremder Kulturen und Landschaften Asiens sowie einen reichen Schatz an Informationen für den Fernhandel. So ist auch der Wunsch nach einer Abschrift für den burgundischen Herzog zu erklären, vier weitere Originalmanuskripte haben sich erhalten. Eines davon, das dem französischen König Karl V. gehörte, wurde 1650 von der schwedischen Königin Christina erworben und befindet sich heute in der königlichen Bibliothek in Stockholm.

In seinen Berichten kommt Marco Polo - ganz Kaufmann und Handlungsreisender - immer wieder auch auf die Reichtümer der Länder und an zahlreichen Stellen auf das Montanwesen zu sprechen. So berichtet er von Gold-, Silber- und Salzvorkommen, von der Galmeiverhüttung in Persien, brennenden Steinen (Steinkohle), feuerfesten Geweben (Asbest), Edelsteinen wie Türkis, Rubin und Lapislazuli, vom Kupferhandel, von Perlentauchern und von Elfenbein.

Die erste hier vorgestellte Illustration (Folio 82 r, Kap. 176) spielt in Indien und zeigt die orientalische Königin Mutfili in Begleitung ihrer Hofdame in einem scharfkantigen Gebirge voller Diamanten und Edelsteine mit Drachen und Adlern. Die Diamanten in den Schluchten wurden nach Marco Polo dadurch gewonnen, dass man blutige Fleischstücke hinab warf. Die Diamanten klebten am Fleisch, Adler holten diese aus der Schlucht. Wenn sie sie verzehren wollten, wurden sie aber von den Menschen erschreckt und flogen ohne ihre Beute davon. Auf der Illumination betrachtet die Königin die Diamantensucher und sieht die Drachen in der Schlucht, rechts außen spreizen zwei Adler ihre Flügel. Im Hintergrund stehen Kaufleute, im Vordergrund aber finden sich zwischen den Felsen zwei Bergleute, von denen der kniende in seiner rechten Hand einen roten Edelstein hält.

Die zweite Illustration (Folio 54r, Kap. 111) zeigt ein Nomadenlager an einem See in der chinesischen Provinz Gaindu. Nach dem Text hatte der Großkhan die Perlenfischerei verboten, es sei denn für seinen persönlichen Gebrauch. Ebenso verhält es sich mit den Türkisen in den Bergen. Auf der Darstellung werden links dem unter einem Baldachin thronenden Großkhan auf Sieben liegende Perlen und Türkise nach Größe und Gewicht sortiert dargebracht, die seine Bergleute aus dem See heraus waschen bzw. aus den Bergen gewinnen konnten.

Diese beiden Darstellungen des Boucicaut-Meisters sind trotz - oder gerade wegen - ihrer unbekümmerten und "märchenhaften" Erzählfreude von Bedeutung. Da der Künstler keine realen Kenntnisse von den Inhalten, über die Marco Polo berichtet, besessen haben kann, war er bei der Illumination der Handschrift auf die abendländischen Traditionen und seine Vorstellungskraft angewiesen. Am Ende der Gotik verzichtete er in seinen Illuminationen auf Goldgründe, Figurentypik und gotisches Rankenwerk: Er schuf vielmehr einen mit leuchtenden Farben illuminierten Codex, der als eine der schönsten Bilderhandschriften des späten Mittelalters gilt. Der blaue, aufgehellte Himmel ersetzt dabei die schweren, gemusterten Hintergründe älterer Darstellungen, und die Figurengruppen, die sich um die "Wunder" scharen, agieren und verharren nicht mehr statisch-steif. Auch ist bereits der Versuch zu beobachten, Architektur perspektivisch wiederzugeben. Insofern ist im Boucicaut-Meister ein innovativer Künstler auf dem Wege zur Früh-Renaissance zu erkennen.

Für die "wahrheitsgetreue" Dokumentation des Montanwesen sind die Darstellungen sicherlich nicht von allzu hoher Bedeutung. Dennoch sind die Grundgegebenheiten "richtig" dargestellt, wichtiger aber ist die Dokumentation der Rohstoffsuche und -gewinnung an sich. Insofern sind die Illuminationen des Boucicaut-Meisters außerordentlich kostbare Darstellungen, deren Bedeutung sich nicht nur mit der frühen Entstehungszeit begründen lässt.

LITERATUR: Guignard, Elise: Il milione - Die Wunder der Welt (übers. aus altfranzösischen und lateinischen Quellen mit Nachwort), Zürich 1983; Frankfurt 2003; Knust, Theodor A.: Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jahrhunderts, Tübingen 1972; Polo, Marco: Das Buch der Wunder. Faksimile der Bilderhandschrift ms. f., Nr. 2810 in der Bibliothèque Nationale, Paris/Luzern 1995 (2 Bde.; im Kommentarband u. a.: Avril, F.: Das Buch der Wunder, S. 19-54, 56 Abb.; Richard, J.: Marco Polo: Der Reisende und sein Buch, S. 55-68; Monfrin, J.: Zur Geschichte des Textes, S. 69-86; Gousset, M.-T.: Die Miniaturen des Buchs von Marco Polo, S. 87-100; Tesnière, M.-H.: Übersetzung der Handschrift); Köppen, Ulrich: Marco Polo. Die Reisen des Marco Polo nach der toskanischen "Ottimo"-Fassung von 1309, Berlin 1971; t'Serstevens, A.: Le livre de Marco Polo ou le devisement du monde, Paris 1962; Yule, Henry/Cordier, Henri: The Travels of Marco Polo, New York 1992; Zorzi, Alvise: Marco Polo. Eine Biographie, Hamburg, 3. Aufl., 1984.

Prof. Dr. Gerd Weisgerber, Recklinghausen/Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 56, 2004, Heft 4 (Beilage)