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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 109:So genannter Pinno-Aufsatz
So genannter Pinno-Aufsatz
Silber, Holz, 1891
Höhe mit Sockel 55,5 cm, Höhe der Säule rd. 100 cm

Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Leihgabe aus Privatbesitz)

Zu den besonders augenfälligen und auch großdimensionierten Geschenken, die verdienten Bergleuten verehrt worden sind, zählt ein silberner Aufsatz in Gestalt eines Denkmals unter einer Glasstulpe auf einer hölzernen, mit Kanneluren versehenen Säule. Empfänger dieses einzigartigen Geschenks war der Hallische Oberbergrat Johann Friedrich Pinno.

Johann Friedrich Hermann Pinno wurde am 16. März 1831 in Klein-Kamsdorf bei Saalfeld als Sohn des Schichtmeisters und Bergamts-"Copisten" Johann Friedrich Pinno und seiner Gemahlin Henriette, geb. Mehner, geboren. Nach dem Besuch des fürstlich Schwarzburg-Rudolstädter Gymnasiums in Rudolstadt und der Klosterschule von Roßleben, an der er 1851 das Abitur ableNr. 108:
So genannter Boucicaut-Meister (um 1390-1430):
Illustrationen aus dem "Buch von den Wundern der Welt", nach 1410

Paris, Bibliothèque Nationale (Inv.-Nr. Ms. français, Nr. 2810)
gte, begann Pinno seine Laufbahn als Bergwerksbeflissener beim Bergamt Wettin und 1851/52 mit einem Probejahr auf den Werken des Wettiner und Lobejüner Steinkohlenbezirks. Von 1852 an besuchte er die Oberklasse der Bergschule in Eisleben und absolvierte von Herbst 1854 bis 1858 das Studium des höheren Bergfachs zunächst in Berlin, seit 1856 in Halle. 1859 wurde er Bergreferendar, 1862 Bergassessor, von 1863 bis 1878 war er technischer Hilfsarbeiter bei der Kgl. Berginspektion in Staßfurt, 1865 wurde er zum Berginspektor ernannt, und seit 1867 fungierte er als Direktor des fiskalischen Salzbergwerks in Staßfurt. 1869 wurde er zum Bergrat befördert.

Von 1878 bis 1891 bekleidete er in Halle das Amt eines Oberbergrats und Mitglieds im dortigen Oberbergamt; in dieser Funktion gehörte er auch dem Kuratorium der Eisleber Bergschule an (seit 1880). Pinno hatte entscheidenden Anteil an der Untersuchung der Lübtheener Salzlagerstätten in Mecklenburg. 1887 wurde er Geheimer Bergrat, von 1891 bis 1900 leitete er als Berghauptmann das Oberbergamt in Breslau. Im Jahre 1900 entließ man ihn auf eigenen Wunsch aus dem Staatsdienst mit dem Titel eines Wirklichen Geheimen Oberbergrats - von diesem Zeitpunkt an lebte er in Berlin-Charlottenburg. Pinno war ein weit gereister, vielseitig gebildeter und hoch dekorierter Bergmann; er verstarb am 26. September 1902 nach einem Schlaganfall in Berlin und wurde in Halle an der Saale begraben. 1865 hatte er Johanna Wilhelmine Giseke geheiratet, mit der er vier Töchter Helene, Elise, Martha und Katharina hatte. Nach ihm wurde ein im Kainitgestein von Staßfurt vorkommendes borhaltiges Mineral ("Pinnoit") benannt.

Pinno muss als einer der "Väter" des mitteldeutschen Kalisalzbergbaus betrachtet werden, war er doch während seines Dienstes beim Hallischen Bergamt immer darum bemüht, den damals noch jungen Kalisalzbergbau in Mitteldeutschland zu fördern. Entgegen der Lehrmeinung von Carl Christian Ochsenius (1830-1906), dass südlich des Harzes keine Kaliumsalze anzutreffen wären, wurde auf Veranlassung Pinnos als damaligem Oberbergrat am Oberbergamt Halle seitens des Preußischen Staates eine Bohrung in Kehmstedt bei Bleicherode auf Kalisalze niedergebracht: Sie wurde 1888 fündig, worauf in der Umgebung insgesamt 65 Bohrungen abgeteuft wurden, die ein größeres Kalisalzvorkommen nachweisen konnten. Daraufhin bewilligte der preußische Landtag die Mittel zur Anlage des Kalisalzbergwerks Bleicherode, das 1902 die Förderung aufnehmen konnte.

In der Folgezeit setzte ein wahrer Boom von Bohrungen nach Kalisalzen in Mitteldeutschland ein. Die bereits bestehenden privaten Bergwerke in Staßfurt und Aschersleben sowie der preußische Staat versuchten das Entstehen neuer Kalisalzbergwerke zu verhindern, um ihr Monopol auf Kalisalze zu sichern. Deshalb schlossen sich im Jahre 1887 die vier Privatwerke der Kaliindustrie, d. h. Leopoldshall, Douglashall, Neu-Staßfurt und Schmidtmannshall unter der Führung von Leo Balthasar Leberecht Strippelmann (1826-1892) zur so genannten Schutzbohrgemeinschaft zusammen. Diese Gemeinschaft hatte das Ziel, sobald von anderer Seite eine Bohrung auf Salze begonnen wurden, in unmittelbarer Nachbarschaft eine Konkurrenzbohrung schneller zum Ziel zu bringen und damit den anderen die Möglichkeit zu Mutung und Erwerb von Bergwerkseigentum zu nehmen.

Da mit Rücksicht auf die anderen Länder das staatliche preußische Werk in Staßfurt der Schutzbohrgemeinschaft nicht unmittelbar beitreten konnte, erfolgte stattdessen ein Abkommen mit dem damals leistungsfähigsten preußischen Bohrunternehmen, der Staatlichen Bohrverwaltung mit Sitz in Schönebeck, die ihre Bohrgeräte zum Selbstkostenpreis und gegen eine Beteiligung von 20 % an den erworbenen Gewinnungsrechten zur Verfügung stellte. Die Geschäftsführung der Schutzbohrgemeinschaft lag seit 1890 bei Bergrat Georg Ebeling (1853-1925), dem technischen Leiter der AG Consolidirte Alkaliwerke Westeregeln. Unter seiner Ägide wurden etwa 80 Konkurrenzbohrungen im Land Braunschweig und in den preußischen Provinzen Sachsen und Hessen-Nassau niedergebracht, in Anhalt und in der Provinz Hannover konnte die Schutzbohrgemeinschaft allerdings nicht tätig werden. Dennoch war es der Schutzbohrgemeinschaft möglich, sich in vielen Fällen das Erstfinderrecht zu sichern und sich über 100 Kalisalzfelder verleihen zu lassen.

Bei seiner Versetzung aus Halle nach Breslau erhielt Johann Friedrich Hermann Pinno von den zur Schutzbohrgemeinschaft vereinigten privaten Kalisalzbergwerken als Dank für seine Unterstützung der Schutzbohrgemeinschaft und für die Leitung der Bohrarbeiten ein Ehrengeschenk in Gestalt eines silbernen, vergoldeten Mansfelder Ehrenhäckels, das von der renommierten Berliner Juwelierfirma Sy & Wagner hergestellt worden war und der Prototyp des später weithin bekannten "Mansfelder Häckels" ist, sowie einen silbernen Aufsatz in Gestalt eines "Denkmals" als Zimmerschmuck.

Dieser in überaus reichen Formen des Historismus gestaltete Aufsatz in Gestalt eines kleinen "Denkmals" erhebt sich auf einem dreifach getreppten, lackierten Holzsockel. Der darauf gestellte, gerundete Sockel ist mit silbernen, verzierten Pilastern mit Voluten-"Füßen" geschmückt, die oben und unten in einen reich verzierten Sims einmünden und insgesamt vier hochrechteckige Felder ausgrenzen. Das erste vordere Feld trägt in einer Kartusche die ligierten Initialen des Beschenkten ("J.H.P.") sowie die Jahreszahl 1891. Auf den beiden Seitenflächen wurden jeweils kleine, silberne Inschrifttafeln befestigt, die den Grund für die Herstellung dieses Aufsatzes und die schenkenden Unternehmen festhalten ("Dem Königl. / Geh. Bergrath / Pinno / in Halle a/S. / mit / dem Ausdruck des Dankes / und / herzlichem Glück auf / gewidmet von den / zu Schutzbohrzwecken / vereinigten Salzwerken" sowie - auf der gegenüberliegenden Seite - "Consolidirte Alkaliwerke, / Westeregeln. / Salzbergwerk Neu-Stassfurt, / Löderburg. / Kaliwerke Aschersleben, / Aschersleben. / Gewerkschaft Ludwig II, / Stassfurt. / Vienenburger Kaisalzwerk / der Gewerkschaft Hercynia, / Vienenburg. / Deutsche Solvay-Werke, A.G. / Bernburg. / Mecklenburgische Kalisalzwerke, / Jessenitz."). Das letzte, rückwärtige Feld zeigt in einer gravierten Darstellung insgesamt neun Bohrtürme bzw. Dreibäume bei der Bohrarbeit inmitten einer Baum bestandenen, bäuerlichen Landschaft mit hohem Horizont, womit ein deutlicher Hinweis auf die Arbeit der Schutzbohrgemeinschaft gegeben ist.

Der "Denkmal"-Aufsatz wird bekrönt und abgeschlossen von einer massiv silbernen kleinen Statue eines im Kontrapost stehenden älteren Bergmanns in Tracht (mit Schachthut mit Federbusch, Jacke, Leder, langen Hosen und festem Schuhwerk), der sich mit seiner Rechten auf sein Häckel stützt und in der Linken ein offenes Frosch-Geleucht hält.

Dieser "Denkmal-Aufsatz" zählt zu den aufwändigsten und größten Ehrengeschenken, die der Bergbau jemals einem seiner Repräsentanten verehrt hat. Es ist zugleich eines der "eindeutigsten", gründet es sich doch auf eine stringent durchgeführte Unternehmenspolitik, die eine auf weitgehender Monopolisierung ausgerichtete Wirtschaftsstrategie zum Ziel hatte. Ganz offenbar spiegelt sich die Bedeutung Pinnos für die Schutzbohrgemeinschaft auch in den großen Dimensionen der Ehrengabe wider, die unübersehbar zur Schau gestellt worden ist, für jeden Betrachter ersichtlich werden musste und auch bewusst zur Schau gestellt worden ist. Das in Verbindung mit dem "Aufsatz" verehrte Häckel besitzt die Gestalt eines militärischen Kommando-Stabes und ist aus der gleichen Sinneshaltung entstanden. Insofern ist dieses Geschenk ein typisches und charakteristisches Zeugnis für die Gründerzeit - die ästhetische Qualität des "Denkmals" tritt hinter die Bedeutung eher zurück. Ausschlaggebend für die "Bewertung" des Aufsatzes sind die zu seiner Entstehung führenden politischen und wirtschaftlichen Gründe, die es mit aller Berechtigung als ein "Meisterwerk bergbaulicher Kunst und Kultur" erscheinen lassen.


LITERATUR:
Stange, Albert: Fünfzig Jahre Deutschlands Kali-Industrie, Berlin 1911; Hoffmann, Dietrich: Elf Jahrzehnte Deutscher Kalisalzbergbau, Essen 1972, S. 25-31; Duchrow, Günther: Kalibergbau im Südharz-Unstrut-Revier, in: DER ANSCHNITT 48, 1996, S. 76 ff.; frdl. Mitteilungen von Dr. Hans Paul, Recklinghausen.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 56, 2004, H. 5-6 (Beilage)