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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 99Holzschnitt zur Illustration von Francesco Petrarcas "Trostspiegel"
Holzschnitt zur Illustration von Francesco Petrarcas "Trostspiegel" oder "Glücksbuch" ("Von der Artzney bayder Glück, der guten und widerwärtigen"), aus der Offizin des Heinrich Steiner, Augsburg 1532


Unter den drei großen Dichtern, die im Florenz des 15. Jahrhunderts gelebt haben, steht Francesco Petrarca (1304-1374) zwischen Dante Alighieri (1265-1321) und Giovanni Bocaccio (1313-1375). Petrarca gilt als früher Wiederentdecker des klassischen Altertums und als Vorkämpfer und Träger des Humanismus. Er war der erste Humanist, der wieder einen korrekten und eleganten lateinischen Stil pflegte. Besondere Bedeutung besitzen seine formvollendeten Gedichte ("rime" oder "canzioniere") sowie seine erstmals in italienischer Sprache abgefassten Sonette und Oden.
Der auch als Meister des Trostspiegels bezeichnete Petrarcameister ist ein Anonymus, der seinen Behelfsnamen nach seinem Hauptwerk, den vermutlich um 1519/20 gezeichneten 258 Illustrationen zu Francesco Petrarcas "Trostspiegel" oder "Glücksbuch" erhalten hat. Dieses 1366 entstandene Werk "De Remediis utriusque fortunae" ist ein einzigartiges kulturgeschichtliches Bilderbuch der ausgehenden Maximilianischen Ära (Th. Musper) und beinhaltet eine Anleitung zum glücklichen Leben im christlichen Sinne, die zugleich auch Einflüsse der stoischen Philosophie aufweist. Die deutsche Übersetzung dieses Werkes "Von der Artzney bayder Glück, der guten und widerwärtigen" war vermutlich bereits durch den Verleger Sigmund Grimm (zwischen 1517 und 1526 nachweisbar) in Angriff genommen worden. Sie blieb aber nach der Fertigstellung von 261 Holzschnitten zunächst unvollendet, da Grimm seine Offizin 1527 aufgeben musste. Das Werk konnte deshalb erst 1532 durch Heinrich Steiner in Augsburg in Druck gebracht werden. Aus Steiners Vorrede, in der die Geschichte der Drucklegung wiedergegeben wird, erfährt man, dass der Straßburger Humanist Sebastian Brant (1457/58-1521), der Schöpfer des berühmten "Narrenschiffs", die Visierungen für die Holzschnitte angegeben hat.

Die diesem Werk beigegebenen Holzschnitte des Petrarcameisters sind in der Folgezeit aufgrund ihrer hohen Qualität und großen Beliebtheit vielfach wieder verwendet worden, u. a. auch für die deutsche Ausgabe von Ciceros De Officiis unter dem Titel "Officia deutsch. Ein Buch ... von den tugendsamen Ämtern" (Augsburg 1535 bei Heinrich Steiner). Gegen 1550 brachte der in Frankfurt am Main arbeitende Drucker Christian Egenolff (zwischen 1530 bis 1555 belegt) eine Reihe von Neuauflagen des "Trostspiegels" heraus, die Druckstöcke mit den Darstellungen des Petrarcameisters wechselten anschließend nochmals den Besitzer und gingen an Vincentius Steinmeyer über.

Der auch als Stayner oder Silecius überlieferte Heinrich Steiner wird zwischen 1522 und 1547 in den Augsburger Steuerlisten erwähnt. Seit 1531 Augsburger Bürger, druckte er in seiner Offizin deutsche Klassiker, Volksbücher, Arzneiwerke sowie Türken- und zahlreiche Reformationsschriften u. a. von Martin Luther und Urban Rhegius. Steiner pflegte in erster Linie das schöne Holzschnittbuch, 1547 ging er Bankrott und nur ein Jahr später verstarb er. Einen Teil seines Holzschnittvorrats erwarb der genannte Christian Egenolff. Bemerkenswert ist der künstlerisch gestaltete Buchschmuck dieser Druckerei, der meist von dem Petrarcameister stammte. Daneben illustrierte Steiner seine Bücher mit Arbeiten von Hans Burgkmair d. Ä. (1473-1531), Jörg Breu d. Ä. (um 1475-1537) und Hans Schäufelein (um 1480/1485-1538/1540).

Über den Petrarcameister existiert eine umfangreiche kunsthistorische Literatur: Der Notname geht auf den Kunsthistoriker Woldemar von Seidlitz zurück, der 1891 erstmals eine Anzahl von Arbeiten des Meisters zusammenstellte, die zuvor Hans Burgkmair d. Ä. zugeschrieben worden waren. Eine Identifizierung mit anderen bekannten Künstlern der Dürerzeit wie Hans Wolff Strigel oder Peter Zan ist verschiedentlich versucht worden, doch besteht bis heute keine Klarheit über die Person dieses herausragenden Zeichners (für Holzschnitte), Malers und Miniators, dessen Wirken im Augsburg des 1. Drittels des 16. Jahrhunderts anzusetzen ist.

Der hier vorgestellte und mit "Jüdische Ärzte" betitelte Holzschnitt zeigt einen Kranken auf dem Lager, dem der Arzt eine Medizin einflößt, während eine Frau weitere Flüssigkeit in einem Krug bereithält. Auf einem Tisch stehen Nahrungsmittel und Geschirr bereit, um die Heilung zu beschleunigen. Im Hintergrund ist eine bergige, bewaldete Landschaft dargestellt, in der ein Mann mit einem Bären kämpft, weil dieser sich an dem in einem Netz gefangenen Tier vergreifen will, und ein Bauer zwei störrische Stiere führt; weiterhin wird eine Burg errichtet. Im Zentrum der Darstellung aber beanspruchen die bergmännischen Szenen das Hauptinteresse: Ein in Altvätertracht gekleideter Knappe schiebt einen flachen, vierräderigen, mit Haufwerk gefüllten Förderwagen aus dem Mundloch einer Tagesstrecke heraus, oberhalb des Mundlochs ist ein Mann dabei, mit einer Doppelkeilhaue einen Bergstoß zu bearbeiten. Dieser ist nicht in bergmännische Tracht gekleidet, sondern trägt ein langes Gewand.

Aus welchem Grund der Petrarcameister dem Bergbau eine so zentrale Stellung in der Bildkomposition eingeräumt hat, ist unbekannt. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, dass manche aus dem Bergbau stammende Erze wie Quecksilber, Antimon oder auch Heilerden schon früh als Arzneien, medizinische Heil- und Stärkungsmittel verwendet worden sind. Die auffällige kompositorische Anordnung des Knappen, der seinen Förderwagen aus dem Berg herausdrückt und quasi linear auf den Kranken zufährt, mag diese Deutung bestätigen. Dem Bergbau als Voraussetzung für eine heilbringende, dem Menschen nützliche Medizin kommt in diesem Holzschnitt also eine besondere Bedeutung zu, die anderen Szenen können als allegorische Belege für das Kampf- und Abwehrverhalten des Menschen gewertet und interpretiert werden.

Vom Petrarcameister existiert noch ein weiterer, gegenüber der obigen Darstellung aber eher "konventioneller" Beleg für seine Beschäftigung mit dem Bergbau (abgebildet bei Winkelmann, Heinrich [Hrsg.]: Der Bergbau in der Kunst, Essen 1958, S. 193). Diese dem untertägigen Bergbau und der Verhüttung gewidmete Darstellung zeigt die Arbeit mehrerer Bergleute, die mit Schlägel und Eisen-Arbeit im Schein auf dem Kopf befestigter Öllampen Gestein und Erz lösen. Im Vordergrund liegt Gezähe auf der Sohle und Fahrten führen zur Firste des Grubenbaus empor. Die Bergknappen sitzen auf einstempeligen Hockern oder auf einem Gebrück, ein Knappe drückt einen eisenbeschlagenen, gefüllten Förderwagen zu einer Kippstelle, an der zwei weitere Knappen das Fördergut zerkleinern. Merkwürdig ist die Darstellung am linken oberen Bildrand, in der das Abrösten der Erze dokumentiert worden ist: Ein Hüttenmann mit einer Stange steht vor der Ofenbrust, aus den beiden Gichtöffnungen schlagen hohe Flammen heraus.

In der bergmännisch geprägten Graphik nimmt der Petrarcameister eine Sonderstellung ein. Der Nürnberger Erhard Schön hat um 1525 ein Einzelblatt "Das Sächsische Bergwerk" vorgelegt, das sich an die Werke Lucas Cranachs, Dürers und der Maler der so genannten Donauschule anlehnt. Nur wenige Jahre später tritt nun der aus Augsburg stammende Petrarcameister auf. Er ist - nach Holzhausen - "einer der fruchtbarsten Graphiker der Dürerzeit und ... der einzige Augsburger, der Hans Burgkmair ebenbürtig zur Seite tritt". Dieser Meister hat zu einem Zeitpunkt, in der die bergmännische Malerei z. B. in Gestalt des Annaberger Bergaltars von Hans Hesse (1521) eine Hochblüte erreicht, für die Graphik ebenfalls Großartiges geschaffen. Er schließt bezüglich der bergmännischen Themen die Lücke zwischen den Holzschnitten in der "Celifodina" des Johannes von Palz (1502), in der "Margarita Philosophica" des Gregor Reich (1503) sowie in dem "Wolgeordnet und nützlich Büchlein" (1518) von Erhard Schön aus der Frühzeit des 16. Jahrhunderts und den überragenden Holzschnitten in Georgius Agricolas Werk "De Re Metallica" aus dem Jahre 1556, an dem u. a. Künstler wie Rudolph Manuel Deutsch, Blasius Weffring und Zacharias Specklin mitgewirkt haben.

Der Holzschnitt des Petrarcameisters stammt aus einer Zeit, in der das Montanwesen in Mitteleuropa aufblühte und sich zu einem zentralen Wirtschaftszweig entwickelte. Die herausragende Stellung des Bergbaus im allgemeinen Bewusstsein der Zeit dokumentiert auch die gezeigte Darstellung, die den Bergbau als Grundlage für medizinische Heilmittel ausweist. Damit wird der Bergbau nicht wie sonst üblich als Lieferant für Münzmetall vorgestellt, sondern als Garant für das persönliche Wohlbefinden des Menschen. Diese Aufgabe und Funktion des Bergbaus ist selten dokumentiert worden, umso bemerkenswerter erscheint deshalb dieser Holzschnitt des Petrarcameisters, der mit Berechtigung als ein Meisterwerk bergbaulich geprägter Kunst angesehen werden darf.

LITERATUR:
Petrarca, Francesco: "Trostspiegel" oder "Glücksbuch" ("Von der Artzney bayder Glück, der guten und widerwärtigen"), Augsburg (Heinrich Steiner) 1532; Petrarca, Francesco: Dichtungen, Briefe, Schriften, hrsg. v. Hanns W. Eppelsheimer, Frankfurt am Main 1956; Cicero, Marcus Tullius: Vom rechten Handeln, hrsg. v. Karl Büchner, München/Zürich 1987, S. 11 ff.; Musper, Th.: Die Holzschnitte des Petrarcameisters, München o. J. [1927]; ders.: Artikel "Petrarca-Meister", in: Kindlers Malerei Lexikon, München 1982, Bd. 10, S. 99 ff.; Buchner, E.: Der Petrarcameister als Maler, Miniator und Zeichner, in: Festschrift Heinrich Wölfflin, München 1924, S. 209-231; Thieme-Becker: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler, Leipzig 1950, Bd. 37, S. 270 f.; Benzing, Josef: Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, Wiesbaden 1963, S. 15, S. 113 f.; Holzhausen, Walter: Die Blütezeit bergmännischer Kunst, in: Winkelmann, Heinrich (Hrsg.): Der Bergbau in der Kunst, Essen 1958, S. 129 f., S. 193; Kessler-Slotta, Elisabeth: Die Illustrationen in Agricolas "De re metallica". Eine Wertung aus kunsthistorischer Sicht, in: DER ANSCHNITT 46, 1994, S. 55-67.

Foto: AKG Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 54, 2002, Heft 2-4.