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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 102Deckelpokal für den Hüttenbaudirektor Johann Friedrich Wedding
Deckelpokal für den Hüttenbaudirektor Johann Friedrich Wedding (1759-1830)
George Hossauer, Berlin, Silber, gegossen, getrieben, graviert und vergoldet
Höhe 42 cm, Gew. rd. 1700 g

Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 030005406001)

Im Jahre 2002 konnte das Deutsche Bergbau-Museum Bochum ein weiteres Meisterwerk der Silberschmiedekunst erwerben: den Ehrenpokal für den Hüttenbaudirektor Johann Friedrich Wedding (1759-1830), den ihm die königlichen Hütten- und Baubeamten Oberschlesiens im Jahre 1829 anlässlich seines 50-jährigen Dienstjubiläums verehrt haben. Dieser aus massivem Silber gegossene, im Kuppainneren vergoldete Deckelpokal ist von dem damals in Berlin führenden Gold- und Silberschmied George Hossauer nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel gestaltet worden.
Der Pokal erhebt sich über einem runden, zweifach abgetreppten, hochgezogenen Tellerfuß mit einem godronierten Standring. Nach mehreren Einziehungen und Profilen folgt der zunächst glatte Balusterschaft, der in lanzettförmigen Blättern endet, die – einer Blüte ähnlich – die darunter hervorkommenden, umlaufenden Akanthusblätter umgeben. Nach einer weiteren Einschnürung und einem Profilring folgt die glockenförmige, dreifach gegliederte Wandung der Kuppa mit ihrem ausgezogenen Lippenrand.

Der untere Abschnitt der Kuppa ist mit einem Kranz aus Lorbeerblättern dekoriert. In der Mitte ordnete der Silberschmied drei Bildfelder an, die von der oben und unten umlaufenden Stiftungsinschrift begrenzt werden. Diese lautet: „Dem Koenigl. Ober Berg-Rath und Hütten-Bau-Director Herrn Wedding bei seinem L jährigen Dienst-Jubilaeum am XXIV ten Juny MDCCCXXVIIII / aus inniger Verehrung gewidmet von den Koenigl: Hütten und Bau-Beamten Ober-Schlesiens“. Der restliche Abschnitt bis zum Lippenrand ist glatt belassen worden, als oberer Abschluss dient ein leicht gewölbter Deckel mit einem bekrönenden, zapfenförmigen Knauf, der analog zum Schaft von plastischen Akanthusblättern umgeben ist.

Die drei Bildfelder auf der Kuppa nehmen engen Bezug auf die zu ehrende Person und den Ort seiner Verdienste. Unterbrochen durch schmale, mit dem Bergbauemblem Schlägel und Eisen sowie Blütenmotiven geschmückte Stege wurden das Wohnhaus des Hüttenbaudirektors, die Königshütte und die Gleiwitzer Hütte mit ihren Hochöfen dargestellt. Die beiden, in neugotischen Stilformen errichteten Hüttenwerke galten zu Beginn des 19. Jahrhunderts als die leistungsfähigsten Industrieanlagen in Oberschlesien. Diese Leistungsstärke zeigt sich u. a. an den deutlich rauchenden Schloten in den fein ziselierten Reliefdarstellungen, die mit äußerster Sorgfalt nach graphischen Vorlagen ausgeführt worden sind.

Der Hüttenbaudirektor Johann Friedrich Wedding wurde 1759 in Lenzen an der Priegnitz geboren und verstarb 1830 in Kattowitz. Seine Schulzeit verbrachte er in Berlin, anschließend praktizierte er auf verschiedenen Eisenwerken und studierte Maschinenbau, ehe er 1779 in den preußischen Staatsdienst übernommen wurde. Schon bald übertrug man ihm den Bau- bzw. den Wiederaufbau der Königlichen Metallhütte Friedrich bei Tarnowitz, zusammen mit dem Grafen Reden bereiste er England, um neuartige Techniken und Industrieanlagen kennen zu lernen. Den Ersatz der Holzkohle durch Koks als Medium zur Verhüttung von Eisen- und Metallerzen in den Hüttenwerken ist ebenfalls auf Weddings Einfluss zurückzuführen: Nach seinen Plänen wurde auf der Gleiwitzer Hütte der erste Kokshochofen Preußens und des europäischen Festlandes erbaut, 1799 bis 1800 folgte die Errichtung der Königshütte am gleichnamigen Ort (heute Chorzow) nach seinen (und Assessor Bogatschs) Plänen und unter seiner Leitung. Für die gute Ausführung erhielt Wedding eine Prämie in Höhe von 800 Talern. Im Jahre 1818 legte Wedding die unmittelbare Leitung der Königshütte nieder und zog sich auf sein Gut bei Kattowitz zurück – er blieb dem oberschlesischen Montanwesen aber weiterhin verbunden. So ist es wohl zu erklären, dass man Wedding auch nach seinem offiziellen Ausscheiden noch weiterhin mit Aufgaben betraut hat. 1829 konnte er sein 50-jähriges Dienstjubiläum feiern, bevor er ein Jahr später auf seinem Gut verstarb.

George Hossauer (1794-1874) war als preußischer Hofgoldschmied auf die Anfertigung von Ehrengaben spezialisiert; die bedeutendsten Ausführungen entstanden nach Entwürfen von Schinkel. Nach seiner Lehrzeit in Berlin ging der junge Goldschmied zur Vervollständigung seiner Ausbildung nach Paris. 1819 nach Berlin zurückgekehrt, erhielt er 1826 den Titel „Goldschmied seiner Majestät“, eine Ernennung, die ihm zu großem Erfolg verhalf. Aufträge des preußischen Hofes und des Adels sowie der damit verbundene wirtschaftliche Aufstieg waren das Ergebnis. 1830 schuf er den Krater für den Freiherrn von Veltheim, der sich heute ebenfalls im Deutschen Bergbau-Museum Bochum befindet. 1855 stand Hossauer auf dem Zenith seines Erfolges und nahm als Mitglied des Internationalen Preisgerichtes der Klasse für Goldschmiedekunst an der Weltausstellung in Paris teil. Danach zog er sich anlässlich seines 50-jährigen Jubiläums ins Privatleben zurück und übergab seine Firma 1859 an „Sy & Wagner“. 1874 verstarb George Hossauer hoch geehrt und reich dekoriert, er zählt zu den wichtigsten deutschen Goldschmieden des 19. Jahrhunderts.

Der 1829 entstandene Pokal gehört zu den frühen Ausführungen, die Hossauer nach Entwürfen des großen Schinkel geschaffen hat: Er stellt eine „Symbiose“ der Pokalentwürfe aus den „Vorbildern für Fabrikanten und Handwerker“ und dem Entwurf des wenig später von Hossauer ausgeführten und heute verschollenen „Winterfeld-Pokals“ dar. Beiden Goldschmiedearbeiten sind z. B. das Blütenkelchmotiv am Schaft, das Schinkel von antiken Kapitellen übernommen hat, und der breite Bildfries der Kuppa gemeinsam. Eng verwandt ist auch ein Deckelpokal aus dem Jahre 1830, der sich heute im Besitz des Museums für Angewandte Kunst in Köln befindet.

Die Silberarbeit Wedding-Pokal trägt am Lippenrand das Meisterzeichen („HOSSAUER BERLIN“) sowie das Beschauzeichen für Berlin (einen Bären). Die Buchstaben „K“ und „A“ sind die Signets des ersten und zweiten Zeichenmeisters des Goldschmiede-Unternehmens (Kessner [1819 bis 1854 nachgewiesen] bzw. Andreak [1819 bis 1842 nachgewiesen]). Außerdem findet sich noch die Angabe „13LÖTH“[iges Silber].

Der Wedding-Pokal ist nicht nur aus kunsthistorischer Sicht von außerordentlichem Interesse, sondern stellt aufgrund seiner Entstehungsgeschichte und seiner Darstellungen ein überaus wichtiges und anschauliches Dokument für die Bemühungen des preußischen Staates um die Förderung des oberschlesischen Montanwesens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dar. In dieser Bedeutung ist er ein wahres Meisterwerk bergbaulicher Kunst und Kultur.

LITERATUR:

Jonas, Melitta: Gold und Silber für den König. Johann George Hossauer (1794-1874) Goldschmied Sr. Majestät des Königs, Berlin 1998, vor allem S. 145 ff.; Scheffler, Wolfgang: Berliner Goldschmiede, Berlin/New York 1968, Nr. 1849 und S. XXI; Matschoss, Conrad: Männer der Technik, ein biographisches Handbuch, Berlin 1925, S. 288; Notiz in: Gewerbefleiß 78, 1899, S. 252; Salewski, Wilhelm: Alte Eisenwerke in Schlesien und Mähren, Holzminden 1962, vor allem Tafel I.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum