vorige Hefte

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 103Ratsglas

Ratsglas
Grünliches, blasiges Glas mit Emailmalerei, 1615
Höhe 35,1 cm (ohne Deckel), Höhe 45,1 cm (mit Deckel),
Durchmesser am Boden 14,1 cm, Durchmesser am Rand 12,5 cm

Schönebeck, Kreismuseum (Leihgabe der Stadt Schönebeck)

In den Sammlungen des Kreismuseums Schönebeck (bei Magdeburg an der Elbe), das u. a. bemerkenswerte Dokumente und (Kunst-)Objekte zur Salzproduktion der ehemaligen Saline und des daraus hervorgegangenen Kurbades beherbergt, befindet sich als herausragendes Exponat ein frühneuzeitlicher Glashumpen, der zu den ältesten Beispielen bergbaulich geprägten Glases gehört und bislang noch nicht jene Würdigung innerhalb der bergmännischen Kunstentwicklung erfahren hat, die ihm auf Grund des frühen Entstehungsdatums und der Qualität der Ausführung zusteht.
Der zylindrische Glaskörper entwickelt sich über einem umgeschlagenen Fuß mit heller und blauer Punktbemalung und weist einen aufgewölbten Boden mit Abriss auf. Auf der Mantelfläche des Glases wurden in drei Zonen, die durch doppelte weiße Punktreihen voneinander getrennt sind, insgesamt 13 Wappenschilde zwischen Maiglöckchen aufgemalt: in den beiden unteren Zonen jeweils vier Schilde, in der obersten fünf Schilde. Im oberen Zylinderteil wurde eine weiße umlaufende Ranke zwischen je eine blaue und weiße Punktreihe aufgetragen.

In der obersten Wappenzone sind oberhalb des zentralen roten Wappenschildes, das einen weißen Salzsiedekorb zeigt, ein weißes Schriftband mit den Buchstaben „R[at] Z[u] G[roß] S[alze]“ und die in Weiß aufgetragene Jahreszahl „1615“ zu sehen. Die vier Wappen in dieser Wandungszone zeigen: ein blaues, mit einem Vogel (wohl einem Geier) geschmücktes Wappen mit blau-weißer Helmzier und einem Vogel darüber, ein gelb-braun quer gestreiftes Wappen mit braun-gelber Helmzier und zwei grauen Federn, ein rot-weiß gevierteltes, mit zwei Rosen und einer halbierten Lilie versehenes Wappen mit rot-weißer Helmzier und einem Aufsatz, der aus einer Säule mit Pfauenfedern sowie je einer halbierten weißen Lilie und Rose besteht, sowie ein sechsfach blau-weiß-rot und mit einem roten Mittelstreifen unterteiltes Wappen mit blau-weiß-roter Helmzier und mit einem Wolf (?) darüber. Alle Wappen zeigen eine reiche Helmzier. Über den einzelnen Wappen sind in weißer Schrift die Buchstaben „C.G.“, „HA.L.“, „S.V.E.“ und „C.V.B.“ zu finden.

In der darunter liegenden, mittleren Zone sind die Schilde der Familien „I.F.V.E.“ (mit einem waagerecht halbierten, blau-gelben und mit zwei roten und einer weißen Rose verzierten Wappen, mit gelb-rot-blauer Helmzier und zwei braunen Schwingen darüber), „C.I.“ (mit einem blau-weißen Schild, in dem ein rotgekleideter Mann mit drei goldenen Sternen über einem Wolkenband und drei Feuerflammen steht, darüber eine blau-weiße Helmzier mit einem weiß-blau-weißen Flügel und drei goldenen Sternen), „HA.V.B.“ (mit einem weißen Schild mit rotem Kardinalshut und rot-weißer Helmzier mit drei Federn) sowie „H.E.“ (mit einem halbierten, unten weiß-braun geschachten, oben mit zwei braunen Salzhaken auf hellem Grund versehenen Schild und braun-weißer Helmzier mit braun-weißen Hörnern und gekreuzten Salzhaken) zu erkennen.

Die Bodenzone trägt die Wappen folgender Geschlechter: „C.N.“ (heller Schild mit einem grünen Kleeblatt im Zentrum eines braunen Pentagramms, darüber braun-weiße Helmzier mit drei Federn), „I.N.“ (heller Schild mit Jungfrau in rot-weißem Gewand, darüber weiß-rote Helmzier mit einem emporgestreckten Arm, der einen Lorbeerkranz hält), „ L.S.“ (blauer Schild mit einem auf dem Kopf stehenden Anker, darüber blau-weiße Helmzier mit drei Federn) und „C.N.“ (heller Schild mit Jungfrau in rot-weißem Gewand, darüber weiß-rote Helmzier mit einem emporgestreckten Arm, der einen Lorbeerkranz hält).

Unterhalb des Wappens mit dem Anker hat sich wohl der Maler des Glashumpens in heller Emailschrift verewigt; der Namenszug lautet „ Conratus Commer“.

Die den Wappenschilden beigestellten Initialen lassen sich teilweise entschlüsseln und deuten auf die Stifter des Ratsglases hin. In der oberen Reihe haben sich wahrscheinlich Ratsherren der Familien Geier („C.G.“) von Esebeck („S.V.E.“) und von Borgsdorff („C.V.B.“) eingetragen, die Wappen der mittleren Reihe gehören den Ratsmitgliedern Joachim Friedrich von Esebeck („I.F.V.E.“), Christoph von Jungermann bzw. einem Mitglied der Familie von Ingersleben („C.I.“), Hans Albrecht von Beiendorf („HA.V.B.“) und Hans Erhardt („H.E.“). Die untere Zone schließlich trägt u. a. das Wappen von Jacob Naumeister („I.N.“) und evtl. auch von der Familie Schneidewind.

Der gewölbte Deckel zeigt als oberen Abschluss drei übereinander gesetzte Kugeln als Knauf. Er ist zerscherbt, zusammengesetzt und nicht vollständig erhalten. Der Boden ist gesprungen.

Das Ratsglas von Groß-Salze gehört zu den frühen Beispielen bergmännischer Glaskunst und ist nach dem 1579 entstandenen Halberstädter und dem 1609 in Böhmen geschaffenen Humpen das älteste derartige Glas. Das Glas fasst rd. 3,5 Liter: Als der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm vom 3. bis 5. April 1650 in Schönebeck die Huldigung der Stände des Erzstiftes Magdeburg entgegennahm, soll er – der Legende nach – den Inhalt des Ratsglases in einem Zuge geleert haben. Der Maler Conratus Commer ist bislang nicht näher fassbar.

Die Salzherstellung in Schönebeck erfolgte zunächst in den Stadtteilen (Bad) Salzelmen und Groß-Salze. Dort wurde seit frühgeschichtlicher Zeit Sole versotten. Groß-Salze erhielt 1291 Stadtrechte. In wirtschaftlicher Hinsicht verschmolzen beide Orte im 14. Jahrhundert, ihr verwaltungsrechtlicher Zusammenschluss fand, nachdem 1802 das Solbad Elmen gegründet worden war, im Jahre 1894 unter dem Namen Groß-Salze statt. 1926 erfolgten die Umbenennung in Salzelmen und 1932 die Eingemeindung nach Schönebeck. Dieser Ort verdankte seine Stadtwerdung im 13. Jahrhundert neben der Salzherstellung vor allem dem (Salz-)Handel auf der Elbe.

Schönebeck war seit 1705 Standort einer kur-brandenburgischen Saline, zwischen 1873 und 1967 wurde Salz auch im Tiefbau gewonnen: Dann erlosch die Salzherstellung in Schönebeck. 1802 gründete der Salinen- und Knappschaftsarzt Dr. Johann Wilhelm Tolberg (1762-1831) in Salzelmen das älteste Solbad in Deutschland, das im 19. Jahrhundert ständig erweitert wurde und noch heute besteht. Das Gradierwerk, der Solturm, der Pfännerturm, zwei Siedehäuser, das Lindenbad (das heutige Kurmittelhaus), das Kurhaus und das Kreismuseum mit seinen reichen Belegen zur Salinengeschichte halten die Erinnerung an die Salzproduktion aufrecht. In der Pfännerkirche St. Johannis hat sich die Pfännerschaft von 1430 bis 1550 ein einzigartiges Denkmal gesetzt, der bemerkenswerte historische Gertraudenfriedhof beinhaltet 60 Epitaphien und 23 Steinkreuze aus Grüften von Adligen und Salzherren.

Das Schönebecker Ratsglas zählt zu den besten und ausdrucksstärksten bergmännischen Humpen der Frühen Neuzeit. Typologisch verwandt und auch etwa zeitgleich mit den weitaus bekannteren und auch zahlreicher vorhandenen Hallorengläsern der Halleschen Saline dokumentiert das Ratsglas den Wunsch, Freunden und wichtigen Gästen bei besonderen Anlässen einen Trunk in einem kostbaren Gefäß zu reichen, das auf die blühende Wirtschaftlichkeit und Prosperität des Ortes in angemessener Weise aufmerksam macht. In unverhohlen deutlicher Weise haben sich die Ratsherren durch das Anbringen ihrer Initialen und Wappen auf dem Humpen „verewigt“ und dadurch auf sich aufmerksam gemacht. Damit ist das Schönebecker Ratsglas auch mit dem Staßfurter Reichsadlerhumpen aus dem Jahre 1654 vergleichbar, der den Gedanken, einen Reichsadlerhumpen mit einem Hallorenglas zu verbinden, umgesetzt hat und eine besondere Stellung innerhalb der Staßfurter St. Laurentius Brüderschaft einnimmt.

Bemerkenswert ist schließlich die Tatsache, dass sich auf relativ engem Raum im heutigen Sachsen-Anhalt in den Salinen von Halle/Saale, Schönebeck und Staßfurt durchaus vergleichbare Sozialstrukturen der Pfänner, Salinenarbeiter, Halloren und Ratsherren herausgebildet haben, die sich vergleichbare Kunstobjekte als Standessymbole bzw. Identifikationsobjekte geschaffen haben. Dem Schönebecker Glas als ältestem Beispiel und Ausgangspunkt dieser Entwicklung kommt dabei eine besondere, wegweisende Bedeutung zu. Der Staßfurter Humpen verbindet den Gedanken eines Ratsglases mit dem eines Reichsadlerhumpens und schafft die Basis für die so reiche Tradition der Halleschen Hallorengläser, die in so stattlicher Zahl als besonderer, vom Bergbau und Salinenwesen geprägter Glastypus überliefert sind.

LITERATUR:

Goebel, Ruth: Das Schönebecker Salz von der Solesiedung bis zum Solbad, Schönebeck-Calbe 1997, S. 53 und passim; Walter, Hans-Henning: 3000 Jahre Salzgewinnung im Magdeburger Land (hrsg. v. Kreismuseum Schönebeck), Halberstadt 1986, S. 34-63; Cramer, H.: Ein Bruchstück aus der Geschichte der Königl. Preuß. Saline zu Schönebeck, Schönebeck 1892; Freydank, Hans: Die Saline zu Staßfurt, in: Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen 82, 1934, S. 101-167; Mager, Johannes/Just, Rüdiger/Meißner, Uwe: Gott erhalt’s, Halle 1993, S. 87-100; frdl. Mitteilungen des Kreismuseums Schönebeck, Herr Rüdiger Radicke und Frau Petra Koch.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 55, 2003, Heft 2 (Beilage)