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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 104:So genannter Veltheim-Krater für Franz Wilhelm Werner Freiherrn von Veltheim
So genannter Veltheim-Krater für Franz Wilhelm Werner Freiherrn von Veltheim (1785-1839)
George Hossauer (1794-1874), Berlin
Silber, getrieben, gegossen, ziseliert, graviert und vergoldet, 1835
Höhe 48,0 cm

Bochum, Deutsches Bergbau-Museum Bochum (Inv.-Nr. 030003815001)

Der Mansfelder Kupferschieferbergbau war nach der Übernahme der Grafschaft Mansfeld durch Preußen dessen bedeutendster Kupfer- und Silberlieferant und damit zu einem Wirtschaftsfaktor von aller erster Bedeutung geworden. Die Mansfeldsche Kupferschiefer bauende Gewerkschaft entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum wirtschaftsstärksten Privat-Unternehmen im Königreich Preußen, dementsprechend betrachtete der preußische Staat diesen Bergbau mit besonderem Interesse und förderte ihn nach Möglichkeit.
Auch die Führungskräfte dieses Montan-Unternehmens unterlagen quasi zwangsläufig der besonderen Aufmerksamkeit des preußischen Staates, der bemüht war, nur wirklich befähigte und durchsetzungsstarke Persönlichkeiten mit "preußischen" Tugenden auf die Direktorenposten gelangen zu lassen. Der Bedeutung des Mansfelder Kupferschieferbergbaus als exponiertem Metall-Lieferant und des Montan-Unternehmens als bergwirtschaftlich herausragendem Wirtschaftsfaktor entsprechend wurden anlässlich besonderer Jubiläen mehrfach Präsente als Manifestationen des Bergbaus an die Führungskräfte verschenkt, in denen sich die wirtschaftliche Potenz des Unternehmens - verbunden mit staatlicher Anerkennung und "preußischen" Vorstellungen von Ästhetik und Kunst - manifestierten.

Dass derartige Präsente gleichsam zwangsläufig in Silber - dem kostbarsten Bodenschatz des Mansfelder Reviers - von namhaften preußischen Künstlern und vorrangig aus der Hauptstadt Berlin hergestellt wurden, versteht sich nahezu von selbst: Der 1835 entstandene Veltheim-Krater, ein dem antiken Medici-Krater nachgebildetes silbernes Abschiedsgeschenk, war dem späteren preußischen Oberberghauptmann Freiherrn Franz Wilhelm Werner von Veltheim (1785-1839) bei dessen Versetzung von Halle nach Berlin durch die Beamten des "Niedersächsisch-Thüringischen Ober-Berg-Amts-Districts" verehrt worden.

Von Veltheim war der Sohn des Berghauptmanns Carl Christian Septimus von Veltheim (1751-1796). In Rothenburg im Mansfelder Revier geboren, wandte er sich schon früh dem Montanwesen zu, besuchte u. a. als Bergeleve die Friedrichsgrube bei Tarnowitz/Schlesien und studierte anschließend in Freiberg (1805-1807) bei Abraham Gottlob Werner und in Göttingen (1808). 1810 erhielt von Veltheim eine Anstellung als Oberingenieur und Oberbergmeister in Eisleben. Dort stellte er aus Berg- und Hüttenleuten das Mansfelder Pionierbataillon zusammen, das in den Befreiungskämpfen Berühmtheit erlangt hat, und kümmerte sich um den Fortbestand der 1798 gegründeten Bergschule; die Prägung der Mansfelder Segenstaler als Ausbeutetaler geht ebenfalls auf von Veltheim zurück. 1816 wurde er zum Berghauptmann des neu gegründeten Oberbergamts in Halle/Saale und 1835 zum preußischen Oberberghauptmann und Direktor der Abteilung für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im preußischen Finanzministerium als Nachfolger von Johann Karl Ludwig Gerhard berufen. Letzterer hatte als väterlicher Freund seinen Lebensweg von frühester Jugend an fördernd begleitet. Von Veltheim konnte indessen dieses höchste bergmännische Amt im Königreich Preußen nur wenige Jahre ausüben. Aufgrund einer schweren Krankheit richtete er am 7. Juli 1839 sein Abschiedsgesuch an den Minister Graf Alvensleben. Er verstarb am 31. Dezember 1839 im Alter von 54 Jahren auf seinem Gut Schönfließ bei Berlin.

Franz Wilhelm Werner Freiherr von Veltheim war eine vielseitig interessierte Persönlichkeit. Er gehörte der Naturforschenden Gesellschaft in Halle an und war u. a. von 1824 bis 1839 Präsident des Thüringisch-Sächsischen Geschichtsvereins sowie seit 1823 Mitglied der Kaiserlichen Leopoldino-Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher ("Leopoldina"). Zahlreiche Veröffentlichungen sind von ihm erhalten. Auch als Landwirt und Landschaftsplaner auf seinen Liegenschaften Schönfließ, Stolpe, Glienecke, Groß-Weißand und Ostrau hat sich von Veltheim einen Namen gemacht.

Der Anlass zur Gestaltung des so genannten Veltheim-Kraters lag in der Berufung von Veltheims zum "Ober-Berghauptmann und Director der Abtheilung im Finanz-Ministerium für das Berg-, Hütten- und Salinen-Wesen" und in seiner Versetzung nach Berlin im Jahre 1835. Der Hallische Berghauptmann von Veltheim erfreute sich im Mansfelder Land und im Hallischen Bezirk großer Beliebtheit, so dass ihm verschiedene Abschiedsgeschenke aus Mansfelder Silber übergeben wurden. So schenkte ihm u. a. die Mansfelder Kupferschiefer bauende Gewerkschaft zwei große dreiarmige Standleuchter mit der Figur des Kameraden Martin, während ihm die Betriebe des Bezirks acht einfachere Leuchter verehrten. Die Anhänglichkeit der Mansfelder Bergleute dokumentierte sich geradezu rührend in dem Geschenk eines Schreibzeugs, das auf dem Deckel Nappian und Neucke sowie einen Berg- und Hüttenmann mit einer Widmung zeigte.

Das bedeutendste Geschenk für von Veltheim aber war der Veltheim-Krater, der nach der am Sockel angebrachten Inschrift von den "Beamten des Niedersächsisch-Thüringischen Ober-Berg-Amts-Districts" ("DEM KÖNIGL. PREUSS. OBER-BERG-HAUPTMANN/UND RITTER etc. HERRN FREIHERRN/F.W.W. VON VELTHEIM/ZUR ERINNERUNG/AN SEINE WIRKSAMKEIT VON 1810 BIS 1835/EHRFURCHTSVOLL GEWIDMET VON DEN/BEAMTEN DES NIEDERSÄCHSISCH THÜRINGISCHEN OBER-BERG-AMTSDISTRICT") gestiftet und aus Mansfelder Silber hergestellt worden ist. Die Mantelfläche des Kraters und die Flächen des Sockels wurden zur Erinnerung an das Wirken des Beschenkten mit Gravuren von Bergwerken und Hüttenanlagen des Oberbergamtsbezirks geschmückt; auf der unteren Sockelplatte haben sich die 146 Stifter des Pokals eingetragen, darunter auch der spätere Eisleber Bergschuldirektor Karl Friedrich Ludwig Plümicke (1791-1866). Dieser Silber-Pokal in Gestalt eines antiken Kraters wurde von dem Hofjuwelier der preußischen Könige, Johann George Hossauer (1794-1874) angefertigt, als Graveur betätigte sich Carl Pfeuffer (1801-1861). Der Veltheim-Pokal gilt als eines der wichtigsten, ausdrucksstärksten und aufwendigsten Geschenke mit bergmännischem Hintergrund aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Der 48 cm hohe, silberne und mit einem vergoldeten Einsatz ausgestattete Krater steht auf einem hohen, profilierten Sockel, der auf seinen vier rechteckigen Ansichtsflächen die Darstellungen des Veltheimschen Wappens mit Helmzier, eine Ansicht der Stadt Halle (mit dem Dom und der Saline ?), eine Ansicht der Stadt Wettin oberhalb der Saale mit den dortigen Steinkohlenbergwerken sowie die oben genannte Widmungsplatte trägt. Der Krater selbst ruht auf einer quadratischen Plinthe, welche mit der nachträglich gravierten Inschrift "Dr. HANS-HASSO von VELTHEIM-OSTRAU 1927" versehen worden ist. Fuß und Mittelteil des Kraters sind kanneliert, mit Perlstäben, Eierstäben und Akanthusblättern verziert, zwei gegenüberliegende Henkel sind dem Gefäß unterhalb einer blank-belassenen Zone angesetzt worden. Die Kraterzone selbst trägt zwei längsrechteckige Darstellungen, ehe ein ausladender Blattkranz in Eierstabform den Krater abschließt.

Die erste der beiden Darstellungen auf der Mantelfläche des Kraters ist dem Mansfelder Kupferschieferbergbau gewidmet. Die Bildzone beginnt rechts mit dem Mundloch des Schlüsselstollens; ein Knappe schlägt den Namen des Lösungsstollens mit Schlägel und Eisen in den Fels ein, Hüttenwerke, Göpelanlagen, ein rechteckiger Schacht mit Förderhaspel und Fahrten sind ebenso zu erkennen wie Bergleute, Hüttenarbeiter, Wiegeknechte und Transportgespanne. Die Silhouette der Lutherstadt Eisleben beschließt auf der linken Seite die detailreiche Darstellung. Die zweite Darstellung ist dem Salzwesen gewidmet und zeigt das Salzwerk in Bad Dürrenberg mit dem von einer Tordurchfahrt unterbrochenen Gradierwerk (heute "Meller Tor"), mit der Lände an der Saale sowie dem Witzleben- und dem Borlach-Schacht. Salinenarbeiter transportieren Salzfässer zur Verladeanlage und reparieren die Dornwände des Gradierwerks, beladen ein Salzschiff und stellen Backsteine her. Die von den Wasserrädern in der Saale angetriebenen Kunstgestänge betätigen die Pumpen im Witzleben-Schacht, im Hintergrund sind weitere Türme und Schornsteine zu erkennen.

Der Veltheim-Krater hat sich noch bis spätestens 1940 im Besitz der Familie von Veltheim befunden. 1976 wurde er in Berlin versteigert, 1997 tauchte er erneut im Berliner Kunsthandel auf. Seit dieser Zeit besitzt das Deutsche Bergbau-Museum Bochum diese herausragende Manifestation der Dankbarkeit des Mansfelder Bergbaus an eine seiner bedeutendsten Persönlichkeiten als einzigartiges Meisterwerk bergmännischer Kunst.

Vergleichsbeispiele zum Veltheim-Krater aus der Hossauer-Werkstatt bestehen u. a. in einem Krater als Weinkühler aus der Zeit um 1830, einem Weinkühler für Ernst-August, Herzog von Cumberland und König von Hannover aus dem Jahre 1837 oder auch in einem Samowar (um 1830). Diese meisterhaften Goldschmiedearbeiten wurden für hoch gestellte Persönlichkeiten und Angehörige von Fürsten- und Königshäusern angefertigt, entsprechend bedeutend und hochrangig ist die formale Gestaltung der Objekte ausgefallen: Dass für den Veltheim-Krater der berühmte antike Medici-Krater zum Vorbild genommen worden ist, belegt zum einen das hohe Können des Berliner Goldschmieds, zum anderen aber auch die große Wertschätzung und die herausgehobene gesellschaftliche Stellung von Veltheims, der mit einem "königlichen" Krater beschenkt worden ist.

LITERATUR:

Freydank, Hanns: Franz Wilhelm Werner von Veltheim, ein mitteldeutscher Bergmann und Kämpfer, in: Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im Deutschen Reich 88, 1940, Heft 5, S. 121-143; Jankowski, Günter: Franz von Veltheim und der Mansfelder Kupferschieferbergbau am Anfang des 19. Jahrhunderts, Aschersleben-Magdeburg 1987; Jonas, Melitta: Gold und Silber für den König. Johann George Hossauer (1794-1874) Goldschmied Sr. Majestät des Königs, Berlin 1998; Slotta, Rainer: Mansfelder Silber für preußische Führungskräfte des Bergbaus, in: Knape, Rosemarie/Treu, Martin (Hrsg.): Preußische Lutherverehrung im Mansfelder Land, Leipzig 2002, S. 201-224, hier S. 201-207.

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 55, 2003, Heft 3-5 (Beilage)