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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 105:
Alexander Calder (1898-1976): Der Kohlenhändler
Alexander Calder (1898-1976): Der Kohlenhändler, Modell 1959
Blech, schwarz bemalt, 41 cm x 30 cm x 33 cm, unbezeichnet
Saarbrücken, Saarland Museum (NI 4802)

Alexander Calder zählt - so Jacob Baal-Teshuva - zu den wichtigsten Innovatoren in der Skulptur des 20. Jahrhunderts, zudem gehörte er zu den beliebtesten und international angesehensten zeitgenössischen Künstlern. Wie kaum ein anderer hat Calder dem Geist seiner Zeit Ausdruck gegeben, indem er Bewegung und Farbe zu den Hauptelementen seiner Plastiken gemacht hat. Weltruhm erlangte Calder vor allem durch seine windgetriebenen "Mobiles" in zahlreichen Größen, Formen und Farben: An Drähten und Stahlseilen aufgehängte Metallscheiben werden dabei durch eine Luftbewegung in Gang gesetzt und zeigen komplexe, immer wieder faszinierende Bewegungsabläufe. Durch ein ausbalanciertes System gleichwertiger Elemente scheint Calder die Schwerkraft quasi ausgehoben zu haben, für ihn symbolisierten die Skulpturen mit den biomorphen Formen die universelle Bewegung des Sonnensystems und des Lebens. Mit den "Mobiles" veränderte Calder die Prinzipien plastischer Gestaltung, denn Skulptur galt jahrhundertelang als Gegenteil des Beweglichen, Flüchtigen und Veränderlichen. Seine mobilen Skulpturen machten Calder zum Pionier und führenden Protagonisten der kinetischen Plastik.

Parallel zu seinen "Mobiles" entstanden so genannte "Stabiles" - statische Plastiken aus verschraubten Stahlplatten, die Calder in den 1960er und 1970er Jahren ebenso wie die "Mobiles" ins Monumentale steigerte. Beide Kunstformen erfreuten und erfreuen sich nach wie vor als Stadtplastiken großer Beliebtheit, sind weltweit auf zahlreichen öffentlichen Plätzen anzutreffen und vermögen bis heute den niederschmetternd sachlichen Stadt-, Hochhaus- und Industriearchitekturen sowohl Charakter, als auch Witz und Poesie - verbunden mit einem Augenzwinkern - zu verleihen.

Calder war einer der experimentierfreudigsten Pioniere der zeitgenössischen Bildhauerei: Mit schier unerschöpflicher Energie und Neugier erprobte er zahlreiche Materialien und verwendete für seine Skulpturen auch ganz unscheinbare Alltagsdinge wie Kaffeedosen, Sardinenbüchsen, Streichholzschachteln und Glasstücke. Seine bevorzugten Materialien aber waren zunächst Holz, Draht und später Metall, auffällig bemalt in den Primärfarben Rot, Gelb, Blau, Schwarz und Weiß. Die Interpretation seiner Arbeiten überließ Calder gerne anderen: "Eines meiner größten Probleme ist es, genügend Zeit zum Arbeiten zu haben und nicht ständig darüber sprechen zu müssen", sagte er. Dabei war Calder ein lebensfroher Mensch von nahezu bärenhafter Statur. Seine roten Flanellhemden wurden zu seinem Markenzeichen, seine Hosen waren stets ausgebeult und seine Arbeitsschuhe staubig. Ein Kranz widerborstiger weißer Haare schmückte in fortgeschrittenem Alter sein Haupt. Er liebte seine Familie, feierte gerne ausgelassene Feste und schätzte guten Wein, sein heiteres Naturell verschaffte ihm viele Freunde.

Alexander Calder wurde am 22. Juli 1898 in Lawton, einem Vorort von Philadelphia, in eine Bildhauerfamilie hineingeboren. Sein aus Schottland stammender Großvater war akademischer Bildhauer, Calders Vater studierte an der Ecole des Beaux-Arts in Paris und schuf u. a. das Standbild von George Washington auf dem Washington Square in New York. 1915 trat der junge Calder in das Stevens Institute of Technology in Hoboken, New York, ein, das er 1919 mit dem Diplom eines Maschinenbauingenieurs verließ. Anschließend war er u. a. als Ingenieur für Automotoren und als Konstruktionszeichner für die Edison Company, aber auch als Rasenmähervertreter, Buchhalter, Verkäufer und Assistent eines Hydraulikingenieurs tätig. Seit 1922 besuchte er die Abendklassen des Malers Clinton Balmer, verließ aber noch im gleichen Jahr als Feuerwehrmann die USA und reiste nach Südamerika. Auf See ereilte ihn - wie er sagte - eine "Vision" und er beschloss, Maler zu werden. Zwischen 1924 und 1926 entstanden erste, beachtete Werke, 1926 reiste er nach Europa und entdeckte in Paris seine Liebe zur Skulptur. Seine dort im surrealistischen und konstruktivistischen Umfeld von Künstlern wie Laszlo Moholy-Nagy, Joan Miro, Piet Mondrian, Pablo Picasso, Hans Arp, Max Ernst, Yves Tanguy und Fernand Leger entstandenen Drahtplastiken, u. a. der berühmt gewordene "Cirque Calder", gelten als der Beginn seiner künstlerischen Entwicklung.

In der Folgezeit pendelte Calder immer wieder zwischen den USA und Frankreich hin und her, die 1930er Jahre gehörten dann zu der an Innovationen reichsten Dekade im Schaffen Calders. In dieser Zeit fand er mit seinen "Mobiles" und "Stabiles" auch erste Anerkennung als zeitgenössischer Bildhauer, wobei der Begriff "Mobile" von Marcel Duchamp im Jahre 1931 bei dessen erstem Besuch in Calders Atelier geprägt worden ist. Calder verschloss sich keiner Herausforderung, wobei ihm sein Ingenieurwissen durchaus hilfreich war. So erstellte er u. a. für den Pavillon der spanischen Republik auf der Weltausstellung 1937 in Paris einen "Quecksilber-Brunnen", der mit Quecksilber aus Almaden gespeist wurde und gegenüber Picassos Gemälde "Guernica" aufgestellt war. 1939 entwarf er ein Wasser-Ballett für 14 Fontänen für die New Yorker Weltausstellung und gestaltete 1969 Bühnenbilder für das Ballett Métaboles im Pariser Odéon. Weltruhm erlangte er spätestens 1943 durch eine Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art, das damals mehr als 80 seiner Werke zeigte.

Das Spätwerk von Calder ist durch seine monumentalen "Stabiles" und "Mobiles" geprägt, die er u. a. auf der "documenta III" (1964) in Kassel zeigte. Der Installation seines letzten, gigantischen "Mobile-Stabile's" "Mountain and Clouds" ("Berge und Wolken") im Atrium des Harts Senate Office Buildings in Washington konnte er nicht mehr beiwohnen: Es wurde erst 1985 aufgestellt. Noch erlebt aber hat er - nur wenige Wochen vor seinem Tode am 11. November 1976 - eine große Retrospektive seiner Arbeiten im Whitney Museum New York unter dem Titel "Calder's Universe".

Calder scheint fast nur Freunde gehabt zu haben. Der damalige amerikanische Präsident Gerald Ford sagte bei Calders Tod über ihn: "Die Kunstwelt hat ein großes Genie verloren und die USA einen großen Amerikaner, der viel zur Zivilisation des 20. Jahrhunderts beigetragen hat." Der Bildhauer Henry Moore bekannte: "Obwohl unsere Arbeit sehr unterschiedlich war, war er so wundervoll innovativ .... Sein Werk war so bunt und fröhlich, voller Lebensfreude". Louise Nevelson, die große amerikanische Bildhauerin, urteilte: "Calder war ein Original, ein herausragender kreativer Kopf des 20. Jahrhunderts." Und sein Freund, der Kunsthistoriker James Johnson Sweeney, meinte: "Sein Sinn für Spaß und seine Fähigkeit sich zu vergnügen, die genauso wichtige Bestandteile seines Lebens waren wie seine Kunst, werden uns ... stets in Erinnerung bleiben."

Das Saarland Museum Saarbrücken besitzt das Modell zu Calders Stahl-Mobile "Der Kohlenhändler", das zwischen Februar und März 1959 entstanden ist, als sich Calder in Frankreich in der Pariser Galerie Maeght aufhielt, in deren Besitz sich die schließlich im Jahre 1963 ausgeführte, mehr als zwei Meter hohe Endfassung noch heute befindet. Sie steht im Garten des Museums der Fondation Maeght im südfranzösischen Saint Paul de Vence und trägt den Titel "Les Renforts" ("Die Verstärkungen"). In diesem "Stabile" wird Calders Gestaltungs- und Erzählweise deutlich. Mit nur zweidimensionalen Elementen gelingt es ihm, Bewegungen im Raum zur Anschauung zu bringen, denn in der Betrachtung wirken seine Stabiles dynamischer als jede massive oder vollrunde Plastik, da sich im Umschreiten durch wechselnde Überschneidungen die Konturen und die Beziehungen der Einzelteile zueinander ständig verändern. Die einheitliche schwarze Bemalung ("Kohle") bewirkt, dass die Teile kaum als voneinander geschieden wahrzunehmen sind und sich auf diese Weise eigentlich weniger "Umgruppierungen" der Elemente, sondern jeweils ganz neue "Zeichen im Raum" ergeben. So erinnert die Skulptur mit ihren gespreizten "Beinen", dem schweren "Kohlensack" auf dem Rücken und den kopfartigen Gebilden auch nur assoziativ an einen Kohlenhändler, doch ist dieser Gedanke eine durchaus beabsichtigte Assoziation, wie es der Titel auch unterstreicht. Die schwarze Skulptur mit dem schweren, gerundeten "Kohlensack" hat dem "Stabile" seine Unverwechselbarkeit und seinen Titel gegeben. Die Namensgebung des Modells belegt, wie stark und unmittelbar der Bergbau am Ende der 1950er Jahre noch im allgemeinen Bewusstsein der Menschen gewesen ist. Die Bezeichnung der ausgeführten Figur hat indessen diese assoziative Prägnanz bereits verloren.

LITERATUR:
Güse, Ernst-Gerhard (u. a.): Saarland Museum Saarbrücken, München/London/New York 1999, S. 96 f.; Baal-Teschuva, Jacob: Alexander Calder 1898-1976, Köln 2002; Marter, Joan M.: Alexander Calder, Cambridge 1991; Pierre, Arnaud: Calder: La Sculpture en Mouvement, Paris 1996; Rower, Alexander S. C.: Calder Sculpture, New York 1998; Abadie, Daniel/Hulten, Pontus: Alexander Calder: Die Großen Skulpturen, Bonn 1993; Prather, Maria: Alexander Calder: 1898-1976, Washington 1998; Fondation Maeght (Hrsg.): Collection de la Fondation Maeght. Une Choix de 150 Oeuvres, Saint-Paul de Vence 1993, S. 64-69.

Foto: accent-Studios-Carsten Clüsserath, Saarbrücken

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 55, 2003, Heft 6 (Beilage)