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Michael Martin:
Gastaucher
Zur Entwicklung des bergmännischen Rettungswesens vor dem Ersten Weltkrieg

Im Bergbau kam und kommt dem Rettungswesen eine ganz besondere Stellung zu. Während es im Normalfall in einem Industriebetrieb keine Schwierigkeit darstellte, verletzte Personen zu einem Arzt zu transportieren bzw. einen Arzt oder Sanitäter zu diesen zu bringen, lagen im Bergbau die Dinge ganz anders. Bergbau fand in einer nach außen weitgehend abgeschlossenen, schwer zu erreichenden Arbeitswelt statt. Allein um zu manchen Abbaupunkten zu gelangen, konnte es – das zeigen die ständigen Klagen über die langen Einfahrzeiten – weit über eine Stunde und länger dauern. Dies galt umso mehr für den Rückweg, wenn der Transport verletzter Personen zu bewältigen war.
Diese ohnehin schwierigen Bedingungen wurden noch erheblich verschärft durch die Folgen der Schlagwetter-Explosionen, die giftigen Grubengase. Die Möglichkeit eines „Eintauchens“ in „unatembare Gase“ stellte dabei die zentrale Problematik dar, die geprägt war von einem komplexen Anforderungsgefüge, dessen wesentliche Parameter aus den unterschiedlichsten Fachdisziplinen herrührten, von der Atmungsphysiologie bis hin zur Feinmechanik. Zur technischen Seite kamen weitere Faktoren, die ein erfolgreiches Rettungswesen bedingten, etwa Fragen der Ausbildung und Organisation der Grubenwehren sowie die praktische Umsetzung theoretischer Vorgaben im Einsatz.

Der Beitrag analysiert die Anfänge zur Etablierung des Grubenrettungswesens bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung des Steinkohlenbergbaus an der Ruhr. Zunächst wird die technische Entwicklung der Rettungsapparate verfolgt, deren Fortschritt im Zusammenhang individueller Ideen und einer allgemeinen Marktdynamik im Bereich der Bergbau-Zulieferer-Industrie gesehen wird. Der zweite Schwerpunkt liegt auf der Betrachtung der sukzessive entstehenden Grubenwehren im Spannungsfeld konkurrierender Interessen der industriellen Partner.