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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 98Gemälde des Fürsten Victor II. Friedrich von Anhalt-Bernburg als Bergmann
Gemälde des Fürsten Victor II. Friedrich von Anhalt-Bernburg als Bergmann
David Matthieu, Öl auf Leinwand, 145 cm x 110 cm, 1746
Sondershausen, Schlossmuseum (Inv.-Nr. Kb 301)

In der Gemäldegalerie im Sondershäuser Schlossmuseum hat sich unter den ganzfigurigen Porträts ein Gemälde des Berliner kgl. preußischen Hofmalers David Matthieu (1697-1755) erhalten, das den Fürsten Victor II. Friedrich von Anhalt-Bernburg (1700-1765) in prächtiger Bergmannstracht mit schwarzer, goldbestickter Jacke, weißem Rüschenhemd, langem Leder, goldbesetzter Tscherpertasche, roten Kniehosen, Kniebügeln und weißen Kniestrümpfen zeigt. Auf dem Haupt über der hellen Perücke trägt der Fürst einen schwarzen, rotgold gesäumten Schachthut mit goldenem Bergbauemblem an der Frontseite sowie seitlich angesetzter rot-goldener Rosette. Der Souverän schaut den Betrachter freundlich und stolz an, in der angewinkelten rechten Hand hält er als Insignien des Bergmannsstandes einen Schlägel und in seiner Linken ein brennendes Frosch-Geleucht. Victor II. Friedrich steht einfahrbereit vor einem Mundloch, im Hintergrund sind am Horizont die Tagesanlagen einer Schachtanlage mit der für Bergwerksanlagen jener Zeit charakteristischen Silhouette eines Göpelgebäudes zu erkennen. Dieses bislang in der bergbaulichen Kunst unbekannte Gemälde nimmt Bezug auf den Metallerzbergbau im anhaltinischen Teil des Unterharzes und ist wohl im Zusammenhang mit der Übernahme dieser Bergwerke durch den Fürsten entstanden.
Victor II. Friedrich, Fürst von Anhalt-Bernburg, wurde am 20. September 1700 geboren und verstarb am 18. Mai 1765. Er war der Sohn und Nachfolger des Fürsten Karl Friedrich (1688-1721) aus dessen erster Ehe mit der Gräfin Sophie Albertine von Solms-Sonnenwalde (1672-1708) und zählt zu den „modern“ ausgerichteten, gegenüber den merkantilistischen Grundsätzen der Staatsführung aufgeschlossenen absolutistischen Fürsten des 18. Jahrhunderts. Nach der Regelung von Grenzfragen mit Kursachsen, Preußen, Stolberg und Anhalt-Köthen versuchte er, die Wirtschaft seines Territoriums durch die Einrichtung von Anlagen der Seidenindustrie, der Papierherstellung und der Nahrungsmittelindustrie zu befördern. Er ließ Verkehrswege und das Straßennetz verbessern und förderte das Bauwesen durch fürstliche Aufträge. Eine seiner wichtigsten Handlungen war im Jahre 1742 die Übernahme des gesamten anhaltinischen Bergbaus in seine Verantwortung. Victor Friedrich, dessen große Liebe der Jagd gehörte, war zweimal verheiratet. Am 15. November 1724 ehelichte er Louise (1709-1732), die Tochter des Fürsten Leopold von Dessau, und am 22. Mai 1733 die Markgräfin Sophie Friederike Albertine von Brandenburg-Schwedt (1712-1750). Die Lokalisierung des Gemäldes in Sondershausen ist mit den im 18. Jahrhundert sehr engen Verbindungen zwischen Anhalt-Bernburg und Schwarzburg-Sondershausen zu erklären, denn beide Töchter des Fürsten Victor II. Friedrich - Charlotte Wilhelmine (1737-1777) und Christine (1746-1823) - heirateten mit Christian Günther (1736-1804) und August II. (1738-1806) Prinzen des Hauses Schwarzburg-Sondershausen.

In seinen von 1722 bis 1764 reichenden Tagebüchern beschreibt Victor II. Friedrich sein Credo, „ein braver ehrlicher Fürst zu sein, der bei altem Schrot und Korn hält“, und bemüht war, in seinem Lebenskreis durch persönliche unermüdliche Tätigkeit Vorbild zu sein. Der Bergbau lag ihm dabei besonders am Herzen, war dieser doch im Verständnis des Merkantilismus die einzige Möglichkeit, die Finanzkraft und Wirtschaft eines Territoriums zu heben. Der Gangerzbergbau im anhaltinischen Teil des Unterharzes baute vor allem im Bereich von Harzgerode und Neudorf: Dort setzte die Gewinnungstätigkeit spätestens mit der Verleihung von Schürfrechten durch Kaiser Otto III. im 10. Jahrhundert ein. 993 erhielt Harzgerode Markt-, Münz- und Zollrechte. Im Gebiet von Gernrode sollen zwischen 1037 und 1204 bereits 70 Schächte in Betrieb gestanden haben, die Zisterzienserklöster Marienthal (bei Helmstedt), Riddagshausen (bei BraunschweigBraunschweig) und Michaelstein (bei Blankenburg) engagierten sich im Metallerzbergbau. Der Bergbau auf dem so genannten Biwender Gang bei Neudorf wird 1430 erstmals erwähnt, und im Jahre 1539 wurden aus den Silberfunden der Birnbaumgrube die ersten anhaltinischen Taler geschlagen.

Die anhaltinischen Fürsten verpfändeten im Jahre 1398 das Amt Harzgerode an die Mansfelder, von 1413 bis 1498 an die Wettiner und später auch an die Stolberger Grafen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts bestand bereits eine wohl geordnetewohlgeordnete Knappschaft unter der Oberaufsicht einer Bergbehörde, am 12. August 1561 erließen die Anhaltiner eine Bergordnung. Das besondere Interesse an der „Wohlfahrt“ des Bergbaus in den Anhaltinisch-Bernburgischen Ämtern Harzgerode, Gernrode und Güntersberge bekundeten die Fürsten durch Erlasse vom 11. September 1691 und vom 21. Juli 1693. 1694 wurden ein Bergamt in Harzgerode und ein Oberbergamt in Bernburg eingesetzt.

Nach dem verheerenden 30-jährigen30jährigen Krieg verpfändeten die Fürsten den Metallerzbergbau an Privatiers, vor allem an Kaufleute aus den ostdeutschen Küstenstädten. Zahlreiche Gruben kamen in Betrieb, doch der hohe Kapitaleinsatz, Betrügereien und geringe bzw. keine Ausbeuten ließen das Interesse der privaten Gewerken am Bergbau bald erlahmen. Deshalb übernahm Anhalt-Bernburg im Jahre 1742, nachdem die anderen anhaltinischen Linien (Anhalt-Zerbst, Anhalt-Köthen und Anhalt-Dessau) auf ihren Anteil am Bergregal verzichtet hatten, den Bergbau, und es war Fürst Victor II. Friedrich, der im Zuge abolutistisch-merkantilistischer Überlegungen sein Hauptaugenmerk auf die Bergwerke im Unterharz zur Hebung der Landeswohlfahrt richtete. Durch einen konzentrierten Einsatz seiner Finanzmittel konnte er recht schnell beachtliche Erfolge erzielen: Neue Erzmittel und Gangzüge konnten zunächst im Bereich der Birnbaumer Gruben, dann bei Neudorf nachgewiesen werden. Seine erfolgreiche Prospektionstätigkeit hatte eine Erweiterung der Hüttenanlagen in Silberhütte zur Folge, die Suche nach Eisenerzen für die wiedergegründete Hütte Mägdesprung führte zur Entdeckung der Lagerstätte von Tilkerode. Um das notwendige Betriebswasser zu erhalten, verständigte sich Fürst Viktor II. Friedrich mit Stolberg und übernahm einen Teil des StraßbergerStraßberger Bergwerks, unterstützte es finanziell und erhielt dafür im Jahre 1761 die Erlaubnis, das StraßbergerStraßberger Grabensystem verlängern und nutzen zu dürfen. Das bergwirtschaftlich bedeutendste Bergwerk im frühen 18. Jahrhundert war die nach der Gemahlin von Fürst Victor II. Friedrich benannte Grube „Albertine“, die mit einer Belegschaft von rd. 100 Mann bereits ein „Großbetrieb“ war und jährlich rd. 100 kg Silber förderte.

Ein zeitweilig ausbeutestarker Gangzug war der Fürst-Victor-Zug, der ebenso wie das zwischen 1720 und 1727, 1746 und 1752 sowie 1772 bis nach 1860 in Betrieb stehende Bergwerk Fürst-Victor seinen Namen nach dem großen Förderer des anhaltinischen Bergbaus erhalten hat. Dieser Gangzug strich rd. 1200 m nördlich vom StraßbergStraßberg-Neudorfer Gangzug und bestand aus derbem Bleiglanz, vor allem aber aus mächtigen Eisenspattrümern. Auch an den Jungfernköpfen, auf dem Teufelsberg und bei Tilkerode wurde der Eisenerzbergbau im Unterharz unter Fürst Victor II. Friedrich um die Mitte des 18. Jahrhunderts aufgenommen.

Nach der Übernahme der Bergwerke im Jahre 1742 durch den Fürsten entwickelte sich der Bergbau zunächst recht erfreulich, doch nahmen die Ausbeuten dann nach dem Verhau der besten Gangpartien mit zunehmender Teufe ab. Nachdem man rd. 49 000 t Silbererze gefördert hatte, mussten 1764 die Birnbaumer Gruben eingestellt werden. Dagegen förderten andere Bergwerke wie die Carl-Friedrich-Grube (die spätere Grube Pfaffenberg) und seit 1810 die Grube Meisenberg noch bis zum Jahre 1901 Metallerze in teilweise recht beachtlichem Umfang.

Insgesamt haben der Metall- und Eisenerzbergbau im anhaltinischen Harz im Rahmen sowohl der Staatsentwicklung Anhalt-Bernburgs als auch der Strukturentwicklung des Territoriums eine beachtliche Bedeutung besessen. Die Gründungen der Hüttenorte Silberhütte und Mägdesprung sind durch den Bergbau initiiert worden, Ortschaften wie Neudorf, Harzgerode und Oppenrode haben erhebliche Zuwanderungen von Berg- und Hüttenleuten erfahren. Auch die späteren montanistischen Initiativen der Anhaltinischen Fürsten, so etwa von Fürst Alexius Friedrich Christian (1767-1834), haben die Region nachhaltig geprägt (Alexisbad).

Das im Schlossmuseum Sondershausen aufbewahrte Gemälde nimmt auf diese Übernahme des Bergbaus durch Fürst Victor II. Friedrich Bezug und schildert die ersten Erfolge des Landesherren, die Landeswohlfahrt durch einen aufblühenden Bergbau zu heben. Wie bedeutsam die montanistischen Bemühungen des Fürsten für den Staatshaushalt angesehen wurden, wird auch aus der Prägung einer Medaille anlässlich seines 60. Geburtstags im Jahre 1759 ersichtlich. Das Porträt im Sondershäuser Schloss ist somit ein treffendes Beispiel für die Selbstdarstellung und -bewertung einer - wenigstens zeitweilig - erfolgreichen Wirtschafts- und Investitionspolitik durch den absolutistischen Souverän in einer bis dahin wenig entwickelten Region.

LITERATUR:
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Foto: Schlossmuseum Sondershausen

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum