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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 100
Der Jubiläums- oder Schrader-PokalDer Jubiläums- oder Schrader-Pokal
Georg Winterhalter, 1900, Silber, vergoldet
Höhe 58 cm, Durchmesser 15,9 cm
Eisleben, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
(Inv.-Nr. VC 310 a,b)


Der Mansfelder Kupferschieferbergbau war nach der Übernahme der Grafschaft Mansfeld durch Preußen dessen bedeutendster Kupfer- und Silberlieferant und damit zu einem Wirtschaftsfaktor aller ersten Ranges geworden. Die Mansfeldsche Kupferschiefer bauende Gewerkschaft entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum wirtschaftsstärksten Privatunternehmen im Königreich Preußen, so dass der preußische Staat diesen Bergbau mit besonderem Interesse betrachtete und ihn nach Möglichkeit förderte. Auch die Führungskräfte des Unternehmens unterlagen der besonderen staatlichen Aufmerksamkeit. Man war bemüht, nur wirklich befähigte und durchsetzungsstarke Persönlichkeiten mit preußischen Tugenden auf die Direktorenposten gelangen zu lassen.
Der Bedeutung des Mansfelder Kupferschieferbergbaus entsprechend wurden anlässlich besonderer Jubiläen mehrfach Präsente an die Führungskräfte verschenkt, in denen sich die wirtschaftliche Potenz des Unternehmens verbunden mit staatlicher Anerkennung und preußischen Vorstellungen von Ästhetik und Kunst manifestierte. Dass diese natürlich in Silber, dem kostbarsten Bodenschatz des Mansfelder Reviers, von namhaften preußischen Künstlern vorrangig aus der Hauptstadt Berlin hergestellt wurden, versteht sich nahezu von selbst. Ein eindrucksvolles Belegstück hierfür ist der so genannte Jubiläums- oder Schrader-Pokal, der zunächst aus Anlass des 700-jährigen Bestehens des Mansfelder Kupferschieferbergbaus geschaffen werden sollte, dann aber einem anderen Zweck zugeführt worden ist.

Der silberne, vergoldete, gebuckelte und mit einem reich verzierten Deckel versehene Pokal ruht auf drei kubischen, mit Gittermustern geschmückten, hohen Sockeln in der Art einer „Grablege“. Auf der Oberseite dieser Kuben liegen die Figuren der legendären Entdecker des Mansfelder Kupferschiefervorkommens, Nappian (zweimal) und Neucke (einmal) in ihrer charakteristischen Tracht und mit ihren schweren Keilhauen als Gezähen. Auf der Rückseite einer dieser „Grablegen“ hat sich der Schöpfer des Pokals verewigt („CARL WINTERHALTER / MÜNGEN.“).

Die drei „Grablegen“ dienen dem eigentlichen Pokal als Auflager. Über dem an einem gedrehten Taustab herabhängenden Bogen-Blatt-Fries (mit den Markenzeichen Winterhalters) entwickelt sich der Fuß des Pokals mit einer glatten, konvexen, zweigeteilten Fläche, in welche in Großbuchstaben auf schwarzem Grund eine jeweils vierzeilige goldene Inschrift eingetragen worden ist. Die eine gibt den Anlass der Schöpfung und die Stifter des Pokals wieder („ZUR ERINNERUNG AN DAS 700 JÄHRIGE / JUBILÄUM DES MANSFELDER BERGBAUES / DER GEWERKSCHAFT GEWIDMET VON DER DEPUTATION / DR GEORGI GRAF HOHENTHAL DR ZIRKEL 12. JUNI 1900.“), die andere besteht aus dem bekannten alten Harzer Bergmannsspruch („ES GRÜNE DIE TANNE / ES WACHSE DAS ERZ / GOTT SCHENKE UNS ALLEN / EIN FRÖHLICHES HERZ“).

Oberhalb dieses Fußteiles liegt ein Nodus, der mit einer umlaufenden Ranke verziert ist und der drei sich einrollende Blätter sowie eine Frucht, eine Rose und eine artischockenartige Distel entwachsen. Der Pokalkelch selbst entwickelt sich aus einem niedrigen zylindrischen Körper, der wiederum mit einem gedrehten Taustab und einem stehenden Bogenfries geschmückt ist. Daraus entsteht in elegantem Schwung die gebuckelte Scheuer als Kelchkuppa, deren Inneres ebenfalls vergoldet ist.

Der abnehmbare Deckel ist zuunterst von einem mehrteiligen, durchbrochenen Fries umzogen, der - von unten nach oben - aus einem hängenden Bogenfries, zwei gedrehten Taustäben und einem hohen Blattrankenfries besteht. Als Bekrönung des kalottenartigen, gebuckelten Deckels fungiert ein hoher „Baldachin“ auf einem Rankenstiel, der aus der Deckelmitte entwächst. Dieser „Baldachin“ ruht auf einer mit einem hängenden Rankenfries, einem Taustab und einem stehenden Rankenfries verzierten Bodenplatte, aus der drei Ranken mit jeweils drei Blättern und Blüten entwachsen: Diese drei Ranken fügen sich zuoberst zusammen und enden in einer großen, prächtigen Blüte mit rahmendem Blätter- und Rankenwerk.

Innerhalb des „Baldachins“ hängt von dem Punkt, an dem die drei Ranken zusammengewachsen sind, und an einem Haken ein goldenes Kettengeschirr mit einem Abteufkübel herab, der als eine „Blüte“ verstanden ist und auf der Bodenplatte des „Baldachins“ aufruht. Das Erdreich ist als Blatt- und Rankenwerk charakterisiert. In dem Kübel stehen drei Knappen in der den Kupferschieferbergbau kennzeichnenden Arbeitstracht (ohne Leder): Mit Schaftstiefeln, Hosen, offenem oder geschlossenem Wams, Hemden mit aufgekrempelten Ärmeln und dem Filzhut mit dem Mansfelder Schellengeleucht. Ein Knappe steht im Kübel, der zweite hat ein Bein schon über den Kübelrand geschwungen, hält sich mit der linken Hand an der Kette fest und steigt gerade aus dem Kübel. Der dritte Knappe schließlich steht auf dem Kübelrand und hält sich mit der linken Hand an der Kette fest, während er seine Rechte in die Hüfte gestemmt hat. Der Pokal ist an zwei Stellen gemarkt: Einmal am Fuß (mit der Winterhalter-Marke [eine Hand mit einem Goldschmiedehammer], dem Zeichen für 800er Silber und der Stadtmarke von München [das „Münchner Kindl“]) und einmal am Kelchrand.

Der Aufbau des Jubiläums-Pokals nimmt auf den Anlass der Anfertigung Rücksicht und gliedert sich entsprechend. Zuunterst finden sich die Begründer des Mansfelder Bergbaus: Sie ruhen nunmehr schon seit 700 Jahren, dementsprechend sind Nappian und Neucke in einer Art „Grablege“ dargestellt worden, doch bilden sie das Fundament des Pokals, der oben auf dem Deckel in einer Allegorie des damals hochmodernen Bergbaus endet. Jeweils drei Bergleute, die die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Mansfelder Montanwesens verkörpern, sind - unten wie oben - als „Träger“ des Bergbaus angebracht. Die Zahl 3 spielt offenbar eine große Rolle für den Pokal: Drei Blätter und drei Blüten finden sich an der umlaufenden Ranke am Nodus des Fußes, jeweils neun Buckel in vier Reihen bzw. neun Buckel in drei Reihen gliedern den Kelch bzw. den Deckel, wiederum drei Blattranken mit jeweils drei Blättern und drei Blütenknospen wachsen zum „Baldachin“ zusammen, drei Mansfelder Knappen befinden sich im Teufkübel und drei Stifter haben den Pokal in Auftrag geben. Gestaltung und Zahlen-Symbolik folgen sicher einem Programm.

Nach den Untersuchungen von Rudolf Mirsch wurde der Pokal zunächst zur Erinnerung an die 700-Jahr-Feier des Kupferschieferbergbaus von den drei Deputierten der Mansfeldschen Kupferschiefer bauenden Gewerkschaft in Auftrag gegeben: Dr. Otto Robert Georgi (22.11.1831-01.04.1918), Karl Gustav Adolf Graf von Hohenthal-Dölkau (04.01.1846-01.11.1914) und Dr. Ferdinand Zirkel (20.05.1838-11.06.1912). Der Pokal sollte eigentlich schon bei den Feierlichkeiten im Jahre 1900 übergeben werden. Da jedoch der ursprünglich festgelegte Termin der Feier auf Wunsch des preußischen Königs, der an der Jubelfeier teilnahm, vorverlegt werden musste, stand der Pokal von Winterhalter für diesen Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung. Als neuer Termin zur Übergabe wurde deshalb die Einführung des neuen Oberberg- und Hüttendirektors, Bergrat Hermann Schrader, ausgewählt, nachdem Paul Fuhrmann als Nachfolger von Ernst Leuschner und Vorgänger Schraders am 26. März 1900 nach nur kurzer Amtszeit verstorben war.

Hermann Schrader wurde als Sohn des kgl. Bergmeisters Schrader am 11. September 1855 in Eisleben geboren. Nach dem Besuch des Eisleber Luther-Gymnasiums verfuhr er im Alter von 19 Jahren seine erste Schicht auf dem Otto-Schacht bei Wimmelburg. Von 1875 an studierte er das Bergfach an der Berliner Bergakademie, bestand am 12. April 1879 die Bergreferendar- und am 14. Mai 1883 die Bergassessorenprüfung. Im gleichen Jahr trat er als Direktions-Sekretär in die Dienste der Mansfelder Kupferschiefer bauenden Gewerkschaft und übernahm 1885 die Leitung der Sangerhäuser Kupferschiefer- und der Nienstädter Braunkohlen-Reviere. Als der Sangerhäuser Bergbau am 1. Oktober 1885 eingestellt wurde, übernahm Schrader das Hirschwinkler Revier und wurde im folgenden Jahr mit der Leitung der Berginspektion I betraut. 1888 ernannte man ihn zum Bergmeister und 1899 zum ständigen Vertreter des Oberberg- und Hüttendirektors. Schrader war im Wesentlichen für die Feiern des 700-jährigen Jubiläums des Mansfelder Bergbaus am 12. und 13. Juni 1900 verantwortlich, u. a. aufgrund dieser Verdienste wurde Schrader am 12. Juni 1900 zum Bergrat ernannt. In Schraders Wirkungszeit fielen nicht nur die Entwicklung des Mansfelder Kalibergbaus, sondern auch zahlreiche weitere technische und organisatorische Fortschritte in der Industrie allgemein. Darüber hinaus war er auch nach seiner Pensionierung politisch engagiert und widmete sich wissenschaftlichen, vor allem geologischen und bergbaulichen Arbeiten. Am 22. März 1940 verstarb Hermann Schrader im Alter von 85 Jahren.

Der aus Mansfelder Silber hergestellte Jubiläums- bzw. Schrader-Pokal gilt als kunst- und wirtschaftshistorisch wichtige Manifestation und erläutert - ähnlich wie der Plümicke-Pokal oder der „Vogelsang-Förderwagen“ - Ereignisse und Persönlichkeiten aus der Geschichte des Kupferschieferbergbaus. In ihm spiegeln sich vielfältig miteinander verwobene politische, wirtschaftliche und persönliche Geschehnisse, bei denen das für Preußen so wichtige Mansfelder Montanwesen und seine Führungskräfte im Mittelpunkt stehen. Das Mansfelder Kupferschieferrevier, das zwischen 1200 und seiner endgültigen Fördereinstellung im Jahre 1990 insgesamt 14 213 t Silber geliefert hat und damit die größte Silberlagerstätte Deutschlands gewesen ist, hat sich in diesem Pokal ein kostbares Zeugnis einer vom Montanwesen bestimmten Kulturentfaltung geschaffen, das noch heute Erstaunen und Bewunderung hervorzurufen vermag.

LITERATUR:

Mirsch, Rudolf: Jubiläumspokal der Mansfelder Gewerkschaft, in: Mitteilung 50 (hrsg. v. Verein Mansfelder Berg- und Hüttenleute e. V.), Februar 2001, S. 3 f.; Schrader, Hermann: Bericht über die 700jährige Jubelfeier des Mansfelder Kupferschiefer-Bergbaues am 12. und 13. Juni 1900, Eisleben 1900; ders.: Die Geschichte des Mansfelder Kupferschieferbergbaues und Hüttenbetriebes. Festschrift zur Feier des 700jährigen700jährigen Jubiläums am 12. Juni 1900, Eisleben 1900; 700jährigeFreydank, Hanns: Bergrat Hermann Schrader, in: Mansfelder Heimatkalender 19, 1941, S., 80 ff.

Foto: Eisleben, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum

DER ANSCHNITT 54, 2002, H. 5 (Beilage)