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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 101Attisch-schwarzfigurige Schale : „Bergwerkssklave“
Attisch-schwarzfigurige Schale : „Bergwerkssklave“
Durchmesser 19,5 cm
490-480 v. Chr.
Aus der Umgebung von Neapel
Leiden, Rijksmuseum van Oudheden (Inv. K. 1894/9.15 [CVA Leiden (2), Taf. 62,7-9; 63,3])


Durch die in Berlin und Bonn im Jahre 2002 gezeigte Ausstellung „Die griechische Klassik – Idee oder Wirklichkeit“ wurde eine kleine Standfußschale mit einem „Bergwerkssklaven“ aus der Umgebung von Neapel bekannt. Die Außenseite zeigt eine Gruppe aus Dionysos und Satyr zwischen zwei auf Eseln reitenden Satyrn, im Hintergrund eine Weinranke mit Trauben. Bei dem Motiv auf der Innenseite handelt es sich um eine einzigartige Darstellung. In gebückter Haltung arbeitet ein Junge, der einen Steinbrocken (?) in der linken und den Henkel eines tiefen, runden Korbs in der rechten Hand hält. Krauses Haar und wulstige Lippen kennzeichnen ihn als negroid, ein ausgemergelter Körper und eine eiserne Fußfessel als Sklaven. Da eine derartige mehrgliedrige Fußfessel bislang nur aus dem athenischen Silberbergbau in Attika bekannt ist, wird der Junge im Katalog als „Bergwerkssklave“ bezeichnet, eine Deutung, die nicht zwingend ist. Dazu passen der „Erzbrocken“ in seiner Hand und der Korb oder Eimer als Fördergefäß. Im hohen Henkel und der oberen Randeinfassung könnte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Korb der berühmten Darstellung einer Tongrube auf einem Korinthischen Tontäfelchen gesehen werden. Es gilt aber festzuhalten, dass literarische Quellen auch sonst von Sklaven berichten, die aus aktuellem Anlass zur Strafe oder dauernd wegen vermuteter Fluchtgefahr gefesselt waren.
Die angesprochene eiserne Fessel gelangte 1914 in die Bergbaugeschichtliche Sammlung der Technischen Universität Bergakademie Freiberg (Inv. Nr. VIII B 79), sie wird hier erstmals als Zeichnung vorgestellt. Sie stammt aus einem der altathenischen Bergwerke von Laurion und war als Geschenk eines Herrn de Pian übergeben worden. Sie war anscheinend Ende des 19. Jahrhunderts untertägig im Versatz an einem Skelett entdeckt worden. Jedenfalls sind an der sehr stark korrodierten Fessel Haufwerkssplitter aus Schiefer angesintert, und in einem der Ringe stecken noch Reste von Schien- und Wadenbein sowie von Mittelfußknochen. Weitere kleine Knochenreste haften an Sinter und Rost.

Die Fußfessel besteht heute aus zwei je rd. 1 kg schweren etwas ovalen Ringen (Durchmesser außen 12 cm) und zwei geraden, unterschiedlich langen stabförmigen Gliedern (Abb. 1a), zusammen wiegen sie mehr als 2,5 kg. Heute ist einer der Ringe lose, an den anderen Ring ist das lange Glied ankorrodiert, an dessen Gelenkende wiederum das kurze Glied angerostet ist. Es ist nicht klar, wie diese vier Teile einst miteinander verbunden waren. Gesichert ist nur das Gelenk zwischen den beiden Stangen, da beide hier noch ihre Ösen haben und zusammenhängen. Die lange Stange (noch 26,7 cm) liegt heute so quer über dem Ring, wie sie nur fallen kann, wenn sie ehedem mit dem Ring durch eine Öse verbunden, also beweglich, war. Weil das kurze Glied (noch 16,7 cm) in einem offenen, mehr ovalen Segment endet, könnte auch hier ursprünglich eine Öse gewesen, diese Stange also ebenfalls mit dem zweiten Ring durch eine Öse verbunden gewesen sein (Abb. Ib). Dafür spricht auch die Schmalheit der Enden. Sie wären vermutlich breiter gewesen, wenn dieses Ende ursprünglich am Ring angeschweißt gewesen wäre (Abb. II). Will man die verschiedene Länge der Stangen vermeiden, käme auch eine symmetrische Konstruktion mit ursprünglich drei Stangen in Frage (Abb. III), die das Los des Gefesselten erleichtert hätten. Für die Beine des Gefangenen waren in der Öffnung der Ringe höchstens 8 cm Platz. Man kann nur hoffen, dass Raum genug blieb, um die Ringe mit Stoffresten zu polstern.

Versucht man den Befund an der altgriechischen Fessel mit der Malerei in der Schale zu vergleichen, so ist ausgerechnet dieser Teil nur skizzenhaft angedeutet. Zwar kann man sehr wohl die beiden Fußringe erkennen, die auch noch nachgeritzt worden waren, aber die Glieder dazwischen sind nur mit einem Strich, ebenfalls nachgeritzt, wiedergegeben, der keine technische Interpretation im Detail erlaubt.

Abbildungsunterschrift: Kamareza (Hagios Konstantinos)/Laurion, Attika, Griechenland. Eiserne Sklavenfessel. Ia Aufsicht und Ib Schnitt einer Rekonstruktion aus den vorhandenen Teilen, II Variation mit am Ring angeschweißter kurzer Stange, III symmetrische Ergänzung mit drei Gliedern (Zeichnung A. Weisgerber).

Die antike griechische Wirtschaft basierte wesentlich auf der Sklavenarbeit, auch der Bergbau. Laurion auf der Halbinsel Attika war für Athen das bedeutendste Silberbergwerk. Von hier kam das Silber für die athenischen Tetradrachmen, die „Eulen“, die man nicht „nach Athen“ zu tragen brauchte. Ohne das Silber von Laurion hätte Athen kaum die beherrschende Stellung erreichen können, die es in der Antike einnahm.

Die Bleisilberlagerstätte von Laurion enthält hauptsächlich silberhaltigen Bleiglanz in drei Horizonten an den Kontakten mesozoischer Kalke/Marmore zu Phylliten und Schiefern. Die Nutzung dieses Erzes geht bis vor das Ende des 3. Jahrtausends zurück. Bergwerke dieser Zeit, welche ein flözartiges Vorkommen nur wenige Meter unter der Oberfläche ausbeuteten, liegen unmittelbar im heutigen Ruinenfeld des antiken Thorikos. Die jüngere Blüte des Bergbaus in klassischer Zeit erschloss Erzlager in größerer Teufe, welche durch insgesamt mehrere Hundert Schächte erschlossen wurden, einige über 100 m tief. Ihre Anlage wurde durch die neuen Werkzeuge aus Eisen und den Einsatz von Sklaven als Bergarbeiter möglich, die natürlich auch in der Erzaufbereitung und dem Hüttenwesen arbeiten mussten. Bei diesen mehr stationären Arbeiten kann man sich durch Fesseln an der Bewegung gehinderte Sklaven leichter vorstellen.

Die Stadt Athen verpachtete die lauriotischen Bergwerke für jeweils drei Jahre an ihre Bürger. In dem jährlichen Bericht der Verwaltung wurden diese Verpachtungen nach einem bestimmten Formular aufgeführt, in dem der Namen der Grube, die topographische Lage, der Pächter und schließlich der Preis folgten: „Die Grube ‚Diakon‘ (dem Göttervater Zeus gewidmet) bei Laureion, die im Osten an die Grundstücke des Exopios, im Westen an den Berg angrenzt, pachtete Epiteles von Kerameikos für 20 Drachmen.“ In jüngster Zeit ist es gelungen, manche der Gruben anhand derartiger Angaben zu lokalisieren, ja es wurden sogar Grenzmarken gefunden.

Unternehmer ließen ihre Bergwerke, ihre Aufbereitungs- und Hüttenanlagen von eigenen oder gepachteten Sklaven betreiben. Für Unternehmer und Staat hat sich die lauriotische Silberproduktion gelohnt. Manche Unternehmer lassen sich über mehrere Generationen als Bergbauunternehmer verfolgen, und viele athenische Karrieren von Politikern basieren auf der Unabhängigkeit, die ihnen der Reichtum aus den Bergwerken gewährte.

Bei der Enge der lauriotischen Stollen und Strecken fällt es schwer, sich vorzustellen, wie man sich als Gefesselter darin bewegen oder gar Erz und Haufwerk fördern können sollte. Da die Sklaven in jedem Falle Geld gekostet hatten, kann es nicht im Interesse der Besitzer gelegen haben, ihr Eigentum durch Arbeit zu vernichten. Damit soll nicht das Los der Sklaven geschönt, und die Darstellung bzw. der Fund von Fußfesseln können sicher nicht als Einzelfall abgetan werden, aber man wird ein meist wirtschaftlich sinnvolles Verhalten der Besitzer vermuten dürfen.

In der Tat gibt es auch „positive“ Nachrichten zu den Sklaven. So kennen wir die Namen von einigen Bergleuten aus in Stein gemeißelten Kultweihungen oder Grabsteinen. Auf einem heißt es: „Atotas, der Bergmann, vom Pontos Euxéinos, ein Paphlagonier. Der großgesinnte Atotas ließ hier fern von seiner Heimat den Leib von den Mühen ausruhen. In meiner Kunst kam mir keiner gleich.“

Aufsehen erregte es nach Xenophon, als der aus der Zeit des Peleponnesischen Krieges bekannte Stratege Nikias dem Thraker Sosias die Leitung seiner Bergbaubetriebe übertrug, ihm vertraglich 1000 Sklaven unterstellte und den unglaublichen Preis von 1 Talent, also 6000 Drachmen, für Sosias bezahlen musste. Das war mehr als das dreißigfache dessen, was ein weniger qualifizierter Sklave kostete. Die Zahl der Bergwerkssklaven in Laurion wird zuletzt von Lauffer auf 30 000 geschätzt.

LITERATUR

Conophagos, Constantin E.: Le Laurium antique et la technique grècque de la production de l'argent, Athen 1980; Flaig, Egon: Wie die Klassik den Untermenschen erfand: Die Sklaverei, in: Die griechische Klassik – Idee oder Wirklichkeit. Ausstellungskatalog Berlin und Bonn, 2002, Mainz 2002, S. 176 ff.; Healy, J. F.: Mining and Metallurgy in the Greek and Roman World, London 1978; Kalcyk, Hansjörg: Untersuchungen zum attischen Silberbergbau. Gebietsstruktur, Geschichte und Technik, Frankfurt/Bern 1982 (= Europ. Hochschulschriften, Reihe III, Band 160); Lauffer, Siegfried: Die Bergwerkssklaven von Laureion, Wiesbaden 1979; ders.: Prosopographische Bemerkungen zu den attischen Grubenpachtlisten, in: Historia 6, 1957, S. 287-305; Lohmann, Hans: Die Chora Athens im 4. Jh. v. Chr.: Festungswesen, Bergbau und Siedlungen, in: W. Eder (Hrsg.): Die athenische Demokratie im 4. Jh. v. Chr.: Krise oder Vollendung einer Staatsform? Bellagio 3.-7. August 1992 (Stuttgart 1995), S. 515-548; Rich, Anthony: Illustriertes Wörterbuch der römischen Altertümer, Paris/Leipzig 1862 (Nachdruck Leipzig 1984, s. v. Catena, Catenatus, Catulus und Compeditus); Weisgerber, Gerd: Zu den Bergbau-Darstellungen der korinthischen Tontäfelchen, in: Der Anschnitt 28, 1976, S. 38-49; Weisgerber, Gerd/Heinrich, Gerhard: Laurion und kein Ende? Kritische Bemerkungen zum Forschungsstand eines der bedeutendsten antiken Bergreviere, in: Der Anschnitt 35, 1983, S. 190-200; Wilsdorf, Helmut: Bergleute und Hüttenmänner im Altertum bis zum Ausgang der Römischen Republik. Ihre wirtschaftliche und soziale Lage, Berlin 1952 (= Freiberger Forschungshefte, Reihe D, Heft 1).

Foto: Rijksmuseum van Oudheden, Leiden, Niederlande

Prof. Dr. Gerd Weisgerber, Bochum