vorige Hefte

MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 95Zunftfahne der Dürrnberger Bergknappen
Zunftfahne der Dürrnberger Bergknappen
Seide auf Leinen, 220 cm x 210 cm, 1750 (1950 und 1990 restauriert)
Bad Dürrnberg, Wallfahrtskirche, Eigentum der Bruderlade

Zu den kostbarsten Dokumenten des historischen Dürrnberger und Halleiner Salzbergbaus gehört die im Jahre 1750 vom Salzburger Fürsterzbischof Andreas Jakob von Dietrichstein gestiftete Zunftfahne der Halleiner Bergknappen, die zu den Insignien der Bad Dürrnberger Bruderlade gehört. Diese Fahne ersetzte nach der Inschrift auf der Vorderseite eine ältere, wohl 1670 geschaffene Fahne. Beide Fahnenseiten sind ähnlich aufgebaut und zeigen auf hellem Grund vor einem schwarz-roten, mit Astansätzen versehenen Andreaskreuz ein Wappen bzw. ein wappenähnliches Medaillon. Bei der Restaurierung wurden beide Fahnenseiten voneinander getrennt und in je einer Vitrine auf der nördlichen und südlichen Chorwand der Wallfahrtskirche des Bergortes aufgehängt.
Die Vorderseite der Dürrnberger Bergfahne beginnt mit der Darstellung der Heiligen Rupertus und Virgil und der Jahreszahl 1750. Rupertus (gest. um 720) als erster Salzburger Erzbischof gilt als Gründer des Erzbistums und des dortigen Salzbergbaus, sein Attribut ist ein Salzfässchen zu seinen Füßen. Die Verehrung dieses ersten Salzburger Erzbischofs setzte am 24. September 774 mit der Beisetzung seiner Gebeine im Salzburger Dom ein, der von dem aus Irland stammenden Bischof Virgil (745 - 784) begonnen worden ist. Mit der Darstellung dieser beiden Bischöfe werden gleichsam das hohe Alter und die Rechtswirksamkeit der Bruderlade als zunftmäßige Vereinigung der Bergknappen belegt. Im Zentrum der Vorderseite steht das Wappen des Stifters der Fahne, Erzbischof Andreas Jacob von Dietrichstein, darüber in einer Kartusche die mahnenden, an die Bruderlade gerichteten Worte: "Nach achzig Jahr, da gantz veralt / mich wiederum in neuer Gstalt / für seine Treue Saltzwerks leut / Andreas gibt zur Gnaden beuth". Damit erinnert der Erzbischof "seine" Bergknappen an seine Gunstbezeigung und verplichtet sie sich ihm zugleich in eindeutiger Weise.

Die Rückseite zeigt innerhalb eines von vergoldeten Schwüngen gebildeten Medaillons im oberen Bereich den Dürrnberg, über dessen Gipfel die gekrönte Mutter Gottes mit dem Jesuskind auf dem Schoß segnend thront. Diese Darstellung wiederholt das 1612 - vielleicht vom erzbischöflichen Hofbildhauer Hans Waldburger - geschaffene Gnadenbild der Wallfahrtskirche. An den Hängen des Bergmassivs bzw. im Berg unter Tage arbeiten die mit der Dürrnberger Tracht gekleideten Knappen. Diese spezifische Arbeitskleidung besteht aus einem Zwillichkittel mit dem schwarzen "Bergkappel" und dem Bergleder. Ein Knappe schlägt beidhändig mit der Keilhaue ein, zwei andere knien neben einem Haspelschacht mit aufgezogenem Kübel und beten die Muttergottes an. Der Haspelschacht stellt wahrscheinlich eine Soleschöpfpütte dar, eine seit dem Hochmittelalter überlieferte Laugwerksform. Diese Schöpfarbeit, die äußerst arbeitsintensiv und charakteristisch für die alte Laugwerkstechnik war, wurde von Schöpfknechten ausgeführt, so dass die beiden knienden Knappen wohl als Schöpfknechte angesprochen werden müssen. Die im Kübel geförderte Sole wurde vor dem Schacht in einen Solemesskasten (oder Zimentiertrog) ausgegossen; von dort lief die Sole aus dem Berg zum Siedehaus. Ein Karrenläufer schiebt einen gefüllten Förderwagen aus dem Stollenmundloch heraus, das mit einem hölzernen Schutzvorbau versehen ist; ein Markscheider führt seine Messung mit Kompass und Gradbogen, die Stunde mit der Linie wird von seinem Gehilfen gehalten. Zwischen den auf rotem Grund gezeichneten Wappen von Salzburg und des Bergbaus (mit gekreuztem Schlägel und Keilhaue) findet sich in einer Kartusche die Inschrift: "Drum wider allen Feundes g'walt, / Bis s'aigne Blut gantz roth mich mahlt, / DIR grosßer Fürst! mein treu ver pflicht / Treu: oder g'wiß kein Berg-knapp nicht."

Der untere Bereich des Medaillons zeigt als besondere Dokumentation für das Brauchtum der Dürrnberger Bergleute den so genannten Schwerttanz der Knappen: 14 um einen Fahnenträger kreisförmig angeordnete Bergknappen in Tracht und mit blauer Schärpe tragen ein Schwert und bewegen sich rhythmisch zum Spiel eines Flötisten und eines Trommlers. Dieser Schwerttanz, der als bedeutender Brauch im Bereich des Halleiner Salzbergbaus erstmals im Jahre 1586 urkundlich erwähnt wird, aber sicherlich ein noch höheres Alter aufweisen kann, wurde (und wird) als reiner Männerreigen nur bei besonderen Anlässen aufgeführt und besitzt - trotz seiner kriegerischen Bezeichnung - einen durchaus friedlichen Charakter. Das Schwert diente den Knappen nur als Verbindung untereinander. Der Tanz symbolisiert als Rund- und Kettentanz Szenen aus dem Arbeitsleben, wobei neben dem immer wieder durchgeführten Rundtanzen und gereimten Sprüchen mehrere Figuren gebildet werden. Im 16. und 17. Jahrhundert waren es noch 16, im 19. Jahrhundert wurde die Zahl der Tanzfiguren auf zwölf "Bilder" und dadurch die Aufführungszeit von 90 auf 45 Minuten reduziert. Zu den zwölf "Bildern" zählen "Die Anstalt oder das Einschichten", das "Anfahren in den Berg", die "Schlagende Brücke", das "Aufschlagen des Stollens", das "Aufbrechen des Schurfes und der Rolle" (Rutsche), die "Errichtung des Kastens" (des hölzernen Einseihkastens), der "Hallensturz", das "Flechten und Überspringen" (Überwinden von Hindernissen), die "Krone" (Reverenz an den Landesherrn), der "Berg" (Reverenz an Gönner und Gäste), der "Schlangentanz" (die Ausfahrt aus dem Berg) und das "Antreten zum Ausschichten und der Abmarsch". Da der Schwerttanz eine musische Nachbildung des Arbeitslebens unter Tage ist, wird er auch nur bei Dunkelheit mit Geleucht, Fackeln und bengalischem Licht durchgeführt. An der Aufführung nehmen neben der 50 Mann starken Bergkapelle drei Mann Fahnenabordnung, ein Steiger als "Aufführer", 20 Tänzer, Beleuchter, Zwergehüter und bis zu 30 Fackelzwerge teil. Nach dem am Dürrnberg zuletzt 1997 anlässlich der Aufnahme der Stadt Salzburg in das Weltkulturerbe durch die UNESCO gepflegten Brauch wird der Knappentanz von den Weihnachtsschützen mit Handböllern eingeschossen. Daraufhin formieren sich die Knappen nach dem festlichen Aufmarsch auf einem Podium.

Die Ausstattung der Dürrnberger Bruderlade als zunftmäßig organisierte Vereinigung der Bergknappen mit Insignien um die Mitte des 18. Jahrhunderts ist auffallend. In jenen Jahren entstehen eine eigene Bergkirche mit der berühmten Figur des Heiligen Rupertus als Schutzpatron der Dürrnberger Knappen durch Josef Anton Pfaffinger und eben auch die Knappenfahne. Sie gehört zu den ältesten Bergbaufahnen im deutschsprachigen Bereich und ist zugleich ein gutes Beispiel für einen Fahnentypus, der sich mit seinen großen Abmessungen aus den Kriegsfahnen entwickelt hat. Die Fahne ist wahrscheinlich die älteste Bergbaufahne Österreichs mit spezifisch montanistischen Darstellungen.

Die Stiftung der Knappenfahne durch den Salzburger Erzbischof ist nach den Unruhen der Jahre 1731/32, als die Knappen wegen ihres Festhaltens an ihrem protestantischen Glauben ihre Heimat verlassen haben, wohl als ein bewusst eingesetztes Mittel des Erzbischofs zur "Beruhigung" seiner zeitweilig "renitenten" und aufsässigen Bergleute gewesen. Damit sicherte er einerseits den Knappen eine gewisse Selbständigkeit und "schrieb" diese für die Zukunft fest, andererseits "band" er die Knappen durch die Verleihung einer Fahne an sich und das Erzfürstentum. Diesem ambivalenten Handeln des Erzbischofs entsprechen die beiden Inschriften auf der Fahne in aller Deutlichkeit - appelliert der Fürsterzbischof doch fast "drohend" an die Treue "bis an den Tod" und an das Standesbewusstsein "seiner" Bergknappen.

Andreas Jakob Reichsgraf von Dietrichstein war - trotz seiner nur kurzen Amtszeit als Salzburger Fürsterzbischof - offenbar ein reichstreuer, durchsetzungsfähiger und starker Charakter mit großen machtpolitischen Ambitionen. Er wurde am 27. Mai 1689 im mährischen Iglau geboren und verstarb am 5. Januar 1753 in Salzburg. Nach dem Eintritt in den Malteserorden im Jahre 1697 studierte von Dietrichstein in Salzburg und wurde dort 1708 auf kaiserliches Ersuchen Domherr und 1719 zum Priester geweiht. Seit 1729 Domdechant, stieg er im folgenden Jahr zum Dompropst auf und erhielt zugleich ein Kanonikat in Olmütz. 1747 wurde er dann zum Erzbischof von Salzburg gewählt. Die päpstliche Bestätigung mit der Verleihung des Palliums sowie die Konsekration durch den Gurker Bischof erfolgte 1749. Als historisch bedeutsamste Leistung seines Episkopats gilt die reichsrechtliche Sanktionierung des erblichen Titels eines "Primas Germaniae" für die Salzburger Erzbischöfe.

Vor diesem Hintergrund der Sicherung fürsterzbischöflicher Macht am Dürrnberger Salzberg durch von Dietrichstein stehen die Darstellungen auf der Fahne in einer starken inneren Spannung zueinander: Auf der Vorderseite weist der Fürsterzbischof in der Inschrift auf die Stiftung der Fahne hin und verbindet sein Verdienst mit einem deutlichen Hinweis auf die Tradition, in der er sich selbst als Nachfolger der Heiligen Rupertus und Virgil und damit als Bewahrer und Schützer des Bergbaus im Salzburger Land betrachtet; sein Wappen belegt diese Intention. Auf der Rückseite wird der Bergknappe selbst mit seiner Arbeit als Lebensgrundlage im vom Fürsterzbischof gewährleisteten weltlichen und kulturellen Kosmos vorgestellt und als Einzelperson regelrecht "eingebunden": Zuoberst ist die schützende Muttergottes als Gnade spendende "Mater admirabilis" sowie als Personifikation der Kirche und des Glaubens dargestellt, links und rechts finden sich das Salzburger Wappen und das Bergbauemblem als Symbole der weltlichen und gesellschaftlichen Gewalt, zuunterst die Gemeinschaft der Knappen im Schwerttanz als Zeichen der Einbindung des Einzelnen in eine zunftmäßige Ordnung. Die Mitte der Fahne nimmt eine die Knappen verpflichtende, fast "drohende" Inschrift ein. Sie belegt in eindeutiger Weise den Anspruch des Fürsterzbischofs an sein Bergvolk und dokumentiert das "Programm" dieser Fahne in aller Klarheit: Die Dürrnberger Knappenfahne ist also keineswegs nur ein einzigartiger Beleg für eine frühe Darstellung des Halleiner Schwerttanzes als kulturell-bedeutsames Phänomen, sondern auch ein sehr aussagefähiges Dokument für den Anspruch eines Landesherrn auf die Wahrung seiner Interessen bei der Durchführung und Fortsetzung des Bergbaus als Garanten für die Prosperität seines Territoriums.

LITERATUR:
Salz (hrsg. v. d. Salzburger Landesausstellungen), Salzburg 1994, S. 152 und S. 274 ff.; Das Halleiner Salzwesen und seine bildliche Darstellung in den Fürstenzimmern des Pflegamtsgebäudes zu Hallein (bearb. v. Heinrich Winkelmann), Lünen 1966; Wolfram, Richard: Der Halleiner Schwerttanz, in: Der Anschnitt 7, 1955, Heft 4, S. 2 - 8; Hl. Rupert von Salzburg 696-1965. Katalog der Ausstellung im Dommuseum zu Salzburg und in der Erzabtei St. Peter (hrsg. v. Dommuseum zu Salzburg), Salzburg 1996; Wagner, H.: Der Dürrnberg bei Hallein. Ein kulturgeschichtlicher Abriss, Salzburg 1904, S. 20 - 25; Fuchsberger, Gustl: Wallfahrtskirche Maria Dürrnberg, Bad Dürrnberg/Salzburg 1993; Slotta, Rainer: Meisterwerke bergbaulicher Kunst und Kultur, Nr. 79: Hl. Rupertus als Schutzpatron der Dürrnberger Knappen, in: Der Anschnitt 49, 1997, Heft 3 (Beilage); Andreas Jakob Reichsgraf von Dietrichstein, in: Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE), München/New Providence/London/Paris 1995, Bd. 2, S. 538; frdl. Hinweise und Auskünfte der Salinen Austria GmbH, Hallein, Herr Markscheider Johann F. Schatteiner.

Foto: Johann F. Schatteiner, Hallein

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum