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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 96Daniel-Fresko im sog. Thurzo-Haus von Banská Bystrica
Daniel-Fresko im sog. Thurzo-Haus von Banská Bystrica (Neusohl/Slowakische Republik), spätes 15. Jahrhundert Banská Bystrica/Neusohl (heute Mittelslowakisches Museum/Stredoslovenské Múzeum)

Ein besonderer, bislang nur wenig beachteter bergmännischer Freskenzyklus befindet sich im sog. Thurzo-Haus im slowakischen Banská Bystrica (Neusohl) als dem Zentrum der niederungarischen Metallproduktion und einem Mittelpunkt des europäischen Kupferhandels im 15. und 16. Jahrhundert. 1495 kaufte der Montangewerke Johann Thurzo von Bethlemfalva (1437 - 1508) zwei Bürgerhäuser am Neusohler Markt vom Stadtrichter Hans Lang zu Rosenau (Rosnava) und ließ sie unter großem Aufwand als sein Wohnhaus und für Repräsentationszwecke seiner bergwirtschaftlich bedeutsamen Fugger-Thurzo-Bergwerks- und Hüttengesellschaft umgestalten. Im Zuge von Umbaumaßnamen des späten 16. Jahrhunderts, die von einem Meister Oswald geleitet wurden, stockte ein neuer Eigentümer das Ensemble auf; dabei erhielt der Gebäudekomplex seine reiche innere und äußere Renaissancegestalt mit seinem unverwechselbaren Sgrafittoschmuck an der Außenfassade, die 1953 bzw. 1968/69 restauriert und umgearbeitet worden ist. Früher wie heute gehört das Thurzo-Haus zu den beeindruckendsten Häusern am großen Markt der mittelslowakischen Hauptstadt; heute ist das Thurzo-Haus Sitz des Mittelslowakischen Museums.
Die Wandmalereien im sog. Grünen Saal im Erdgeschoss des Thurzo-Hauses gehören noch zu den Bau- und Gestaltungsmaßnahmen des späten 15. Jahrhunderts. Die dekorativen Fresken des mit einem Tonnengewölbe ausgestatteten weiten Raumes bestehen aus figuralen Szenen und floralen, vegetabilischen Motiven, die Gesamt-Komposition ist in verschiedene Zonen untergegliedert. Die Sockel- und Wandzone des Raumes zeigt illusionistisch verzweigte Pflanzen, darüber befinden sich weltliche und biblische Darstellungen inmitten rahmender pflanzlicher Elemente und im Gewölbezentrum befindet sich das Königswappen der Familien Anjou und Corvin. Die bildlichen Darstellungen zeigen zum einen „hübsche“ und „unterhaltsame“ Themen wie den Tanz eines Bären und Motive aus den Äsopschen Gleichnissen (z. B. die Fabel vom Fuchs und dem Storch oder vom Kampf des Esels mit dem Widder). Zum anderen betreffen sie biblische Themen wie das Jüngste Gericht, Christus auf dem Ölberg, Christus mit der Samariterin am Brunnen und Susanna im Bade, weiterhin Heiligendarstellungen wie St. Eustachius auf der Hirschjagd, St. Georg mit dem Drachen und die Heilige Barbara mit dem Turm und schließlich auch die Sage von der Erzauffindung durch den Bergverständigen Daniel Knappius. Auf diese für die Montangeschichte so bedeutsame Legende in Verbindung mit diesem Fresko soll im Folgendenfolgenden näher eingegangen werden.

Die Darstellung im Grünen Saal zeigt eine gebirgige, durchaus an das slowakische Erzgebirge erinnernde Felsenlandschaft, in deren Mitte als zentrales Motiv ein hoch aufschießender Baum dargestellt ist. Dieser Baum verfügt nur über wenig grünes Laubwerk, wichtiger sind zwei kräftige Äste in der Krone, auf denen ein Mann und ein Engel „herumklettern“. Der links dargestellte, mit einem rotbraunen Mantel und einem weißen Untergewand bekleidete Mann hält sich am Stamm fest und wendet sich gleichsam fragend einem schwebend wiedergegebenen Engel mit weitausladenden Flügeln und einem blauen bzw. weißen, vielfach gefalteten und abflatternden Gewand zu. Am Fuße des Baumes, dessen Wurzelwerk im grünen Gras andeutungsweise wiedergegeben ist, findet man den Mann aus dem Geäst ein zweites Mal wieder: Er ist in Seitenansicht dargestellt, steht im Ausfallschritt, arbeitet mit Schlägel und Eisen und ist durch sein Gezähe und seine Kleidung als Bergmann identifizierbar. In der erhobenen Rechten hält er den Schlägel, in der Linken das Eisen, als Kleidung trägt er einen hellen, hochkrempigen Hut, ein helles Hemd, ein kurzes, dunkles Leder, helle Hosen und dunkle Strümpfe. Der Knappe steht auf einem mit Felsbrocken übersäten Vordergrund, im Mittelgrund erkennt man als weiteren deutlichen Hinweis auf den Bergbau das dunkle Mundloch eines Stollens, einer Höhle oder eines Verhaus, während sich oberhalb der Bildszene das Blau des Himmels öffnet.

Die Darstellung des Heiligen Daniel als des legendären biblischen Erzfinders im Bildprogramm des Grünen Saales des Neusohler Thurzo-Hauses ist ein bemerkenswerter Beleg für die europaweite, quasi „internationale“ Kultur des Bergbaus im ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit. Die tragende Rolle und Bedeutung von Johann Thurzo und der Fugger - vertreten durch Ulrich I. (1449 - 1510), Georg (1453 - 1506) und Jakob (1459 - 1525) - als Bergbaugewerken im niederungarischen, slowakischen Metallerzbergbau und Partner in der Fugger-Thurzo-Gesellschaft als der wichtigsten und bergwirtschaftlich bedeutsamsten Montanunternehmung der Region ist allgemein bekannt. Thurzo ist sicherlich eine der „markantesten Persönlichkeiten jener an Führergestalten reichen Periode des Frühkapitalismus und hat der Stadt Neusohl und ihrem Bergbau entscheidende Prägung gegeben“ (Heilfurth). Der niederungarische Metallerzbergbau und die viel versprechendenvielversprechenden Gewinnchancen bewegten Thurzo dazu, seinen Wohnsitz von Krakau nach Neusohl zu verlegen und dort das Thurzo-Haus an zentraler, repräsentativer Stelle im Neusohler Stadtbild zu errichten. Man wird deshalb auch in der Einschätzung nicht fehlgehen, dass die Ausmalung des Grünen Saales mit den Fresken als „Programm“ aufzufassen ist und die Bildszenen auf die Persönlichkeit und die Tätigkeit Thurzos Bezug genommen haben.

Die Bildszene der Erzauffindung durch den Heiligen Daniel - auf der rechten Saalseite an zentraler Stelle - besitzt denn auch im Bildprogramm eine besondere Bedeutung: Sie belegt schon allein durch ihre Existenz innerhalb des ansonsten weitgehend christlich geprägten Programms und durch die Präsenz des Heiligen den „Anspruch“ und die „Berechtigung“ der Thurzo’schen Tätigkeit im niederungarischen, slowakischen Bergbau. Dass der Heilige Daniel im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert häufig als Schutzpatron bei bergmännischen Aktivitäten in Anspruch genommen worden ist, mehrfach Bergwerken seinen Namen gegeben hat und das Thema der Legende der Erzfindung durch diesen Heiligen damals als Beleg für eine glückliche göttliche Fügung auch in anderen Bergrevieren außerordentlich gern verwendet worden ist, bezeugen u. a. die bekannt gewordenen, annähernd gleichzeitigen Darstellungen in der Michaelskapelle in Imst (Tirol; um 1470/1480), auf der Predella der Barbarakapelle von Gossensass (Südtirol, Anfang des 16. Jahrhunderts), auf dem Titelblatt des Schwazer Bergbuchs (1546) und - in ganz besonderem Maße - auf dem Bergaltar des Hans Hesse im sächsischen Annaberg (1521). Letzterwähnte Darstellung der Erzfindung durch den Bergmann Daniel Knappe, dessen vergebliche Suche nach Reichtümern in der Baumkrone und der Hinweis des Engels auf die Erzlagerstätte am Fuße des Baumes weisen außergewöhnlich enge motivische Verbindungen zu der Fresko-Darstellung im Grünen Saal auf. Sie könnte sogar aufgrund der um etwa 40 Jahre früheren Entstehungszeit gegenüber dem Annaberger Bergaltar als Vorbild für diesen aufgefasst werden. Dass Thurzo sich auch anderer Heiliger des Montanwesens quasi „versichert“ hat, belegt das Bildprogramm des Grünen Saales in aller Deutlichkeit, zählen doch die Heiligen Barbara, Eustachius und Georg zu den Nothelfern in „schwierigen Lebenslagen“. Die Darstellung der Barbara als „Donner-Heiligen“ mag vielleicht sogar auf die Verwendung von Schießpulver als Sprengmittel hinweisen.

Die „Internationalität“ der verwendeten Motive und Bildthemen ist bemerkenswert und setzt eine gemeinsame Kenntnis der Legende in Niederungarn und Sachsen, d. h. im deutschsprachigen Bergbau, voraus. Das niederungarische, slowakische Montanwesen zählte damals zu den in jeder Hinsicht innovativsten Bergrevieren, die Wirkungen der bergmännischen Kultur strahlten in andere Reviere aus; Thurzos unternehmerische Expansionen in mitteleuropäischen Montanbezirke sind bekannt. Wenn die Vermutung zutrifft, dass die 1477 entstandene Goslarer Bergkanne eine Auftragsarbeit Johann Thurzos für den Goslarer Rat gewesen ist, dann besitzt man in der Existenz des Heiligen Georgs als Drachentöter und Beschützer des Rammelsberges und als Deckelfigur der Bergkanne einen deutlichen Hinweis auf die Beliebtheit dieses Heiligen im Montanwesen: Er findet sich quasi als „Haus-Heiliger“ auch unter den Heiligendarstellungen im Grünen Saal.

So belegen die Fresken im Grünen Saal des Neusohler Thurzo-Hauses in eindrucksvoller Weise das Verhältnis eines international tätigen Montangewerken zur und sein Verständnis von der Kunst. Sie sollte ihm und seinem Unternehmen „dienen“, Johann Thurzo vermittelte in diesem Bildprogramm dem Betrachter die damals international herrschende Vorstellungen vom Verhältnis des Montanwesens zur christlich geprägten Weltanschauung des Abendlandes und verband damit zugleich auch „handfeste“ Überlegungen. Das Neusohler Bildprogramm und seine Fresken sind als „Versicherungen“ und „Belege“ für die Berechtigung der Thurzo’schen Existenz und seiner Montanunternehmungen aufzufassen und spiegeln die damals allgemein gültige Vorstellungswelt wieder. Die eigentliche Bedeutung der Neusohler Fresken aber liegt in dieser „Internationalisierung“ der bergmännischen Kultur. Sie müssen als herausragende Dokumente dieser Zeitumstände bewertet werden.

LITERATUR:
Lichner, Ján: Slowakei. Kunstdenkmäler in der Tschechoslowakei. Ein Bildhandbuch (hrsg. v. Reinhardt Hootz), München/Berlin 1979, S. 12 f. und S. 356; Heilfurth, Gerhard: Die bergmännische Danielverehrung im Licht jüngster Funde von der Slowakei bis Burgund, in: DER ANSCHNITT 15, 1963, Heft 2, S. 3-19; ders.: Der Bergmannsheilige Daniel, in: Zeitschrift für Volkskunde 50, 1953, S. 247-260; Schreiber, Georg: Der Bergbau in Geschichte, Ethos und Sakralkultur, Köln-Opladen 1962, S. 310 ff.; ders.: Daniel im Bergbau, in: DER ANSCHNITT 5, 1953, Heft 3, S. 12 f.; Hochberger, Ernst: Slowakei, Bd. 1, Sinn 1990, S. 649-658; Slotta, Rainer: Das slowakische Erzgebirge und seine Denkmäler, in: Slotta, Rainer/Labuda, Jozef (Hrsg.): „Bei diesem Schein kehrt Segen ein“ - Gold, Silber und Kupfer aus dem Slowakischen Erzgebirge, Bochum 1997 (= Publikationen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum. 69), S. 71-96, hier S. 85; frdl. Mitteilungen und Auskünfte von Herrn Direktor Milan Soka, Stredoslovenské Múzeum, Banská Bystrica. - Vgl. auch die Abbildungen von weiteren Fresken aus dem Grünen Saal des Thurzo-Hauses in diesem Heft des ANSCHNITTS.

Foto: Milan Soka, Stredoslovenské Múzeum, Banská Bystrica

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum