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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR


Nr. 97Tafelaufsatz für den Wirkl. Geh. Oberbergrat und Berghauptmann a. D. Dr. Hermann Brassert
Tafelaufsatz für den Wirkl. Geh. Oberbergrat und Berghauptmann a. D. Dr. Hermann Brassert (1820-1901), Direktor des Rheinischen Oberbergamtes Bonn
800er Silber, gegossen, gedrückt, getrieben, ziseliert, punziert, graviert und in Teilen vergoldet, 1892
H 74 cm, B 54 cm, T 28,5 cm, Gew. 3300 g
Juwelier: Carl Hugo Schaper (1844-1915), hergestellt bei Koch & Bergfeld, Bremen
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 3656)

Im Mai 2001 konnte ein bemerkenswerter silberner Tafelaufsatz aus dem Kunsthandel für das Deutsche Bergbau-Museum Bochum erworben werden. Dieser Tafelaufsatz entwickelt sich aus einem weit ausladenden, ovalen Fuß mit seitlich angeordneten muschelartigen Schalen. Aus der Mitte wächst ein kräftiger Nodus mit Inschriftfeldern heraus, daraus wiederum ein mit zwei Maskaron-verzierten Griffhenkeln versehener, reich geschmückter Stil, der eine weit ausladende Schale trägt, die von einer Bergmannsfigur abgeschlossen wird. Der gesamte, sehr hohe und breite Aufsatz verwendet die Formensprache des Historismus, die ausgearbeiteten Detailformen sind außerordentlich sorgfältig und exakt gearbeitet und weisen die hohe Meisterschaft des herstellenden Juweliers aus, die Oberflächen der einzelnen Aufsatzteile sind von Profilen und Schmuckformen übersät. Der Tafelaufsatz „lebt“ und wirkt aus dem Wechsel von glatten und verzierten Partien. Der Aufsatz ist gestempelt („800“, „Halbmond“, „Krone“ und „H. Schaper“) und trägt die Marke der Bremer Firma Koch und Bergfeld.
Die „Krönung“ des Aufsatzes ist eine silberne, vollplastisch gearbeitete, gegossene Bergmannsfigur. Der in Tracht wiedergegebene Knappe steht im „klassischen“ Kontrapost; er hält in der rechten Hand seine geschulterte Keilhaue und in der linken einen Wappenschild mit den Jahreszahlen „1864 bis 1892.“ Gekleidet ist der Bergmann mit einem Schachthut (mit dem von der preußischen Krone überragten Bergbauemblem Schlägel und Eisen auf der Vorderseite), mit Schweißtuch, reich mit Bordüren geschmückter Puffjacke, Tscherpertasche und Leder, Kniehosen, -bügeln und -strümpfen sowie schweren Schuhen.

Die Frage, wem dieser so außerordentlich aufwendige und kostbare Tafelaufsatz verehrt worden ist, wird durch eines der beiden Medaillons am Fuß beantwortet: Auf der Hauptansichtsseite des Aufsatzes befindet sich die Widmung „Ihrem / scheidenden Berghauptmann, / Wirkl. Geh. Obernbergrath Dr. Brassert / die Beamten des Obernbergamtsbezirks / Bonn.“, während das Medaillon auf der Rückseite an entsprechender Stelle das von einem Lorbeerkranz umgebene und von der preußischen Krone überragte Bergbauemblem Schlägel und Eisen sowie seitlich das Datum „1. Oktober / 1892.“ trägt.

Walter Serlo, der wichtigste Biograph deutscher Bergmannsfamilien, hat Hermann Friedrich Wilhelm Brassert als den „glänzendsten Vertreter der Familie“ bezeichnet: Brassert gilt als Begründer der deutschen Berggesetzgebung. Am 20. Mai 1820 in Dortmund geboren, studierte er Jura in Berlin, Heidelberg und Bonn und war Schüler von Friedrich Carl von Savigny (1779-1861) in Berlin und von Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1860) in Bonn. 1846 zum Referendar und 1848 nach dem Bestehen der großen juristischen Staatsprüfung zum Oberlandesgerichts-Assessor ernannt, begann er seine bergmännische Laufbahn im Jahre 1849 als Justitiar beim Bergamt in Siegen. Dort erwarb er sich schnell den Ruf eines Spezialisten auf dem Gebiet des Bergrechts. 1850 zum Bergrat und 1855 zum Oberbergrat befördert, veröffentlichte er im Jahre 1858 sein grundlegendes Werk „Bergordnungen der Preußischen Lande, Sammlung der in Preußen gültigen Bergordnungen nebst ergänzenden Erläuterungen und Ober-Tribunalsentscheidungen“ und begründete 1860 - zusammen mit Dr. Heinrich Achenbach (1829-1899) - die bis heute erscheinende „Zeitschrift für Bergrecht“. 1861 erschien sein Werk „Das Bergrecht des Allgemeinen Preußischen Landrechts in seinen Materialien“. Die Spezialisierung auf das Bergrecht führte dazu, dass der preußische Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten, August Freiherr von der Heydt (1801-1874), Brassert aufforderte, ein „Gutachten, das den Entwurf eines Allgemeinen Berggesetzes begleiten soll, zu erstellen“ und auf eine eilige Vorlage dieses Gutachtens drängte. Am 15. Juni 1864 wurde Brassert zum Geheimen Bergrat und vortragenden Rat im Handelsministerium und im Dezember des gleichen Jahres zum Berghauptmann und Oberbergamtsdirektor in Bonn ernannt; der Amtsantritt erfolgte am 1. April 1865.

Nur wenige Wochen später wurde auf der Grundlage von Brasserts Arbeiten das Allgemeine Berggesetz für die Preußischen Staaten in Kraft gesetzt. 1866 führte man dieses Gesetz auch in den zu Preußen neu hinzugekommenen Gebieten des Herzogtums Nassau, Hessen-Homburg sowie Kurhessen ein. 1869 übernahm Brassert die Leitung des Bergwesens in den Fürstentümern Waldeck und Pyrmont und leitete von 1871 bis 1874 die Geschäfte des Kaiserlichen Obergamtes für Elsass-Lothringen; am 1. April 1874 trat das Berggesetz für Elsass-Lothringen in Kraft.

Am 18. April 1876 bat der inzwischen das Amt des preußischen Ministers für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten bekleidende Dr. Heinrich Achenbach seinen schon aus Siegener Zeiten bekannten Kollegen Dr. Brassert, ein Gutachten über die Frage zu erstellen, ob das Bergrecht aus dem neu zu schaffenden Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch auszuschließen sei. 1888 erschien Brasserts Kommentar zum Allgemeinen Berggesetz für die Preußischen Staaten, 1889 verlieh ihm der Minister für Öffentliche Arbeiten, Albert von Maybach (1822-1904), den Rang eines Wirkl. Geh. Oberbergrates im Range eines Rates 1. Klasse.

Brassert wurde im Laufe seines Dienstes mit hohen Orden und Ehrungen ausgezeichnet: 1858 mit dem Roten Adler-Orden 4. Klasse, 1865 mit dem Roten Adler-Orden mit Schleife und 1892 mit dem Roten Adler-Orden 2. Klasse. Wie geschätzt Brasserts Arbeiten und Ansichten waren, geht auch daraus hervor, dass ihm Wilhelm I. (1797-1888, seit 1861 König von Preußen) persönlich eine jährliche „Miethzinsentschädigung“ und Reichskanzler Bismarck (1815-1898) eine besondere Zahlung von 500 Talern für seine Bemühungen um das elsass-lothringische Berggesetz bewilligten. Am 1. Oktober 1892 schied Brassert im Alter von 72 Jahren auf eigenen Wunsch aus dem aktiven Dienst. 1894 veröffentlichte er einen Kommentar zum novellierten Preußischen Berggesetz, noch 1900 wurde Brassert aus Anlass seinen 80. Geburtstages der „Charakter eines Wirkl. Geh. Rates mit dem Prädikat Exzellenz“ verliehen. Brassert verstarb am 16. März 1901 in Bonn und wurde auf dem dortigen Friedhof beigesetzt. Mehrere Schachtanlagen, Straßen und Örtlichkeiten etwa in Marl und Bonn tragen seinen Namen.

Hermann Brassert war seit 1850 mit Anna Sophie Elise (1820-1883), der Tochter des Dortmunder Kreisgerichtsdirektors Carl Wilmans und dessen Gemahlin Eleonore Kottenkamp verheiratet; der Ehe entstammten zwei Töchter, Helene (1851-1926) und Emmy (1858-1910).

Bezeichnend für Brasserts Bescheidenheit ist, dass er einen Abdruck eines vielseitigen Aufsatzes, der sein Wirken beschrieb und würdigte, im Ministerialblatt nicht wünschte, so dass dieser Aufsatz lediglich „zu den Personalakten“ genommen worden ist. Gerhard Boldt würdigte jedoch Brasserts Liebenswürdigkeit und Geradlinigkeit: „Bei allem Können, bei allen Ehrungen und Auszeichnungen, die er erhielt, blieb Brassert, der sich selbst einmal als „Sonntagskind“ bezeichnete, bis zu seinem Lebensende ein einfacher und bescheidener Mann. Bezeichnend mag die geradezu spartanische Ausstattung seines privaten Arbeitszimmers sein, dessen Hauptinventarstücke ein einfaches Stehpult und ein altes Ledersofa waren, sowie die Tatsache, dass er die Schweizer Taschenuhr, die er sich 1848 in Berlin gekauft hatte, bis zu seinem Lebensende trug. Kennzeichnend für ihn ist auch, dass er aus der von ihm gegründeten, bis zu seinem Tode geleiteten Zeitschrift für Bergrecht keinerlei Gewinn gezogen hat. Auch hat er stets die Übernahme der ihm wiederholt angebotenen Aufsichtsratsposten abgelehnt, da er ein freier, unabhängiger Mann bleiben wollte“.

Den kostbaren Tafelaufsatz erhielt Brassert von den Beamten des Oberbergamtsbezirks Bonn aus Anlass seiner Verabschiedung in den Ruhestand am 25. September 1892, d. h. wenige Tage vor seinem tatsächlichen Ausscheiden aus dem aktiven Dienst. Über die Schenkung des Tafelaufsatzes heißt es in der Zeitschrift Glückauf: „Die Bergbeamten des Oberbergamtsbezirks Bonn wollten ihren allverehrten Vorgesetzten, dessen Rücktritt sie alle schmerzlich bedauern, nicht scheiden lassen, ohne ihm ihre Liebe und Dankbarkeit auch äußerlich durch ein dauerndes Ehrengeschenk und eine würdige Abschiedsfeier zu erkennen zu geben. Das erstere ist in Gestalt eines von dem Hof-Goldschmied Schaper zu Berlin aus getriebenem mattem Silber vortrefflich hergestellten, mit bergmännischen Emblemen verzierten und mit einer besonderen Widmung versehenen Tafel-Aufsatzes am Sonntag Vormittag den 25. September dem Scheidenden in seinem neuen Heim zu Bonn durch eine Abordnung der Beamten feierlichst überreicht worden“. Zu der Abordnung gehörten u. a. der Oberberghauptmann a. D. Dr. August Huyssen (1824-1903), die Geh. Bergräte Nicolaus Fabricius (1831-1894), Gustav von Velsen (1847-1923) sowie Oberbergrat Franz Anton HaßlacherHaßlacher (1838-1921).

Der 1844 in Berlin geborene und auch dort am 18. Juli 1915 verstorbene Juwelier und Hofgoldschmied Carl Hugo Schaper wurde vor allem durch seine Schmuckarbeiten und Silbergerätschaften seit 1876 auf zahlreichen, großen Ausstellungen bekannt. Zunächst der Formenwelt des Historismus verbunden, wandte er sich seit 1896 dem Jugendstil zu und erstellte u. a. vielbeachtete kunstvolle Silbermontierungen von Tiffany-Glas. Der Brassert-Aufsatz ist einer seiner kunstvollen, wenn auch eher konventionellen Entwürfe, der von der überaus renommierten Bremer Firma Koch und Bergfeld ausgeführt worden ist.

Der Brassert-Tafelaufsatz gehört zu den umfangreichsten und größten Ehrengeschenken, die verdienten Bergleuten als Dank für die geleistete Arbeit verehrt worden sind: Er ist ein wahres Meisterwerk bergbaulicher Kunst und Kultur, in dem sich die Bedeutung dieser herausragenden Persönlichkeit im deutschen Rechtsleben, deren Wirken für die Gesetzgebung und für die wirtschaftliche Entwicklung des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart von maßgebender Bedeutung gewesen ist, in angemessener Weise widerspiegelt.

LITERATUR:
Boldt, Gerhard: Hermann Brassert. Sein Leben und Wirken, in: Zeitschrift für Bergrecht 106, 1965, S. 42-53; ders.: Hermann Brassert, in: Rheinisch-westfälische Wirtschaftsbiographien 9, 1967, S. 39-56; Schulte, Wilhelm: Westfälische Köpfe, Münster 1963, S. 41; Loerbroks, Alfred: Nachruf für Hermann Brassert, in: Zeitschrift für Bergrecht 42, 1901, S. 1 ff.; Nachruf auf Hermann Brassert, in: Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im Preußischen Staate 49, 1901, Heft 1 (Beilage); Abschiedsfeier für den Wirkl. Geh. Oberbergrat und Berghauptmann Dr. Brassert zu Bonn am 25. Sept. 1892, in: Glückauf. Berg- und Hüttenmännische Zeitung 28, 1892, Nr. 79, S. 889-892; Serlo, Walter: Die Familie Brassert, in: Glückauf 1927, S. 1082 und 1747; ders.: Bergmannsfamilien im Rheinland und Westfalen, in: Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsbiographien 3, 1936, S. 179-191; ders.: Männer des Bergbaus, Berlin 1937, S. 25 f.; Pieper, Wilhelm: H. F. W. Brassert, in: Neue Deutsche Biographie 2, 1955, S. 536 f.; Artikel Brassert, in: Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE), hrsg. v. Walther Killy, München (u.a.) 1995, Bd. 2, S. 74 f.; frdl. Mitteilungen und Auskünfte von R. Bona, Goslar.

Foto: R. Bona, Goslar

Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum