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MEISTERWERKE BERGBAULICHER KUNST UND KULTUR

Nr. 94
Schatulle mit Bergwerksszenen als Geschenk für den Geh. Bergrat Ernst LeuschnerSchatule
Mitteldeutschland (Lutherstadt Eisleben ?), 1894
Holz, Leder, Silber, Seide, L 44 cm, B 36 cm
Bochum, Deutsches Bergbau-Museum (Inv.-Nr. 4854)

Aus dem Kunsthandel konnte das Deutsche Bergbau-Museum Bochum jüngst eine schwere Schatulle in Buchform mit Ledereinband erwerben. Das Innere der seitlich aufklappbaren Schatulle ist mit gelbgoldenem Seidenstoff ausgeschlagen und hat wohl zur Aufnahme von Schriftstücken und Urkunden gedient, der recht breite Rücken weist eine Goldprägung auf. Auf dem Deckel befinden sich als sofort ins Auge fallende Schmuckelemente innerhalb einer Streifenrahmung aufwendig ausgeführte, glänzende Silberbeschläge, die in den Ecken als Kreisornamente mit halbkreisförmigen Begleitformen sowie auf den Längs- und Schmalseiten als Ovale ausgebildet sind. Im Zentrum des Schatullendeckels wurde ein silberner Lorbeerkranz mit dem Bergbauemblem Schlägel und Eisen angebracht, die abflatternde Schleife, die beide Zweige zusammenhält, trägt die Inschrift "Den 11. April 1844 - 1894." Eine Zuordnung der Schatulle an eine bestimmte Persönlichkeit und ein Bergbaurevier war bislang in der Forschung nicht möglich.
Die Darstellungen in den silbernen Medaillons belegen allerdings in eindeutiger Weise die Herkunft der Schatulle aus dem Mansfelder Kupferschieferbergbau. Die obere, längliche Darstellung zeigt zwei Knappen bei ihrer Tätigkeit als Hauer im Streb, wie sie - auf der Seite liegend - das Flöz mit Schlägel und Eisen hereingewinnen. Das untere Medaillon dokumentiert die Strebförderung: Ein Treckejunge hat sich einen der flachgebauten, mit Haufwerk gefüllten Strebhunte an den Fuß gebunden und schleppt diesen, sich mühsam an Sohle und Firste abstützend, durch den Streb. Die beiden anderen Medaillons auf den Schmalseiten tragen Darstellungen aus dem Hüttenwesen: Links einen Arbeiter am Raffinierofen (bzw. kleinen Treibofen) beim Silber- oder Kupferguss, rechts einen Arbeiter am Spurofen. Bei letzterem fließt die Schmelze zum Absaigern in einen Gießwagen.

Konnte die Zuordnung der Schatulle durch die Medaillons ins Mansfelder Land sehr schnell erfolgen, so bereitete die Identifizierung des Anlasses zur Schaffung der Schatulle zunächst einige Schwierigkeiten. Das auf der Schleife angegebene Datum gab aber einen deutlichen Hinweis auf den Eigentümer dieser Schatulle, die zweifelsohne als Jubiläumsgeschenk aus Anlass der 50jährigen Wiederkehr eines bestimmten Ereignisses verstanden werden musste. Bei der Qualität des Geschenks lag ferner der Gedanke nahe, dass die Mansfeld'sche Kupferschieferbauende Gewerkschaft der Auftraggeber des Geschenks für eine führende Persönlichkeit aus dem Umfeld des Unternehmens gewesen war. Diese Persönlichkeit konnte schließlich mit dem Geheimen Bergrat Ernst Leuschner als Direktor des damals größten einheitlich geleiteten Bergbauunternehmens im Deutschen Reich identifiziert werden, der am erwähnten 11. April 1844 seine erste Schicht als Schlepper im Waldenburger Steinkohlenbergbau verfahren hatte und am 11. April 1894 das Fest seiner 50-jährigen Bergmannstätigkeit feiern konnte. Damit waren die wichtigsten Fragen, die diese Schatulle umgaben, geklärt.

Ernst Leuschner wurde am 23. Februar 1826 im niederschlesischen Waldenburg geboren, besuchte in Breslau das Gymnasium und studierte an den Hoch- und Fachschulen von Berlin, Breslau und Halle an der Saale. Er trat dann in den Staatsdienst ein und bekleidete verschiedene Positionen - zunächst als Betriebsbeamter in Waldenburg, danach als Berggeschworener beim Salzwerk von Bad Dürrenberg, als Bergmeister und Kgl. Bergrat in Saarbrücken, als Oberbergrat und Mitglied des Kgl. Oberbergamtes in Halle an der Saale und als Bergamtsdirektor von Tarnowitz in Oberschlesien. Am 7. Oktober 1861 wurde Leuschner im Alter von 36 Jahren von der Mansfelder Kupferschieferbauenden Gewerkschaft als Oberberg- und Hüttendirektor nach Eisleben berufen, wo er die Oberleitung der gesamten gewerkschaftlichen Werke innehatte. 1872 zum Geheimen Bergrat ernannt und mit zahlreichen Orden und Ehrungen ausgestattet, war Leuschner seit 1879 Mitglied des Preussischen Abgeordnetenhauses und seit 1882 des Reichstages, dem er bis zu seinem Tode am 3. Mai 1898 angehört hat. Außerdem war er Mitglied des Volkswirtschaftsrates und des Staatsrates.

Zur Erinnerung an diese Führungspersönlichkeit des Mansfelder Bergbaus befindet sich heute das von Anton Seffner geschaffene Leuschner-Denkmal auf dem Alten Friedhof in Eisleben. Auch die Schatulle erinnert an jenen Industriemagnaten, der das Mansfelder Land durch seine Tätigkeit geprägt hat: In ihrer aufwendigen und hohen künstlerischen Gestaltung entspricht sie der ehemaligen Bedeutung des Geheimen Bergrats Ernst Leuschner.

Foto: Astrid Opel, Bochum

Dr. Rudolf Mirsch, Lutherstadt Eisleben/Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum